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28. März 2017

Gedruckte Stellenanzeigen - Tempi Passati

Gedruckte Stellenanzeigen - Tempi Passati
Zum Thema der Zeitungskrise ist es in letzter Zeit eher ruhig geworden. Verleger und Verlage haben sich mit der Auflösung des klassischen Geschäftsmodell der Zeitung - notabene der Disaggregation von Content, Context und Infrastruktur* - längst abgefunden. Sie sind auf der Suche nach neuen, Online-basierten Geschäftsmodellen. Das Auffangen der dahin schmelzenden Erlöse aus dem Anzeigen- und Abo-Geschäft ist hierbei eine zentrale Zielsetzung.

Wie bereits Ende 2010 auf diesem Blog berichtet, zeigt sich die die Auflösung des alten Geschäftsmodells der Zeitung besonders deutlich bei den Stellenanzeigen. Heute ist es eine Selbstverständlichkeit auf entsprechenden Onlineportalen nach Stellenanzeigen zu suchen. Da verwundert es eigentlich, dass auch im März 2017 immer noch gedruckte Stellenanzeigen erscheinen.

Wie bereits früher festgestellt, setzen vor allem öffentliche Institutionen weit überdurchschnittlich auf Printanzeigen. Nachdem ich seit Dezember 2010 immer wieder die Stellenanzeigen der NZZ am Samstag genauer angeschaut habe, habe ich dies am letzten Samstag wieder einmal getan:

Der Bund NZZexecutive besteht am 25.3.2017 aus noch 6 Seiten - 12 waren es noch im Dez. 2010 - aber nur auf 3 Seiten sind tatsächlich Stellenanzeigen zu finden, insgesamt gerade einmal 11 Anzeigen, ca. 50 waren es im Dezember 2010. Das entspricht einen Rückgang von etwa 80%! Drei Stellenanzeigen sind von privatwirtschaftlichen Unternehmen, die restlichen von im weitesten Sinne öffentlichen Institutionen, das sind immerhin 8 von 11 oder 73%; im Dezember 2010 waren es knapp über 50%. 5 Stellenanzeigen sind von Hochschulen. Tatsächlich setzten also öffentliche Institutionen nach wie vor auf die gedruckten Stellenanzeigen, auch wenn die absoluten Zahlen inzwischen verschwidend gering sind.

* „In the marketspace … content, context, and infrastructure can be disaggregated to create new ways of adding value, lowering costs, forging relationships with nontraditional partners and rethinking ‚ownership‘ issues.“ [Rayport/Sviokla 1994]
‘A New Framework for Managing in the Marketspace’
[Rayport/Sviokla 1994]



Weitere Beiträge zu den Stichworten Zeitungskrise und Zeitungen in diesem Blog


Bildquelle: flickr.com/katherine.a (CC Lizenz)


20. Februar 2014

Eine Analyse der digitalen Revolution in der Medienbranche aus den USA

Die heutige NZZ publiziert einen interessanten Beitrag zur digitalen Revolution in der Medienbranche: Auf der Suche nach dem Ei des Kolumbus. Interessanterweise erscheint der Beitrag im Bund International, und nicht etwa im Medien-/Digitalteil der NZZ.

Der Autor Peter Winkler fasst in dem Beitrag eine umfangreichere Studie von Pew Research zusammen (auf die leider nicht direkt verlinkt wird):  Nonprofit Journalism: A Growing but Fragile Part of the U.S. News System, publiziert im Juni 2013.
"Das Pew Research Center identifizierte für einen Bericht über diese schillernde Szene digitaler Medien 172 Neulancierungen seit 1987. Fast 70 Prozent von ihnen wurden während oder nach der Rezession von 2008 gegründet, als traditionelle Medienunternehmen im grossen Stil «journalistische Kapazität abbauten»" (mehr zur Methode der Studie)
Auch wenn die Studie sich auf die USA bezieht, sind die Erkenntnisse durchaus interessant.
Einige der Kernaussagen:

  • Focus auf lokale bzw. regionale Themen: "Von den 172 Internet-Neugründungen bedienen rund drei Viertel das Interesse an Nachrichten auf lokaler oder gliedstaatlicher Ebene." 
  • Fokus auf einzelnen Themen: "Als typische Nischenprodukte beschränken sich ebenfalls rund 75 Prozent auf ein Thema oder auf einige wenige Themenschwerpunkte." 
  • Der Qualitätsjournalismus lebt offenbar: "Erstaunlicherweise ist der investigative Journalismus mit 21 Prozent die populärste Nische."
  • Durchaus überraschend ist die Aussage, "dass die Internetmedien bedeutend weniger häufig aktuelle Nachrichtenbeiträge publizierten als traditionelle Medienunternehmen" - was mit den fehlenden Ressourcen begründe wird: viele der Neugründungen arbeiten mit Freiwilligen
  • Aber: Ein nachhaltiges Ertragsmodell fehlt den meisten Neugründungen bisher: "Rund zwei Drittel werden von einer anderen Organisation gesponsert, nur das restliche Drittel kann als einigermassen unabhängig bezeichnet werden". Es bestehen notabene Abhängigkeiten von Mäzenen und Sponsoren. Aber letztendlich bestehen Abhängigkeiten (mehr oder weniger explizit) auch bei traditionellen Medienhäusern
  • Insbesondere innovative, Internet-typische Ertragsmodelle fehlen weitgehend. Neugründungen wie traditionelle Medienhäuser suchen also gleichermassen nach Ertragsmodellen. 
  • Und: "Soziale Medien gelten derzeit für den Aufbau engagierter Nutzergemeinschaften als unabdingbar." Als innovative Beispiele werden hier u.a. die Projekte impaq.me und First Look Media, genannt. 
Weitere Details sind in der Originalstudie dokumentiert (pdf). 

Weitere Beiträge zum Thema Zeitungen auf diesem Blog.


26. November 2012

Die Zeitungskrise und das Internet, der Qualitätsjournalismus und das Geschäftsmodell Zeitung

Ja, auch meine Two Cents zur aktuellen Zeitungskrise, die vielfach diskutiert wurde (wie z.B. drüben bei Peter Hogenkamp).

Und heute hat sich auch Frank Schirrmacher zur Zukunft des Journalismus: Das heilige Versprechen geäussert, mit verschiedenen Repliken wie hier  oder hier oder hier. (und es kommen sicher noch Dutzende dazu)

Ein Frage kommt mir dabei in den Sinn:
Hat sich der sog. Qualitätsjournalismus eigenlich je selbst finanziert? Oder war es nicht vielmehr das Geschäftsmodell der Zeitung als Ganzes, das den Qualitätsjournalismus ermöglichte: Anzeigenerlöse finanzieren (zu einem grossen Teil) Journalisten, Redakteure und Korrespondenten?

Mir fällt bei der Diskussion zur Zeitungskrise der letzten Tage (und Monate, und Jahre) ein Artikel ein, aus dem ich hier zitieren möchte:

"One of the profound consequences of the ongoing information revolution is its influence on how economic value is created and extracted.
[...]
The traditional marketplace interaction between physical seller and physical buyer has been eliminated. In fact, everything about this new kind of transaction - what we call a marketspace transaction - is different from what happens in the marketplace.
[...]
Companies that don’t understand the marketspace will miss opportunities even as they build information-defined relationships with their customers.
[...]
For example, a newspaper is an aggregated collection of content (news, business, sports, weather, as well as other information), context (format, organization, logo, editorial style, and rhetorical tone), and infrastructure (printing plant and physical distribution system, including trucks, door-to-door delivery, as well as newsstand sales). In order to create value for consumers, publishers must aggregate all content, context, and infrastructure activities into a single value proposition.
[...]
In the marketspace, however, content, context, and infrastructure can be disaggregated to create new ways of adding value, lowering costs, forging relationships with nontraditional partners, and rethinking “ownership” issues. In the new arena of the marketspace, content, context, and infrastructure are easily separated. Information technology adds or alters content, changes the context of the interaction, and enables the delivery of varied content and a variety of contexts over different infrastructures."
Woher diese Zitate stammen? Ganz einfach, aus einem Artikel aus der Harvard Business Review von 1994.

Weitere Beiträge zum Thema Zeitungen auf diesem Blog.  


10. Juli 2011

Tageszeitungen bald ohne Stellenanzeigen?


Gedruckte Stellenanzeigen - Tempi Passati
Ende letzten Jahres habe ich mich in zwei Beiträgen (hierhier) mit der Rolle von Stellenanzeigen im Geschäftsmodell von Tageszeitungen beschäftigt.

