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18. Juli 2017

Faktencheck als erste Bürgerpflicht

Winnie in the dark, fact checking!
Im Zeitalter von sog. Fake News sind Faktenchecks aktuell en vogue, für viele Medien gehören sie inzwischen zum guten Ton, denn zu Tun gibt es viel.

Aber das ist längst nicht genug:
An der re:publica 17 wiess Klaus Kleber darauf hin, dass auch und vor allem die Zivilgesellschaft verstärkt gegen Fake News aufbegehren muss und den Job nicht nur den Journalisten überlassen darf. In der Tat, eine Demokratie braucht aufmerksame, aktive, interessierte, kritische und engagierte Bürger:
"Es gibt in jeder Gesellschaft, gerade in einer demokratisch verfassten, eine Verantwortung des Einzelnen, die der Staat nicht übernehmen kann. Demokratie ist die edelste Staatsform, aber es ist eine Staatsform, die nicht nur Freiheit gewährt und schützt, sondern auch Verantwortung verlangt. Demokratie verlangt Engagement und zwar über Wahlen hinaus. Sie verlangt Meinungsbildung, Beschäftigung mit den Themen, die das Gemeinwesen prägen und verändern." (faz.net 9.7.2017)
Das bedeutet im Zusammenhang mit Medien, dass jeder Einzelne sich aktiv und kritisch mit den Medien, die er oder sie konsumiert, auseinandersetzt. Vorausgesetzt natürlich, der Bürger oder die Bürgerin verfügt über die o.g. Eigenschaften und will sich auch engagieren - und nicht unkritisch in seiner Filterblase verharren, in der man es sich gemütlich einrichtet und - frei nach Pipi Langstrumpf - die Welt so sieht, wie sie einem gefällt, Fakten hin oder her.
"Zwei mal drei macht vier, widewidewitt und drei macht neune, ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt." (Wikipedia

Dazu ein kleines, aktuelles Beispiel:

Heute entdeckte ich zufällig eine Meldung auf Twitter mit dem Titel "Dank Viktor Orbán: Ungarn gehört mit zu den 15 sichersten Ländern der Welt"; gemäss Google Suche wurde der zugehörige Beitrag einer deutschen Website weit über 200 Mal auf weiteren Websites und Blogs geteilt und kopiert, nicht zuletzt auch von Pegida und einer G+ Community Freunde der AfD.

Der Teaser zum Text:
"Diese Nachricht wird vielen EU-Regierungschefs und Mainstreammedien gar nicht schmecken: Ungarn ... rangiert laut der jährlichen Studie über die sichersten Länder des Erdballs des »Global Peace Index« auf Rang 15." *
Und weiter im Text:
"Neben Tschechien, der Slowakei und Polen gehört Ungarn zu den EU-Ländern, die sich mit aller Kraft gegen die von  der Merkel-Regierung aufgezwungene „Willkommens- und Verteilungskultur“ für „Flüchtlinge“ aus aller Welt zur Wehr setzen." *
Die In­si­nu­a­ti­on des Textes wird bereits mit diesem zwei Zitaten deutlich: Die rigorose Flüchtlingspolitik Ungarns macht das Land sicher, Merkels Politik dagegen bewirkt das Gegenteil.

Quelle: Global Peace Index
Leider versäumt es der Artikel wie auch alle Kopien und zugehörige Tweets die Originalquelle zu verlinken, oder gar Werte gegenüber zu stellen. Aber dies ist noch die kleinste Hürde für einen Faktencheck: Global Peace Index.

Ungarn ist tatsächlich auf dem 15. Platz, aber direkt dahinter Deutschland. Schaut man sich die Werte des Indexes an, so liegt Ungarn bei einem Wert von 1494, Deutschland bei 1500, das sind 0.4% Differenz. Die Nr. 1, Island, liegt übrigens bei 1111, und das Schlusslicht Syrien bei 3814, auf Position 163. Ach ja, Tschechien liegt auf Position 6, die Slowakei auf 26 und Polen auf Position 33.

Somit relativiert sich die insinuierte Aussage des Textes gewaltig, Deutschland und Ungarn sind faktisch gleichauf, was den Index angeht.

Interessant wird es, wenn man die 23 Indikatoren, die den Index ergeben, einzeln anschaut. Darunter sind Indikatioren wie Perceptions of Criminality (wahrgenommene Kriminalität), Homicide (absichtliche Tötungen), oder Incarceration (Gefängnisinsassen je 100'000 Einwohner) - bei diesen, und weiteren, Werten schneidet Ungarn deutlich schlechter ab als Deutschland. Natürlich gibt es auch Indikatioren, bei denen es umgekehrt aussieht, z.B. bei Opfern von Terroranschlägen.

