Seiten

Posts mit dem Label Demokratie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Demokratie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

20. August 2017

Informations- und Medienkompetenz und die Demokratie

(Photo by Avi Richards on Unsplash)
Im Bund Hintergrund der heutigen NZZ am Sonntag finden sich zwei Beiträge, die man durchaus im Zusammenhang sehen kann: Weshalb uns das Internet nicht schlauer macht und Es geht um nicht weniger als um unsere Demokratie.  

Im zweiten Beitrag postuliert der Autor die Mitbestimmung des Volkes als die Essenz der Schweiz und sieht sie von drei Seiten her akut bedroht. Neben den drei erähnten Punkten abserbelnder Föderalismus, expansive Rechtsprechung und Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhalts kann man, inspiriert durch den ersten Beitrag, durchaus einen vierten Aspekt hinzufügen: Die schwindende Medien- und Informationskompetenz.

Der Autor schreibt in seinem Beitrag u.a.:
"Im Kopf gespeichertes Wissen indes gibt uns einen Orientierungsrahmen, um jene Informationen einzuordnen, die uns aus dem Netz entgegensprudeln.
 Wissen ist mehr als auswendig gelernte Jahreszahlen. Es ist zum Beispiel ein Verständnis dafür, was im 20. Jahrhundert in Europa passiert ist, samt den komplexen Zusammenhängen.
 Natürlich wäre das auch im Netz erhältlich, nützt uns dort aber nichts in jenem Moment, in dem wir Neuigkeiten einordnen sollten. Wir wüssten nicht einmal, wonach wir googeln müssten."
 Dazu passend stellt ein Kommentar in der NZZ vom 16.8.2017 unter dem Titel Naive Natives die Frage:
"Was bewog Soziologen und Pädagogen dazu, Jugendlichen gleichsam angeborene Kenntnisse für eine Welt zuzuschreiben, die nicht diese selbst, sondern Erwachsene geschaffen hatten?"
Und ebenso passend dazu mein Beitrag aus dem Jahr 2009: Wer lehrt die Kinder googeln?

In Zeiten von FakeNews und Filterblasen, in der sich Menschen - und nicht nur junge - in ihrer Filterblase wohlfühlen, sich oberflächlich via Gratiszeitungen informieren und notabene das Gefühl haben, Wissen kann man ja googeln, sofern man es dann irgendwann braucht, in Zeiten, in denen klassische Tageszeitungen einen massiven Leserschwund zu verzeichnen haben und populistisches Gedankengut weltweit zunehmend Anhänger findet, geht es tätsächlich um die Bedrohung der Demokratie, und das nicht nur in der Schweiz.

(Quelle: werteundwandel.de)


18. Juli 2017

Faktencheck als erste Bürgerpflicht

Winnie in the dark, fact checking!
Im Zeitalter von sog. Fake News sind Faktenchecks aktuell en vogue, für viele Medien gehören sie inzwischen zum guten Ton, denn zu Tun gibt es viel.

Aber das ist längst nicht genug:
An der re:publica 17 wiess Klaus Kleber darauf hin, dass auch und vor allem die Zivilgesellschaft verstärkt gegen Fake News aufbegehren muss und den Job nicht nur den Journalisten überlassen darf. In der Tat, eine Demokratie braucht aufmerksame, aktive, interessierte, kritische und engagierte Bürger:
"Es gibt in jeder Gesellschaft, gerade in einer demokratisch verfassten, eine Verantwortung des Einzelnen, die der Staat nicht übernehmen kann. Demokratie ist die edelste Staatsform, aber es ist eine Staatsform, die nicht nur Freiheit gewährt und schützt, sondern auch Verantwortung verlangt. Demokratie verlangt Engagement und zwar über Wahlen hinaus. Sie verlangt Meinungsbildung, Beschäftigung mit den Themen, die das Gemeinwesen prägen und verändern." (faz.net 9.7.2017)
Das bedeutet im Zusammenhang mit Medien, dass jeder Einzelne sich aktiv und kritisch mit den Medien, die er oder sie konsumiert, auseinandersetzt. Vorausgesetzt natürlich, der Bürger oder die Bürgerin verfügt über die o.g. Eigenschaften und will sich auch engagieren - und nicht unkritisch in seiner Filterblase verharren, in der man es sich gemütlich einrichtet und - frei nach Pipi Langstrumpf - die Welt so sieht, wie sie einem gefällt, Fakten hin oder her.
"Zwei mal drei macht vier, widewidewitt und drei macht neune, ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt." (Wikipedia

Dazu ein kleines, aktuelles Beispiel:

Heute entdeckte ich zufällig eine Meldung auf Twitter mit dem Titel "Dank Viktor Orbán: Ungarn gehört mit zu den 15 sichersten Ländern der Welt"; gemäss Google Suche wurde der zugehörige Beitrag einer deutschen Website weit über 200 Mal auf weiteren Websites und Blogs geteilt und kopiert, nicht zuletzt auch von Pegida und einer G+ Community Freunde der AfD.

Der Teaser zum Text:
"Diese Nachricht wird vielen EU-Regierungschefs und Mainstreammedien gar nicht schmecken: Ungarn ... rangiert laut der jährlichen Studie über die sichersten Länder des Erdballs des »Global Peace Index« auf Rang 15." *
Und weiter im Text:
"Neben Tschechien, der Slowakei und Polen gehört Ungarn zu den EU-Ländern, die sich mit aller Kraft gegen die von  der Merkel-Regierung aufgezwungene „Willkommens- und Verteilungskultur“ für „Flüchtlinge“ aus aller Welt zur Wehr setzen." *
Die In­si­nu­a­ti­on des Textes wird bereits mit diesem zwei Zitaten deutlich: Die rigorose Flüchtlingspolitik Ungarns macht das Land sicher, Merkels Politik dagegen bewirkt das Gegenteil.