Dazu möchte ich heute eine weitere Beobachtung ergänzen: Der Stellenbund der NZZ vom Samstag, 9.7.2011, umfasst gerade einmal zehn Seiten; davon bestehen drei Seiten aus redaktionellem Text, bleiben also sieben Seiten für die Stellenanzeigen. Zum Vergleich: Das samstägliche Feuilleton umfasst 14 Seiten!
Am vergangenen Samstag, 2.7.2011, war mir dies - aus welchem Grund auch immer - bereits das erste Mal aufgefallen.

Wie in den o.g. Beiträgen aus dem Dez. 2010 erwähnt, kann ich mich an Zeiten erinnern, in denen der Stellenbund der NZZ weit umfangreicher war als der gesamte Rest der samstäglichen Zeitung. Dies betrifft natürlich nicht nur die NZZ, sondern alle Tageszeitungen gleichermassen, wie zu vermuten ist.

Es stellt sich somit die Frage, wann gedruckte Stellenanzeigen ganz aus den Tageszeitungen verschwunden sind.

Das Hauptthema der Beiträge aus dem Dezember 2010 war aber die Feststellung, dass öffentliche Institutionen offensichtlich überdurchschnittlich auf Printanzeigen bei der Suche nach neuen Mitarbeitern setzen. Das Ergebnis von diesem Wochenende war schnell gezählt: Von den 30 gedruckten Stellenanzeigen (im Dez. waren es je über 50) kommen 17 (=57%) aus den Bereichen Lehre & Bildung (8), Gesundheit (1), Kirche & Kultur (1) und Behörden auf Ebenen Bund, Kantone und Gemeinden (7). Damit ist der Anteil leicht höher als im Dezember 2010.

18. Dezember 2010

Nachtrag - Öffentliche Institutionen setzen offensichtlich überdurchschnittlich auf Printanzeigen bei der Suche nach neuen Mitarbeitern

Gedruckte Stellenanzeigen - Tempi Passati
Nach dem grossen Interesse am Post Öffentliche Institutionen setzen offensichtlich überdurchschnittlich auf Printanzeigen bei der Suche nach neuen Mitarbeitern vom letzten Wochenende - incl. der Verlinkung bei 6 vor 9 - habe ich in der heutigen Ausgabe der NZZ nochmals die Anzeigen im Bund NZZ Executive gezählt. Dies, um auszuschliessen, dass es sich in der letzten Woche nicht um eine zufällige Häufung von Printanzeigen öffentlicher Institutionen gehandelt hat. 

Insgesamt enthält der Bund NZZ Excutive heute 55 gedruckte Stellenanzeigen, davon
  • 12 aus dem Bereich Lehre und Bildung
  • 2 aus dem Gesundheitsbereich
  • 1 aus den Bereichen Kirche und Kultur 
  • 7 von Institutionen des Bundes, der Kantone und der Gemeinden.
Das macht zusammen 22 Stellenanzeigen von Institutionen, die über Mittel von uns Bürgern, z.B. als Steuerzahler oder Prämienzahler, finanziert werden. Das sind somit 40% der gesamten Stellenanzeigen und ist damit in etwa auf dem gleichen Niveau wie vor einer Woche (54%).  

Bildquelle: flickr.com/katherine.a (CC Lizenz)

12. Dezember 2010

Öffentliche Institutionen setzen offensichtlich überdurchschnittlich auf Printanzeigen bei der Suche nach neuen Mitarbeitern

Gedruckte Stellenanzeigen - Tempi Passati
Es gab Zeiten, da passte die Samstagsausgabe der NZZ kaum in den Briefkasten. Dank des Bundes mit den Stellenanzeigen war die Zeitung am Samstag besonders umfangreich. Das gilt natürlich auch für andere Zeitungen. Tempi passati - schon lange!

In der gestrigen Printausgabe der NZZ umfasst der Bund mit den Stellenanzeigen NZZ Executive gerade einmal 12 Seiten.

Aber mir geht es hier nicht um die Erosion der Erlöse im Anzeigengeschäft von Zeitungen, nein. Und ich möchte hier nicht die Vor- und Nachteile von Online- und Print - Anzeigen diskutieren, das habe ich vor über 15 Jahren schon getan und hier ist eigentlich längst alles gesagt.

Die Inserenten beurteilen offensichtlich ensprechende Online-Plattformen als vorteilhafter gegenüber Print. Jeder, der einmal Mitarbeiter oder einen Job oder einen Mieter oder eine Wohnung gesucht hat, wird dies bestätigen können. Man müsste sich eigentlich fragen, warum es überhaupt noch gedruckte Stellenanzeigen gibt ...

Was mir schon seit einiger Zeit auffällt ist die Tatsache, dass (gefühlt) die Stellenanzeigen öffentlicher Institutionen weit überrepräsentiert sind. Ich habe mir einmal die 12 Seiten vorgenommen und ausgezählt:


23. Dezember 2009

Zeitungskrise - und (k)ein Ende ?


Eine Nachricht von gestern  hat mich fast schon irritiert: Da gibt es doch tatsächlich Pläne, in der Innerschweiz eine neue Zeitung zu gründen - so berichte jedenfalls der Klein Report vom 21. Dez. 2009: "Neue Zeitung in Nid- und Obwalden geplant". Verschiedene regionale Zeitungen wie die Jungfrau Zeitung oder ZISCH - Neue Nidwaldener Zeitung berichten ebenfalls darüber. Dazu wurde die 'ONZ Obwalden und Nidwalden Zeitung AG' gegründet. Der Focus liegt auf der regioanlen Berichterstattung, eine Redaktion pflegt sieben Tage in der Woche die aufzubauende Online-Plattform, eine gedruckte Zeitung soll zwei Mal pro Woche erscheinen. 
"Zweimal wöchentlich erscheint dieser permanente Newsfluss auf Zeitungspapier."
... schreibt die Jungfrau Zeitung dazu. 

Die neue Firma will die neue Online-Plattform für die Kantone Obwalden und Nidwalden aufbauen, diese wird frei zugänglich sein. Die gedruckte Zeitung sol im Abonnement vertrieben werden. Dabei soll die ONZ als sog. Mikrozeitung nach dem Vorbild der Jungfrau Zeitung aufgebaut werden. Mikrozeitung - Konzept für die Welt der Kleinen ist ein Konzept der Gossweiler Media AG in Brienz, dass an Partner lizensiert wird.
Über den Erfolg des Konzept lieest man bei Gossweiler Media AG:
"Dass dieses Konzept funktioniert, beweist die Jungfrau Zeitung, welche die Gattung Mikrozeitung begründet hat. Bereits nach drei Jahren hat sie sich in ihrem lokalen Markt etabliert. Sie erreicht 67 Prozent der Bevölkerung und ist die stärkste abonnierte Zeitung im Mikrokosmos Jungfrau (vergleiche Mediadaten). Gleichzeitig trotzt die Jungfrau Zeitung im Inseratenmarkt dem Branchentrend und weist von Jahr zu Jahr steigende Anzeigenerträge aus."
Auf jeden Fall kann man der neuen ONZ viel Glück wünschen. Es ist durchaus mutig, in diesen Zeiten eine neue Zeitung zu gründen! 

Oder ist die Zeitungskrise denn schon vorbei? Bisher las man doch fast nur von Zeitungen, die schliessen müssen oder zumindest den Umfang der Berichterstattung reduzieren müssen.

Ein Blick auf www.newspaperdeathwatch.com zeigt dann doch wieder die Realität. Im Beitrag "Premature Exec Elation" vom 18. Dez. 2009 wird eine Studie von Kubas Consultants zitiert, in der 500 zeitungsmanager in den USA Licht am Ende des Tunnels sehen und spätestens für 2011 ein Waxhstum prognostizieren. Der Blogbeitrag bezeichnet dies allerdings als 'blind optimism', ebenso die Prognose des US Bureau of Labor Statistics, das ...

Ein düsteres Bild wird da gezeichnet. 

