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16. Juli 2018

Das Lädelisterben und die simplen Schuldzuweisungen

Momentaufnahme April 2017:
Leerstände in der stagller Innenstadt
Der stgaller Detailhandel steht vor grossen Herausforderungen, das Thema Lädelisterben ist in aller Munde, und das gilt auch für den Detailhandel anderswo, in der Schweiz und darüber hinaus.
Die schlechten Nachrichten dazu reissen kaum ab, ob Musik Hug, aktuell gleich zwei Schuhläden oder der Finnshop in St. Gallen, die OVS Pleite, ein Einkaufszentrum in Arbon, oder gar die Mall of Switzerland, die erst im November 2017 eröffnet wurde.


Betriebsformen des Handels
Nüchtern betrachtet handelt es sich um einen fortwährenden Strukturwandel im Detailhandel, den es schon immer gab.
Betriebsformen im Handel unterlagen schon immer einer gewissen Dynamik, neue Formate haben bestehende in Bedrängnis gebracht, so haben Supermärkte, Kaufhäuser, Discounter, Fachmärkte oder Drogeriemärkte traditionelle Detailhändler immer wieder in Bedrängnis und gar zum Verschwinden gebracht.

Neu an der gegenwärtigen Entwicklung ist, dass nicht nur ein Flächenformat ein anderes Flächeformat verdrängt, sondern dass vor allem der Onlinehandel traditionelle Handelsformate bedrängt. Deswegen wird der Sturkturwandel durch Leerstände deutlich sichtbar, sichtbarer als früher.

Im Zentrum des Strukturwandels standen und stehen veränderte Kundenbedürfnisse und ein entsprechend angepasstes Kundenverhalten. Das geht bei den vorschnellen und überaus einseitigen Schuldzuweisungen für das Lädelisterben gern vergessen.

Für die einen ist vor allem eine vermeintlich links-grüne Verkehrspolitik schuld:
"Im laufenden Abstimmungskampf um die Mobilitäts-Initiative sind sie ein gewichtiges Thema: die Parkplätze. Für die bürgerlichen Befürworter des Volksbegehrens ist und bleibt ihr Verschwinden aus dem Stadtzentrum eine gewichtige Ursache für das Phänomen, das allgemein als «Lädelisterben» bezeichnet wird." (Tagblatt, 20.2.2018)
Ein Blick auf die verfügbaren freine Parkplätze in der stagller Innenstadt widerlegen dies eindeutig. Und wenn es vermeintlich tatsächlich an den Parkplätzen bzw. der Verkehrspolitik liegt, wie ist es dann zu erklären, das Shoppingcenter mit eigenen Parkhäusern in der Schweiz vor Problemen stehen oder dass in den USA mit einer definitiv mehr als autofreundlichen Verkehrspolitik reihenweise Detailhändler und grosse Malls zumachen müssen.

Für die anderen sind es die profitgierigen Vermieter, denen man am besten eine Strafabgabe für leer stehende Läden aufbrummen sollte, Marcel Baur hat dies treffend als Palliative Care by SP bezeichnet. Darüber hinaus berichtetet der Tagesanzeiger vor wenigen Tagen: Erstmals fallen die Ladenmieten an bester Lage. (paywall)

Beides ist natürlich, gelinde gesagt, Blödsinn - und ignoriert völlig sowohl die Konsumten sowie die Vielschichtigkeit des Themas. Das Lädelisterben und der Strukturwandel haben zahlreiche Gründe, deren vernünftige öffentliche Diskussion heute aber kaum möglich scheint.

Anstatt zu jammern und die Schuld ausnahmslos bei den anderen zu suchen, wäre die gemeinesame Suche nach konstruktiven Ideen und Lösungen sinnvoll und hilfreich, davon spürt man aber bis auf wenige Ausnahmen kaum etwas.

Ein konkreter Weg, der auch in St. Gallen umgesetzt wird, sind die sog. Pop-Up-Shops (Geschäfte auf Zeit), die kommen und gehen. Das Konzept mag denen, die eine stabile Struktur von alt eingesessenen Läden (wie z.B. Zollibolli in St. Gallen) bevorzugen, massiv gegen den Strich gehen. Andererseits entsprechen Pop-Up-Shops möglicherweise genau dem aktuellen Zeitgeist des schnell wechselnden Konsums und der Always Beta Kultur.

Ein ganz anderer Weg ist die Neudefinition des Ladenlokals. Immer noch wird das Ladenlokal vorwiegend als Verkaufsfläche verstanden, möglichst vollgepackt mit Waren, die Fläche muss ja ausgenutzt werden. Als Konsument fühlt man sich nicht selten eher in einem begehbaren Lager als in einem Verkaufsraum - nicht zuletzt die Discounter haben das Konzept hoffähig gemacht. Nicht nur einst reine Onlinehändler wie Digitec zeigen uns, dass das Ladenlokal durchaus auch heute noch Sinn macht. Auch der Zürcher Brillenhersteller Viu kombiniert On- und Offline geschickt als komplementäre Ergänzung - anstatt immer noch von Kanälen, egal ob Multi- oder Omni-Channel) zu reden:
"Der Laden ist viel mehr Bühne statt Lager" (NZZ 22.8.2017)
Technologieanbieter wie Hointer aus den USA zeigen ebenfalls Wege auf, wie die Ladenfläche neu interpretiert werden kann.

Über die Nutzung der Landenffläche hinaus geht es in einem grösseren Zusammenhang aber auch darum, wie wir es schaffen, Innenstädte (wieder) zu Begegnungszonen zu machen, auch nach Ladenschluss und am Wochenende. Es stellt sich also die Frage, welche Rolle der öffentliche Raum im Onlinezeitalter noch haben soll, und kann. Auch McKinsey macht sich Gedanken, wie man den urbanen Lebensraum revitalisieren kann.

Sicher, niemand kann wissen, welche Konzepte sich druchsetzten werden, soll heissen vom den Konsumenten und Bewohnern akzeptiert werden. Sicher ist nur, dass der- oder diejenige, die den Kopf in den Sand steckt getreu dem Motto weiter so wie bisher über kurz oder lang von der Bildfläche verschwinden wird.
Sich am Kunden orientieren, mit neuen Formaten experimentieren und offen sein für Innovationen, das macht unternehmerisches Handeln aus und würde auch dem Detailhandel gut tun.