Quelle: Global Peace Index
Leider versäumt es der Artikel wie auch alle Kopien und zugehörige Tweets die Originalquelle zu verlinken, oder gar Werte gegenüber zu stellen. Aber dies ist noch die kleinste Hürde für einen Faktencheck: Global Peace Index.

Ungarn ist tatsächlich auf dem 15. Platz, aber direkt dahinter Deutschland. Schaut man sich die Werte des Indexes an, so liegt Ungarn bei einem Wert von 1494, Deutschland bei 1500, das sind 0.4% Differenz. Die Nr. 1, Island, liegt übrigens bei 1111, und das Schlusslicht Syrien bei 3814, auf Position 163. Ach ja, Tschechien liegt auf Position 6, die Slowakei auf 26 und Polen auf Position 33.

Somit relativiert sich die insinuierte Aussage des Textes gewaltig, Deutschland und Ungarn sind faktisch gleichauf, was den Index angeht.

Interessant wird es, wenn man die 23 Indikatoren, die den Index ergeben, einzeln anschaut. Darunter sind Indikatioren wie Perceptions of Criminality (wahrgenommene Kriminalität), Homicide (absichtliche Tötungen), oder Incarceration (Gefängnisinsassen je 100'000 Einwohner) - bei diesen, und weiteren, Werten schneidet Ungarn deutlich schlechter ab als Deutschland. Natürlich gibt es auch Indikatioren, bei denen es umgekehrt aussieht, z.B. bei Opfern von Terroranschlägen.

Wie die Autoren dazu kommen, dass die Position Ungarns Victor Orban zu verdanken sei, bleibt deren Geheimnis, aus der angegebenen Quelle geht dies selbstverständlich nicht hervor.

Hier werden auf der Basis einer durchaus seriösen Quelle mit einem objektiven Index, der für alle Länder die gleichen Quellen zur Berechnung der Indikatoren heranzieht, abenteurliche Schlussfolgerungen gezogen und sie so notabene scheinbar legitimiert, somit für das Klientel der eigenen Filterblase missbraucht.

Und alle Indikatioren wie auch den gesamten Index kann man bis zum Jahr 2008 zurück abrufen. Dabei ergibt sich für den Gesamtindex für die Länder Deutschland, Ungarn und die Schweiz folgendes Bild:




Bildquelle: flickr / Seth Dodson (CC BY-NC 2.0)

* Quelle: philosophia-perennis.com/2017/07/17/viktor-orban-ungarn, 18.7.2017


25. Juli 2016

Die Ambivalenz von Social Media - nicht nur bei den Mächtigen

Facebook Safety Check während
des Amoklaufs in München am
22. Juli 2016
Social Media gehören inzwischen zu unserem täglichen Leben wie vieles andere auch; und wie vieles andere auch kann man mit Social Media Gutes und Sinnvolles oder weniger Gutes und weniger Sinnvolles anstellen. Was gut oder weniger gut ist, liegt letzendlich im Auge des Betrachters. Zentral ist, dass freie Medien und notabene auch freie soziale Medien zu einer offenen  und pluralistischen Gesellschaft gehören.

Vor allem die Mächtigen in Ländern mit weniger offenen Gesellschaften und weniger demokratischen Strukturen haben ihre Mühe mit Social Media, wie etwa China oder immer wieder die Türkei, wo Social Media Plattformen nach Belieben blockiert werden, wie zuletzt beim Putschversuch am 15. Juli 2016.

Social Media spielen als moderne Kommunikationsmittel eine wichtige Rolle für die Menschen: Im Rahmen des sog. arabischen Frühlings wurde dies vielfach diskutiert, in China dienen Social Media den Menschen aktuell als Informationsquelle und Protestmedium im Rahmen der aktuellen Überflutungen und konterkarieren die (Des-) Informationspolitik des Staates.

Aber die Mächtigen machen sich Social Media auch selbst zunutze. Nicht nur dass sie ihre Bevölkerung Online überwachen und bespitzeln; sie nutzen Social Media Kanäle auch aktiv. So hat der türkische Präsident im Rahmen des Putschversuchs bereits kurz nach dem Aufstand des Militärs Social Media genutzt, um sich an die Bevölkerung zu wenden - nachdem nur wenige Stunden zuvor Social Media Plattformen blockiert wurden. Der gleiche Präsident, der noch 2013 als Regierungschef Social Media als die grösste Bedrohung für die Gesellschaft ansah.
Fachleute sind der Meinung, dass der Putschversuch auch daran gescheitert ist, dass die Putschisten offenbar die Wirkung von Social Media unterschätzt haben und sowohl die Regierenden als auch die Bevölkerung sich entsprechend artikulieren und organisieren konnten:
"But the putschists failed to sufficiently update the standard coup playbook to take into account the realities of social media and mobile technology."
Auch der Amoklauf in München  vom 22. Juli 2016 hat die Bedeutung von Social Media, aber auch deren Ambivalenz, deutlich gemacht.

Einerseits waren Social Media eine wichtige Informationsquelle für die Bevölkerung, die z.B. auch von der Polizei intensiv genutzt wurde. Facebook aktivierte seinen Saftey Check, mit Hilfe dessen man den Verbleib von Freunden und Bekannten während einer Krisensituation feststellen kann. Und ebenfalls waren Social Media zentral bei der Unterstützung von in München Gestrandeten durch die Bevölkerung.

Gleichzeitig wurden aber auch ungesicherte und falsche Informationen via Social Media verbreitet. Nicht zuletzt gezielte Falschmeldungen sowie gefälschte Fotos mit ihrer emotionalen Kraft haben bei der Bevölkerung Ängste ausgelöst und Polizeikräfte unnötig gebunden. Allerdings kann z.B. die Polizei über die gleichen Mechanismen Falschmeldungen auch wieder aus der Welt schaffen.

