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9. Dezember 2016

Wie Schild den Modehandel umkrempeln will - oder vom Ruf nach Erhalt der Pferdekutsche

Tagblatt 9.12.2016, S. 9
Im stgaller Tagblatt von heute liesst man einen Artikel (bisher nicht Online verfügbar) über die Veränderungen im Modehandel und insbesondere bei Schild. Man könnte den Artikel auch überschreiben mit “Schild glaubt weiter an die Pferdekutsche”.
Nur der physische Laden bietet dem Kunden ein Einkaufserlebnis und die Vorteile des direkten Kontakts
 wird der Chef von Schild zitiert.

Und wie macht Schild das? In dem man den Onlineshop in die Laden bringt. Im Ernst? Das soll den stationären Handel retten? In den Schild-Filialen werden grosse Bildschirme montiert, auf denen Kundenberater den Kunden das im Laden nicht verfügbare Sortiment zeigen. Und es hat sogar schon Bestellungen gegeben - der Schild-Chef spricht “von Erfolgen”. Ein überzeugendes Konzept hört sich anders an.
Warum um Himmels Willen soll ich in die Filiale gehen und dort - unter Anleitung - auf einem Bildschirm Sortimente anschauen, die nicht im Laden verfügbar sind? Ach so, die Beratung vor Ort. Aber wenn ich mir die diversen Onlineangebote im Modelhandel ansehe, von Zalando über AboutYou bis Outfittery, dann frage ich mich allen Ernstes, warum ich ausgerechnet in eine solche stationäre Filiale gehen soll. Und das Anprobieren wird als Argument genannt. Aber warum muss ich dazu in die Filiale gehen, wenn die Ware sowieso erst bestellt werden muss? Zuhause bin ich zeitlich flexibler, kann das neue Kleidungsstück gleich mit meinem restlichen Kleiderschrank zusammen ausprobieren, Partner und Familie in den Entscheid einbeziehen.

Wenn man sieht was Zalando, Amazon & Co. Online auf die Beine stellen und wie Amazon inzwischen auch den stationären Handel aufmischt, dann erinnern die genannten Konzepte des Modehandel tatsächlich an den Ruf nach dem Erhalt der Pferdekutsche. Aber die ist bekanntlich als Verkehrsmittel nicht mehr existent.

Schild Weblounge in der Filiale St. Gallen (2015)
PS. Das ist ja nicht der erste Versuch von Schild die Kunden in die Filiale zu locken: 2015 hat man das mit den Weblounges versucht, die aber offenbar längst wieder verschwunden sind ...
(ergänzt 10.12.2016)





Tagblatt 9.12.2016, S. 9

2. Dezember 2016

Business Models for the Digital Economy - AMCIS 2017 Minitrack

Inzwischen zum 18. Mal organisiere ich den Minitrack „Business Models for the Digital Economy“ im Rahmen der Americas Conference on Information Systems (AMCIS) vom 10.-12. August 2017 Boston, USA, .

Inhaltlich thematisiert der Minitrack vor allem neue und innovative Formen der Wertschöpfung in der Digital Economy:
"This minitrack serves as a forum for the presentation and discussion of new and innovative approaches of business models beyond e-commerce for coping with the challenges of the digital economy as well as digital transformation. We consider an economy based on the digitization of information and the respective information and communication infrastructure as digital economy. This new type of economy implies not only technological, but also and especially structural and process-related challenges and potential. The way in which economic value is created will change fundamentally in the digital economy and thus transform the structure of economies and societies."

Hier geht's zum Call for Papers.

Die Website enthält die publizierten Beiträge aller bisherigen Minitracks.

Hintergrund zur AMCIS:
"AMCIS, a preeminent information systems research conference, conducted under the auspices of the Association for Information Systems (AIS), attracts 1000 or more attendees from North America, as well as other regions of the world. The conference program includes research paper presentations, panel discussions, keynotes, doctoral student consortium, and a camp for early-stage IS faculty. This year’s theme, A Tradition of Innovation, reflects the program chairs’ desire to highlight IS studies that build on previously-reported research and IS studies that take innovative new methodological or theoretical directions and address emerging technology challenges to strengthen or extend existing theories and propose new theories."

 AMCIS 2017

Bildquelle: AMCIS 2017

26. November 2016

Eine seltsame Sicht: Open Access als Basis digitaler Wissenschaftskontrolle?

Das Thema Open Access hat mich auf diesem Blog schon mehrfach beschäftigt, und ich habe mich immer für eine differenzierte Sicht eingesetzt. Also Autor, Wissenschaftler und als Herausgeber einer wissenschaftlichen Zeitschrift setze ich mich aus verschiedenen Perspektiven mit dem Thema auseinander. Nachdem ich heute den Artikel Digitale Wissenschaftskontrolle bei faz.net gelesen habe, folgt nun ein weiterer Beitrag.

Der Autor des Artikels, der ganz offenbar Bibliothekar ist, hat ehrlich gesagt eine ziemlich verquere Sicht auf Open Access, die ich im Folgenden kommentiere:

1. Der Autor schreibt:
"Wenn die Wissenschaftler ihre Aufsätze nicht mehr in gedruckten Fachzeitschriften veröffentlichen würden, sondern digital auf Volltextservern ihrer Universitäten, müssten sie die Verwertungsrechte an ihren Veröffentlichungen nicht mehr an Verlage abtreten, die mit ebendiesen Rechten Geld verdienen."
Open Access gleich digital und Online, traditionelle Zeitschriften gleich analog und gedruckt? In welcher Welt lebt der Autor? Die Zeitschriften, die ich für meine Arbeit regelmässig nutze, sind allesamt Online verfügbar, und ob es sie auch gedruckt gibt, interessiert mich schlichtweg nicht. Und als Autor wie auch Nutzer wissenschaftlicher Publikationen stelle ich fest, dass Zeitschriften, die nicht Online im Volltext über ein mir zugängliches System verfügbar sind, faktisch heute nicht existieren.

2.  Wieso in aller Welt bedeutet Open Access gleich eine Monopolisierung durch den Staat? Das erschliesst sich mir schlichtweg nicht. Ein staatliches Publikationsmonopol die Wissenschaft - wie es der Autor sieht - ist sicher nicht die Konsequenz von Open Access.