(Lesenempfehlung:
Kundenorientierung, Wachstum, Experimentierfreude - Schlüsselfaktoren für Amazons Erfolg)




14. April 2018

Quellen der Klimaskeptiker - wen interessiert schon eine seriöse Recherche

In der BAZ Online erscheint gestern der Artikel Klimaskepsis am Ägerisee - Ein neues Forschungsinstitut tritt der These der vom Menschen verursachten Erderwärmung entgegen.

Wow, ein neues Forschungsinstitut zum Klimawandel, dazu noch in der Schweiz. Das muss ja seriös sein.

Und gewisse Politiker sehen einmal mehr ihre Skepsis gegenüber dem Klimawandel bestätigt. Und sie lassen die (Twitter-) Welt an ihren Erkenntnissen sogleich teilhaben. Retweets und Likes folgen prompt. Der Artikel passt ins Wetlbild, egal auf welchen Quellen er beruht. Augen zu und durch. Der immer gleiche Mechanismus.


Tweet von @ReneTruninger
(Screenshot 14.4.2018, 11:00)

Aber wer hat sich einaml tatsächlich mit den Hintergründen des Artikels beschäftigt? Offenbar nicht einmal der Autor des Beitrags. Denn dann wäre ihm so einiges aufgefallen, wass zumindest die Glaubwürdigkeit der Aussagen des erhabenen Instituts in Frage stellen könnte - ein seröser Beitrag sieht anders aus.

1. Das Institut ist eigentlich ein Netzwerk von Forschern, die offenbar zumindest teilweise anderswo unter Vertrag stehen:
"Wer beim Institut mitmacht, tut das – zumindest bisher – ehrenamtlich. Denn über wesentliche finanzielle Mittel verfügt dieses noch nicht. Dank mo­derner Kommunikation ist es für die Beteiligten auch nicht nötig, sich physisch am Ägerisee aufzuhalten. Das Institut ist eine Art Netzwerk gleichge­sinnter Forscher."
Wobei es gemäss Website lediglich zwei Wissenschaftler gibt: den Leiter des Instituts, Dr. Hans-J. Dammschneider, sowie Dr. habil. Sebastian Lüning. Von einem Netzwerk würde ich hier ehrlich gesagt noch nicht sprechen, aber seis drum.

2. Der Artikel suggeriet wissenschaftliche Argumente des Instituts, was haben die Forscher des Instituts also wissenschaftlich anerkannt publiziert?
Hans-J. Dammschneider hat gemäss Google Scholar genau 10 Einträge (!), wobei nicht alle die Person des Institutsleiters betreffen. Er findet also faktisch in der wissenschaftlichen Gemeinschaft nicht statt. Bei Sebastian Lüning sieht das tatsächlich anders aus; sein Score bei Researchgate ist in der Tat relativ beachtlich, was auf eine gewisse Relevanz seiner Arbeit schliessen lässt - die der allerdings nicht immer im Namen des Instituts publiziet.

3. Schaut man sich die Schriftenreihe des Instituts an, findet man dort 5 Publikationen, davon zwei (mit Zeitangabe 2017) "in Vorbereitung". Online ist eine dieser Publikationen. Ein Blick in die Publikation zeigt erstaunliches. Ganz am Anfang heisst es:
"Das Buch ist sorgfältig erarbeitet. Dennoch übernimmt der Autor, der Verlag und der Herausgeber in keinem Fall für die Richtigkeit von Angaben, Hinweisen und Ratschlägen sowie für eventuelle Druckfehler irgendeine Haftung". (Fettdruck nicht im Orignal enthalten)
Traut der Autor seiner eigenen Forschung nicht?

Und am Ende liesst man auf S. 35:
"Der Verfasser nimmt bewusst keine rechnerisch-statistischen Korrelationen zwischen den ozeanischen Zyklen und den Trends der europäischen Lufttemperaturen vor. Es erfolgt ausschliesslich eine rein grafische Gegenüberstellung des Verlaufs der kombinierten PDO/AMO (nach Zeitabschnitten) mit jenen der Lufttemperaturen festländischer Stationen in Europa bzw. Nordamerika.
[...]
Es erfolgt also, wie bereits betont, keine rechnerische Korrelation, sondern ein rein grafischer Vergleich … die „Enge“ einer Beziehung herzustellen, wird bewusst dem Auge des Betrachters überlassen.
Hiermit wird kein Ursache-Wirkung-Vergleich durchgeführt, sondern ausschliesslich dargestellt, dass es eine Beziehung zwischen den ozeanischen Zyklen und den Lufttemperaturen Europas gibt." (Fettdruck nicht im Orignal enthalten)
Heisst das jetzt, dass ich als Leser die Grafiken, deren Ursprung ich mangels Quellenangabe nicht nachvollziehen kann, optisch vergleichen und meine eigenen Schlüsse ziehen soll? Oder was habe ich da nicht verstanden?

Am Ende des Buchs findet man auf viereinhalb Seiten Literaturverweise, nur sind die allerwenigsten davon im Text selber referenzert. Im Text werden Grafiken ohne Quellenangaben verwendet. Und der Autor setzt sich intensiv mit einem Wikipediaeintrag auseinander, freilich ohne diesen zu referenzieren, insbesondere nicht die Version des Eintrags. Es wird der Nachrichtensender N24 zitiert, auch hier ohne Datumsangabe, der zugehörige Eintrag im Literaturverzeichnis fehlt aber. Etc. pp.

Sorry, aber mit Wissenschaft hat das rein gar nichts zu tun.

Wie steht so schön im Artikel:
"Denn nur, wer selber eine wissenschaftliche Leistung bringe, habe die Chance, ernst genommen zu werden."
4. Im Artikel wird erwähnt, dass das Institut nicht auf grosse finanzielle Mittel zurückgreifen kann. Ein Blick ins Handelsregister zeigt, womit der Institutsgründer in der Hauptsache seine Brötchen verdient. An der Adresse des Instituts sind zwei Firmen eingetragen: Interior Design Contract GmbH und My Swiss Made, Dr. Dammschneider. Beide haben offenbar mit Klimaforschung wenig zu tun.