22. September 2009

"Der Untergang der alten Medien-Schweiz" - ein kritischer Blick von Rainer Stadler

In dem Beitrag "Der Untergang der alten Medien-Schweiz" in der NZZ Online vom 21. Feb. 2009 setzt sich der NZZ-Medienredaktor Rainer Stadler mit "Anspannung, Übersättigung und Entwicklungen im Journalismus" und insbesondere der Medienlandschaft in der Schweiz auseinander.
"Aus dem Ausland hörten wir immer wieder wohlwollende Worte über unsere Medienlandschaft. [...] Bewunderung fand nicht nur der Artenreichtum auf engem Raum, sondern auch die Differenziertheit der Berichterstattung. Journalismus sei hier der Aufklärung verpflichtet, lobte ein Experte vor zehn Jahren."
Und nicht nur der Journalismus an sich hat sich verändert; Stadler beschäftigt sich vor allem auch mit dem Umfeld:
"Denn die technischen und ökonomischen Verwerfungen setzen das Mediensystem derzeit unter höchste Anspannung."
Während andere Autoren fast schon naiv daran glauben, dass die neuen Online- oder Hybrid- Modelle für Zeitungen schon irgendwie auch ökonomisch funktionieren und die Diskussion der tragfähigen Geschäftsmodelle weitgehend ausblenden (z.B. diskutiert in den Blogeinträgen hier, hier, hier oder hier), legt Stadler hier durchaus etwas selbstkritischer den Finger in die Wunde - allerdings ohne Auswege anzubieten.
"Die Entwicklung ist fundamentaler Art. Die Werbung als wichtigster Treibstoff der Medien wird immer knapper. Und dies, obwohl die Werbeausgaben langfristig kaum abnehmen dürften. Es erfolgt jedoch eine Verlagerung, welche für die Schweiz unangenehme Konsequenzen hat."
Es geht um Internationalisierung, restriktive Medienpolitik und neue Player im Medienmarkt - und natürlich um die Digitalisierung:
"Die digitalen Technologien schufen einen grenzenlosen Kommunikationsraum, der die mediale Autonomie kleiner Länder gefährdet. [...] Mitmachen dürfen zwar alle, aber Geld verdienen werden nur wenige. [...] Der Konzentrationsprozess im Blätterwald wird verschärft. Die wachsende Vielfalt im elektronischen Sektor täuscht über die schmale ökonomische Basis der Anbieter hinweg. Kurz und schlecht: Die klassischen Erwerbsmöglichkeiten der Medienhäuser scheinen höchst gefährdet."
Nun, diese Entwicklung ist allerdings nicht wirklich neu. Schon Rayport und Sviokla haben 1994 über die Disaggregation von Content, Context und Infrastruktur in der Medienindustrie berichtet (Managing the Marketspace, HBR, 1994). Spätestens seit Mitte der neunziger Jahre war klar, dass die Medienlandschaft massiv durch das Internet verändert wird. Durch die Optionen des Web 2.0 und zusätzlich durch die aktuelle Wirtschaftskrise haben sich diese Entwicklungen massiv verstärkt und beschleunigt. Den alten Zeiten nachzutrauern im Sinne von 'früher war Alles besser' ist aber ebenso wenig hilfreich den Herausforderungen zu begegnen wie zu naiv darauf zu reagieren.


28. Mai 2009

Off Topic (nicht ganz) - Ein Besuch in Hongkong

Dieser Eintrag passt eigentlich nicht wirklich in diesen Blog aber trotzdem; bevor ich an der Wuhan International Conference on e-Business WHICEB 2009 in Wuhan, Mainland China, über das Pfingstwochenende teilnehme, bin ich für etwas mehr als zwei Tage in Hongkong. Eigentlich Off Duty, aber so ganz kann man die fachliche Neugier dann doch nicht zuhause lassen, dazu später.

Ich wurde schon gefragt, was sich denn alles verändert habe in Hongkong seit dem Handover 1997 – meine Antwort: nach dem ersten Augenschein gar nicht so viel. Es ist immer noch quirlig, grell und busy, ein Ameisenhaufen ist dagegen wohlgeordnet und beschaulich. Es ist reines Multikulti, die Menschen stehen immer noch geordnet Schlange am Taxistand oder an der Bushaltestelle, gehen bei Rot tatsächlich nicht über die Strasse. Es gibt noch den Hongkong Dollar, und bei der Einreise benötigt man kein Visum (das Wochen vorher beschafft und teuer bezahlt werden muss). Und auch unverändert: Die dreisten Händler. ‚Watches? Rolex?‘, ‚Handbags?‘, ‚Suits?‘, ‚Massage?‘,, Very cheap! Make you good price! You're my friend!‘, etc. raunen sie einem zu, laufen hinter einem her. Der grösste Fehler ist zu reagieren, z.B. durch ein nett gemeintes ‚Thank You‘ oder nur den Kopf zu bewegen. Da hilft nur stur geradeaus schauen und total ignorieren. Trotzdem nervig.

Irgendwie ist es aber noch westlicher geworden, alle Marken und Geschäfte, die man in jeder grösseren deutschen oder schweizerischen Stadt findet, oder sonst wo in einer Innenstadt dieser Welt, gibt’s auch hier. Auffällig: Starbucks ist extrem oft vertreten, schätzungsweise gleich präsent wie das goldene M. Das nennt man dann wohl Globalisierung.

Und was hat sich verändert? Ab und zu, aber nicht zu oft, sieht man die chinesische Flagge im Wind flattern, das muss wohl sein. Und jeder Local hat entweder ein Handy am Ohr, in der Hand oder um den Hals. Es wird mobil telefoniert, gesimst, gemailt und gesurft bis zum Abwinken. Jemand ohne sichtbares Handy muss wohl ein Tourist sein …

Und das in asiatischen Megacities die Menschen ab und zu mit Mundschutz herumlaufen, kennt man auch. In Hongkong ist es in diesen Tagen aber mehr als auffällig, das liegt wohl an H1N1. Schon am Flughafen tragen sicher die Hälfte der Angestellten Masken, nachvollziehbar bei so vielen Menschen aus aller Welt. Aber auch in der Stadt sieht man immer wieder Menschen mit Masken. Und tatsächlich wird vor H1N1 überall gewarnt und auch darüber aufgeklärt. Und beim Betreten so manchen Shoppingcenters läuft man über einen Teppich, der die Sohlen desinfizieren soll, wenn man mindestens zwei Sekunden stehen bleibt. Allgemeine Beruhigung oder tatsächlich effektiver Schutz? Die Laufbänder der Rolltreppen werden vielerorts permanent abgewischt von fleissigen Frauen, natürlich mit Mundschutz. Und auch die TV Werbung ruft zur vermehrten Hygiene auf.

Aber dann das – und diese Widersprüchlichkeit scheint mir irgendwie typisch zu sein für China: Auf dem Nachtmarkt in der Temple Street oder bei den offenen Marktständen in Central scheinen Hygiene und Vorsicht Fremdwörter zu sein. Dort liegen bereits halbierte Fische einfach so offen herum, ohne Schutz vor Staub etc., ohne Kühlung. Und die Strassen-‚Restaurants‘ auf dem Nachtmarkt …, na ja, hier könnten TV Massenmedien spannende Reportagen drehen.

Und das Internet? Beim ersten Test – in einem Starbucks in Tsim Sha Tsui – fand mein PDA 19 drahtlose Netze, davon die Hälfte frei zugänglich, meist von Telcos dem Namen nach zu urteilen. Zumindest die City scheint flächendeckend mit Wifi ausgestattet zu sein. Dummerweise dauert es mit dem PDA dann doch etwas, bis er ein vernünftiges Netz findet, das auch stabil ist, und nicht nach 50 Metern wieder weg ist. Meist muss man via Webbrowser die Geschäftsbedingungen akzeptieren, um wirklich Connectivity haben, manchmal will das Netz dann doch ein Login. Aber dann läuft’s, man sollte sich nur nicht aus der Reichweite wegbewegen.

Aber im Hotel: Kein einzig empfangbares offenes Netz, und das Hotel lässt sich den Internetzugang gut bezahlen: Ca. 7 EUR/Stunde, ca. 12EUR/Tag und ca. 300EUR/Woche. Und beim Thema Internet fällt einem dann doch das Stichwort Zensur ein. Immerhin ist Hongkong ja jetzt ein Teil von China. Im Hotel TV gibt es zwar CNBC, BBC oder DW TV, aber kein CNN. Zufall? Im Web habe ich bis dato noch keine Beschränkungen entdeckt.

Beim Frühstück dann ein Tageszeitung. Es gibt nur eine englishsprachige Zeitung, die China Daily vom 27.5.2009. Zensur hier? Auf den ersten Blick eine ganz normale Zeitung: Titelseite mit nationalen Nachrichten, dann politische Meldungen aus dem In- und Ausland, natürlich die Wirtschaftskrise, ein Artikel über die ‚Post 80s‘ (man könnte auch die ‚Net Generation‘ sagen), Kommentare, Leserbriefe, Wetter, Lokales, Business und Sport.