Wie die Autoren dazu kommen, dass die Position Ungarns Victor Orban zu verdanken sei, bleibt deren Geheimnis, aus der angegebenen Quelle geht dies selbstverständlich nicht hervor.

Hier werden auf der Basis einer durchaus seriösen Quelle mit einem objektiven Index, der für alle Länder die gleichen Quellen zur Berechnung der Indikatoren heranzieht, abenteurliche Schlussfolgerungen gezogen und sie so notabene scheinbar legitimiert, somit für das Klientel der eigenen Filterblase missbraucht.

Und alle Indikatioren wie auch den gesamten Index kann man bis zum Jahr 2008 zurück abrufen. Dabei ergibt sich für den Gesamtindex für die Länder Deutschland, Ungarn und die Schweiz folgendes Bild:




Bildquelle: flickr / Seth Dodson (CC BY-NC 2.0)

* Quelle: philosophia-perennis.com/2017/07/17/viktor-orban-ungarn, 18.7.2017


2. Dezember 2014

Beobachtungen zum Social Media Wahlkampf zur stgaller Stadtratswahl am 30. November 2014

Leserbriefe im St.Galler
Tagblatt (24.11.2014)
Am Sonntag, 30. November 2014, wurde in St. Gallen ein neuer Stadtrat gewählt - offiziell "Ersatzwahl eines Mitglieds des Stadtrates für den Rest der Amtsdauer 2013 bis 2016" -, Peter Jans hat die Wahl deutlich im ersten Wahlgang gewonnen. Dazu herzlichen Glückwunsch.

Der Offline Wahlkampf verlief durchaus intensiv, wie auch zu erwarten bei drei Kandidaten für einen Posten. Es gab Stände in der Stadt, Podiumsdiskussionen und Radio- und TV-Auftritte. Dazu zahlreiche Leserbriefe in der Lokalpresse - deren Verteilung im Stadtgebiet sogar analysiert wurde. Und natürlich lächelten uns die Konterfeis der Kandidaten von Plakatwänden im ganzen Stadtgebiet an.

Und wie verlief der Wahlkampf in den Social Media, im Jahre 2014?
Das wollte ich - wie schon früher - wissen und habe deswegen seit Anfang Oktober den Wahlkampf in den Social Media beobachtet.

Um es gleich zu sagen: Genauso zäh wie die Verkündigung der Wahlergbnisse via Online- bzw. Social Media am Sonntag war auch der Wahlkampf an sich, eher träge und zäh, ohne echte Dynamik. Social Media eher als Alibi. Online und Social eher als (lästiges?) Add On zu Offline.
Bei @tagblatt_ch gab es keinen einzigen Tweet zu den Wahl- und Abstimmungsergebnissen vom Sonntag. Und Online hat man beim Tagblatt sogar ein falsches Bild des Wahlgewinners publiziert.

Im folgenden möchte ich aufzeigen, wie die beiden Kandidaten Barbara Frei und Peter Jans auf Facebook und Twitter zwischem dem 1.10. und 26.11.2014 aktiv waren. Der Kandidt This Bürge wird nicht weiter analysiert, da er kein Facebookprofil unterhalten hat und in dem genannten Zeitraum genau einen Tweet veröffentlicht hat.


Quelle: Facebook, 30.11.2014
Barbara Frei ist seit 23.7.2014 mit ihrem Profil Barbara Frei in den Stadtrat aktiv.
Im Zeitraum 1.10. bis 26.11.2014 (8 Wochen) wurden insgesamt 23 Beiträge veröffentlicht. Diese wurden 182 Mal geliked und 10 Mal kommentiert. (Daten gemäss fanpage karma)
In praktisch allen Postings wurden entweder Bilder und/oder Links zu Medienberichten oder auf die eigene Homepage geposted, in einigen wenigen Beiträgen wurden Hinweise auf Wahlkampfveranstaltungen oder -aktivitäten publiziert. Einen Beitrag, der ein bestimmtes Thema aufgreift und diskutiert und ggf. zur Reaktion aufruft, sucht man vergebens.
Die folgende Grafik zeigt die Postings, Likes und Kommentare je Woche. Die Daten geben jeweils das Enddatum der beobachteten Woche an.

Quelle: Facebook/ fanpage karma

Quelle: Facebook, 1.12.2014
Peter Jans ist seit dem 14.8.2014 als Kandidat auf Facebook präsent.

Er hat im gleichen Zeitraum 1.10. bis 26.11.2014 (8 Wochen) insgesamt 41 Beiträge publiziert, die 444 Likes und 45 Kommentare erhielten, vgl. Grafik.
Auch hier wurden überwiegend Photos und/oder Links auf andere Quellen publiziert, originäre inhaltliche Beiträge findet man im Prinzip nicht.
Insgesamt also einerseits höhere Zahl von Beiträgen, andererseits auch eine höhere Quote an Interaktivität bei ca. 10 Likes je Beitrag im Durchschnitt.
Peter Jans war also etwas aktiver auf Facebook als seine Mitbewerberin, auch konnte er mehr Facebooknutzer für sich gewinnen.