Ein Ausweis für Qualitätsjournalismus ist dieser Artikel sicher nicht.

Letzendlich erweisst der Artikel den Skeptikern des Klimawandels ein Bärendienst.



(vgl. zum Thema auch den Beitrag Informations- und Medienkompetenz: eine Schlüsselqualifikation - auch und besonders für Nationalräte)
Bildquelle: flickr.com/mellyjean (CC Lizenz) 



28. Dezember 2017

Über die Vergänglichkeit neuer Medien

Schillers sämtliche Werke, 5. Band, 1856.
Kürzlich hielt ich die gesammelten Werke von Friedrich Schiller in den Händen, eine gedruckte Ausgabe von 1856, also 161 jahre alt. Der Zugriff auf den Inhalt war kein Problem und ohne Zeitverzögerung möglich.

Diese Begegnung mit totem Holz, wie einige Zeitgenossen gedruckte Bücher etwas despektierlich bezeichnen, machte mir wieder einmal klar, wie vergänglich doch unsere neuen, digitalen (Speicher-) Medien sind.

Die 161 Jahre alte Schillerausgabe ist allerdings nichts gegen die alten Handschriften in der stgaller Stiftsbibliothek. Die ältesten handschriftlichen Dokumente reichen bis in die Mitte des 8. Jahrhunderts zurück. Mit etwas Übung ist man auch in der Lage, diese Dokumente zu entziffern und zu verstehen, sofern man des Latainischen mächtig ist.
Sicher, inzwiwschen sind ein Teil dieser historischen Dokumente digitalisiert und damit Online verfügbar, aber die Langzeitarchivierung auf Papier, in diesem Fall bereits über 1000 Jahre, ist unschlagbar.

5.25″ und 3.5"- Disketten
Wie vergänglich unsere digitalen Speichermeiden sind, zeigt sich anhand meiner eigenen Erfahrungen.

Als ich mit meinem ersten Homecomputer begann zu programmieren, wurden die Daten noch auf einer Kompaktkassette via Kassettenrecorder gespeichert. Das war so in etwas um 1980 herum.
Im Studium benutze ich dann den ersten richtigen MS-DOS PC, die Daten wurden auf Disketten als externes Speichermedium gespeichert. Die 5.25″-Disketten fassten immerhin 1'200 kB (!) - das reichte tatsächlich für meine Diplomarbeit. Meine Diss habe ich dann auf einer 3.5″-Diskette extern gespeichert, max. Kapazität 2'880 kB (also 2.8 MB). Später dann migrierte ich meine Daten auf CD's, die auch noch irgendwo schlummern. Und aktuell sind die allermeisten meiner Daten in der Cloud.

Aber mehr als anschauen kann ich diese Medien leider nicht. Ein Zugriff auf die Informationen wäre nur möglich, wenn ich irgendwo ein entsprechendes Disketten- oder CD-Laufwerk auftreiben könnte.  Und ob die alten Datenträger überhaupt noch lesbar sind, ich weiss es nicht. Ganz im Gegensatz zu den oben erwähnten analogen Medien, auf die ein sofortiger Zugriff möglich ist.

Es ist durchaus offen, mit welchen Strategien die Unmenge von Daten, die wir heute produzieren, langfristig gesichert werden können. Das digitale Vergessen ist eine grosse Herausforderung der heutigen Zeit. Nicht zuletzt die leider zahlreichen toten Links in diesem Blog zeugen von der Vergänglichkeit unserer digitalen Medien.




8. Dezember 2017

Der Wandel der Kundenschnittstelle bei den Banken

(flickr.com/yaili, CC BY-NC-ND)
Vor einigen Tagen hatte ich im Rahmen meines Kurses eBusiness an der FHS St. Gallen einen Gastvortrag von Peter Büchi von der St.Galler Kantonalbank zu Entwicklungen im Kontext Digital Banking.

Während des Vortrags kam mir die Frage in den Sinn, was von der klassischen Retailbank in der digitalen Welt noch bleibt?

Ich kann mich an die analoge Kundenschnittstelle in der Bankenwelt noch gut erinnern: Zum Geldabheben, für Überweisungen oder für Kontoauszüge musste ich zur Zweigstelle meiner Bank. Es bestand eine echte Beziehung zwischen Bank und Kunde.

Als Student habe ich Geld verdient, indem ich Kunden auf die neue Möglichkeit der Geldausgabeautomaten hingewiesen und ihnen die Funktionsweise vorgeführt habe. Das war der erste Schritt der Automatisierung der Kundenschnittstelle. Lang lang ist’s her!

Und heute? 
Die Kundenschnittstelle ist weitgehend digitalisiert. Der Besuch in einer Bankfiliale ist heute schlichtweg nicht mehr nötig, zumindest nicht für die täglichen Bankgeschäfte rund um den Zahlungsverkehr. Aber selbst komplexere Geschäfte wie der Abschluss einer Hypothek funktioniert heute Online, und auch für das Onboarding neuer Kunden ist ein Besuch in der Filiale nicht mehr zwingend. Notabene verschwinden zusehends auch die Bankfilialen.

Die Twint Apps der Banken
(Twint, 8.12.2017)
Noch ist die Hausbank an der digitalen Kundenschnittstelle wenigstens mit ihrem Logo präsent, sei es im eBanking oder z.B. in der Twint-App der Hausbank. Aber wie lange noch?

Dank API- und Open-Banking ist absehbar, dass wir Kunden bald über einen Drittanbieter auf unsere Konti zugreifen können, die jeweilige Bank wird dann faktisch kaum mehr wahrnehmbar sein.

API- und Open-Banking – eine neue Idee? Nicht ganz. Das Projekt TeleCounter hat bereits 1994 genau das vorgeschlagen, prototypisch implementiert und auf der Basis von UN/EDIFACT als Pilot getestet.


Schmid et al., 1995, S. 28*

Schmid, B., Drava, R., Kuhn, C., Mausberg, P., Meli, H., & Zimmermann, H.-D. (1995). Electronic Mall: Banking und Shopping in globalen Netzen. Stuttgart: Teubner.