3. Open Access bedeutet nicht automatisch die Ausschaltung der Verlage. Verlage unterstützen die Open Access Publikation im Rahmen des sog. goldenen Wegs von Open Access, wie dieses Beispiel deutlich macht. Das könnte der Autor eigentlich wissen ...

4. Der Markt der Wissenschaftsverlage ist ein globaler Markt. Und global gesehen gibt es wenige Verlage von Bedeutung, auf der anderen Seite sind vor allem Bibliotheken und Bibliotheksverbünde die Abnehmer. Einen echten Wettbewerb - wie der Autor es auf Seite der Verlage impliziert - gibt es hier nicht. Will eine Bibliothek eine bestimmte Fachzeitschrift abonnieren und seinen Nutzern zur Verfügung stellen, besteht schlichtweg keine Auswahl; die Zeitschrift wird von genau einem Verlag angeboten. Und dieser kann dann die allseits kritisierten hohen Preise verlangen; die Fachwelt spricht hier auch von der Zeitschriftenkrise. Open Access publizierte Artikel sind dagegen häufig über mehrere Online Repositories abrufbar, so auch im Rahmen der sog. Selbstarchivierung im Rahmen des grünen Wegs durch die Autoren selbst.

5. Und quasi nebenbei wird auch die Erfindung des Computers mehr oder weniger für das Böse verantwortlich gemacht:
"Er betreibt das Geschäft von „Kommunikation und Kontrolle".
[...] 
 Die Logik des Computers ist die einer Kontrolltechnik, die via Internet inzwischen weltweit operiert und dabei Welt-, Kommunikations- und Datenkontrolle zu Synonymen gemacht hat."
Ist es nicht der Mensch, der den Computer zur Kommunikation und Kontrolle nutzt?

Und wenn der Autor das Messen von Zitaten in diesem Kontext kritisiert, dann bleibt festzustellen, das man den sog. Impact Factor - und andere Kennzahlen wissenschaftlicher Qualität - tatsächlich kritisieren kann, aber dass alle diese Kennzahlen von Menschen entwickelt und verwendet werden; der Impact Factor bereits seit den 1960er Jahren, also lange bevor es Opena Access oder digitale Zeitschriften gab.

6. Der Autor folgert aus der Open Access Publikation ein Einfallstor für Wissenschafts- und Industriespionage. Dass das Rechercheverhalten von Nutzern missbraucht werden kann, einverstanden, darüber kann man diskutieren. Aber auch die genannten Firmen und Organisationen unterliegen dem Datenschutzrecht, das keinesfalls ein zahnloser Tiger ist. Und ob ich nach Open Access Artikeln oder nach traditionell publizierten Aufsätzen recherchiere , das macht für mich hier keinen Unterschied. Wer mein Rechercheverhalten beobachten will, interessiert sich kaum dafür nach welchem Modell ein Beitrag publiziert wurde, denn so oder so sind die Artikel digital und Online verfügbar. Oder habe ich nicht verstanden, was der Autor hier sagen will?
"Wir haben hier keine Instrumente vor uns, die für universitäre Kontrollzwecke und für die Wissenschafts- und Industriespionage missbraucht werden können, sondern Instrumente, zu deren Design die Kontrolle samt der Wissenschafts- und Industriespionage gehören.
"Damit ist die Logik der Kontrolle aber keineswegs erschöpft. Denn der von den Bibliotheken zu Open-Access-Konditionen ins Netz gestellte „Content“ wird zuletzt von jenen Akteuren angeeignet, die die Datenflüsse im Netz steuern und kontrollieren. Wobei der Staat hier weniger einen Anlass für eine Intervention sieht, sondern die Gelegenheit zu Kooperation, denn über die in amerikanischer Hand befindlichen Monopolisten vom Typ Google, Amazon und Facebook erfährt auch er, was seine Bürger denken und tun. "
7. Der Autor schreibt:
"Zugleich aber lassen sich die Download-Zahlen der Aufsätze und Bücher mit den Personendaten der Wissenschaftler verknüpfen, um die in den Naturwissenschaften seit langem schon verbreiteten bibliometrischen Zitationsindizes endlich auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften einzuführen."
Nun, Downloadzahlen gibt es bei jeder Form von Online publizierten Inhalten, ob Open Access oder nicht. Und die bibliometrischen Zitationsindizes bestehen, wie der Name schon sagt, auf Zitationen, und nicht auf Downloads. Dazu sei dieser Beitrag zur Lektüre empfohlen.  Ach ja, und die Zitationsindizes gibt es bereits in den Sozial- und Geisteswissenschaften.


Open Access ist sicher ein Thema, über das es zu diskutieren gibt, auch im Hinblick auf die Demokratisierung des Wissens. Aber leider hat der Artikel mehr von einer Verschwörungstheorie als von einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Open Access. Aber im postfaktischen Zeitalter ist wohl alles erlaubt. Und am Schluss meines Beitrages frage ich mich, ob es überhaupt Sinn macht, darauf zu reagieren ...

Bildquelle: flickr.com/Robert Couse-Baker (CC Lizenz)

2. November 2016

Bots - eine Bestandsaufnahme aus der Schweiz am #SMGZH

(Bildquelle: Michele M.F. @flickr)
Das Thema Bots finde ich extrem spannend und deshalb war es auch (wieder) ein Must zum heutigen Social Media Gipfel zu gehen - und es hat sich gelohnt.

Und was habe ich an Erkenntnissen mitgenommen?*

Bots sind längst noch nicht im Mainstream angekommen, man befindet sich im Experimentierstadium: Die Tageswoche hat - lobenswerterweise - ein Bot-Experiment im Kontext Conversational Journalism lanciert, dies wird aber wieder eingestellt. Man habe viel gelernt, hören wir. Ziel war es die Rezipienten von Nachrichten dort zu treffen, wo sie schon sind, nämlich bei den diversen Messengern. Und Webrepublic nutzt einen Bot für das interne Informationsmanagement, für eher einfache Aufgaben, aber immerhin; man verzeichnet zwar positive Feedbacks von den Nutzern, aber eine Revolution sei es nun Mal nicht sagte Dorian Kind.