Aber beim genaueren Hinsehen fällt dann doch etwas auf: Ein ganzseitiger Artikel auf Seite 9 in der Rubrik Opinion („China unswerving in taking its own path“) beschäftigt sich mit dem kürzlich veröffentlichten Buch „Prisoner of the State: The Secret Journal of Premier Zhao Ziyang“. Auszüge hat u.a. die NYT veröffentlicht. Hier werden für die aktuelle chinesische Führung unbequemen Wahrheiten (?) veröffentlicht, just kurz vor dem 20jährugen Jahrestag des Massakers am Tiananem Square am 4. Juni 1989. Der Autor Qi Lin, der nicht weiter vorgestellt wird, geht hier mit den westlichen Medien einigermassen hart ins Gericht. Allein die Sprache und Wortwahl wäre in einer westlichen Zeitung kaum denkbar. Aber das mag auch kulturell bedingt sein. Sehr subtil, aber doch wahrnehmbar, wirft man dem Westen eine ‚Einmischung in innere Angelegenheiten‘ vor, so sagte man früher wohl. Sicher ich mag mich irren, aber der Artikel wirkt eher wie eine ‚offizielle Erwiderung‘ als ein journalistischer Artikel, der versucht abzuwägen, 20 Jahre nach den Geschehnissen. Man schreibt z.B. lediglich von "political turbulences", wenn man die Ereignisse am 3. und 4. Juni 1989 anspricht.

Und in der heutigen Ausgabe vom 28.5.2009 wieder ein Artikel, diesmal auf Seite 8 in der Rubrik Comment: "Party's verdict on Zhao historically indisputable" von Thong Zhengping. (Auch dieser Artikel ist (zum jetzigen Zeitpunkt) nicht Online verfügbar). Auf ca. 2/3 Seite wird hier diesmal die Quelle des Buches an sich, Zhao Ziyang, in Frage gestellt - auch wenn man sine Verdienste ja im Allgemeinen anerkennt. Der Artikel beginnt mit dem Angriff auf die westlichen Medien:


"I have recently been expecting, out of professional sensitivity, some long-planned 'news' to come out overseas".
Kernaussage des Artikels ist, dass das Urteil des Zentralkommitees der kommunistischen Partei über Zhao Ziyang unumstritten ist und man auch 20 Jahre danach daran nicht rütteln will. Es folgt dann u.a. ein Lobgesang auf die chinesische Politik der letzten Jahrzehnte:

"The fruits of 30 years of economic and social development in the country will suffice and demonstrate that the Chinese people have made the right decision in choosing the path of socialism with Chinese characteristics, a choice that benefits the situation in China".
Hat man die Menschen denn überhaupt gefragt ...? Hatten sie die Wahl? Die Zwischenüberschrift zu diesem Teil lautet übrigens "China cannot adopt Western democracy". Dazu der Schlussatz des Artikels:

"I can tell them with absolute certainty that their dream can never come true." (gemeint ist die Demokratisierung des Landes nach westlichem Vorbild).
Und auch viele andere Artikel, die politische Inhalte haben, sind auffallend ‚harmlos‘, meist ohne Kritik, geschrieben. Wohl keine offensichtliche Zensur – aber doch die Schere im Kopf? Wie gesagt, ich mag mich auch irren.

Auffällig ist aber auch, dass über die aktuell stattfindenden Gespräche zwischen den Regierungen in China und Taiwan durchaus neutral berichtet wird, sogar mit einem Bild zweier Parteioffizieller aus beidem Ländern beim freundlichen Handschlag farbig auf der Titelseite. Aber die Srpache ist auch hier irgendwie typisch: Während die Welt von Nord- und Südkorea spricht, liest man in China Daily von DPRK (Democratic People's Republic of Korea) und ROK (Republik of Korea). Wie damals BRD und DDR.

Und ein Artikel vom 28.5.2009, S. 3: "Illegal Internet bars in firing line". Die Behörden gehen massiv gegen illegale Internetcafes vor. Der Grund? Zum Schutz der Jugend!


"They could access unhelathy content, including obscene and violent images and even information about gun sales and weapons
[...]
Tao compared Internet bars that allow students to access hamful content to the recruiting of teenagers into prostitution and drucg trafficking".
Wenn das also der Grund für den Kampf gegen illegale Internetcafes ist, können wir schliessen, dass diese - und vielleicht auch andere Inhalte? - in offiziellen Internet Bars nicht erreichbar sind.

Es wird auch erwähnt, was man für eine offizielle Lizenz benötigt: Mindestens ein Mio. RMB auf dem Bankkonto (ca. 105'000 EUR), 200 Computer und eine Betriebsfläche von mindestens 300 Quadratmetern.

Aber auch das ist auffällig: Ein Impressum sucht man vergebens in China Daily, lediglich drei Geschäftsadressen sind zu finden.

Und das liesst man auch am 27.5.2009 in China Daily: Einen Artikel zur Vernichtung von ‚Fake Drugs‘ und dazu die Versicherung, dass China „not a fake-drug factory“ sei und die westlichen Medien das Them bitte nicht so aufbauschen sollen.
Über Fake Drugs kann ich nichts sagen, aber es gibt ja noch andere Fakes: Der erste Stand auf dem Nachtmarkt in der Temple Street bietet Ralph Lauren Polos an, für ca. 4 EUR das Stück, ohne das obligatorische Handeln. Mhhhh. Und man findet Ohrhörer der Marken Sonum oder Coby, deren Schriftzüge doch auffällig zu Sony gehalten sind. Und drei Calvin Klein Boxershorts für 5 EUR. No Fakes?

Aber das Witzigste sind die Uhren aus der Schweiz: Man findet Uhren, die auf den ersten Blick wie Swiss Army Uhren aussehen – aber weit gefehlt. Erstens gibt es viel mehr Typen von Swiss Army Watches als in der Schweiz oder sonst wo und zweitens heissen sie gar nicht so, sondern ‚Swiss Navy‘ steht auf dem Ziffernblatt geschrieben, Preisauszeichung ca. 2.50 EUR je Stück! (Oder gibt's die wirklich?)

19. April 2009

Medienkonzentration, lokale Medien und Bürgerdemokratie - empirische Befunde

Im Rahmen der Diskussion um die Zeitungskrise und das Zeitungssterben wird als ein Aspekt immer wieder der Zusammenhang zwischen lokalen Medien bzw. lokaler Medienberichterstattung und der Wahrnehmung demokratischer Rechte durch die Bürger. Z. B. hier: " 'The Public Press" - neues Geschäftsmodell zur Vermeidung eines Demokratiedesasters ?'. Allerdings stehen häufig eher vordergründige Motive im Vordergrund, selten empirisch belegt.

In seinen Beiträgen "Lokale Medien in Not - ist der Patient zu retten?" und "Einheitsbrei statt Vielfalt" (NZZ 15. April 2009) liefert der Autor Felix Oberholzer-Gee, Professor an der Harvard Business School mit Doktortitel von der Universität Zürich, u.a. empirische Befunde für die Zusammenhänge von politischem Engagement von Bürgern und lokaler Medien und ihrer Konzentration. Er beschäftigt sich mit der Frage:
"Ist die Förderung lokaler und regionaler Massenmedien in einer globalisierten Medienwelt noch sinnvoll? Ist nicht das Internet mit seinen sozialen Netzwerken und Bloggern ein perfektes Substitut für lokale Zeitung und Fernsehen? Soll der Staat den Konsumentinnen und Konsumenten lokale Nachrichten aufdrängen, wenn diese globale Inhalte vorziehen? Dies sind einige der Fragen, welcher sich die jüngste wissenschaftliche Forschung ernsthaft angenommen hat."
Das erste Beispiel:
"Die Leserinnen und Leser aber, die vom «Fargo Forum» zur «New York Times» wechselten, gewannen wohl Einsichten über die wirtschaftliche Entwicklung in Afrika – einer der Schwerpunkte der Berichterstattung der «New York Times» –, doch verloren sie gleichzeitig an lokalem Wissen, das es ihnen erlaubt hätte, am politischen und sozialen Leben in Fargo teilzunehmen.
Schätzungen [...] deuten darauf hin, dass die Stimmbeteiligung gebildeter Wählerinnen und Wähler in Lokalwahlen um 6 Prozentpunkte nachgibt, wenn die lokale Verbreitung der «New York Times» um 1 Prozentpunkt steigt. Wissen über Afrika ist nicht besonders nützlich, wenn es darum geht, einen lokalen Repräsentanten zu wählen."
Und eine weiterer empirischer Befund:
"Die entscheidende Frage ist deshalb, ob lokale Nachrichten, wie man sie gesetzlich fordert und fördert, selbst im Zeitalter von Fernsehen und Internet noch einen positiven Einfluss haben auf das Engagement der Bürgerinnen und Bürger. Um diese Frage zu beantworten, studierten mein Kollege Joel Waldfogel und ich, wie sich die Einführung spanischen Lokalfernsehens auf die Stimmbeteiligung spanischsprechender Bürgerinnen und Bürger in den USA auswirkte."