21. November 2017

Kundenorientierung sieht anders aus: Wie Twint seine Kunden vergrault und bevormundet

(flickr/Mike Mozart CC BY 2.0)
Über mobiles Bezahlen in der Schweiz und insbesondere Twint wurde in den letzten Tagen so einiges geschrieben. Das Transaktionsvolumen über Mobile Payment liegt in der Schweiz bei einem Marktanteil von ca. 0.2 Prozent. Immerhin, Markführer in diesem noch sehr kleinen Segment ist die Schweizerische Lösung Twint mit einem Anteil von 40% bei denjenigen Kunden, die eine mobile Payment App eines Drittanbieters, also nicht die eines Händlers, nutzen. Sicher, Twint hat seine positiven Seiten; drüben bei Carpathia.ch kam man kürzlich zum Schluss: TWINTs wahrer Wert oder das Bankkonto wird endlich online «handlungsfähig».

Als Kunde erwarte ich, dass ich auch über die mobile Zahlungsapp gemäss meiner Zahlungspräferenzen zahlen kann. Als UBS-Kunde und Nutzer der UBS Twint App musste ich aber leider feststellen, dass Kundenorientierung beim Service Design offenbar nicht an vorderster Stelle stand.

Ich nutze (besser nutzte) Twint primär zum bezahlen, im Onlinehandel, wenn angeboten, und auch ab und zu Offline, aber kaum für Peer-to-Peer Zahlungen. Sicher, der Zahlungsvorgang am POS dauert relativ lange im Vergleich zur NFC-fähigen Kreditkarte, aber immerhin ist beim Coop dann gleich die Supercardnummer erfasst, wenigstend etwas. Da ich seit Jahren die Zahlung per Kreditkarte bevorzuge, habe ich diese auch bei Twint hinterlegt, und nicht mein UBS Konto.

Aber dann die Überraschung: Irgendwann im Laufe eines Monats heisst es, dass die Kreditlimite erreicht sei. Diese liegt bei der UBS Twint App bei 500 Franken. Es wird angeboten die Limite zu erhöhen - aber nur, wenn ich das Bankkonto hinterlege! Liebe UBS, was soll das? Ich empfinde dies schlichtweg als Bervormundung!

Ich habe meinen Unmut per Twitter geäussert und bei der UBS per email nachgefragt. Die Antworten blieben leider mehrt als unbefriedigend:

Antwort der UBS eBaning Hotline per email vom 17.11.2017

Wiebitte? Entwickler legen die Limite fest?
"Das festgelegte Limit von CHF 500.- bei Hinterlegung einer Kreditkarte als Belastungskonto ist ein Entscheid der Entwickler."

Nach erneuter Nachfrage nach detaillierteren Informationen erhielt ich folgende Antwort:

Antwort der UBS eBaning Hotline per email vom 21.11.2017
"Diese Limite für Kreditkarten wird aus Sicherheitsgründen so festgesetzt."
Warum denn das? Wovor will mich die UBS genau schützen? Für mich ist das schlichtweg nicht nachvollziehbar. Die Kreditkarte ist keine Karte der UBS, der Kartenherausgeber hat mir eine Limite eingeräumt, die über der Limite für die UBS Twint App mit hinterlegtem UBS Konto von 3000 Fr. liegt. Was sind das also für Sicherheitsgründe? Warum kann die Limite für Kreditkarten nicht gleich hoch sein wie die für ein UBS Konto? Was habe ich hier nicht verstanden? Darauf gab's bisher leider keien Antwort.

Schade. Aber als Kunde fühle ich mich nach wie vor bevormundet und ich werde das Gefühl nicht los, man will mich dazu drängen, mein UBS Konto zu hinterlegen. Wenn ich das aber nicht will? Egal aus welchen Gründen? Nein, jetzt erst recht nicht.

Mit der NFC-fähigen Kreditkarte habe ich am Offline POS und mit Kreditkarte oder Paypal beim Onlinehandel zum Glück einfach funktionierde Alternativen.





11. November 2017

Business Models for the Digital Economy - AMCIS 2018 Mini-Track

Inzwischen zum 19. Mal organisiere ich den Minitrack „Business Models for the Digital Economy“ im Rahmen der Americas Conference on Information Systems (AMCIS).  Die AMCIS 2018 findet statt vom 16.-18. August 2018 in New  Orleans, USA .

Inhaltlich thematisiert der Minitrack vor allem neue und innovative Formen der Wertschöpfung in der Digital Economy:
"This mini-track serves as a forum for the presentation and discussion of new and innovative approaches to business models for coping with the challenges of the digital economy and digital transformation of businesses, and beyond. We consider an economy based on the digitization of information and the respective information and communication infrastructure as the digital economy. These developments are creating and are requiring new types of business models. Value creation processes and structures will be altered radically and may be disruptive, new types of products, as well as services, are emerging. New technologies, such as blockchain or conversational interfaces, are important enablers. Therefore, this mini-track addresses all topics concerned with the analysis, design, development, implementation, evaluation, and control of future business models for the creation of economic value in the digital economy from a communication, organizational, business, economic, and managerial perspective applying a theoretical, conceptual, or practical approach."

Hier geht's zum Call for Papers.

Die Website enthält die publizierten Beiträge aller bisherigen Minitracks.

Hintergrund zur AMCIS:
"AMCIS, a preeminent information systems research conference, conducted under the auspices of the Association for Information Systems (AIS), attracts 1000 or more attendees from North America, as well as other regions of the world. The conference program includes research paper presentations, panel discussions, keynotes, doctoral student consortium, and a camp for early-stage IS faculty. This year’s theme, A Tradition of Innovation, reflects the program chairs’ desire to highlight IS studies that build on previously-reported research and IS studies that take innovative new methodological or theoretical directions and address emerging technology challenges to strengthen or extend existing theories and propose new theories."



Bildquelle: AMCIS 2018

29. Oktober 2017

#stadtsache - Ein Konzept für die Kinder und Jugendbeteiligung


(Bildquelle stadtsache.de)
Durch einen Tweet und den Artikel bei Spiegel Online wurde ich heute auf #stadtsache aufmerksam. Nachdem ich mich seit längerem selbst mit der Thematik der eParticipation und insbesondere der  Einbindung von Kindern- und Jugendlichen in die politische Arbeit einer Gemeinde beschäftige und auch einige praktische Erfahrungen sammeln durfte, hat mich #stadtsache sofort interessiert.