Quelle: Facebook/ fanpage karma

Diese Entwicklung lässt sich auch mit der höheren Zahl von Fans erklären:
Was die Zahl der "Gefällt mir" Angaben angeht, so konnte Barbara Frei die Zahl ihrer Fans innerhalb der acht Wochen von 185 auf 209 (113%) steigern, Peter Jans dagegen von 247 auf 335 (136%). Peter Jans konnte hier stärker zulegen als Barbara Frei. Kurz vor der Wahl hatte Peter Jans 60% mehr Fans als Barbara Frei.

Quelle: Facebook

Auch wenn die Art der Beiträge auf Facebook ähnlich sind, so konnte Peter Jans insgesamt mehr Nutzer für sich aktivieren.


Und wie lief es drüben bei Twitter?

@BAFrei ist seit 9. April 2011, @PeterJansSG seit 11. Sept 2014 mit einem Twitterkonto aktiv. Bis zum 30.11.2014 hatte Barbara Frei total 38 und Peter Jans total 26 Tweets verschickt.

Getwittert hat Barbara Frei im betrachteten Zeitraum mehr als Peter Jans, aber beide auf niedrigem Niveau.

Quelle: Twitter

Was die Inhalte der Twets angeht, so gleicht sich das Bild mit Facebook. Im Wesentlichen wurden Links und/oder Photos vertwittert. Einen Dialog oder Interaktion gab es nur dann, wenn die beiden Kandidaten von anderen Twitteren direkt angesprochen wurden.


Bei beiden Kandidaten hat sich die Zahl derjenigen, den sie folgen, im Prinzip nicht verändert während des Zeitraums von acht Wochen; beide liegen hier etwa auf gleichem Niveau zwischen 35 und 40 Followees. Dies ist ein Indiz dafür, dass Twitter kein wirklich aktiv gepflegter Kanal war und ist.

Die Zahl der Follower hat sich dagegen recht unterschiedlich entwickelt. Bei Barbara Frei hat sich die Zahl der Follower nach einem ersten Anstieg seit Mitte Oktober nicht weiter entwickelt, sie ging in der letzten Woche vor der Wahl sogar zurück.

Peter Jans dagegen konnte die Zahl seiner Follower dagegen von 29 auf 47 (162%) steigern. Dies spricht dafür, dass Peter Jans seine Anhänger besser mobilisieren konnte, so wie sich dies bereits bei Facebook gezeigt hat.

Quelle: Twitter

Quelle: Twitter


Twitonomy stellt folgende Twitter Analysen zur Verfügung:

Twitonomy Tweet Analytics@BAFrei

Twitonomy Tweet Analytics@PeterJansSG


Sammlung aller Tweets von @BAFrei und @PeterJansSG.

Eine Sammlung aller Tweets, die im Rahmen des Wahlkampfs abgesetzt und ausgetauscht wurden, findet sich hier.


Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Social Media, hier insbesondere Facebook und Twitter, eine untergeordnete Rolle im Wahlkampf zur Wahl des Stadtrats vom 30.11.2014 in der Stadt St. Gallen gespielt haben. Inhaltlich haben beide Kandidaten Facebook und Twitter im Wesentlichen zum Verbreiten von Links verwendet, Interaktion und Dialoge haben nur in einem äusserst eingeschränkten Umfang stattgefunden und meist nur dann, wenn andere Nutzer die Kandidaten direkt angesprochen haben. Festzuhalten ist auch, dass insbesondere auf Twitter letztendlich nicht viel mehr als eine Handvoll Nutzer sich aktiv am Austausch beteiligt haben. Insofern bestand also auch keine Notwendigkeit seitens der Kandidaten, aktiver zu werden.

Der Kandidat Peter Jans konnte schlussendlich seine Anhänger besser mobilisieren als seine Mitbewerberin, ohne dass er Facebook oder Twitter wesentlich intensiver oder inhaltlich anders genutzt hätte. Bei der Schlussauszählung der Wahl bestätigte dies sich dann ebenfalls: Peter Jans konnte ca. 44% mehr Stimmen auf sich vereinen als Barbara Frei.

Es bleibt abzuwarten, wie der neue Stadtrat Peter Jans und die Stadtparlamentarierin Barbara Frei künftig ihre Social Media Kanäle nutzen werden.