Aus Sicht der Nutzer steht man hier vor der Herausforderung, die relevanten und korrekten Inhalte aus dem Rauschen der Timeline herauszufiltern, und das nicht nur in Krisensituationen. Dies setzt entsprechende Medienkompetenz und Informationskompetenz der Nutzer und einen verantwortungsvollen Umgang mit Social Media voraus.

Zentrale Grundvoraussetzung ist aber, dass Medien incl. Social Media frei, offen und nicht zensiert sind. Im Rahmen der Aktivitäten zur Massenüberwachung auch in demokratischen Ländern ist dieser Grundsatz aber leider in Gefahr.

(aktualisiert 25.7.2016, 15:00, 26.7.2016 08:00)




22. Januar 2015

eParticipation für Kinder und Jugendliche - Motivation aus Sicht der Forschung

10532701395_fae5e101e8_zEin gemeinsamer Beitrag von Rosmarie Arnold und mir (Crossposting vom FHS eSociety Blog)

Die Autoren beschäftigen sich an der FHS St. Gallen in der Aus- und Weiterbildung wie auch in der Forschung und Dienstleistungsprojekten mit dem Thema eParticipation für Kinder und Jugendliche aus einer interdisziplinären Perspektive. Im folgenden Beitrag zeigen die Autoren die Motivation für das Thema aus Sicht der Forschung auf.  

Die eParticipation für Kinder und Jugendliche, wie sie z.B. in diesem Projekt in Grabs umgesetzt werden soll oder im Projekt Scoop-it 2.0 bearbeitet wird, fokussiert auf die Nutzung der Mittel der Informations- und Kommunikationstechnologie, insbesondere neue bzw. soziale Medien, im Rahmen der gesellschaftlichen Partizipation von Kindern. Die eParticipation für diese Altersgruppe ist bis dato nicht systematisch untersucht und aufbereitet worden, es finden lediglich weitgehend isolierte Aktivitäten statt.

Das übergeordnete Thema der offenen gesellschaftlichen Innovation wurde erst jüngst mit wissenschaftlichen Ansätzen untersucht (z.B. (Chesbrough & Minin, 2014Herzberg, 2012Lucke et al., 2012)). Die Themenstellung ist deswegen als hoch innovativ einzuordnen.

Die einzelnen Bausteine sind demgegenüber durchaus gut erforscht und dokumentiert. So geht die Forschung zur politischen Partizipation bereits auf die 60er Jahre zurück (vgl. z.B. (Arnstein, 1969)). Die politische Partizipation von Kindern und Jugendlichen ist ebenfalls gut dokumentiert (z.B. (Fatke & Niklowitz, 2013Wittwer, 2014)). Die Wirtschaftsinformatik beschäftigt sich ebenfalls mit der Rolle der IKT in diesem Kontext (z.B. (Buhl, 2011)). Der Themenkreis Kinder/ Jugend und Partizipation wird in der Sozialpädagogik spätestens seit den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts in der Öffentlichkeit - auch kontrovers – thematisiert und hat durch den sozialen Wandel neue Herausforderungen im Zusammenhang mit den neuen sozialen Medien erhalten (z.B. (Leistert & Röhle, 2011)). Dies geht einher mit der zunehmenden Besorgnis über das abnehmende Interesse der Jugendlichen an der Mitwirkung an politischen Fragen (z.B.(Oser & Biedermann, 2003)). Die aktuelle Studie "Von der Stimme zur Wirkung“ zur Partizipation von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz, deren Ergebnisse vollumfänglich Anfang 2015 publiziert werden sollen, kommt zum Schluss: „…und auf Gemeindeebene ist die Partizipation immer noch gering“ (Rieker, 2014) (vgl. dazu auch Zimmermann, 2014).

Das Konzept der offenen Innovation ist in der Wirtschaft seit längerem bekannt, wird erfolgreich angewendet und ist intensiv beforscht. Die Anwendung der Konzepte offener Innovation im gesellschaftlichen bzw. im sozialen Kontext ist dagegen bisher kaum systematisch untersucht worden. Man spricht hier entsprechend von ‚offener gesellschaftlicher Innovation‘ (Lucke et al., 2012) bzw. von ‚offener sozialer Innovation‘ (Chesbrough & Minin, 2014).

Die Partizipation ist ein zentrales Element offener gesellschaftlicher Innovation; sie bindet Bürger und Bürgerinnen in Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse von Politik und Verwaltung bzw. des Gemeinwesens ganz allgemein ein. Bürger und Bürgerinnen haben so die Möglichkeit zur Lösung gesellschaftlicher und sozialer Herausforderungen des Gemeinwesens beizutragen. Die Bedürfnisse von Gemeinwesen nach einer stärkeren Einbindung von Bürgern und Bürgerinnen allgemein und Kindern und Jugendlichen im speziellen stellen eine allgemeine Entwicklung dar. Die Stärkung der Partizipation, insbesondere von informellen Partizipationsverfahren, ist aktuell ein zentrales Thema auch in der Schweiz, wie auch im Bericht der Bundeskanzlei an den Bundesrat zum Ausdruck kommt (Schweizer Bundeskanzlei, 2011).

Insbesondere die Einbindung von Kindern und Jugendlichen in gesellschaftliche und soziale Prozesse ist gegenwärtig ein zentrales Anliegen. Dies zeigt sich u.a. in den Programmen des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) im Rahmen der „Finanzhilfen Kinder- und Jugendförderungsgesetz KJFG“, bei denen das Thema Partizipation im Mittelpunkt steht. Die Relevanz des Themas zeigte u.a. auch die Diskussion rund um die Analyse des Abstimmungsverhaltens Jugendlicher im Februar 2014 (vgl. z.B. (Bühler, 2014)).