Ernüchternd war auch die Aussage, dass die deutschsprachigen Bots sprachlich noch eher unterentwickelt seien, ganz im Gegensatz zu den englischsprachigen. Englisch dominiert einmal mehr die Technologieweit.

Dorian Kind von Webrepublic zeigte drei Entwicklungsstufen von Bots auf. Die erste ist tatsächlich eher trivial, aber anfangen muss man ja irgendwo. Hier versendet der Bot z.B. regelmässig das aktuelle Wetter, etc. Auf der zweiten Stufe sieht er das Potential, dass Bots einen Nutzer bei seinem Workflow unterstützen. Und auf der dritten Ebene verortet er die echten Bots, die sich mehr oder weniger intelligent mit seinem Nutzer unterhalten.

Auch bei den Bots ist es wie so oft: Man hat kurzfristig zu hohe Erwartungen, aber das langfristige Potential - und hier reden wir von Jahrzehnten - wird, auch durch die kurzfristige Frustration, möglicherweise unterbewertet.

Gerade dort, wo Unternehmen und andere Organisationen mit dem normalen Nutzer interagieren, machen Bots, die eine natürlichsprachige Kommunikation erlauben, definitiv Sinn. Sei es der Conversational Commerce oder auch das Conversational eGovernment.

Noch müssen wir via Tastatur mit den Bots kommunizieren, Aber Apple, Google und Amazons Echo zeigen uns, dass wir bald schlichtweg mit den Applikationen sprechen werden und Aktionen anstossen, ohne ein physisches Interface wie eine Tastatur nutzen zu müssen. Wenn dann die Bots im Backend entsprechend gut, soll heissen intelligent sind, steht dem Conversational Commerce bzw. eGovernment Nichts mehr im Weg. 


* Die Unterlagen zum SMGZH werden verlinkt, sobald sie verfügbar sind





27. September 2016

Digitalisierung im Weinhandel - Fallstudie und Flashback

(Harry Campell)
Jeder, der im Umfeld von eCommerce und eBusiness unterrichtet, weiss, dass die aktuellen Entwicklungen Fluch und Segen zugleich sind.
Fluch, weil man nie sicher sein kann, ob man alle relevanten Entwicklungen auch wirklich mitbekommen hat, aber auch Segen, weil es praktisch täglich Neues gibt, das es spannend macht und das man gut in die Vorlesung einbauen kann.

So habe ich in meinem aktuellen eBusiness Kurs an der FHS St. Gallen in der letzten Woche zum Auftakt begonnen, einige aktuelle Entwicklungen im eCommerce aufzuzeigen. U.a. habe ich mit den Studierenden die gerade frisch publizierten Umsatzzahlen der Schweizer Onlineshops besprochen.
Heute konnte ich daran anknüpfen Dank des heute aktualisierten Umsatzvergleichs der Einkaufszentren und der Onlineplattformen von Thomas Lang von Carpathia.

Darüber hinaus hat der morgendliche Blick in die NZZ gleich noch eine Fallstudie für die heutige Vorlesung hergegeben. In zwei Artikeln (hier und hier) wird die Digitalisierung im Schweizerischen Weinhandel thematisiert; dies anhand der Beispiele Mondovino vom Grossverteiler Coop, Martel aus St. Gallen (einer der grösseren Händler) und der Selection Schwander (ein eher kleiner, spezialisierter Händler).

Ich habe die Studierenden beauftragt aus der Perspektive der drei genannten Vertreter des Weinhandels die Marktsituation zu beschreiben sowie Herausfoderungen und Handlungsempfehlungen zu identifizieren. Als Basis dienten die beiden Artikel sowie die Websites der Anbieter.
Die Studierenden hatten ca. 40 Minuten Zeit und haben in kleinen Gruppen gearbeitet. Das Ergebnis habe ich dann wie folgt zusammengefasst (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):



Das Thema hat mich nicht nur wegen der Aktualität interessiert: Die Weinhandlung Martel gehört zu den Pionieren in Schweizerischen eCommerce. Bereits 1995 ging Martel mit einem eShop Online - zu der Zeit war Philipp Schwander Einkäufer bei Martel. Zusammen mit Andreas Göldi und Hans Meli haben wir Wolfram Martel davon überzeugt, dass Online die Zukunft ist (obwohl es nicht wirklich schwierig war, ihn zu überzeugen).

Dass aus der Gruppe, die damals den ersten Martel und weitere eShops realisierte, die heutige Namics wurde, ist Geschichte.


19. September 2016

Die Politik und der digitale Wandel - Error 404

Error 404 im Bundeshaus, so hat Philipp Loser heute im Tagesanzeiger seinen lesenswerten und vor allem nachdenkenswerten Beitrag überschrieben.

404 Not Found - diese Fehlermeldung kennen wir wohl alle. Sie bedeutet, dass eine aufgerufene Webseite auf einem Server nicht vorhanden ist. Aber egal wie mehr oder weniger ansprechend man den Error 404 kommuniziert, die Seite ist nicht vorhanden. So meint es wohl auch Philipp Loser in seinem Beitrag.

Sicher, die Politik tut nicht Nichts. Man scheint sich der Relevanz des Themas durchaus bewusst zu sein, es gibt eine Digitale Strategie und den Dialog "Digitale Schweiz", und es gibt viele einzelne Massnahmen. Aber den Entwurf, das Big Picture, dessen was man unter Informations- oder Wissensgesellschaft verstehen will, wo die Schweiz hier z.B. in 2025 stehen will und was das für uns alle als Konsumenten, Bürger, Arbeitnehmer, Patienten oder Unternehmer bedeutet, das wird viel zu wenig thematisiert.

Philipp Loser stellt in seinem Beitrag ganz zentrale Fragen für eine digitale Schweiz:
"Was bedeutet der digitale Wandel für unsere ­Gesellschaft?
Wie gehen wir mit künstlicher Intelligenz um?
Welchen Einfluss hat die fortschreitende Automatisierung auf den Werkplatz? 
Was bedeutet es für den Nationalstaat, wenn ­private Firmen immer grössere Macht über einen immer grösseren Teil der Menschen haben?"
... und fragt:
"Kann das politische Personal in Bern den digitalen Wandel bewältigen? 
Und weiss es überhaupt, was auf uns zukommt?"
Es braucht einen intensiven öffentlichen Diskurs hierüber; ein Denken jenseits der traditionenllen Denkschemata, die kaum mehr greifen im Zeitalter der Digitalisierung. Und nicht nur in den Feuilletons der Zeitungen oder bei Organisationen wie der Digitalen Gesellschaft.