Die Idee von #stadtsache klingt vielversprechend:
#stadtsache macht Kinder und Jugendliche als Stadtexperten in eigener Sache sichtbar und verstärkt ihre Identität im Stadtteil. (Quelle: stadtsache.de)
Das crossmediale Projekt will eine Erweiterung der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in die digitale Welt sein.

Die Motivation hinter dem Projekt kann ich nur unterstützen:
Wir wissen immer noch zu wenig darüber, wie Jugendliche und Kinder ihre Stadt wahrnehmen. Mit #stadtsache als Werkzeug und den richtigen Fragen können wertvolle Erkenntnisse über die Funktion und die Bedeutung des öffentlichen Raums für Kinder und Jugendliche gewonnen werden.
Im Zentrum steht eine App:
Die App #stadtsache ist ein innovatives Werkzeug, um Fotos, Töne, Videos zu sammeln, Wege aufzuzeichnen und Dinge zu zählen. Die Ergebnisse lassen sich bestimmten Aufgaben und Aktionen zuordnen und dadurch mit anderen Nutzern der App teilen. So entsteht nach und nach eine Karte, die Kinder und Jugendliche als Stadtexperten sichtbar macht.
 #stadtsache ist aber nicht nur eine App, sonder wird durch ein Workbook ergänzt, das die Kreativität der Nutzer unterstützen soll: „Jetzt ent­decke ich mei­ne Stadt“.

Vom der Stadterkundung zum
Kinderstadtplan (Quelle)
Die Plätze und Orte, die Kinder und Jugendliche besonders schätzen und empfehlen, können in einem digitalen oder analogen Kinderstadtplan von Kindern für Kinder präsentiert werden.

Und offenbar gibt es auch noch ergäzendes Projektmaterial mit vielen Tipps und Ideen für Personen, die mit Kinder und Jugendlichen arbeiten möchten. Ausserdem gibt es Informationen für Kommunen, die mit #stadtsache arbeiten möchten.

On- und Offline Elemente werden also gezielt kombiniert; dies war auch unser Credo beim Projekt JugendMachtPolitik.

Auf den ersten Blick erscheint mit das Projekt #stadtsache gut durchdacht zu sein. Erfolg kann es aber nur haben, wenn z.B. Schulen oder die Jugendarbeit diese Werkzeuge aktiv einsetzen. Einen Einsatz in der Grund- bzw. Primarschule kann ich mir sehr gut vorstellen.


#stadtsache Kooperation (Quelle)


Das #stadtsache Modell (Quelle)

Gemäss der AGB ist eine Teilnahme ab 13 Jahren ohne Zustimmung der Eltern erlaubt; allerdings ist bei der Registrierung keine Altersangabe erforderlich.



6. Oktober 2017

"Eine Beteiligungs-App macht noch keine Bürgerbeteiligung" - eine Replik

(Bildquelle: citizenlab.co)
Auf dem Blog von polit@ktiv erschien gestern der Beitrag Eine Beteiligungs-App macht noch keine Bürgerbeteiligung. Er bezieht sich auf den Artikel Bürgerbeteiligung mit dem Smartphone: Die Tübinger dürfen app-stimmen im Schwäbischen Tagblatt aus Tübingen.

Ich schätze die Arbeit von Politaktiv, einer zivilgesellschaftlichen Initiative, die sich mit viel Engagement der Bürgerbeteiligung verschrieben hat und die ich seit ihrem Entstehen verfolge und auch schon an Veranstaltungen referieren durfte, sehr, möchte aber in einer Replik dem Blogbeitrag widersprechen. Dies, nachdem ich selbst bis Frühjahr dieses Jahres in ein ePartizipationsprojekt (mit Fokus auf Kinder und Jugendliche) involviert war. Auch in diesem Projekt spielte eine für die mobile Anwendung optimierte Website eine wichtige Rolle.
"Für gute Bürgerbeteiligung braucht man keine Beteiligungs-App. Statt auf sachorientierte Dialoge und zielgruppenspezifische Konzepte zu setzen, wird eine technische Lösung entwickelt, die letztlich nur ein Feigenblatt kommunaler Mitbestimmung sein kann."
So beginnt der Blogbeitrag und gibt den Tenor vor. Auch wenn es möglicherweise nicht so absolut gemeint ist, so finde ich diese Einschätzung doch sehr pessimistisch und negativ, ja sogar kontraporduktiv. Im Beitrag werden fünf Aspekte zur Begründung aufgeführt, die ich kurz kommentieren möchte.
"Fazit 1: Statt spezifischen Lösungen beschränkt sich eine Beteiligung per App auf „One-Size-Fits-All“, d.h. eine Beteiligung umfasst grundsätzlich (nur) all jene, die die App besitzen."
Ich glaube kaum, dass traditionelle Bürgerbeteiligungsformate mehr Menschen zur aktiven Teilhabe auf den verschiedenen Stufen der Partizipation motivieren können als eine - gut gemachte - App bzw. mobile optimierte Website.
"Fazit 2: Umfassende Informationen laufen dem Prinzip einer App entgegen."  
Hiermit wird insinuiert, dass man sich per App bzw. Smartphone nicht umfassend informieren kann, was zumindest meiner Erfahrung diametral widerspricht. Sich nicht zu informieren hängt sicher nicht vom benutzen Medium ab. Sicher, gewissen Dokumente, wie etwa umfangreiche Pläne, lassen sich auf einem Smartphone weniger gut betrachten als auf einem PC Bildschirm oder im ausgedruckter Version. Ich persönlich fühle mich umfassend informiert, obwohl ich vorwiegend Apps auf dem Smartphone z.B. während des Pendelns im öV dafür nutze. Notabene habe ich auch die Beiträge, um die es hier geht, via App während einer Zugfahrt gelesen...
"Fazit 3: Eine App eignet sich nicht dafür, gestalterisch in Dialoge einzugreifen und diese zu strukturieren. Man denke an WhatsApp-Gruppen, in denen schnell unklar wird, wer was wann gesagt hat und welche Argumente bereits eingebracht wurden."
Wie auch in dem von mir mitentwickelten Leitfaden zur Einbindung von Kindern- und Jugendlichen in die politische Arbeit einer Gemeinde nachzulesen ist, können Onlineformate bestehende Offlineformate der Partizipation sinnvoll ergänzen und unterstützen sowie neue Formen der Partizipation ermöglichen - immer abhängig von der gewählten Stufe der Partizipation. Den Dialog via Smartphone kategorisch auszuschliessen halte ich schlichtweg für kontraproduktiv.
"Fazit 4: Eine App bietet lediglich eine oberflächliche Meinungsabfrage."
Wie gesagt, es hängt von der Zielsetzung der Partizipation ab, ob eine App sinnvoll genutzt werden kann. Im Handbuch für offene gesellschaftliche Innovation* haben wir Kriterien für den Einsatz von Tools für offene, gesellschaftliche Innovation - wozu auch die Partizipation zählt - entwickelt; so hängt die Auswahl von Werkzeugen u.a. ab von der Phase der Innovation (bzw. Partizipation), dem Grad der Interaktion und den Aspekten von Raum und Zeit. Eine Meinungsabfrage per se als oberflächlich zu werten, finde ich ebenfalls kontraproduktiv.
"Fazit 5: Eine Abstimmung per App fördert Polarisierung statt Dialog."
Ja, möglicherweise, aber sicher nicht zwingend. Ich halte Onlineabstimmungen durchaus für ein Instrument, um im Rahmen der Partizipation Meinungsbilder zu erhalten, die alternativ kaum verfügbar wären.
"Fazit: Eine Beteiligungs-App führt nicht zu guter BürgerbeteiligungEine Beteiligungs-App kann gute Bürgerbeteiligung nicht ersetzen. Sie macht sie auch per se nicht besser. Warum soll sie dann zum Einsatz kommen?"
Nein, eine App alleine macht noch keine gute - was heisst hier gut? - Bürgerbeteiligung. Und durch eine App die Bürgerbeteiligung ersetzen will sicher auch niemand, der sich seriös mit Partizipation beschäftigt. Aber eine App bzw. ein geeignetes Onlineformat kann Partizipationsverfahren ganz sicher bereichern! Apps bzw. Onlineformate kategorisch als Instrument auszuschliessen, ist kontraproduktiv und passt schlichtweg nicht ins Jahr 2017.