"Die Grafik zeigt, dass die Stimmbeteiligung in jenen Gebieten, die zwischen 1994 und 2002 neu Lokalnachrichten in spanischer Sprache erhielten, besonders stark anstieg. Und die Steigerung ist nach 1998 ebenso gross wie in der früheren Periode – lokale Nachrichten können also auch im Zeitalter des Internets die politische Beteiligung nachhaltig fördern."
Und auch für die Schweiz gibt es empirische Daten:
"Ähnliche Effekte lassen sich für die Schweiz finden. In einer aufschlussreichen Arbeit zeigt Christine Benesch (Universität Zürich), dass die hiesige Einführung des Lokalfernsehens die Stimmbeteiligung signifikant gehoben hat. Der Effekt ist besonders ausgeprägt bei weniger gebildeten Bürgerinnen und Bürgern, die lieber fernsehen als Zeitung lesen. Wie diese Forschungsresultate zeigen, bleiben traditionelle Medien auch im Internetzeitalter wichtig."
Oberholzer-Gee diskutiert dann auch noch die Implikationen der Ergebnisse auf die Medienstrukturplolitik der Staaten. Die aktuelle Medienpolitik vieler Staaten bewertet e mit einem "Gut gemeint, aber ...". Eine seiner Schlussfolgerungen lautet:
"Beschränkungen der Medienkonzentration, so zeigen zumindest die Ergebnisse für den amerikanischen Medienmarkt, sind allerdings das falsche Mittel, die Meinungsvielfalt nachhaltig zu fördern.
Die Vergabe von Radio- und Fernsehkonzessionen an Unternehmen, die in jedem Markt nur gerade einen Sender betreiben dürfen, führt zu einem Einheitsbrei an Inhalten, der gerade Minderheiten mit besonderen Interessen schlecht schmeckt."

Weiterführende Literatur:


Bildquelle: Flickr.com/xinyoureye

20. März 2009

Studie zur Zukunft der Tageszeitung der Friedrich-Ebert-Stiftung

Als gäbe es nicht genug Negativschlagzeilen einzelner Blätter aus der Zeitungsindustrie, hat jetzt die Friedrich-Ebert-Stiftung eine Studie veröffentlicht mit der folgenden Schlussfolgerung: "Das Internet verdrängt zweifellos die klassische Zeitung auf Papier."

Die Studie mit dem Titel "Das Verschwinden der Zeitung? Internationale Trends und medienpolitische Problemfelder" wurde von den Autoren Stephan Weichert und Leif Kramp im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung verfasst.

Die Studie beginnt mit "Thesen und Handlungsempfehlungen", daraus eingie Auszüge:

  • "Das Internet verdrängt zweifellos die klassische Zeitung auf Papier"
  • "Journalistischen Online-Angeboten mangelt es derzeit noch an verlässlichen Erlösmodellen, die den Qualitätsjournalismus dauerhaft sichern helfen."
  • "Die Vertriebsform der klassischen Zeitung auf Papier ist überholt; elektronische Verteilformen sind nutzerfreundlicher, wirtschaftlicher und ökologischer."
  • "Gerade in Blogs, Social Communities etc. steckt ein wichtiges Ergänzungsverhältnis im Hinblick auf etablierte Medien: Ungeachtet der Finanzierungsfrage ergeben sich neue Formen der Vergemeinschaftung und Interaktivität, die sich der professionelle Journalismus stärker zunutze machen muss, um seiner Orientierungsfunktion auf verschiedenen Plattformen besser gerecht zu werden."
  • "Die mangelnde Bereitschaft mancher Journalisten, sich auf die neuen Anforderungen digitaler Medienumgebungen und Konvergenztendenzen einzulassen, hat einen erheblichen redaktionellen Innovationsrückstand gegenüber nicht-journalistischen Angeboten begünstigt, der kaum noch aufzuholen ist."
  • "Multimediale Großunternehmen, die global und in unterschiedlichen Mediensparten agieren, profitieren eher von der Krise der Zeitungsbranche, ..."
  • "Das allmähliche Ausbluten traditioneller Presseverlage und die Konzentrationswelle, ausgelöst durch ›feindliche‹ Übernahmen multinationaler Konzerne, führen dazu, dass noch mehr und noch schneller ungleiche Meinungs- und Informationsmonopole entstehen, die den Qualitätsjournalismus in seiner Kernbestimmung, glaubwürdige und unabhängige Informationen zu vermitteln, konsequent unterwandern."
  • "Erschwerend kommen die sich ändernden Gewohnheiten und Vorlieben der Nutzer hinzu."
  • "Ein tragfähiges Geschäftsmodell für Zeitungen zu finden, das qualitativ hochwertige Inhalte garantiert, wird schwieriger."
Weitere Thesen behandeln die Liberalisierung der Pressefusionskontrolle, die Medienaufsicht und das Engagement gemeinnütziger Organisationen zur journalistischen Qualitätssicherung.

Für den aufmerksamen Leser sind dies sicher z.T. Binsenwahrheiten, für die Vertreter der traditioenllen Medien sicher unliebsame Wahrheiten.


Das erste Hauptkapitel beschäftigt sich dann mit einem Überblick internationalen Trends und medienpolitischen Problemfeldern. In dieser Zusammenfassung der Entwicklungen erfährt der Leser viel Bekanntes sowie statistisches Material insbesondere zur Mediennutzung.
Im zweiten Kapitel "Medienpolitische Problemfelder in Deutschland: Ergebnisse der Fragebogenerhebung" werden die Ergebnisse der "Meinungsumfrage - Fragebogenerhebung von März bis Mai 2008 - unter deutschen Experten aus Pressewirtschaft, Verlagswesen, Journalismus und Medienpolitik" aufbereitet. Insgesamt gaben 43 Experten zur medienpolitische Perspektive Auskunft. Die Ergebnisse werden Frage für Frage diskutiert, sie fliessen in die Thesen ein wie auch das erste Kapitel.

Im dritten Teil geht es um die Presseförderung in Europa, die Situation von Belgien bis Zypern wird dargestellt.


Anschliessend werden dann "Ausgewählte Qualitätsinitiativen in USA und Europa" aufgelistet und beschrieben.



Fazit
Eines zeigt sich deutlich in der Studie:
Als Reaktion auf die Erkenntnisse, die nicht neu, aber durchaus zuteffend sind, werden nicht primär Innovation und Kreativität als Massnahmen vorgeschlagen und thematisiert, sondern viele Seiten werden zu Aspekten wie den medienplitischen Instrumenten (notabene des Staates) oder der (staatlichen) Presseförderung gefüllt. Wie gesagt, Aufftraggeber der Studie war die Friedrich-Ebert-Stiftung, die mit dem Slogan auf der Hompage wirbt: "Der sozialen Demokratie verpflichtet". In der heutigen Zeit heisst dass dann wohl "Der Staat wirds schon richten".


Bildquelle: Titelseite der Studie

17. März 2009

"The Public Press" - neues Geschäftsmodell zur Vermeidung eines Demokratiedesasters ?

Über die diversen Versuche zur Rettung traditioneller Zeitungen haben wir hier des öfteren berichtet.

Nun gibt es ein weiteres Beispiel aus den USA, Spiegel Online berichtet darüber am 16.2.2009: "Experiment in San Francisco: Bürger sollen den Zeitungstod stoppen".
"San Francisco droht zur ersten US-Großstadt ohne seriöse Tageszeitung zu werden. Mit "The Public Press" rüstet sich eine unabhängige Redaktion für das mögliche Demokratiedesaster - und will mit einem neuen Geschäftsmodell die freie Presse retten."
Nicht gerade ein bescheidener Anspruch!