Ich würde mir wünschen, über die digitale Gesellschaft Schweiz und ihre Gestaltungsoptionen würde ebenso intensiv diskutiert wie über so manchen politischen Dauerbrenner.

Aber da sind wir bei einem zentralen Problem: Min Li Marti nennt in dem Beitrag im Tagesanzeiger verschiedene Gründe, warum Netzpolitik (leider) kein Thema in Bundesbern ist. Einen Grund muss man noch ergänzen: Mit Positionen zur Netzpolitik lassen sich wohl kaum Wahlen entscheiden, da sind Themen wie schwarze SchafeDichtestress oder Masseneinwanderung wesentlich dankbarer.

Philipp Löpfe hat es anlässlich der Battle of Ideas im Rahmen des Digital Festivals vergangenen Freitag in Zürich auf den Punkt gebracht:

Sein neues Buch ist definitv auf meiner Leseliste.

24. August 2016

Study Tour to China with the Swiss 'Seeds for the Future' Program by Huawei

Huawei's 'Seeds for the Future' Pogram
I had the pleasure to be part of the Swiss delegation for the study tour to China with Huawei's Seeds for the Future program as a representative of FHS St. Gallen again (20.-30. Aug. 2016).

Nevertheless, my postings about the tour express my personal views only. And as the working language throughout the trip was English I decided to write this post in English as well.
"Telecom Seeds for the Future is Huawei's flagship CSR project launched in 2008 that aims at cultivating local ICT talent, promoting knowledge transfer, improving people's interest in and understanding of the telecom industry, and encouraging countries and regions to participate in the building of digital communities." (Source)
A warm welcome at the Huawei HQ
In my view this is really a great program and gives students - and professors - the unique opportunity to get to know a global company quite well and thus to get an insight of a global player in the high tech industry*.

The whole group of the trip comprises 16 students from various (IT/IS related) subjects from all over Switzerland, six professors and Axel Menning from Huawei Switzerland.

We arrived in Shenzhen on Sunday night after a transfer from Hongkong airport where we flew to out of Zurich. We are staying in a Hotel on the Huawei campus in Shenzhen.

Huawei Campus
On Monday morning we started off with a bus tour through parts of the campus, where up to 30'000 people are working.

We then had our first visit to one of the really impressive exhibition halls on the campus where we got an introduction into Huawei's business and key technologies as well as potential applications.






Simon Lacey
After lunch, Simon Lacey, Global Government Affairs - International Trade and the Digital Economy Leader, welcomed us in perfect Swiss-German and French to his introductory presentation about Huawei as a global high-tech player. Simon's CV is impressive: As an Australian, he studied law in Fribourg and thus speaks French and (Swiss) German pretty well. In total, he lived in Switzerland for 15 years. Before he joined Huawei a year ago he had jobs literally all over the world, e.g., in the US, South Africa, Indonesia, Singapore, and even China before.

Exhibition hall at the HQ in Shenzhen
Simon said at the beginning that Huawei might be "one of the biggest companies you've never heard of". Indeed, the company with 170'000+ employees working in 170+ countries is much bigger than its competitors such as Cisco or Ericsson.
Simon as well as our guides in the exhibition halls - we visited the exhibition hall for enterprise solutions in the afternoon - stressed Huawei's innovation power: 44% of the staff works in R&D, the research centers are distributed all over the globe. And especially in the exhibition halls, it was stressed the Huawei pursues a strategy focusing on cooperation as well. The term ecosystem was used several times.
In the Q&A session he said answering a student's question about more personal experiences: "... the great firewall is a big burden for all people living here".

William Lo summarizing his talk
On Tuesday William Lo introduced our group to some Management fundamentals at Huawei. As a Chinese, William was raised and worked outside. China Most of his Life and is with Huawei for 5 years now. He's working at the so called HR Committee, one of three committees linked directly to the board and dealing with all issues around management or how William phrased it: "everything what has to do with people". Huawei's way of management has also been a subject of some publications, e.g., in HBR or The European Business Review. In his presentation he focused on visionary leadership, share the wealth, dedication, as well as customer centricity.

In terms of "visionary leadership" the founder of the company, Ren Zhengfei, is always present. His management philosophy is guiding the company since it's inception in 1987. Although some of the management principles in terms of employees dedication at Huawei sound rather strange from a Swiss or European point of view - e.g., not claiming even the minimum of vacations days, working every 4th Saturday an extra day -, the company's success testifies that something must have done right, so far. But William also admits that due to an increasing globalization of the company's activities as well as different values of the young people some of the principles might be subject to change in the future.

William also addressed the leadership skills of Chinese in a global context comparing China to Japan and applying the tiger mother phenomenon. It's about a more directive way of raising kids and students which might result in very good engineers but might not educate real leaders and/or top CEOs.

Some further details William added: Huawei is China's largest non-government-owned company, it is 100% owned by its employees, the founder holds 1.42% of the shares.

Q&A with Hank
After a presentation about Huawei's cyber security strategy and lunch at the employee's canteen, we headed north of Shenzhen to Songshan Lake Science & Technology Industry Park to visit Huawei's automated logistic center and wireless production line. 

On Wednesday morning Hank Stokbroekx gave an introduction into marketing in general and at Huawei.

Before lunch, the students had the chance to prepare for the final presentation in Beijing on Monday. I had the pleasure to support the group dealing with marketing issues at Huawei as their coach.

Students preparing their presentations

In the afternoon we visited the Shenzhen Museum showing the impressive development of the city of Shenzhen and had the chance to further explore the city.

Bejing hot pot dinner
On Thursday we flew to Beijing where the group visited the Forbidden City in the afternoon and had a traditional Beijing style hot pot dinner in the evening.

Friday morning we visited Huawei's Beijing exhibition hall which is the largest of all exhibition halls of Huawei in China. This very representative building is targeted to welcome high-ranked representatives from politics and business. The architecture of the whole campus follows a Mediterranean style. During our guided walk through the large halls, we focused on 4.5G and 5G developments as part of Huawei's MBB 2020 vision as well as the Internet of Things.