1. Dezember 2009

Medientalk: Der heikle Umgang mit Nachrichten für Print und Online

Der "Medientalk: Zur Zukunft der Leitmedien" fand heute zum vierten und letzten Mal statt - und zum ersten Mal war ich persönlich dabei. 
"Die Medientalk-Veranstaltungsreihe von NZZ Campus beschäftigt sich mit dem Globalthema Medien, Markt und Publikum." 
Thema heute war der "heikle Umgang mit Nachrichten für Print und Online". Die Diskussionsteilnehmer waren René Zeller, NZZ-Inlandressortleiter, Tagesleiter, Bindeglied zwischen Online und Print (nach eigener Aussage) und Frank Esser, Professor für  Publizistik- und Kommunkationswissenschaft, IPMZ, Uni Zürich. Moderiert wurde die Diskussion von Michael Baumann, Redaktor NZZ. 


In seinem Eingangsstatement formulierte Zeller drei Fragen bzw. Diskussionspunkte:


1. Braucht eine Zeitung wie die NZZ eine Online Plattform?
Diese sei Fluch und Segen zugleich sagte Zeller: Segen, da man so als Zeitung omnipräsent sein kann, und Fluch, weil man kein oder nur kaum Geld verdienen kann. Da war es also, das zentrale Argument, ca. zwei Minuten nach dem Start der Veranstaltung. 


Zellers klare These lautet in diesem Kontext: Es gibt keinen Weg zurück. Ansonsten wäre der Verlag NZZ in 10 Jahren tot!


2. Das NZZ Modell ist erfolgreich.
Das Modell der NZZ ist ein integriertes, das Print und Online integriert. Zeller erwähnte u.a., dass am letzten (Abstimmungs-) Sonntag ein Allzeithoch bzgl. Klicks auf der NZZ Site zu verzeichnen war.


3. NZZ Online könnte noch erfolgreicher sein, wenn man sich stärker Richtung Boulevard öffnen würde - dass aber wird es nicht geben, journalistische Qualität geht bei der NZZ über page views. 

Esser thematisierte in seinem Statement u.a., dass Journalismus notwendig sei für die demokratische Meinungsbildung der Bevölkerung. Er sagte klar, dass Medienhäuser dem Zwang sich zu ändern unterliegen, dass es neue Akteure wie Blogger und Bürgerjournalisten gibt und dass das Verständnis von Nachrichten viel kollaborativer und partizipativer wird.  


Er machte klar, dass für ihn ein bestimmter Typus von Journalismus aktuell in Gefahr ist, und meinte damit den Qualitätsjournalismus, denn, so Esser, dessen Finanzierung nicht mehr funktioniert. Für Esser geht es deswegen in der aktuellen Diskussion nicht um die Rettung der Medienhäuser - "die können von mir aus den Bach runter gehen" - sondern um die Rettung des Qualitätsjournalismus. Auf heftige Intervention von Zeller relativierte Esser dann später, das er provozieren wollte und er ausser den traditionellen Medienhäusern eigentlich zumindest mittelfristig keinen anderen Retter sieht, denn nur diese können die schlagkräftige Organisation bieten, die der Qualitätsjournalismus benötigt. 


Ebenfalls in der Diskussion sagte Esser dann auch, dass auch grundlegend falsche Verlegerentscheide einen Teil der Medienkrise mit verursacht haben, ohne aber Beispiele zu nennen.


Nach dem anfänglichen Statements und auch von der Diskussion ergab sich der Eindruck einer sehr traditionellen Sicht: Qualitätsjournalismus kann nur im Print erfolgen, Online ist für die schnelle, aktuelle Information gut und richtig, aber mehr eben nicht. Und oft gäbe es bei den Online News Portalen zu geringe Sicherungen zur Vermeidung von Falschmeldungen, es fiel auch der Begriff 'Billigjournalismus'. Der Umkehrschluss, den so freilich niemand formulierte, müsste dann lauten, dass es Online keinen Qualitätsjournalismus geben kann. 


Für einen Wissenschaftler und einen Ressortleiter doch eine sehr verzerrte bzw. selektive Wahrnehmung der Onlienwelt und der Medienrealität und eine fast beängstigede Schwarz-Weiss - Denke. 
Wer hat eigentlich vor kurzem den Hans Bausch Mediapreis erhalten? 


In diesen Duktus passte dann auch die Aussage von Esser, dass die Finanzierung des Qualitätsjournalismus eine gesellschaftliche Frage werden muss und letztendlich jeder einen minimalen Beitrag leisten solle zur Erhaltung des Qualitätsjournalismus. 
"Ich sehe nichts anderes als eine gesellschaftliche Lösung" - 
diese Aussage wird später in der Diskussion abgeschwächt. Auch aus dem Publikum wurden Lösungen wie Stiftungen, Genossenschaften oder Sponsoring vorgbracht. 