Der Hintergrund: Der drohende Untergang des San Francisco Chronicle (vgl. Eintrag "
Mediennutzung - Zeitungen in den USA").
"Der "Chronicle", Auflage 339.000, ist die größte Zeitung der acht Millionen Einwohner umfassenden Metropolregion. [...]
2008 hat der "Chronicle" jeden Monat mehr als eine Million Dollar verloren. Der Hearst-Verlag, dem die Zeitung gehört, erklärte, falls es keinen Ausweg aus dem Kostenstrudel gebe, "werden wir keine andere Wahl haben, als schnell einen Käufer für den 'Chronicle' zu finden oder ihn ganz einzustellen" [...]
In der Redaktion des "Chronicle" herrscht Endzeitstimmung."
Der Chronicle ist bei weitem nicht die einzige US Zeitung, die vom Untergang bedroht ist:
" "Bis 2009 oder 2010 werden manche Ein-Zeitungs-Märkte Null-Zeitungs-Märkte sein", prognostiziert Mike Simonton, Analyst für den Printsektor bei der Ratingagentur Fitch."
(vgl. auch Landkarte der US Zeitungspleiten)
Und die Folge?
" "Der Tod des 'Chronicle' wäre eine Katastrophe", sagt "Public Press"-Chef Stoll. [...] "Es wäre ein demokratisches Desaster"."
Ob es die traditionellen Massenmedien tatsächlich braucht und welche Rolle sie (heute) spielen, wird u.a. hier kontrovers diskutiert.

Einspringen will hier jetzt "The Public Press", ein Projekt von Michael Stoll, auch wenn Stoll "The Public Press" (noch?) nicht als Ersatz einer traditionellen Tageszeitung wie den Chronicle sieht. Stoll ist Dozent für Journalistik an der School of Journalism and Mass Communications der San Jose State University und Initiator dieses Projekts:
"... er selbst ein Medium schaffen, das seinen ambitionierten Qualitätsvorstellungen gerecht wird - und er will ein Geschäftsmodell etablieren, mit dem eine gedruckte Zeitung im Umfeld bröckelnder Anzeigen überleben kann.
Er plant eine Tageszeitung, die keine Anzeigen druckt, die lokal fokussiert ist und auf Boulevardthemen weitgehend verzichtet."
Im FAQ des Projektes liesst es sich dann so:
"A concept for a noncommercial daily newspaper.
It’s owned and operated as a nonprofit charitable organization. 2) It accepts no (or very little!) advertising."
Stoll will das Projekt ausschliesslich über kostenpflichtige Abos, Straßenverkauf und Finanzspritzen philantropischer Wohltäter finanzieren.
"Wenn 50.000 Leser ein Jahresabo zu 100 Dollar kaufen, haben wir fünf Millionen Dollar zur Verfügung, Spenden nicht eingerechnet", sagt Stoll. "Eine schlanke Lokalzeitung ließe sich damit schreiben, drucken und ausliefern."
Damit verabschiedet sich Stoll klar von einer weitgehend durch Werbung finanzierten Zeitung. Wie soll das funktionieren? Sind die 50.000 Vertreter des Milieus der Informationsbohème, wie es Miriam Meckel hier formuliert hat, welche die Zeitung retten soll? Es schreint fast so.
"Stoll hofft darauf, dass Redakteure und Reporter seine journalistischen Ideale honorieren und ihm Starthilfe geben. "Es gibt schon heute massenweise Profi-Journalisten, die ihren Job verloren haben, die aber dennoch darauf brennen, die Geschichte der Stadt zu erzählen", sagt er."
Die Journalisten müssen aber zunächst ohne Lohn arbeiten! Bisher hat "The Public Press" Spenden in Höhe von 26'000$ erhalten - wohl kaum eine Basis für eine erfolgreiche Zeitung, oder doch? Stoll ist jedenfalls von seinem Konzept überzeugt.
Explizit wird es bei "The Public Press" aber keinen 'citizen journalism' (Bürgerjournalismus) geben (insofern ist die Spiegel Online Überschrift etwas irreführend), aber "the paper should reverse-publish selected Web comments, blog posts and reporting." - sagt der FAQ.
" "Die Krise kann Innovationen beschleunigen", sagt er. "Und das jetzige Geschäftsmodell von Tageszeitungen ist definitiv gescheitert." "
Recht hat er!
Also bleibt uns nur, Michael Stoll viel Glück zu wünschen und ein weiteres Projekt auf die Liste der Versuche, die Zeitungen zu retten, zu setzen. Sie wird länger und länger ...

Und der letzte Beitrag auf http://www.public-press.org vom 16.3.2009, 11:22pm, beschäftigt sich mit dem Chronicle: "Public forum on Chronicle to focus on impact of possible closure".




Bildquelle: The Public Press

11. März 2009

Online Zeitung mit 100% Paid Content funktioniert - in Malaysia

Die Diskussion zur Zukunft der Zukunft traditioneller Zeitungen im Zeitalter der digitalen Medien ist oft kontrovers, vorgeschlagene und umgesetzte Lösungen vielfältig.

Die einen wollen traditionelle Zeitungen als den "
Bannwald der Demokratie" staatlich schützen lassen, die anderen sehen den "Untergang der alten Medien-Schweiz" kommen, versuchen sich mit Hybridmodellen oder stellen wie die NYT ihre Inhalte kostenlos der Onlinewelt zur Verfügung. Und hier findet man weitere Beiträge zu diesem Thema.

Zumindest in der westlichen Welt scheint es undenkbar zu sein, eine Online Zeitung ausschliesslich gegen Bezahlung anzubieten.

Aus Malaysia kommt jetzt ein erfolgreiches Beispiel, die News Plattform Malaysiakini. Darüber berichtet die NZZ im 'Fokus der Wirtschaft' vom 10. März 2009: "Wirtschaftlicher Erfolg einer Online-Zeitung". Gegründet 1999, wirft die Online-Zeitung seit vier Jahren einen Betriebsgewinn ab, und das
"... hat interessanterweise (und entgegen dem Trend) vor allem damit zu tun, dass der volle Informationszugang zum «Blatt» gebührenpflichtig ist. Schlagzeilen und das Lead eines Artikels sind kostenlos einsehbar. Das Abo für die vollständige Ausgabe kostet heute 5 US-$ pro Monat, die Zahl der zahlungswilligen Leser hat 20 000 erreicht, Tendenz steigend. Damit erzielt die Firma, die heute 24 Journalisten (davon 7 mit Multimedia-Aufgaben) beschäftigt, allein mit den Gebühren einen Umsatz pro Mitarbeiter von rund 50 000 $."
Dass es dazu gekommen ist, hat nicht nur mit dem spezifischen Medienmarkt in Malaysia zu tun, sondern auch mit zufälligen und glücklichen Entwicklungen: Eigentlich planten die zwei Gründungspartner einen 'richtige' Zeitung als Gegengewicht zu den von der Regierung kontrollierten Medien. Die Lizenz wurde verweigert, allerdings galten die "adminstrativen Zugangs- und Zensurhürden" nicht für das Internet. Anfangs funktionierte das Online New Portal mit kostenlosen Nachrichten dank Werbung gut, die Einführung der Abonnementspflicht musste aber eingeführt werden, als in der Dotcom-Krise die Anzeigen weg blieben. Seitdem Malaysiakini dank einer Finanzspritze auch diese Dursttrecke überlebte, geht es stetig bergauf.
"Doch bezüglich Qualität, Recherche und Vertrauenswürdigkeit steht der Online-Pionier immer noch alleine da. "
Bezahlte Online-Inhalte mit hoher Qualität funktionieren also - zumindest in Malaysia.
"Man darf sich keine Illusionen machen: Dass Malaysiakini so selbstsicher Zugangsgebühren erheben kann, hat mit der hiesigen Medienlandschaft zu tun. Die Konkurrenz, nämlich Print, Fernsehen, Radio und deren Webpräsenz, stehen unter der Knute der Regierung und präsentieren sich entsprechend trostlos."

Weitere Informationen: Das NZZ Video "Blättern und Surfen"

27. Februar 2009

Zeitungen als “Bannwald der Demokratie schützen” !?

Ein Beitrag zur Zeitungs- und Medienkrise ist heute, 27. Feb. 2009, in der NZZ erschienen:


Den Bannwald der Demokratie schützen – Ein Beitrag zur Debatte um die Zeitungs- und Medienkrise“.
Autor ist Norbert Neininger-Schwarz, Verleger und Chefredaktor der Schaffhauser Nachrichten.

In dem Beitrag geht es insbesondere um die Presseförderung und damit notabene um den Ruf nach dem Staat zur Erhaltung der Qualitätspresse. Der Autor knüpft an die Prognosen des NZZ Beitrags von Rainer Stadler vom 21. Feb. 2009 an und kommt – anders als Stadler – zum Schluss, dass zur Rettung der Medienvielfalt (auch) der Staat eingreifen müsse. Weiterhin suggeriert der Beitrag (zumindest indirekt), dass es nur dank staatlich gefestigter Medienvielfalt einen informierten und mündigen Bürger geben kann, der wiederum Basis ist für die direkte und föderalistische Demokratie der Schweiz.