One of the statements was that Huawei expects a long tail market in this area as there will be no killer application.  Without giving a specific time frame and meant more as a rough estimation Huawei expects a $2 trillion market in the area of IoT, 1 billion smart metering connections, and 2 billion connections in manufacturing.

Alex giving an overview
of Huawei's IoT activities
In the exhibition halls, Huawei showcases what kind of services might be possible applying especially next generation mobile technology such as 4.5 and 5G. For example, Huawei has developed LampSite, a "radio coverage solution that supports indoor multimode deployment in large- to medium-sized sites such as office buildings, venues, and transportation hubs and semi-enclosed sports stadiums" (source) thus expanding the mobile potential.
One application scenario might be hybrid shopping solutions in the retail area where consumers use mobile Apps inside the retail store to enhance customer experience and/or customer service.

Huawei IoT Business Solution
Framework
Whereas 5G mobile communication is still under development Huawei offers 4.5G solutions to carriers offering Experience 4.0 to consumers. Huawei clearly focuses on 4.5 and 5G mobile communication as a basis for future IoT applications as the carrier business is Huawei's most important business line. Nevertheless, carriers such as Swisscom provide IoT-networks based on the LoRa technology which follows a different approach and enables different business models. The LoRa technology can be deployed decentralized without any licenses; The Things Network  demonstrates how an IoT network can be established bottom up without high cost.

Huawei's services portfolio
(Huawei, 27.8.2016)
It was mentioned by our guide as well that Huawei changed its strategy: Instead of selling technological solutions now services come first. So far, most of the offered services are targeted to the carrier market. To be successful in the enterprise business I think it is absolutely necessary to offer (industry specific) services to be successful.

Before lunch, Alex from Huawei gave us an overview of Huawei's IoT activities.

Michael Waser, Swiss embassy
After a great lunch, we went to the Swiss embassy in Bejing. We were warmly welcomed by Michael Waser from the embassy. He gave us an overview of the embassy's activities in China. It is interesting to mention, that it is the largest Swiss embassy which sheds light on the importance of the Swiss-Chinese relationship. Also, the Swiss business hub in China is the biggest one.

Fabio Müller then gave his very interesting presentation about Doing Business in China. He elaborated some mega trends in China such as aging society, the end of low-cost China, urbanization, as well as rapidly growing middle class.
Of course, doing business with China has quite some challenges, e.g., the dimensions of the country, regulation which makes it still difficult to invest in China, cultural differences in terms of quality, contracts, penalty, risk, as well as the relationship of business and private, investor concerns, especially finding the right talents, and IPR, legal and regulatory issues.
But there are also a lot of opportunities in China for Swiss businesses, for example, in the area of E-Commerce. As buying Online - mostly over the mobile phone - has huge growth rates in China and mobile payment systems are well adapted selling Swiss products Online in China has a huge potential. (The Swiss-Chinese chamber of commerce in China may be a further source of information)

Apero time
Then, Samuel Baumgartner and Tengteng Li from Wenfei Law gave some interesting insights from a legal point of view. Samuel said answering a student's question: "you can not rely on the judiciary system". This summarizes quite well the presentation; Swiss businesses have to be aware of this situation and prepared accordingly.

Finally, we had the chance to meet a group of cyclists during the Apero in the embassy: They cycled 7800 km from Moscow to Beijing!

In the evening we got Beijing duck at a really great restaurant.

On Saturday, the students were preparing their reports and presentations.




Group presentation "Marketing"
Monday was the last day of our trip - and the big day for the students as they had to present their group work.
Each of the four groups comprised four students from four different universities; at the beginning of the trip, a topic and some expected deliverables have been assigned to the groups. So it was a kind of a challenge to come up with relevant and interesting results in a rather short period of time. Each group was coached by one or two professors. The topics were Management & HR, Cybersecurity, Marketing, and IoT.


Claudio Zoller, student of the
MScWirtschaftsinformatik program at
FHS St. Gallen
, receives the
Certificate of Honor for his participation
in the Swiss Seeds for the Future
program from Axel Menning,
Huawei Switzerland

In summary, it was a great and very intense trip with a lot of insights into Huawei as a global high-tech company with its roots in China as well as into the Chinese culture in general. A big thank you to Huawei making this possible.


What else is worth mentioning?
Well, in China there's always the issue of free Internet access. Technically, hotels, as well as many restaurants and shops, offer free wifi connection. But there's a challenge insofar as quite often an authentication is required either via WeChat and/or a Chinese mobile number, foreign mobile numbers are not supported. Luckily, I learned my lessons from last year and thus I opened a WeChat account already back home. In addition, our whole group got a Chinese SIM card provided by Huawei to enable easier communication within the group. As this SIM card also included 1 GB of data volume using our Smartphones on the go was possible without tremendous roaming charges.

Screenshot from www.huawei.com/cn
(30.8.2016)
As far as the access to websites and Social Media applications is concerned we faced some limitations. Services such as Facebook, Twitter, or Google search engine are not accessible at all. Gmail sometimes worked, sometimes not. Even this blog is not accessible in China as it uses blogger.com, which belongs to Google. Also, some other websites, especially news sites, are not accessible from time to time.
Despite the Chinese alternatives such as WeChat or Baidu there are quite many Chinese people which are actively using Gmail, Twitter, Facebook et al.
And also Huawei is using services such as Twitter and Facebook, for example, just in theses day when communicating from the global Huawei Connect 2016 meeting in Shanghai; there are frequent tweets sent through the official Twitter account @Huawei as well as from many other accounts of the company's divisions out of Shanghai. Furthermore, even the Chinese version of the corporate website contains links to services which are officially not accessible (see screenshot).

Of course, there are workarounds to access those sites also in China; the easiest way is to establish a VPN connection, but which reduces the performance. As a result, you have to think about which website or social media site you want to access. Experiencing this kind of censorship makes you aware what it means to have free Internet access without any restrictions.

Video surveillance in the public space is omnipresent, especially in Beijing. But this we can see in many US and European cities, e.g. in London, as well.