Die abschliessende Langfristperspektive von Esser für die NZZ lautete - analog der Prognose für die NYT in Google Epic 2015


"Die NZZ wird es in 20 Jahren noch geben, aber viel teuer sein und eine kleinere Auflage haben, und nur noch von einer Elite gelesen werden."
_______
Nachtrag 3.12.2009: Beitrag zur Veranstaltung auf bernetblog.ch
Bildquelle: flickr.com / cookieevans5

22. September 2009

"Der Untergang der alten Medien-Schweiz" - ein kritischer Blick von Rainer Stadler

In dem Beitrag "Der Untergang der alten Medien-Schweiz" in der NZZ Online vom 21. Feb. 2009 setzt sich der NZZ-Medienredaktor Rainer Stadler mit "Anspannung, Übersättigung und Entwicklungen im Journalismus" und insbesondere der Medienlandschaft in der Schweiz auseinander.
"Aus dem Ausland hörten wir immer wieder wohlwollende Worte über unsere Medienlandschaft. [...] Bewunderung fand nicht nur der Artenreichtum auf engem Raum, sondern auch die Differenziertheit der Berichterstattung. Journalismus sei hier der Aufklärung verpflichtet, lobte ein Experte vor zehn Jahren."
Und nicht nur der Journalismus an sich hat sich verändert; Stadler beschäftigt sich vor allem auch mit dem Umfeld:
"Denn die technischen und ökonomischen Verwerfungen setzen das Mediensystem derzeit unter höchste Anspannung."
Während andere Autoren fast schon naiv daran glauben, dass die neuen Online- oder Hybrid- Modelle für Zeitungen schon irgendwie auch ökonomisch funktionieren und die Diskussion der tragfähigen Geschäftsmodelle weitgehend ausblenden (z.B. diskutiert in den Blogeinträgen hier, hier, hier oder hier), legt Stadler hier durchaus etwas selbstkritischer den Finger in die Wunde - allerdings ohne Auswege anzubieten.
"Die Entwicklung ist fundamentaler Art. Die Werbung als wichtigster Treibstoff der Medien wird immer knapper. Und dies, obwohl die Werbeausgaben langfristig kaum abnehmen dürften. Es erfolgt jedoch eine Verlagerung, welche für die Schweiz unangenehme Konsequenzen hat."
Es geht um Internationalisierung, restriktive Medienpolitik und neue Player im Medienmarkt - und natürlich um die Digitalisierung:
"Die digitalen Technologien schufen einen grenzenlosen Kommunikationsraum, der die mediale Autonomie kleiner Länder gefährdet. [...] Mitmachen dürfen zwar alle, aber Geld verdienen werden nur wenige. [...] Der Konzentrationsprozess im Blätterwald wird verschärft. Die wachsende Vielfalt im elektronischen Sektor täuscht über die schmale ökonomische Basis der Anbieter hinweg. Kurz und schlecht: Die klassischen Erwerbsmöglichkeiten der Medienhäuser scheinen höchst gefährdet."
Nun, diese Entwicklung ist allerdings nicht wirklich neu. Schon Rayport und Sviokla haben 1994 über die Disaggregation von Content, Context und Infrastruktur in der Medienindustrie berichtet (Managing the Marketspace, HBR, 1994). Spätestens seit Mitte der neunziger Jahre war klar, dass die Medienlandschaft massiv durch das Internet verändert wird. Durch die Optionen des Web 2.0 und zusätzlich durch die aktuelle Wirtschaftskrise haben sich diese Entwicklungen massiv verstärkt und beschleunigt. Den alten Zeiten nachzutrauern im Sinne von 'früher war Alles besser' ist aber ebenso wenig hilfreich den Herausforderungen zu begegnen wie zu naiv darauf zu reagieren.


5. Juni 2009

Warum twittere ich eigentlich?

"Warum twittere ich eigentlich?" Diese Frage sollte man sich durchaus einmal stellen.

Der “
WissensWert Blog Carnival Nr. 5″ fordert die Twittergemeinde auf, die Frage "Warum twitterst Du eigentlich?" zu beantworten. Also, warum twittere ich eigentlich? Der Versuch einer Antwort.

Zunächst, ich (twitter.com/hdzimmermann) bin sicher kein Power Twitterer, ab und zu Mal ein Tweet, 145 bisher, eher unregelmässig, und im Moment 143 Followers, immerhin, aber wie viele davon lesen wirklich mein Gezwitscher?

Einerseits twittere ich ganz einfach aus (professioneller) Neugier. Mich interessiert, wie sich die neuen Medien auf Wirtschaft, Gesellschaft und Kommunikation auswirken. Ohne es auszuprobieren kann man sich kaum ein Urteil bilden, also deswegen twittere ich unter anderem. Die mobile Kommunikation, Textnachrichten (SMS), Chat, soziale Netzwerke u.a. haben das (Kommunikations-) Verhalten durchaus bereits verändert, Twitter et al. sind weitere Tools - man wird sehen, welche sich davon nachhaltig durchsetzen.