Im Rahmen der offenen gesellschaftlichen bzw. sozialen Innovation werden dabei heute zunehmend die Möglichkeiten des Einsatzes der Mittel der Informations- und Kommunikationstechnik, hier insbesondere die sog. „neuen Medien“ bzw. „sozialen Medien“ geprüft. Man spricht in diesem Zusammenhang von der eParticipation. eParticipation verknüpft die Methoden der Partizipation mit IKT gestützten Instrumenten. In ihrem Bericht widmet die Bundeskanzlei dem Thema „E-Demokratie und E-Partizipation“ ebenfalls grosse Aufmerksamkeit (Schweizer Bundeskanzlei, 2011).
Insbesondere Kinder und Jugendliche, die sog. Digital Natives, nutzen diese Medien heute selbstverständlich in ihrem Alltag in Schule, Ausbildung und Freizeit, wie zahlreiche Studien und Untersuchungen zeigen und thematisieren. (vgl. z.B. (Wampfler, 2014)). In der aktuellen Studie von Golder et al. wird hierzu unter der Überschrift „Reformimpuls 1“ explizit festgehalten: „… Um das politische Interesse bei Jungen zu stärken, müssen allerdings elektronische und soziale Medien verstärkt berücksichtigt werden.“ (Golder et al., 2014, 6).
Kinder- und Jugendmitwirkung auf Gemeindeebene wird in vielen Gemeinden von verschiedenen Kantonen formuliert und praktiziert. Diese Mitwirkung nutzt aber bisher eher traditionelle Methoden. Instrumente, welche Mittel der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) einsetzen, werden bisher nicht oder nur vereinzelt und zufällig eingesetzt.

Bildquelle: undpeuropeandcis on flickr.com (CC BY-NC-SA 2.0)

10. Dezember 2014

#stparl - Ein Lehrstück in offener und transparenter Demokratie: Wie das stgaller Stadtparlament live via Twitter informiert

Quelle: tagblatt.ch
Gestern diskutierte und verabschiedete das stgaller Stadtparlament das Budget 2015; dazu gibt es einen ausführlichen Bericht bei tagblatt.ch.

Seit Anfang 2012 wird live aus den Sitzungen des stgaller Statdtparlemtents getwittert. Live Tweets aus einer Parlamantsdebatte schaffen Transparenz und erlauben Interessierten das Verfolgen der Sitzung. So auch gestern. Und wie.

Während der mehr als sechstündigen Sitzung wurde laufend via @sanktgallen über den Verlauf der Budgetdebatte getwittert. Ein grosses Lob gebührt ^sh von der Kommunikation der Stadt St. Gallen.


Sechs Stunden lang eine Debatte zu verfolgen, die wichtigsten Beiträge, Diskussionen und Entscheide in 140 Zeichen zu verpacken, das ist Knochenarbeit.

Und wen  es einmal eine Unklarheit gab, wurde sie sofort korrigiert.


Aus dem Parlament selbst twitterten (nur) zwei Abgeordnete: @angelozehr @stefangrob76 und @hugentoblersg. Die Frage nach weiteren twitternden Abgeordneten blieb leider offen. Auch das Account der Abgeordneten @BAFrei blieb nach der Stadtratswahl auffällig ruhig.

@marcelbaur hat inzwischen eine Liste aller twitternden Stadtparlamentarier angelegt. (ergänzt 10.12., 11:30)

Eine Sammlung aller Tweets, die mit #stparl getagged waren, gibt's bei storify.

Aber auch ausserhalb von #stparl gab es Diskussionen und Feedbacks.


Und auch die Medien schätzen den Service:


Erfreulich auch, dass Stadtpräsident Scheitlin voll und ganz hinter den Investitionen für die Social Media Aktivitäten der Stadt steht.



Mein Fazit: Wie auch schon getwittert, die Berichterstattung über die Budgetberatungen war ein Musterbeispiel für gelebte offene Demokratie. Das Beispiel zeigt auf wie der Einsatz neuer Medien die Ziele von Open Government unterstützt.



29. April 2012

Was ist eigentlich Demokratie? - Zwei Momentaufnahmen von heute

Abstimmung an der Landsgemeinde
in Appenzell am 29. April 2012
Was ist eigentlich Demokratie? - mit dieser Frage begann die heutige Landsgemeinde in Appenzell. Der Landammann besann sich auf den Ursprung des Begriffs:
"griechisch Δημοκρατία, von δῆμος [dēmos], „Volk“, und κρατία [kratía], „Herrschaft“, vgl. -kratie; wörtlich: Herrschaft des Volkes" (Quelle: Wikipedia).

Herrschaft des Volkes also. Aber wie äussert sich diese denn?
Ganz aktuell wird diese Frage europaweit heiss diskutiert im Zusammenhang von modernen und offenen Bürger- und Zivilgesellschaften oder neuen Formen der Partizipation.

Dazu gab es heute zwei Anschauungsbeispiele:

1. Die Landsgemeinde in Appenzell selbst:
Die Landsgemeinde ist eine Form der direkten Demokratie: die anwesenden Stimmberechtigen diskutieren über die zu entscheidenden Sachverhalte, jeder Anwesende hat das Recht sich zu äussern. Die Abstimmung geschieht offen durch Handzeichen, ausgezählt wird in aller Regel nicht. Sind die Mehrheitsverhältnisse nicht eindeutig erkennbar, wird nochmals abgestimmt. So geschah es heute in Appenzell zwei Mal.
Und die Geschäfte sind zum Teil von weitreichender Bedeutung: Sei es die Wahl von Regierungsmitgliedern, die Abstimmung über eine Strukturreform oder ein neues Baugesetz. Herrschaft des Volkes.

(Weitere Bilder von der Landsgemeinde in Appenzell)

2. die Regierungswahlen im Kanton St. Gallen: Für einen Sitz in der Kantonsregierung standen zwei Kandidaten aus unterschiedlichen Lagern standen zu Wahl. Die Stimmbeteiligung lag bei 31.6 Prozent.  Herrschaft des Volkes.