To enter the Beijing Metro your bags get screened like at the airport. Water bottles are being screened with a special tool, and it happened to me once that I had to take a sip out of my bottle to proof that it was water - and nothing else.

And if you want to enter the Tiananmen Square you can't just go there without screening your bags or backpacks. And in addition to checked bags and surveillance cameras, there are uninformed people everywhere as well. Obviously, the authorities are still afraid of any kind of protests.

By the way, Tiananmen means Gate of Heavenly Peace. This must be the Chinese way of interpreting the term peace.

On Tiananmen Square

On Tiananmen Square

On Tiananmen Square

An entrance to Tiananmen Square


* The trip has been sponsored through Huawei Switzerland for the students only as part of the Seeds for the Future program, but not for the accompanying professors.

(updated 31.8.2016) 



27. Juli 2016

Informations- und Medienkompetenz: eine Schlüsselqualifikation - auch und besonders für Nationalräte

Informationskompetenz und Medienkompetenz sind zwei zentrale Kompetenzen der Informationsgesellschaft, eine Schlüsselqualifikation.

Die Informationskompetenz beschreibt die Fähigkeit "mit beliebigen Informationen selbstbestimmt, souverän, verantwortlich und zielgerichtet umzugehen". Für den Nutzer "gelten daher als grundlegende Prinzipien der ethische und verantwortungsbewusste sowie der ökonomische, effiziente und effektive Umgang mit Information(en)".

Ein Aspekt ist die Bewertung von Informationen bzw. Informationsquellen. Auch unsere Studierenden lernen im Rahmen des wissenschaftlichen Arbeitens u.a. wie sie die Qualität der diversen Quellen für ihre Arbeit bewerten können. Jeder, der Informationen nutzt, sollte, bevor er sie weiterverbreitet oder weiterverarbeitet, sich über die Qualität der Informationen und notabene der Quelle bewusst sein. Vor allem erwarte ich das von Personen, die qua Profession mit Informationen arbeiten und Menschen beeeinflussen {wollen|können|sollen}, also z.B. Journalisten, Finanzdienstleister, Wissenschaftler und natürlich Politiker. Sicher, auch Politiker sind keine Übermenschen, aber an sie habe ich besonders hohe Erwartungen bezüglich des Umgangs mit Informationen. Wie ein gewählter Volksvertreter diese Grundsätze beachtet hat, oder auch nicht, hat sich gestern Abend auf Twitter gezeigt.

Ein Vieltwitterer postet folgenden Tweet:

Screenshot 27.7.2016, 20:00
(Originalquelle)
Immerhin 32 Retweets. Und zwei spontane Reaktionen, von @MarcelBaur und mir.

Die hier verbreitete Nachricht stammt aus einer Quelle, die nach kurzem Hinsehen mehr als zweifelhaft ist. Ein bekanntes Publikationsorgan scheint die Website nicht zu sein, jedenfalls nicht für mich. Von der Impressumspflicht haben die Betreiber der Website noch nicht gehört, nirgends ein namentlich Verantwortlicher oder eine Adresse. Die Redaktion sitzt nach eigenen Angaben in "Kolotschau/Kalocsa, Ungarn", das liegt etwa 100km südlich von Budapest.

Die Whois-Abfrage ergibt, dass die Domain in Russland registriert ist, als Kontakt lediglich eine Postfachadresse, kein Name.

Der Beitrag selbst, der hier verbreitet wurde, wurde (angeblich) auf der Website von Nouvelles de France zuerst publiziert, in französisch. Auch hier habe ich kein Impressum o.ä, entdeckt. Im Whois-Eintrag findet man als Kontakt den Namen Ano Nymous.

Egal wie perfekt die Nachricht auf solch einer Website in mein Weltbild passt, ich würde sie nicht weiterverbreiten, zu gross wären die Zweifel an der Seriosität der Quelle.

Nachdem also der Vieltwitterer offenbar selbst gemerkt hat, dass das vielleicht nicht die seriöseste Quelle war, legt er nach, addressiert an Marcel und mich:

Screenshot 27.7.2016, 20:00
(Originalquelle)
Meine Reaktion blieb nicht aus: Das Berlin Journal ist ebenfalls nicht über alle Zweifel erhaben, um es mal vorsichtig zu formulieren.

Das Medium hat seinen Sitz in den USA, genauer gesagt in Lewes, Delaware. Auf Google Street View kann man sich den schmucken Firmensitz auch ansehen. Die angegebene Adresse ist der Sitz der Firma Harvard Business Services, Inc. mit der vielsagenden Webadresse delawareinc.com. Also eine typische Briefkastenfirma, vermute ich. In den Panama Papieren erscheint diese Adresse ebenfalls.

Im Whois-Eintrag der Domain ist als Kontakt ein Durty Harry angegeben.

Chefredaktuer ist ein Bodo Hering. Sucht man nach dem Chefredakteur im Web, findet man im Prinzip nichts, ausser einer Website mit einer Geschichte, die man leicht als Verschwöhrungstheorie einordnen könnte und der ich nicht über den Weg traue: Angeblich ist der Name des Chefredakteurs einer von mindestens zwei Fantasienamen eines ehemaligen Redakteurs der B.Z., der in Oranienburg leben soll und gegen den wegen Betrugs ermittelt wird/ wurde, und der Beziehungen haben soll zu einer zwielichtigen Gestalt aus Berlin, die Firmen um ihr Geld bringt in nicht ganz legaler Weise. Und: Angeblich beobachtet der deutsche Verfassungsschutz das Berlin Journal (oder hat beobachtet).
Von einem Journalisten, der sich als Chefredakteur einer Onlinepublikation ausgibt, sollten doch eigentlich ein paar mehr Informationen im Netz zu finden sein - allein dass das nicht so ist, würde mich schon stutzig machen.

Alles das kann man innerhalbt weniger Minuten über eine Quelle herausfinden, sollte man Zweifel an ihrer Seriosität haben - das Aufschreiben hat ein Vielfachen an Zeit gekostet (aber die war es mir wert).

Jeder urteile selbst, ob er solche Quellen weiterverbreiten würde.

Von einem Nationalrat erwarte ich, dass er seine Quellen seriös anschaut und nicht weiterverbreitet, nur weil sie gerade schön ins eigene Weltbild passen.