Und sonst?
Im Laufe der letzten Jahre habe ich viele interessante Menschen kennengelernt, als Arbeitskollegen gehabt. Wenn sich die Wege trennen, gibt es zwar immer noch genug Möglichkeiten in Kontakt zu bleiben, aber die spontane Kommunikation an der Kaffeemaschine - wie z.B. 'hast du das gelesen?' oder 'kennst du den link schon?') fällt trotzdem weg. Twitter ist eine Möglichkeit, genau diese Art von Kommunikation wieder zu erleben. Man hat die Möglichkeit mit Menschen, die und deren Meinung man persönlich schätzt, so in Verbindung zu bleiben, ohne sich im Büro gegenüber sitzen zu müssen.

Oder es gibt Menschen, die ich zwar nicht persönlich kenne, aber deren Meinung mich einfach interessiert. Howard Rheingold ist beispielsweise so einer. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber sein Buch "Virtual Community" von 1993 war wohl eines der ersten, die ich in diesem Themenbereich gelesen habe. Ich finde es durchaus spannend zu lesen, was bestimmte Menschen gerade für wichtig halten, welche Gedanken sie haben oder welche Links sie empfehlen.

Gerade die gezwitscherten Links finde ich immer wieder sehr hilfreich und ich bin nicht selten erstaunt, wer da wieder was in den Tiefen des Webs entdeckt hat. Und ich selbst versuche natürlich ebenfalls, vermeintlich interessante Links zu twittern.

Spannend finde ich auch ab und zu das Gezwitschere zu aktuellen Fernsehfilmen oder TV-Sendungen aller Art wie z.B. Talkshows zu verfolgen. Das kann durchaus lustig sein, oder man kann sich wunderbar im über das Netz verteilten Kollektiv der Zuschauer über Dinge aufregen.

Was mich dagegen nun wirklich nicht interessiert sind Nachrichten wie z.B. "Bin gerade aufgestanden, schöner Tag heute" oder "sitze jetzt im Zug nach Hause, war stressig heute", etc. pp. Wenn davon zu viel kommt, dann ist der unfollow-Button schnell geklickt. Sorry Folks.

So hat wohl jeder Twitterer seine eigene Vorstellung von dem, was er Lesen und Mitteilen möchte - und das ist auch gut so.





24. April 2009

Twitter, die Moral seiner Nutzer und der Qualitätsjournalismus


Nach dem Beitrag "Qualitätsjournalismus - Wikipedia - Online-Medien" vom 13.2.2009 berichten wir hier von einem weiteren, haarsträubenden Fall von schlampiger Recherche und gar Manipuilation.

Gestern, am 23. April 2009, wurde auf der Veranstaltung der
Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften SAGW "Wissenschaftskommunikation – Chancen und Grenzen" noch über den Anspruch an den Wahrheitsgehalt und die Qualität von Informationen, auch aus journalistischer Feder, diskutiert. U.a. wurde gefordert, dass qualitätsbewusste Journalisten doch ihre Kollegen, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, ganz offen dafür an den Pranger stellen sollen ("Journalisten - mehr Kollegenschelte").
Ein krasser Fall, bei der diese Kollegenschelte mehr als angebracht wäre, macht seit einigen Tagen die Runde im Internet und wird heute in der NZZ aufgearbeitet: "
Blitztempo schadet der Moral - Die traurige Medienkarriere einer wissenschaftlichen Studie".

Was ist geschehen? Am 16.4.2009 veröffentlichte die
Pressetext Nachrichtenagentur die Meldung "Twitter schadet der Moral seiner Nutzer - Überkommunikation" soll Gehirn überfordern und gleichgültig machen". U.A. ist dort zu lesen:
"Soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook, die auf einem ständigen Kommunikationsfluss basieren, können die moralischen Einstellungen ihrer Nutzer abstumpfen. [...]

Den Forschern zufolge besteht die größte Gefahr darin, dass starke Nutzer von Portalen wie Twitter oder Facebook "gegenüber menschlichem Leid gleichgültig" werden könnten."
Damit bezieht sich der Pressetext auf eine Studie der Universität Süd-Kaliformien, allerdings ohne weitere Angaben z.B. zu den Autoren der Studie, dem Titel, etc., zu machen. Lediglich ein Link zur Universitäts-Hompepage wird angegeben. Übernommen haben den Pressetext u.a. focus.de, news.ch, tagesanzeiger.ch, diverse Blogs und Diskussionsforen; am 24.4.2009 bringt google.ch bei der Suche nach dem Titel des Pressetextes ca. 82'000 Treffer!