24. Oktober 2011

Wie Social Media offensichtlich doch eine Wahl beeinflussen können


Die Schweiz hat gewählt - und Social Media haben offensichtlich (noch) keine wirkliche Rolle im Wahlkampf gespielt, wie z.B. diese erste Analyse zeigt oder wie bereits hier diskutiert.

Aber dass es auch anders geht, zeigt die Wahl des Oberbürgermeisters in der deutschen Stadt Nürtingen.

Die F.A.Z. berichtete am 21. Okt. darüber, dass eine Frau, Claudia Grau, die bereits in der Stadtregierung aktiv ist, zur Oberbürgermeisterin gewählt werden soll, obwohl sie gar nicht antritt. (Beiträge dazu in der Stuttgarter Zeitung vom 18. Okt. und vom  22. Okt.)
Da offensichtlich genügend Bürger mit dem Amtsinhaber und den offiziellen Kandidaten unzufrieden waren, wurde für die inoffizielle Kandidatin vor allem via Social Media Wahlkampf gemacht.

7. Dezember 2009

Die Angst der Behörden vor der Macht des Internet in China

Über die Furcht der Offiziellen in China vor der Macht des Internet habe ich im Juni 2009 unter dem Titel "Die moderne Informationsgesellschaft in China - oder die Angst vor der Kraft des Internet" berichtet. Hier ging es u.a. darum, dass die Polizei in China nicht verstanden habe, wie das Internet Proteste der Bevölkerung unterstützen könne.

Zu diesem Thema wird aktuell über einen jüngst erschienener Artikel des für die Polizei und öffentliche Sicherheit in China zuständige Minister Meng Jianzhu in der Partei-Theoriezeitschrift Qiu Shi (Suche die Wahrheit) berichtet (Leider konnte ich den Artikel bisher nicht in einer englischen Fassung entdecken).

"Vom Internet herausgefordert" schreibt die NZZ am 4. Dez. 2009.
Der Polizeichef des Landes fordert seine Polizei dazu auf, das Internet selbst stärker zu nutzen, um "Gefahren frühzeitiger zu erkennen und bei Konflikten schneller zu reagieren". Dies soll daduch geschehen, dass die Polizei viel besser und viel intensiver mit der Bevölkerung kommunizieren müsse. Das tönt positiv, doch vor dem Hintergrund der verschiedenen Massnahmen zur Kontrolle und Zensur des Internet in China kann dies nur eins bedeuten: Verstärkung der Kontrolle des Internet. Dazu die NZZ:
"Chinas Polizeichef zeigt sich in dem Artikel alarmiert über die neue Situation, welche sich durch die zunehmende Nutzung des Internets ergeben habe. Für die Behörden gelte es, rechtzeitig zu erkennen, wenn sich über die neuen Medien potenziell destabilisierende Gerüchte verbreiteten. Die Polizei müsse Wege finden, Internetplattformen aktiver zu nutzen, darüber mit gewöhnlichen Leuten in Kontakt zu treten und die Meinungsbildung im Internet «korrekt anzuleiten»."
Man kann gespannt sein, wie diese korrekte Anleitung aussieht ...

Dazu schreibt JLM Pacific Epoch:
"China should build its information network and use other high-efficiency and low-cost technology-based measures to crack down on criminal activity, said Meng. China's police force should collect and record basic information whenever and wherever possible to improve the country's defensive ability, Meng said.

Meng urged China to establish a virtual social defense network to strengthen its online supervision and enhance its control."
Ein positives Beispiel für eParticipation wird das wohl kaum werden. 

Weitere Kurzberichte über den Artikel findet man z.B. in China View oder bei China Human Rights


Bildquelle: flickr.com / GusEds

3. Juni 2009

Die moderne Informationsgesellschaft in China - oder die Angst vor der Kraft des Internet

Zum 20. Jahrestag des Massakers auf dem Tiananmem Platz in Peking gibt es unzählige Pressemitteilungen zur Internetzensur in China.

ZEIT ONLINE spricht vom "Web 0.0 in China", die NZZ titelt "China sperrt Twitter zum Tiananmen-Jahrestag" und berichtet wie viele andere Medien von der Sperrung von Twitter und Co. in China.

Die
South China Morning Post (SCMP) ist "Hong Kong's only officially audited English-language newspaper" laut eigenem Impressum und schreibt über sich selbst: "we strive to maintain the highest standards and are proud to rank among the world's best-known quality newspapers".

In der Printausgabe vom 2. Juni 2009 berichtet die SCMP über Internetzensur in einem Artikel und einem Kommentar, aber nicht im Kontext des Tiananmem Jahrestages: "
Officials criticised for failing to censor Web public opinion", der Kommentar dazu: "Let all views be heard, not suppressed in media" (die Artikel sind nur nach einer kostenlosen Registrierung abrufbar).

Dabei bezieht sich der Artikel auf einen Artikel in dem Magazin "Outlook Weekly", dass (
ausschliesslich in Chinesisch) in Xinhua erscheint.

Auch der Forbes.com Artikel "
China To Netizens: Shut Up" beschäftigt sich mit diesem Artikel, ebenso der WSJ Blogeintrag "Local Officials Urged to Get Savvy on Internet PR".