PS. Ich habe bewusst auf Links verzichtet, da ich diesen windigen Websites eigentlich keine weiteren Traffic beschren möchte.

Bildquelle: flickr.com/mellyjean (CC Lizenz) 

25. Juli 2016

Die Ambivalenz von Social Media - nicht nur bei den Mächtigen

Facebook Safety Check während
des Amoklaufs in München am
22. Juli 2016
Social Media gehören inzwischen zu unserem täglichen Leben wie vieles andere auch; und wie vieles andere auch kann man mit Social Media Gutes und Sinnvolles oder weniger Gutes und weniger Sinnvolles anstellen. Was gut oder weniger gut ist, liegt letzendlich im Auge des Betrachters. Zentral ist, dass freie Medien und notabene auch freie soziale Medien zu einer offenen  und pluralistischen Gesellschaft gehören.

Vor allem die Mächtigen in Ländern mit weniger offenen Gesellschaften und weniger demokratischen Strukturen haben ihre Mühe mit Social Media, wie etwa China oder immer wieder die Türkei, wo Social Media Plattformen nach Belieben blockiert werden, wie zuletzt beim Putschversuch am 15. Juli 2016.

Social Media spielen als moderne Kommunikationsmittel eine wichtige Rolle für die Menschen: Im Rahmen des sog. arabischen Frühlings wurde dies vielfach diskutiert, in China dienen Social Media den Menschen aktuell als Informationsquelle und Protestmedium im Rahmen der aktuellen Überflutungen und konterkarieren die (Des-) Informationspolitik des Staates.

Aber die Mächtigen machen sich Social Media auch selbst zunutze. Nicht nur dass sie ihre Bevölkerung Online überwachen und bespitzeln; sie nutzen Social Media Kanäle auch aktiv. So hat der türkische Präsident im Rahmen des Putschversuchs bereits kurz nach dem Aufstand des Militärs Social Media genutzt, um sich an die Bevölkerung zu wenden - nachdem nur wenige Stunden zuvor Social Media Plattformen blockiert wurden. Der gleiche Präsident, der noch 2013 als Regierungschef Social Media als die grösste Bedrohung für die Gesellschaft ansah.
Fachleute sind der Meinung, dass der Putschversuch auch daran gescheitert ist, dass die Putschisten offenbar die Wirkung von Social Media unterschätzt haben und sowohl die Regierenden als auch die Bevölkerung sich entsprechend artikulieren und organisieren konnten:
"But the putschists failed to sufficiently update the standard coup playbook to take into account the realities of social media and mobile technology."
Auch der Amoklauf in München  vom 22. Juli 2016 hat die Bedeutung von Social Media, aber auch deren Ambivalenz, deutlich gemacht.

Einerseits waren Social Media eine wichtige Informationsquelle für die Bevölkerung, die z.B. auch von der Polizei intensiv genutzt wurde. Facebook aktivierte seinen Saftey Check, mit Hilfe dessen man den Verbleib von Freunden und Bekannten während einer Krisensituation feststellen kann. Und ebenfalls waren Social Media zentral bei der Unterstützung von in München Gestrandeten durch die Bevölkerung.

Gleichzeitig wurden aber auch ungesicherte und falsche Informationen via Social Media verbreitet. Nicht zuletzt gezielte Falschmeldungen sowie gefälschte Fotos mit ihrer emotionalen Kraft haben bei der Bevölkerung Ängste ausgelöst und Polizeikräfte unnötig gebunden. Allerdings kann z.B. die Polizei über die gleichen Mechanismen Falschmeldungen auch wieder aus der Welt schaffen.

Aus Sicht der Nutzer steht man hier vor der Herausforderung, die relevanten und korrekten Inhalte aus dem Rauschen der Timeline herauszufiltern, und das nicht nur in Krisensituationen. Dies setzt entsprechende Medienkompetenz und Informationskompetenz der Nutzer und einen verantwortungsvollen Umgang mit Social Media voraus.

Zentrale Grundvoraussetzung ist aber, dass Medien incl. Social Media frei, offen und nicht zensiert sind. Im Rahmen der Aktivitäten zur Massenüberwachung auch in demokratischen Ländern ist dieser Grundsatz aber leider in Gefahr.

(aktualisiert 25.7.2016, 15:00, 26.7.2016 08:00)




9. Juli 2016

Reiseerlebnisse mit der Deutschen Bahn - die 1001.

Eigentlich sollte es eine ganz entspannte Reise zurück von Leipzig nach St. Gallen werden. Der Plan: Mit der S-Bahn von Leipzig HB zum Flughafen, ab 09:23, an 09:37.
Es gab weder Schnee, noch Regen, noch Sturm, noch war es besonders heiss, aber die S-Bahn hatte bereits bei Abfahrt 5 Minuten Verspätung. Ok, alles im grünen Bereich, dachte ich, nur mit Handgepäck reisend, Boarding 10:20, Abflug 10:45. Also mindestens 40 Minuten von (geplanter) Ankunft der S-Bahn bis Beginn des Boardings.

Dann, nach wenigen Minuten Fahrt, bleibt die S-Bahn auf offener Strecke stehen. Eine Durchsage gab es nach längerem Warten, angeblich sei eine Signalanlage defekt. Derweil fahren rechts und links andere Züge vorbei. Auch die 2. Durchsage liess verlauten, dass eine Signalstörung vorliege. Dann die dritte Durchsage: Weichenstörung. Inzwischen waren mehr als eine halbe Stunde vergangen. Langsam wurde ich nervös. Dann die Mitteilung: Der Zug fährt ein Stück zurück, um dann auf ein neues Gleis zu wechseln. 

Mit schlussendlich 63 Minuten kam die S-Bahn am Flughafen an. 

Ich spurtete zum Schalter der Lufthansa, es war ca. 10:45, eine Mitarbeiterin rief sofort am Gate an, aber das Boarding war bereits abgeschlossen, “doors closed”. Mein Ticket ist nicht umbuchbar. Shit. 

Dann zum Schalter der Deutschen Bahn: Man können da nichts machen ausser mir die Verspätung zu bescheinigen - darin hat man ja Routine - und mir ein Formular mitzugeben, um meine entstandenen Mehrkosten erstatten zu lassen. 