Zur Auswahl geeigneter Online-Werkzeuge im Rahmen der Kinder- und Jugendpartizipation möchte ich nochmals auf den Leitfaden zur Einbindung von Kindern- und Jugendlichen in die politische Arbeit einer Gemeinde hinweisen, insbesondere auf die Seite 22: Konkretisierung des ePartizipations-Formats:

Leitfaden zur Einbindung von Kindern- und Jugendlichen
in die politische Arbeit einer Gemeinde
, S. 22

Zum Hintergrund:
eParticipation für Kinder und Jugendliche - Motivation aus Sicht der Forschung

* Raffl, C., von Lucke, J., Müller, O., Zimmermann, H.-D., & vom Brocke, J. (2014). Handbuch für offene gesellschaftliche Innovation. Beiträge des Forschungsprojektes der Internationalen Bodensee-Hochschule „eSociety Bodensee 2020“ zur offenen gesellschaftlichen Innovation. Friedrichshafen: ePubli, S. 129-171. 


1. Oktober 2017

Wenn Regulierungen aus einer anderen Zeit Innovationen behindern

(Bildquelle)
Gemeinschaften geben sich Regeln für das Zusammenleben, diese Regulierungen gelten für alle Mitglieder der Gemeinschaft, so funktioniert ein Staat, so weit so gut. Allerdings sind Regeln und notabene Regulierungen kein Selbstzweck, sie sind nicht in Stein gemeisselt und sollten regelmässig auf den Prüfstand um festzustellen, ob die Regeln noch sinnvoll sind.

Schaut man sich aktuelle Entwicklungen im Onlinebereich an, so haben neue Online-basierte Geschäftsmodelle ganz offenbar so ihre Schwierigkwiten mit den bestehenden Regeln, ob AirBnB, Uber oder Kryptowährungen, irgendwie passen die Regeln nicht mehr wirklich zu den neuen Entwicklungen. Deswegen sollten solche Regeln, also die Regulierungen, unvoreingenommen auf den Prüfstand, um festzustellen, ob die Regeln tatsächlich noch der Zeit entsprechen und zum Wohl aller Mitglieder der Gemeinschaft dienen. Das Gleiche gilt natürlich auch für die neuen Geschäftsmodelle.

Häufig passiert aber genau das Gegenteil: Bestehende teils uralte Regulierungen werden zum Bestandsschutz missbraucht, neue Geschäftsmodelle werden pauschal als schädlich oder böse gebrandmarkt, Innovationen werden behindert oder gar verunmöglicht.

Zwei Beispiele aus der Taxibranche sollen die Fragwürdigkeit von Regulierungen illustrieren:

Wer kennt sie nicht, die Strassenbilder aus New York, auf denen die gelben Taxen dominieren. Aber warum sind eigentlich alle Taxen gelb in New York? Ganz einfach, die Farbe der Taxen ist gesetzlich reguliert, auch noch im Jahre 2017. Basierend auf einem Gesetz von 1937 ist seit 1968 die Farbe Dupont M6284 or its equivalent für Taxen in New York vorgeschrieben.

Auch in Deutschland gilt nach wie vor im Jahr 2017 die Verordnung, das die Farbe RAL 1015 des Farbtonregisters RAL 840 HR des Ausschusses für Lieferbedingungen und Gütesicherung (RAL) beim Deutschen Normenausschuß für Taxen vorschreibt. Die Vorschrift wurde in einigen Bundesländern inzwischen aufgehoben.

Nicht zu vergessen, dass ein Taxi durch ein auf dem Dach der Taxe quer zur Fahrtrichtung angebrachtes, von innen beleuchtbares, auf der Vorderseite und auf der Rückseite mit der Aufschrift "Taxi" versehenes Schild (Taxischild) nach Anlage 1 kenntlich gemacht werden muss (§26 BOKraft).