In dem Artikel "
Officials criticised for failing to censor Web public opinion" der SCMP wird - bezugnehmend auf den Outlook Weekly Artikel - eindringlich vor der Macht des Internets zur Organisation von mass incidents oder Smart Mobs, wie wohl Howard Rheingold sagen würde, gewarnt und gleichzeitig wird den lokalen Regierungsbehörden fehlendes Verständnis des Internet in diesem Zusammenhang und die Unfähigkeit zur Überwachung der Netizens vorgeworfen:
"Local governments have come under fire for their failure to understand the power of the internet to stir up protests and have been urged to harness the latest technologies to control public opinion.The Xinhua-run Outlook Weekly magazine published a detailed report yesterday on the internet's role in creating "mass incidents".Quoting internet censors and government and party officials, the magazine warned the internet "has become a major mobilisation tool and communication channel for some mass incidents" and was another obstacle preventing officials dealing effectively with protests. The article urged local officials to develop new political and technical approaches to tackle such incidents.
Internet users have been the driving force behind a string of campaigns. Most recently, the case of a hotel pedicurist in Hubei province who killed a government official who was allegedly trying to rape her sparked outrage online and eventually forced the authorities to gag the media and seal off the county where the incident took place.
"In the past, mass incidents usually took place in one location, so the amount of information was limited and its spread was limited," the article said. "However, with a skyrocketing netizen population, some local cases have expanded in scope due to the interaction in cyberspace."
Experts said the authorities needed to step up training and reduce dependence on traditional propaganda channels.
A former official from Shanghai's Internet News Administration Office, Zhang Xiaoyu, was quoting as saying that "in the current transitional period of society, people are highly sensitive about how public powers participate in the allocation of social interests".
"Misconduct by an official, once disclosed and publicised on the internet, can trigger huge criticism among netizens," he said, and could "radically change the public's opinion on the party and government".
The article criticised officials for "depending solely on internet police and propaganda officials" to quell anger triggered by online discussion.
An internet official in Anhui province complained that there was no good way to control cyberspace. "On the internet the enforcement territory is boundless," the official said. "And in real life, it's a big challenge for the police to respond to online incidents if the participants are all over the place."
As if to underscore the problems outlined in the article, it was swiftly picked up and criticised by netizens, who fear it is the prelude to strict new controls.
"The appearance of such an article in the official media means a new internet crackdown is about to take place," an entry on the popular Cat898.com forum said.
The article could not have been released at a more sensitive time, as blogs and chat rooms have been blocked in a bid avoid trouble during this week's 20th anniversary of the Tiananmen Square crackdown."
Dazu der Kommentar "Let all views be heard, not suppressed in media":


"The mainland is no exception to the information revolution wrought by the internet. What sets it apart though is that the internet increasingly fills a gap created by official curbs on what newspapers, radio and television can publish. Despite a sophisticated online monitoring system, the internet remains difficult to police and netizens have proved bold and resourceful at circulating news and comment.As a result, controversial issues that might have been contained locally have gone national online. The potential this creates for mass dissent in a year of politically sensitive anniversaries understandably troubles the authorities. But it will continue to trouble them as long as they try to prevent legitimate issues of public interest being openly debated and addressed.

As we report today, the hottest topic in chat room discussions yesterday was an article in the official magazine Outlook Weekly that has sparked fears of a fresh online crackdown. It called for more support for internet monitors and propaganda officials in tackling netizens' ability to mobilise protests and criticism about official corruption, legal and administrative injustice, and disputes between the rich and poor. The article accused local officials of lacking understanding of the power of the internet to create "mass incidents".
Publication of the article follows online and media outrage over a murder charge against a pedicurist in Hubei province after she stabbed an official who demanded sex. The uproar forced the release of the woman and the sacking of two colleagues of the official present at the time. The lesson here is that rather than focusing on how to crack down more effectively on netizens and their rights of freedom of information and expression, the authorities should divert resources to devising a more transparent and accountable system for dealing with grievances and injustices.
The internet would soon cease to be a hotbed of dissent and a platform for organised protest if a wide range of views were allowed to be expressed and debated in the media."

Bei meinem Aufenthalt in China vom 29.5. bis 2.6.2009 erfuhr ich selbst, wie die Internetzensur funktioniert: So waren in dieser Zeit - zumindest in meinem Hotel in Wuhan - alle blogger.com und wordpress.com Blogs nicht erreichbar, incl. diesem Blog.

Bildquelle: flickr.com/steele_chas (CC Lizenz)


9. Mai 2009

The Unwisdom of Crowds

Während diese Zeilen entstehen, läuft das Finale von DSDS auf RTL. Die 'Masse' bestimmt, wer gut ist, und die 'Masse' kauft dann auch die zu erwartende Musik des Gewinners. Ein narrensicheres Konzept, zumindest für den Veranstalter!

Das zugrunde liegende Phänomen wird beschrieben u.a. im Buch "Wisdom of Crowds: Why the Many Are Smarter Than the Few and How Collective Wisdom Shapes Business, Economies, Societies and Nations" oder zu deutsch "Die Weisheit der Vielen: Warum Gruppen klüger sind als Einzelne" von James Surowieck, erschienen 2005 (Link bei Amazon). Das Prinzip der "Kollektiven Intelligenz" wird als ein zentrales Konzept des Web 2.0 verstanden. Aber verhalten sich die Massen wirklich immer intelligent?

In seinem Buch "Going to Extremes: How Like Minds Unite and Divide", erschienen im April 2009, setzt sich der Autor Cass R. Sunstein kritisch mit der 'Weisheit der Vielen' und den Entscheidungsprozessen in Gruppen auseinander. Sunstein ist Rechtsprofessor an der Harvard Law School und (angeblich) der meistzitierte Jurist der USA. Aktuell ist Sunstein in der Obama Administration Leiter des White House Office of Information and Regulatory Affairs.

Eine aktuelle Rezension des Buchs ist in der BusinessWeek vom 11. Mai 2009 erschienen mit dem Titel "The Unwisdom of Crowds"; die Onlienausgabe der Rezension ist unter dem Titel "Divided We Stand" veröffentlicht.
"What jumps out from the book is Sunstein's mistrust of human judgment in everything from politics to business, especially when people band together. There's little wisdom of crowds here—and not many knowledgeable individuals, either. [...]
This wrongheadedness just gets worse when people put their heads together. Like-minded folk tend to aggregate into groups, causing their views to grow more extreme, Sunstein argues."
Mit dieser wie Sunstein es nennt "Group Polarization" lassen sich gemäss dem Autor z.B. der islamische Terrorismus, das Enron Fiasco oder auch Fehlentwicklungen in der US Regierung (natürlich vor Obama ...) erklären:
"In the presidency of George W. Bush, many failures occurred because of an unfortunate culture that encouraged, rather than combated, group polarization."
Und die Buchbeschreibung des Verlags sagt uns dazu weiter:
"Sunstein marshals an abundance of evidence that shows that when like-minded people talk to one another, they tend to become more extreme in their views than they were before. This point applies to such diverse groups as religious organizations, corporate boards, investment clubs, and White House officials."