Mit dieser Information machte ich mich auf die Suche nach einer Flugverbindung: Leipzig - Zürich via München, Abflug 12:45, Ankunft Zürich 16:15 - anstatt 12:00 wie geplant. Und zusätzliche ca. 350 CHF - mein Originalticket hatte ca. 200 CHF gekostet. Ich gehe ganz einfach einmal davon aus, dass die Deutsche Bahn mit das Ticket erstattet! Den verlorenen Nachmittag zuhause kann ich eh abschreiben.

Meinem Ärger und Unmut habe ich über Twitter Luft gemacht, aber seitens der Deutschen Bahn bisher keine Äusserung zum Fall. Man ist wohl im Wochenende

Update 11.7.2016
Drüben bei Twitter gab's bis heute keinerlei Reaktion auf meine diversen Tweets seitens der Bahn. Auf der Facebookseite von Deutsche Bahn Personenverkehr gab's neben einer halbherzigen Entschuldigung vor allem Belehrungen!

Screenshot 10.7.2016

Dass es auch anders geht, zeigt die Swiss.

Update 1.8.2016:
Mir wurde angekreidet, ich hätte zu wenig Puffer bei der Anreise zum Flughafen in Leipzig eingebaut. Nun, die Fluggesellschaft Swiss sagt für den (wesentlich grösseren) Flughafen Zürich, dass die Ankuft eine Stunde vor Abflug ausreichend sei. Mein Reiseplan für Leipzig sah mehr Zeit vor!

Update 19.8.2016:
Heute kam mit der Post ein Brief der Bahn (Absendedatum 17.8.). Ich vermutete eine - negative - Antwort auf meine Anfrage auf Entschädigung vom 12.7.2016. Weit gefehlt!

Auszug aus dem Brief der DB, erhalten am 19.8.2016

"Gern kümmern wir uns so schnell wie möglich ..." - na toll, nach fünf Wochen!

Und sie verlangen tatsächlich das Original und eine Kopie der Fahrkarte!?

Aber kein einziges Wort zum konkreten Anliegen an sich! Auf die Erstattung der mir zustehenden Entschädigung von 25% des Fahrkartenpreises verzichte ich gerne (es wären übrigens € 1.10).

Und via Twitter kommt auch noch gleich eine entsprechende Belehrung hinterher:

(Screenshot 19.8.2016, 13:50 (Quelle))



PS. Im übrigen bin ich überzeugter Bahnfahrer, besitze aktuell das GA der SBB, besass lange Zeit die Bahncard 50 und war Vielfahrer (bahn.bonus comfort-Status) der Deutschen Bahn.


25. Juni 2016

Staaten bauen die Massenüberwachung aus

"Ein Staat schafft sich selbst die gesetzliche Grundlage für sein Handeln, und damit ist es dann legal, ob Vorratsdatenspeicherung oder Staatstrojaner."
So habe ich es im Beitrag Überwachung und Vorratsdatenspeicherung - Differenzierung tut Not formuliert.

Egal, ob die Schweiz, Frankreich, die USA oder Deutschland, viele Staaten schaffen aktuell die legalen Grundlagen zu potentiell mehr Überwachung.

Als weiteres aktuelles Anschaungsbeispiel dienen die entsprechenden Gesetzgebungsverfahren in Deutschland und Russland, von der die heutige NZZ berichtet: Anti-Terror-Paket im Bundestag: Mehr Daten für die Partner und Auf Orwells Spuren: Umstrittene neue Anti-Terror-Gesetze in Russland

NZZ 25.6.2016, S.7

Und kürzlich lasen wir: E-Government in Schweden: Der Staat als Datenkrake (NZZ 17.6.2016)

Und auch Frankreich macht es schon längst:
"Der Verfassungsrat gab am Donnerstag grünes Licht für die Massnahmen, die unter anderem das Abhören von Telefonen und den Einsatz versteckter Kameras auch ohne richterliche Genehmigung erlauben." (NZZ 24.7.2015)

1. Juni 2016

Überwachung und Vorratsdatenspeicherung - Differenzierung tut Not

Quelle: flickr/democracychronicles 
(CC BY 2.0)
Die Themen Umgang mit unseren privaten Daten, der Schutz der Privatsphäre und die Überwachung können nicht genug intensiv diskutiert werden. Wir müssen uns dringend mit den Folgen der Digitalisierung auseinandersetzen, um das Beste für unsere Gesellschaft daraus zu machen. Aber es muss fair und ausgewogen bleiben. Wir benötigen dringend eine positive Strategie für das digitale Zeitalter.

Der Autor des Beitrages Regeln für die digitale Welt: Die algorithmische Person (faz.net, 1.6.2016) spricht von der globaler Vorratsdatenspeicherung und vermischt leichtfertig staatliche mit privatwirtschaftlichen Aktivitäten. Aber genau hier muss man genau differenzieren*:
Ein Staat schafft sich selbst die gesetzliche Grundlage für sein Handeln, und damit ist es dann legal, ob Vorratsdatenspeicherung oder Staatstrojaner.
Ein Unternehmen dagegen  unterliegt durchaus rechtlichen Rahmenbedingungen wie auch der Börsenaufsicht und notabene dem Markt. Sicherlich sind die hier gemeinten Unternehmen keine Waisenknaben und kämpfen mit harten Bandagen, aber letztlich sind sind sie von uns Nutzern abhängig. Was hatte man für eine Angst vor Microsofts beherrschender Stellung im Browsermarkt - und was ist daraus geworden? Und nicht nur Goolge hat zig Dienste mangels Akzeptanz wieder einstellen müssen. Und nicht zuletzt hat auch Google - wie andere Techgiganten ebenfalls - sich mehrfach dem Recht beugen müssen, sei es bei Streetview oder dem Löschen von Einträgen in der Suchmaschine.

Aus diesen Gründen ist es dringend geboten, die Aktivitäten von Staaten und privatwirtschaftlichen Unternehmen in diesem Kontext klar zu differenzieren. Zu den Diensten der Unternehmen gibt es durchaus Alternativen, zum Staat nicht*.

* vgl. auch mein Beitrag Der unaufhaltsame Weg zur digitalen Totalüberwachung !?