"Was für das Gemeinwesen wichtig ist, muss erhalten werden“
so seine Forderung.
Neininger-Schwarz beklagt, dass im Gegensatz zu anderen Ländern in der Schweiz „strukturelle Vergünstigungen [...] rigoros gekürzt“ wurden.
Aufhorchen lassen den interessierten Beobachter sowohl die Analyse als auch die Vorschläge einer indirekten staatlichen Unterstützung:


„Zum einen muss mit einem anhaltenden Rückgang der Inserateeinnahmen gerechnet werden, zum anderen bedrängen Werbe- und Informationsalternativen das klassische Geschäftsmodell.“
Aha. Auch Stadler schrieb schon vor wenigen Tagen „Die klassischen Erwerbsmöglichkeiten der Medienhäuser scheinen höchst gefährdet.“ Werbe- und Informationsalternativen, gefährdetes Geschäftsmodell? Die Diskussion ist allerdings kaum eine neue! Wie schon im Beitrag „"Der Untergang der alten Medien-Schweiz" - ein kritischer Blick von Rainer Stadler“ angemerkt, sind diese Fragen seit mindestens 15 Jahren ein Thema, z.B. in der wissenschaftlichen Literatur.
Und ich kann mich an ein spannendes Gespräch mit dem Verleger eines regionalen Anzeigenblattes in der Ostschweiz erinnern, in dem der Verleger eben jene Entwicklungen kommen sah – das Gespräch hat 1994 stattgefunden!


Als Unterstützungsmassnahmen des Staates schlägt der Autor u.a. vor:
Unterstützung der Ausbildungsinstitute“: Wer immer damit gemeint ist, als Mitarbeiter einer Bildungseinrichtung kann ich Investitionen in Bildung nur begrüssen. Aber wie stützt das die Medienvielfalt?

Unterstützung der Leserschaftsforschung“: Was soll diese herausfinden, was den Zeitungen wirklich hilft? Dass die Menschen tatsächlich weniger die gedruckte Zeitung lesen und Online-Formate – seien es ‚Zeitungen‘ oder andere Formate – bevorzugen? Über die Mediennutzung in diesem Kontext haben ich auch an dieser Stelle des Öfteren berichtet.


Unterstützung qualitätsfördernder Institutionen“: Ohne zu wissen, was hiermit konkret gemeint ist, bleibt festzustellen, dass das Thema ‚Qualität‘ schön des Öfteren als Rezept vorgeschlagen und thematisiert wurde (Stichwort Qualitätsjournalismus), aber bisher nicht klar wird, mit welchem Geschäftsmodell diese Qualität erreicht und nachhaltig gesichert werden soll.


Auch Miriam Meckel hat sich schon um den Untergang des Informationsbohème (die dürfte wohl dem von Neininger-Schwarz zitierten „wohlinformierten Bürgertum“ ein Stück weit entsprechen) gesorgt ("Zukunft der Zeitung: Das epische Medium"), aber sie hat auch unmissverständlich festgestellt: Wenn bei den Zeitungen alles bleibt wie es ist, dann sind sie tatsächlich dem Untergang geweiht.

Und das scheint die Crux zu sein. Auch der Beitrag von Neininger-Schwarz geht offensichtlich vom Erhalt einer traditionellen Medienlandschaft aus:

Zum einen kommt der Begriff Online erst gar nicht im Beitrag vor
(oder nur indirekt als ‚Informationsalternative‘) und damit auch nicht die Auseinandersetzung mit den Online-Medien; Medienvielfalt scheint also nur Offline möglich zu sein.

Zum anderen deuten Vorschläge für die indirekten staatlichen Eingriffe wie „Verbilligung der Zeitungszustellung“ deutlich darauf hin.


Bei aller Sympathie einer vielfältigen Medienlandschaft – auch in Printform, aber solange man im Jahr 2009 noch so tut, als wären gewisse Phänomene neu und im Übrigen der Finanz- und Wirtschaftskrise eine (Teil-) Schuld an den Entwicklungen zuweist, erweist man der Erhaltung der Medienvielfalt einen Bärendienst.

Bildquelle und ©: S. Hofschlaeger/PIXELIO

19. Februar 2009

'New York Times 2.0' - ein Vorbild für die Branche?

'New York Times goes Web 2.0', und zwar in fast voller Konsequenz. Der "Netzökonom" Holger Schmidt fasst in seinem Beitrag "New York Times und die Revolution im Internet" im F.A.Z. Blog Netzökonom die jüngtsten Entwicklungen bei der NYT zusammen. "Verleger müssen wie Google denken" titelte die F.A.Z. am 3. Feb. 2009 und bezog sich damit auf die Hauptaussage des Medienforschers Jeff Jarvis in einem Interview. Und das tut die NYT jetzt offensichtlich: Sie veröffentlicht Schnittstellen (APIs) zu ihren Inhalten, über die dann jeder im Web auf den entsprechenden NYT Content zugreifen kann: Article Search API, TimesPeople API, Best Sellers API, Movie Reviews API, New York Times Campaign Finance API, etc.

Der Netzökonom fasst es so zusammen:

"Alle Internetseiten können sich darüber mit der New York Times verbinden, deren Inhalte kostenlos in ihre eigenen Seiten einbauen und sie mit anderen Inhalten zu sogenannten Mashups verknüpfen - genauso wie es Google mit seinen Landkarten oder Videos macht. Die New York Times wird also zu einem Anbieter von Daten, die von Maschinen und nicht nur von Menschen gelesen werden können. Nur dann, so die Strategie, können sich die Inhalte wirklich schnell und flächendeckend im Internet verbreiten. "
So weit so gut. Aber erschüttert dieses Vorgehen nicht grundlegend das Geschäftsmodell einer Qualitätszeitung wie der NYT? Wie werden die Inhalte der NYT zukünftig generiert? Wie werden sie finanziert? Wie die Qualität sichergestellt? Fast beiläufig bemerkt der Netzökonom weiter:
"Das löst zwar noch nicht das Problem, wie der Besucherstrom in Erlöse umgewandelt wird, ist aber der bisher ehrgeizigste Ansatz eines Medienhauses, sich im Web 2.0 dauerhaft gegen Powerhäuser wie Google oder Facebook zu behaupten. "
Sicher, ein durchaus spannender Ansatz, der mehr verspricht als so manches absurdes Konzept der Mitbewerber (vgl. z.B. "US Verlage brechen alle Tabus", FTD 7. Feb. 2009). Weitere Beiträge dieses Blogs über Strategien zur Zukunftsicherung von Qualitätszeitungen sind u.a. ""der Freitag" - Erfolg als hybride Qualitätszeitung !?", "Qualitätssteigerung als Mittel gegen den Untergang der Qualitätszeitungen?!", "Die gedruckte Zeitung als episches
Medium mit Zukunft !?", "Unternehmerisch denkende Journalisten als Rettung für den Qualitätsjournalismus?".

Oder ist doch EPIC, "The Evolving Personalized Information Construct", dass 2014 von der Firma Googlezon angeboten wird, die Zukunft? In dem Bericht des Museums of Media History aus dem Jahr 2015 (deutsche Fassung), der die Medienentwicklung rückblickend aufzeigt, klagt die NTY gegen Googlezon (ein Zusammenschluss von Google und Amazon) vor dem obersten amerikanischen Gericht wegen Urheberechtsverletzungen, die NYT verliert, 2014 geht die NYT schlussendlich Offline, ist als gedrucktes Mitteilungsblatt nur noch für "die Elite und die Älteren" verfügbar - hat sich so Miriam Meckel "das epische Medium mit Zukunft" vorgestellt?

Bis 2014 - das sind gerade einmal fünf Jahre ... - Nichts ist spannender als die Zukunft!


Bildquellen:
The New York Times Blog Open
Flashfilm Epic 2015

9. Februar 2009

"der Freitag" - Erfolg als hybride Qualitätszeitung !?

"der Freitag", das ist die Zeitung des Verlegers Jakob Augstein, Sohn des Spiegel-Gründers. Entstanden aus einer ursprünglich ostdeutschen Zeitung names 'Sonntag' (F.A.Z., 26. Mai 2008, "Augstein kauft Freitag") will das Wochenblatt nichts weniger werden als eine "linke F.A.Z.". Sein Untertitel lautet "Das Meinungsmedium", man versteht sich als Qualitätszeitung und kooperiert mit dem englischen "Guardian", vom dem für jede Ausgabe mehrere Artikel übernommen werden sollen. Das Blatt erschien am Donnerstag, 5. Feb. 2009, mit seiner ersten physichen Ausgabe; die Online Ausgabe ist seit Ende Januar 2009 aktiv.