"Providing a wealth of real-world examples - sometimes entertaining, sometimes alarming - Sunstein offers a fresh explanation of why partisanship has become so bitter and debate so rancorous in America and abroad - and of what concrete steps citizens and nations might take to halt the drift towards unjustified extremism."
Im Grundsatz plädiert Sunstein für die Diversität von Gedanken in einerGesellschaft als Basis für eine gesunde und funktionierende Demokratie.
"For society at large, Sunstein has a touching faith in democracy and diversity. In other words, the U.S. benefits both from its Bill O'Reillys and from its Keith Olbermanns. "Extremism will enrich society's 'argument pool' and thus promote sensible solutions," writes Sunstein."

Bildquelle: flickr.com/asadal

19. April 2009

Medienkonzentration, lokale Medien und Bürgerdemokratie - empirische Befunde

Im Rahmen der Diskussion um die Zeitungskrise und das Zeitungssterben wird als ein Aspekt immer wieder der Zusammenhang zwischen lokalen Medien bzw. lokaler Medienberichterstattung und der Wahrnehmung demokratischer Rechte durch die Bürger. Z. B. hier: " 'The Public Press" - neues Geschäftsmodell zur Vermeidung eines Demokratiedesasters ?'. Allerdings stehen häufig eher vordergründige Motive im Vordergrund, selten empirisch belegt.

In seinen Beiträgen "Lokale Medien in Not - ist der Patient zu retten?" und "Einheitsbrei statt Vielfalt" (NZZ 15. April 2009) liefert der Autor Felix Oberholzer-Gee, Professor an der Harvard Business School mit Doktortitel von der Universität Zürich, u.a. empirische Befunde für die Zusammenhänge von politischem Engagement von Bürgern und lokaler Medien und ihrer Konzentration. Er beschäftigt sich mit der Frage:
"Ist die Förderung lokaler und regionaler Massenmedien in einer globalisierten Medienwelt noch sinnvoll? Ist nicht das Internet mit seinen sozialen Netzwerken und Bloggern ein perfektes Substitut für lokale Zeitung und Fernsehen? Soll der Staat den Konsumentinnen und Konsumenten lokale Nachrichten aufdrängen, wenn diese globale Inhalte vorziehen? Dies sind einige der Fragen, welcher sich die jüngste wissenschaftliche Forschung ernsthaft angenommen hat."
Das erste Beispiel:
"Die Leserinnen und Leser aber, die vom «Fargo Forum» zur «New York Times» wechselten, gewannen wohl Einsichten über die wirtschaftliche Entwicklung in Afrika – einer der Schwerpunkte der Berichterstattung der «New York Times» –, doch verloren sie gleichzeitig an lokalem Wissen, das es ihnen erlaubt hätte, am politischen und sozialen Leben in Fargo teilzunehmen.
Schätzungen [...] deuten darauf hin, dass die Stimmbeteiligung gebildeter Wählerinnen und Wähler in Lokalwahlen um 6 Prozentpunkte nachgibt, wenn die lokale Verbreitung der «New York Times» um 1 Prozentpunkt steigt. Wissen über Afrika ist nicht besonders nützlich, wenn es darum geht, einen lokalen Repräsentanten zu wählen."
Und eine weiterer empirischer Befund:
"Die entscheidende Frage ist deshalb, ob lokale Nachrichten, wie man sie gesetzlich fordert und fördert, selbst im Zeitalter von Fernsehen und Internet noch einen positiven Einfluss haben auf das Engagement der Bürgerinnen und Bürger. Um diese Frage zu beantworten, studierten mein Kollege Joel Waldfogel und ich, wie sich die Einführung spanischen Lokalfernsehens auf die Stimmbeteiligung spanischsprechender Bürgerinnen und Bürger in den USA auswirkte."

"Die Grafik zeigt, dass die Stimmbeteiligung in jenen Gebieten, die zwischen 1994 und 2002 neu Lokalnachrichten in spanischer Sprache erhielten, besonders stark anstieg. Und die Steigerung ist nach 1998 ebenso gross wie in der früheren Periode – lokale Nachrichten können also auch im Zeitalter des Internets die politische Beteiligung nachhaltig fördern."
Und auch für die Schweiz gibt es empirische Daten:
"Ähnliche Effekte lassen sich für die Schweiz finden. In einer aufschlussreichen Arbeit zeigt Christine Benesch (Universität Zürich), dass die hiesige Einführung des Lokalfernsehens die Stimmbeteiligung signifikant gehoben hat. Der Effekt ist besonders ausgeprägt bei weniger gebildeten Bürgerinnen und Bürgern, die lieber fernsehen als Zeitung lesen. Wie diese Forschungsresultate zeigen, bleiben traditionelle Medien auch im Internetzeitalter wichtig."
Oberholzer-Gee diskutiert dann auch noch die Implikationen der Ergebnisse auf die Medienstrukturplolitik der Staaten. Die aktuelle Medienpolitik vieler Staaten bewertet e mit einem "Gut gemeint, aber ...". Eine seiner Schlussfolgerungen lautet:
"Beschränkungen der Medienkonzentration, so zeigen zumindest die Ergebnisse für den amerikanischen Medienmarkt, sind allerdings das falsche Mittel, die Meinungsvielfalt nachhaltig zu fördern.
Die Vergabe von Radio- und Fernsehkonzessionen an Unternehmen, die in jedem Markt nur gerade einen Sender betreiben dürfen, führt zu einem Einheitsbrei an Inhalten, der gerade Minderheiten mit besonderen Interessen schlecht schmeckt."