Am 20.4.2009 veröffentlichte Stefan Niggemeier auf auf
bildblog.de den Beitrag "Twitter macht Journalisten dumm". Dort lesen wir u.a.:
"Der britische Arzt, Medienkritiker und "Guardian"- Kolumnist Ben Goldacre hingegen hatte die originelle Idee, die Meldung mittels etwas, das man früher "Recherche" nannte, zu überprüfen. Er besorgte sich die Studie, auf die sich die "Daily Mail" bezieht und stellte fest, dass sie zwar herausfand, dass das menschliche Gehirn länger braucht, um auf emotionalen Schmerz zu reagieren als auf körperlichen Schmerz — von Twitter, Facebook oder irgendwelchen anderen Internet-Angeboten darin aber keine Rede war."
Goldcare fragte zur weiteren Absicherung die Autoren der Studie an. Einer der Autoren bestätigte, dass weder Twitter noch Facebook in der Studie erwähnt seien und:
"Die Verbindung zu Twitter und anderen sozialen Netzwerken ergibt, soweit ich es überblicken kann, keinen Sinn." (zitiert bei bildblog.de)
Und weiter bei bildblog.de:
"Und wie kommt dann der Online-Auftritt der vermeintlich seriösen Schweizer Zeitung "Tagesanzeiger" zu einem Zitat, in dem Mary Helen Immordino-Yang, eine der Autorinnen der Studie, Facebook und Twitter ausdrücklich erwähnt? Ganz einfach: Der Autor hat die Wörter "Facebook" und "Twitter" und überhaupt den Zusammenhang zu Online-Angeboten offenbar nachträglich in ein wörtliches Zitat der Wissenschaftlerin aus der Pressemitteilung der Universität eingefügt".
Die direkte Gegenüberstellung der Orignalpressemeldung und der Meldung im Tagesanzeiger findet man bei bildblog.de.

Die Original Pressemeldung ist hier zu finden: "
Nobler Instincts Take Time", eigentlich ganz einfach.

Fazit: Ein spannender Beitrag zur Diskussion um die Qualität von Journalisten traditioneller und Online-Medien!

Bildquelle: flickr.com/Uli H.

11. März 2009

Online Zeitung mit 100% Paid Content funktioniert - in Malaysia

Die Diskussion zur Zukunft der Zukunft traditioneller Zeitungen im Zeitalter der digitalen Medien ist oft kontrovers, vorgeschlagene und umgesetzte Lösungen vielfältig.

Die einen wollen traditionelle Zeitungen als den "
Bannwald der Demokratie" staatlich schützen lassen, die anderen sehen den "Untergang der alten Medien-Schweiz" kommen, versuchen sich mit Hybridmodellen oder stellen wie die NYT ihre Inhalte kostenlos der Onlinewelt zur Verfügung. Und hier findet man weitere Beiträge zu diesem Thema.

Zumindest in der westlichen Welt scheint es undenkbar zu sein, eine Online Zeitung ausschliesslich gegen Bezahlung anzubieten.

Aus Malaysia kommt jetzt ein erfolgreiches Beispiel, die News Plattform Malaysiakini. Darüber berichtet die NZZ im 'Fokus der Wirtschaft' vom 10. März 2009: "Wirtschaftlicher Erfolg einer Online-Zeitung". Gegründet 1999, wirft die Online-Zeitung seit vier Jahren einen Betriebsgewinn ab, und das
"... hat interessanterweise (und entgegen dem Trend) vor allem damit zu tun, dass der volle Informationszugang zum «Blatt» gebührenpflichtig ist. Schlagzeilen und das Lead eines Artikels sind kostenlos einsehbar. Das Abo für die vollständige Ausgabe kostet heute 5 US-$ pro Monat, die Zahl der zahlungswilligen Leser hat 20 000 erreicht, Tendenz steigend. Damit erzielt die Firma, die heute 24 Journalisten (davon 7 mit Multimedia-Aufgaben) beschäftigt, allein mit den Gebühren einen Umsatz pro Mitarbeiter von rund 50 000 $."
Dass es dazu gekommen ist, hat nicht nur mit dem spezifischen Medienmarkt in Malaysia zu tun, sondern auch mit zufälligen und glücklichen Entwicklungen: Eigentlich planten die zwei Gründungspartner einen 'richtige' Zeitung als Gegengewicht zu den von der Regierung kontrollierten Medien. Die Lizenz wurde verweigert, allerdings galten die "adminstrativen Zugangs- und Zensurhürden" nicht für das Internet. Anfangs funktionierte das Online New Portal mit kostenlosen Nachrichten dank Werbung gut, die Einführung der Abonnementspflicht musste aber eingeführt werden, als in der Dotcom-Krise die Anzeigen weg blieben. Seitdem Malaysiakini dank einer Finanzspritze auch diese Dursttrecke überlebte, geht es stetig bergauf.
"Doch bezüglich Qualität, Recherche und Vertrauenswürdigkeit steht der Online-Pionier immer noch alleine da. "
Bezahlte Online-Inhalte mit hoher Qualität funktionieren also - zumindest in Malaysia.
"Man darf sich keine Illusionen machen: Dass Malaysiakini so selbstsicher Zugangsgebühren erheben kann, hat mit der hiesigen Medienlandschaft zu tun. Die Konkurrenz, nämlich Print, Fernsehen, Radio und deren Webpräsenz, stehen unter der Knute der Regierung und präsentieren sich entsprechend trostlos."