Und bevor ein Missverständnis aufkommt: Die der Personenbeförderung dienenden Fahrzeuge müssen mindestens zwei Achsen und vier Räder haben (§17 BOKraft).

Die entsprechene Verordnung wurde erstmals 1939 erlassen.

Kann es sein, das nicht alle Gesetze und Verordnungen, die unser Zusammenleben heute regeln, wirklich notwendig und auf der Höhe der Zeit sind? 


17. September 2017

Methodischer Optimismus - was der Detailhandel von Hernán Cortés lernen kann

Cortés versenkt seine Schiffe
(Wikipedia)
Beim Tagblatt findet man heute den Artikel Ladensterben: Ratlos in der Einkaufsmeile. Es geht einmal mehr um das Ladensterben - und den Onlinehandel, der als Haupschuldiger, neben dem Einkaufstourismus, identifiziert wird.
"Noch wissen die Detailhändler nicht, wie sie ihm begegnen sollen."
Es gibt auf Facebook dazu passend eine Gruppe zur Trauerbewältigung - auch wenn das Ziel der Gruppe ein anderes ist.

Die Ratlosigkeit wird schon im Anriss deutlich. Und etwas ratlos machen mich einige der zentralen Aussagen im Text selber.

Wie aus einer anderen Zeit klingt der erste Satz im Text, der die Reaktion eines Detailhändlers wiedergibt:
"Dass seine Facebook-Seite so viel beachtet werde, hätte er nicht erwartet"
Wie gesagt, das ist aus dem September 2017, im Jahr 14 von Facebook und Social Media.

Und selbst wer von den Detailhändlern Online geht, gibt den Grossen die Schuld am mangelnden Erfolg. Und dummerweise kostet eine Onlinepräsenz auch noch etwas:
"Aber die Kunden müssen den auf Google auch finden können. Und auch das kostet."
Der Kollege Thomas Rudolph weisst dann dankenswerterweise auf das veränderte Kundenverhalten hin:
"Und auch wer in die Stadt zum Shoppen geht, sucht erst im Internet nach Geschäften, die die gewünschten Produkte anbieten. [...] «Cross-Channel» heisst das Zauberwort der Branche: Wer Online und Laden geschickt verbindet, der gewinnt, ist man überzeugt."
Aber die Aussagen scheinen zu verhallen. So wird der Inhaber von Mode Weber mit der Aussage zitiert, dass er auf keinen Fall einen Onlineshop eröffnen will. Und die zitierte Aussage «Die meisten Shops sind defizitär.» macht mehr als deutlich, dass man von Cross- oder Omnichannel nocht Nichts gehört hat. Zu recht sagt Herr Weber, dass Online ein anderes Geschäft ist. Aber gleichzeitig wird ein Café eröffnet. Immerhin, man ist auf Instagram und Facebook präsent und hat eine Bonus-App.

Dann wird das Beispiel der Papeterie Markwalder genannt:
"Auch die Papeterie Markwalder setzt neue Produkte auf Facebook, Pinterest und Instagram in Szene. «Das Resultat ist schwer zu messen», sagt Geschäftsführer Ralph Bleuer. «Aber man muss auf allen Wegen versuchen, das rettende Ufer zu erreichen.» "
Fragt sich nur, wo das rettende Ufer ist...

Sicher, Spontaneinkäufe im Laden gibt es immer noch, aber selbstverständlich auch Online! Aber wer davon überzeugt ist, dass Trendartikel oder Geschenke Online schwer zu finden seien und fast verwundert feststellt "Aber auch im Internet winkt schon das schnelle Schnäppchen", der kennt den Onlinehandel nicht wirklich. Als gäbe es Onlineshops für Schnäppchen wie Qoqa oder Daydeal erst seit kurzem (für's Protokoll: die beiden Shops sind Online seit 2005 bzw. 2009).

Ein (subjektiver) Erfahrungsbericht drüben bei kurzverbloggt.ch spricht darüber hinaus Bände.

Zwar werden die Realitäten des Handels durchaus gesehen und anerkannt - «Der klassische Laden ist ein Auslaufmodell» -  aber anstatt Trauerbewältigung täte etwas mehr Mut, etwas Neues zu wagen, auch dem stagller Detailhandel gut! Aber solange Online als böse Konkurrenz, die sich sowieso nicht rechnet, betrachtet wird, solange wird man das tiefe Tal der Tränen kaum verlassen.

Sicher, einfach ist es nicht, Patentrezepte gibt es auch nicht, aber ist es nicht gerade auch der Mut, etwas Neues zu machen, ein Kennzeichen eines Unternehmers?
Beispiele für eine Bewältigung der Herausforderungen der Digitalisierung gibt es durchaus im Markt, vgl. z.B. hier und hier.

Mein geschätzter Kollege Reto Eugster hat auf der 7. Ostschweizer Gemeindetagung am vergangenen Freitag ein wunderbares und durchaus provokantes Referat zum Thema Pessimisten haben recht, Optimisten Erfolg: gehalten. U.a. sprach er über den methodischen Optimismus.

Zum erwähnten Hernán Cortés - Modell nur soviel: Nachdem Hernán Cortés Mexiko entdeckt hatte, versenkte er seine gesamte Flotte, um es seinen Gefolgsleuten zu verunmöglichen, das Neuland zu verlassen. (Mehr zum historischen Hintergrund bei Wikipedia)


Update 18.9.2017
Passend zum Thema das Interview mit dem Tommy Hilfiger Chef in der NZZaS vom 17.9.2017: Tommy-Hilfiger-Chef: «Ein Drittel unserer Kunden kauft online ein»


20. August 2017

Informations- und Medienkompetenz und die Demokratie

(Photo by Avi Richards on Unsplash)
Im Bund Hintergrund der heutigen NZZ am Sonntag finden sich zwei Beiträge, die man durchaus im Zusammenhang sehen kann: Weshalb uns das Internet nicht schlauer macht und Es geht um nicht weniger als um unsere Demokratie.  