Weiterführende Literatur:


Bildquelle: Flickr.com/xinyoureye

17. März 2009

"The Public Press" - neues Geschäftsmodell zur Vermeidung eines Demokratiedesasters ?

Über die diversen Versuche zur Rettung traditioneller Zeitungen haben wir hier des öfteren berichtet.

Nun gibt es ein weiteres Beispiel aus den USA, Spiegel Online berichtet darüber am 16.2.2009: "Experiment in San Francisco: Bürger sollen den Zeitungstod stoppen".
"San Francisco droht zur ersten US-Großstadt ohne seriöse Tageszeitung zu werden. Mit "The Public Press" rüstet sich eine unabhängige Redaktion für das mögliche Demokratiedesaster - und will mit einem neuen Geschäftsmodell die freie Presse retten."
Nicht gerade ein bescheidener Anspruch!

Der Hintergrund: Der drohende Untergang des San Francisco Chronicle (vgl. Eintrag "
Mediennutzung - Zeitungen in den USA").
"Der "Chronicle", Auflage 339.000, ist die größte Zeitung der acht Millionen Einwohner umfassenden Metropolregion. [...]
2008 hat der "Chronicle" jeden Monat mehr als eine Million Dollar verloren. Der Hearst-Verlag, dem die Zeitung gehört, erklärte, falls es keinen Ausweg aus dem Kostenstrudel gebe, "werden wir keine andere Wahl haben, als schnell einen Käufer für den 'Chronicle' zu finden oder ihn ganz einzustellen" [...]
In der Redaktion des "Chronicle" herrscht Endzeitstimmung."
Der Chronicle ist bei weitem nicht die einzige US Zeitung, die vom Untergang bedroht ist:
" "Bis 2009 oder 2010 werden manche Ein-Zeitungs-Märkte Null-Zeitungs-Märkte sein", prognostiziert Mike Simonton, Analyst für den Printsektor bei der Ratingagentur Fitch."
(vgl. auch Landkarte der US Zeitungspleiten)
Und die Folge?
" "Der Tod des 'Chronicle' wäre eine Katastrophe", sagt "Public Press"-Chef Stoll. [...] "Es wäre ein demokratisches Desaster"."
Ob es die traditionellen Massenmedien tatsächlich braucht und welche Rolle sie (heute) spielen, wird u.a. hier kontrovers diskutiert.

Einspringen will hier jetzt "The Public Press", ein Projekt von Michael Stoll, auch wenn Stoll "The Public Press" (noch?) nicht als Ersatz einer traditionellen Tageszeitung wie den Chronicle sieht. Stoll ist Dozent für Journalistik an der School of Journalism and Mass Communications der San Jose State University und Initiator dieses Projekts:
"... er selbst ein Medium schaffen, das seinen ambitionierten Qualitätsvorstellungen gerecht wird - und er will ein Geschäftsmodell etablieren, mit dem eine gedruckte Zeitung im Umfeld bröckelnder Anzeigen überleben kann.
Er plant eine Tageszeitung, die keine Anzeigen druckt, die lokal fokussiert ist und auf Boulevardthemen weitgehend verzichtet."
Im FAQ des Projektes liesst es sich dann so:
"A concept for a noncommercial daily newspaper.
It’s owned and operated as a nonprofit charitable organization. 2) It accepts no (or very little!) advertising."
Stoll will das Projekt ausschliesslich über kostenpflichtige Abos, Straßenverkauf und Finanzspritzen philantropischer Wohltäter finanzieren.
"Wenn 50.000 Leser ein Jahresabo zu 100 Dollar kaufen, haben wir fünf Millionen Dollar zur Verfügung, Spenden nicht eingerechnet", sagt Stoll. "Eine schlanke Lokalzeitung ließe sich damit schreiben, drucken und ausliefern."
Damit verabschiedet sich Stoll klar von einer weitgehend durch Werbung finanzierten Zeitung. Wie soll das funktionieren? Sind die 50.000 Vertreter des Milieus der Informationsbohème, wie es Miriam Meckel hier formuliert hat, welche die Zeitung retten soll? Es schreint fast so.
"Stoll hofft darauf, dass Redakteure und Reporter seine journalistischen Ideale honorieren und ihm Starthilfe geben. "Es gibt schon heute massenweise Profi-Journalisten, die ihren Job verloren haben, die aber dennoch darauf brennen, die Geschichte der Stadt zu erzählen", sagt er."
Die Journalisten müssen aber zunächst ohne Lohn arbeiten! Bisher hat "The Public Press" Spenden in Höhe von 26'000$ erhalten - wohl kaum eine Basis für eine erfolgreiche Zeitung, oder doch? Stoll ist jedenfalls von seinem Konzept überzeugt.
Explizit wird es bei "The Public Press" aber keinen 'citizen journalism' (Bürgerjournalismus) geben (insofern ist die Spiegel Online Überschrift etwas irreführend), aber "the paper should reverse-publish selected Web comments, blog posts and reporting." - sagt der FAQ.
" "Die Krise kann Innovationen beschleunigen", sagt er. "Und das jetzige Geschäftsmodell von Tageszeitungen ist definitiv gescheitert." "
Recht hat er!
Also bleibt uns nur, Michael Stoll viel Glück zu wünschen und ein weiteres Projekt auf die Liste der Versuche, die Zeitungen zu retten, zu setzen. Sie wird länger und länger ...

Und der letzte Beitrag auf http://www.public-press.org vom 16.3.2009, 11:22pm, beschäftigt sich mit dem Chronicle: "Public forum on Chronicle to focus on impact of possible closure".




Bildquelle: The Public Press