Weitere Informationen: Das NZZ Video "Blättern und Surfen"

13. Februar 2009

Qualitätsjournalismus - Wikipedia - Online-Medien

Sicher, es ist eine Bagatelle, aber der Fall zeigt doch auf, wie einfach es sein kann, die Medien und damit notabene die Öffentlichkeit mit nicht korrekten Informationen zu versorgen – und auch, wie schnell es geht, bis dass der Sachverhalt aufgeklärt wird (BetaBlog auf NZZ Online, 12. Feb. 2009: „Wilhelm und die Wikipedia - Wie deutsche Medien auf eine Fälschung hereinfielen“)*. Und der Fall zeigt auch auf, wie wichtig der Umgang mit Quellen ist, dass man Quellen immer hinterfragen und natürlich auch selbstverständlich angeben sollte.

Damit ist das ein wenn auch harmloser Showcase der Berichterstattung im digitalen Zeitalter.

Was war passiert? Ein Autor hat in der Wikipedia beim Eintrag des neuen deutschen Wirtschaftsministers von Guttenberg einen zusätzlichen elften Vornamen hinzugefügt. Dieser falsche, elfte Vorname wurde dann von den Medien weitgehend übernommen:

Der Folgefehler legitimierte damit den ursprünglichen Fehler - ein verzwickter Kreislauf.“ (BetaBlog NZZ Online 12. Feb. 2009) Klar, eine Bagatelle. Aber sie zeigt durchaus den Mechanismus auf.
„Natürlich wäre es zu begrüssen, wenn Online-Medien mit einem Qualitätsanspruch nicht einfach jeden Quatsch von Wikipedia abschreiben würden, aber wenn sich da ein elfter Vorname in eine Liste von zehn einschleicht, dann erregt das halt in der Hitze des Gefechts nicht sofort Misstrauen. Schliesslich ist es ja nicht so, dass die Journalisten einer digitalen Fälschung der Hitler-Tagebücher aufgesessen wären.“ (ebd.)
Andere Medien kommentieren hier mit Überschriften wie "Recherche Chaos" oder "Miserable Recherchen ...".

Aber selbst wenn Journalisten in kritischeren Fällen genauer hinschauen und misstrauisch werden, dann reicht es womöglich, wenn nur ein oder wenige Journalisten doch nicht so genau hinschauen, genügend andere dann ‚abschreiben‘, und man trotzallem eine falsche Nachricht um die Welt verbreitet. Und selbst wenn dieser Fehler genau so schnell wieder korrigiert werden würde, (politische, wirtschaftliche, militärische, persönliche) Entscheidungen, die aufgrund dieser Meldung getroffenen werden würden, liessen sich möglicherweise nicht mehr rückgängig machen.
Wir sind also wieder beim Thema: „Die neue Macht der Online-Medien“.

Spiegel Online entschuldigte sich bei seinen Lesern:
"Doch hat der Autor beim Schreiben des Textes den Namen leider nur bei Wikipedia verifiziert - und Wikipedia ist bekanntlich keine hundertprozentig verlässliche Quelle. [...] Wir bitten den Fehler zu entschuldigen. SPIEGEL ONLINE wird künftig noch sorgfältiger recherchieren. Wikipedia bleibt für uns eine wichtige Quelle, darf aber für journalistische Arbeit nie die einzige Quelle sein."(Spiegel Online, 11.2.2009)
Und was lernen wir daraus? Der Umgang mit Quellen muss im digitalen Zeitalter noch sorgfältiger stattfinden als im analogen. Und selbstverständlich sind Quellen jeglicher Art – On- wie Offline – korrekt zu zitieren.

An dieser Stelle sei nochmals auf die zum Thema „Wissensklau, Unvermögen oder Paradigmenwechsel?“ im September 2009 in Chur stattfindende Tagung ‚Lernende Bibliothek 2009‘ hingewiesen.
Bildquelle und ©: freeday/PIXELIO


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