Im zweiten Beitrag postuliert der Autor die Mitbestimmung des Volkes als die Essenz der Schweiz und sieht sie von drei Seiten her akut bedroht. Neben den drei erähnten Punkten abserbelnder Föderalismus, expansive Rechtsprechung und Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhalts kann man, inspiriert durch den ersten Beitrag, durchaus einen vierten Aspekt hinzufügen: Die schwindende Medien- und Informationskompetenz.

Der Autor schreibt in seinem Beitrag u.a.:
"Im Kopf gespeichertes Wissen indes gibt uns einen Orientierungsrahmen, um jene Informationen einzuordnen, die uns aus dem Netz entgegensprudeln.
 Wissen ist mehr als auswendig gelernte Jahreszahlen. Es ist zum Beispiel ein Verständnis dafür, was im 20. Jahrhundert in Europa passiert ist, samt den komplexen Zusammenhängen.
 Natürlich wäre das auch im Netz erhältlich, nützt uns dort aber nichts in jenem Moment, in dem wir Neuigkeiten einordnen sollten. Wir wüssten nicht einmal, wonach wir googeln müssten."
 Dazu passend stellt ein Kommentar in der NZZ vom 16.8.2017 unter dem Titel Naive Natives die Frage:
"Was bewog Soziologen und Pädagogen dazu, Jugendlichen gleichsam angeborene Kenntnisse für eine Welt zuzuschreiben, die nicht diese selbst, sondern Erwachsene geschaffen hatten?"
Und ebenso passend dazu mein Beitrag aus dem Jahr 2009: Wer lehrt die Kinder googeln?

In Zeiten von FakeNews und Filterblasen, in der sich Menschen - und nicht nur junge - in ihrer Filterblase wohlfühlen, sich oberflächlich via Gratiszeitungen informieren und notabene das Gefühl haben, Wissen kann man ja googeln, sofern man es dann irgendwann braucht, in Zeiten, in denen klassische Tageszeitungen einen massiven Leserschwund zu verzeichnen haben und populistisches Gedankengut weltweit zunehmend Anhänger findet, geht es tätsächlich um die Bedrohung der Demokratie, und das nicht nur in der Schweiz.

(Quelle: werteundwandel.de)


20. Juli 2017

Wirtschafts- und Medienkompetenz anstatt staatlicher Regulierungswut

In den letzten Tagen wurde wieder eine neue Sau durch's Dorf getrieben, oder besser durch die Dörfer im Neuland. Diesmal sind es die Online Vergleichsportale. Und so kommt was kommen muss, der Ruf nach dem Staat:
"Verbraucherschützer warnen vor vorgegaukelter Unabhängigkeit bei Web-Vergleichsportalen. In Deutschland sind auch Politik und Justiz alarmiert." (NZZ 19.7.2017)
Vor allem in Deutschland reibt man sich immer wieder die Augen, wenn Online-Unternehmen durch den Staat gezwungen werden sollen, den Kern ihres Geschäftsmodells offen zu legen. Das kennen wir ja z.B. schon von den Forderungen an Google. So fordert es jetzt der Verbraucherzentrale
Bundesverband e.V.:

VZBV, 19.7.2017

Muss es immer gleich der Staat sein, der uns Bürger und Konsumenten zunehmend bevormundet? Und der dadurch den Unternehmern die Lust nimmt, Firmen zu gründen? Traut man uns denn gar nichts mehr zu? Gilt Eigenverantwortung nichts mehr?

Es gäbe andere Ansatzpunkte:
Investition in die Bildung in Sachen Medien- und Wirtschaftskompetenz! Die Menschen befähigen, damit sie eigrnverantwortlich entscheiden können. Sie zu kompetenten und mündigen Bürgern und Konsumenten machen.

Dass Schüler sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz zu wenig über Wirtschaft wissen, ist eigentlich bekannt (vgl. z.B. hier oder hier). Gleiches gilt für die Medien- und Informationskompetenzenz.

Also, die erste Lektion in Sachen Wirtschaftskompetenz lautet: "There ain’t no such thing as a free lunch" (TANSTAAFL) - Nichts ist umsonst. 

Ein Vergleichsportal wird von einem Unternehmen betrieben, und Unternehmen müssen Geld verdienen, selbst im Neuland Internet. Damit bezahlen sie ihre Kosten, z.B. die Löhne der Mitarbeitenden, und durch die Aussicht auf einen Gewinn werden sie motiviert, ihre Leistung überhaupt erst anzubieten. Und woher kommt das Geld? Nicht von uns Konsumenten; wir nehmen die Leistungen selbstredend unentgeltlich in Anspruch. Aber es kommt beispielsweise von denjenigen, die ihre Leistungen via dem Portal anbieten, indem sie dafür zahlen. Und wer nicht zahlt, ist nicht im Portal. Eine weitere Option ist die Werbung, oder der Verkauf von gesammelten Daten. 
Wer dieses ökonomische Grundverständnis kennt, fällt auch kaum auf vermeintliche objektive Vergleiche und Empfehlungen herein, wie es die Verbraucherschützer formulieren, weder Online noch Offline. Denn beispielsweise auch ein Versicherungsmakler bietet uns lediglich diejenigen Versicherungen an, die ihm eine Provision zahlen. Und je höher die Provision ist, desto mehr wird er die Versicherung anpreisen. 

Davon unbenommen ist sicherlich die Tatsache, dass Vergleichsportale mit harten Bandagen kämpfen; hier hat der Staat klar dafür zu sorgen, dass sich alle an die Spielregeln halten. Das heisst aber sicher nicht, dass sich der Staat anmasst, das Geschäftsmodell diktieren zu wollen. 

Ergänzung 21.7.2017
In einem Beitrag zum Umgang von Gesellschaft und Politik mit Algorithmen bei faz.net vom 20.7.2017 schreibt der Autor zum Schluss:
"Statt von einer Offenlegung der Algorithmen wird man eher über ihre Spielregeln und Grenzen reden müssen. Unternehmen werden belegen müssen, dass ein System so funktioniert wie behauptet. Datenauswahl und Datenbasis von Algorithmen sind zu diskutieren, und man wird auch über eine Zweckbindung von Daten nachdenken."
Wie bereits gesagt, es muss Spielregeln geben und deren Einhaltung muss überprüft werden können, nicht mehr und nicht weniger.


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