Damit aber nicht genug: "der Freitag" verfolgt ein ambitioniertes Ziel, nämlich

"die Gleichberechtigung von Print und Online. Was heißen soll, dass nicht nur die Zeitung kostenlos ins Netz gestellt wird, sondern Leser sich intensiv an den Debatten beteiligen. Der „Freitag“ möchte Qualitätsjournalismus und Social Networking verbinden und, wenn alles gutgeht, ein Meinungsforum aufbauen, das die Professionalität der Journalisten nutzt für das basisdemokratische Internet und umgekehrt."

(F.A.Z., 7. Jan. 2009: "Ein Wort soll das andere geben")

"Nahezu alle Texte sind mit Internetadressen verknüpft oder verweisen auf die neugestaltete Website der Zeitung (www.freitag.de) Hier sind nicht nur das komplette redaktionelle Angebot und Analysen zu finden, sondern auch Räume für die «Freitag»-Leser. Sie können die Artikel der Redaktoren unter deren Moderation nicht bloss kommentieren, sondern auch eigene Blogs einrichten, von denen die gelungenen Stücke wiederum den Weg in die gedruckte Ausgabe finden sollen."

(NZZ, 6. Jan. 2009; "Für «souveräne Sinnsucher»")
Wie man 'vom Blogger zum Publizisten' bei "der Freitag" wird, zeigt dieses Video: der Freitag - Community.

Mit Hilfe des Online-Angebots will "der Freitag" die jungen Menschen als Leser anziehen, eine Community aufbauen, die - gemäss dem Vorbild Guardian - gut sein soll für das so notwendige Anzeigengeschäft.
Also Qualitätsjournalismus einerseits, kostenloser Online-Content andererseits, dazu das Vorhaben genügend aktive junge Leser binden, die regelmässig eine linksliberale Zeitung lesen und sich aktiv mit den Inhalten auseinandersetzen und somit eine für Werber attraktive Zielgruppe bilden.

Das scheinen wirklich sehr ambitionierte Ziele zu sein!


P.S. Dass man auch bei "der Freitag" den Umgang zwischen Bloggern und Redakteuren erst noch lernen muss, zeigt dieses Beispiel eines entsprechenden Wortgefechts: "Eklat beim Freitag: Redakteurin beleidigt Blogger".

4. Februar 2009

Qualitätssteigerung als Mittel gegen den Untergang der Qualitätszeitungen?!

Das Thema der Qualität von (traditionellen) Zeitungen beschäftigt auch weiterhin die Fachwelt wie auch diesen Blog. (Tags 'Qualitätsjournalismus', 'Zeitungen').

In einer europaweiten Studie des Journalistikprofessors Michael Haller von der Universität Leipzig wird zum einen festgestellt,
"dass die Gratiszeitungen in Europa ein Übergangsmedium sind. Den Zeitungslesermarkt haben sie dennoch bereits nachhaltig beschädigt."

Die Studie wurde im Fachmagazin für Journalismus, Message, Ausgabe 1-2009' (dessen Herausgeber Haller ist) publiziert ("Untergang einer Geschäftsidee"), die NZZ berichtet am 30. Januar 2009 darüber ("Pendlerblätter schaden der ganzen Branche"). Haller entdeckt in der Studie Hinweise,
"dass die Marktverstopfung mit Billigprodukten nun die gesamte Gattung Tageszeitung beschädigt".
Bereits im Februar 2008 hat die NZZ dazu ein Interview mit Haller publiziert: "Die Laufzeit dieses Modells ist begrenzt".
"Haller bestreitet nicht, dass die Tagespresse insbesondere in Frankreich und Italien bereits lange vor der Einführung der Pendlerblätter unter Reichweiten- und Auflagenverlusten litt. Doch seien deren «Schwundraten» seit dem Erfolg der Gratistitel überproportional gestiegen. In Deutschland, wo die Verleger die Gratispresse durch Abwehrstrategien nicht eindringen liessen, seien die Reichweite und die Anzeigenerlöse der Kaufpresse im selben Zeitraum weniger stark zurückgegangen."
Spätestens wenn mobile Geräte mit billigem und einfachem Internet-Zugang sich durchgesetzt haben, werden die Gratisblätter nach Haller wieder verschwinden, da
"das junge Publikum über Online-Plattformen viel besser mit Infotainment bedient werden, als dies heute Gratisblätter zu tun vermöchten."
Demnach sind in spätestens 10 Jahren die Pendlerzeitungen vom Markt verschwunden. Und auch die Frage, was die Qualitätszeitungen gegen diese Entwicklungen unternehmen können, beantwortet Haller:
"Den Verlegern empfiehlt Haller, die klassischen Zeitungen zum hochwertigen Produkt umzubauen, «für das eine Minderheit der Erwachsenen auch den doppelten Preis bezahlen würde». Die Zukunft der Zeitungen liege in der Hand der Verleger: «Stärken sie die publizistische Qualität, oder schwächen sie dieselbe über neue Sparprogramme?», fragt Haller rhetorisch."
So einfach ist das also. Immerhin wird - indirekt - anerkannt, dass Qualitätsjournalismus "richtig Geld kostet", wie schon Miriam Meckel hier festgestellt hat. Aber während Miriam Meckel auch unmissverständlich klar macht, dass die Zeitungen sich ändern müssen, wenn sie überleben wollen, geht Haller nicht weiter auf das Geschäftsmodell für die Zeitung der Zukunft ein - zumindest nach Vorlage der verfügbaren Quellen, die Studie ist leider nicht Online frei verfügbar. Es bleibt also offen, was das Mittel gegen die Auflösung der Grundfeste des Geschäftsmodells der traditionellen (Qualitäts-) Zeitung ist.

Aber die Qualität scheint ein zentraler Schlüssel zu sein, zumindest nach Meinung der Vertreter der traditionellen (Qualitäts-) Zeitungen. Auch auf der DLD (Digital, Life, Design) - Konferenz der Hubert Burda Media von Ende Januar 2009 in München war das ein Thema. Und Hubert Burda stellt genervt fest:

"Wir dachten alle, im Web gäbe es ein gutes Werbemodell", sagte der Verleger, "aber es hat nicht geklappt. Google hat alles verändert."
Also Google ist an Allem schuld. Und die Tatsache, dass man Online kein Geld druch Werbung verdienen kann. So jedenfalls das Fazit gemäss dem Beitrag "Werbekrise: Nur Qualität kann Google schlagen" in Spiegel Online vom 30. Januar 2009. Oder in der F.A.Z. vom 3. Febraur 2009: "Verleger müssen wie Google denken".

Google also als Vorbild für das Überleben des Qualitätsjournalismus, der Qualitätszeitungen? Man darf skeptisch bleiben.

Die Schweizerische Post versucht aber genau das: Die schöne neue Google (Online-) Welt von Google News wird mit der traditonellen, gedruckten Zeitung verknüpft: Im Projekt PersonalNews wir der Leser sein eigenener Chefredakteuer.

"Was ist PersonalNews?
PersonalNews ist, was Sie lesen möchten. Sie bestimmen den Inhalt aus über 20 nationalen und internationalen Zeitungstiteln. Wählen Sie zum Beispiel den Wirtschaftsteil aus Zeitung A und den Sportteil aus Zeitung B. Am nächsten Tag wird Ihnen Ihre persönliche PersonalNews per Post in den Briefkasten oder per E-Mail zugestellt."
(FAQ zu PersonalNews, Beitrag im Medienspielge.ch)
Zumindest bis zum Ende des Pilots Ende Februar 2009. Ein spannender Versuch! Aber eine geeignete Massnahme zur Erhaltung der (Qualitäts-) Zeitung?

Und noch das: Im Magazin 'the Atlantic' fragt Autor Michael Hirschorn: "Can America’s paper of record survive
the death of newsprint? Can journalism? End Times" und zeichnet ein düsteres Bild:


"Regardless of what happens over the next few months, The Times is destined for significant and traumatic change. At some point soon—sooner than most of us think—the print edition, and with it The Times as we know it, will no longer exist. And it will likely have plenty of company."
Die Diskussion über die Entwicklungen und effiziente Massnahmen - wofür oder wogegen auch immer - bleibt spannend!

Bildquelle und ©: Stephanie Hofschläger/PIXELIO