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17. September 2017

Methodischer Optimismus - was der Detailhandel von Hernán Cortés lernen kann

Cortés versenkt seine Schiffe
(Wikipedia)
Beim Tagblatt findet man heute den Artikel Ladensterben: Ratlos in der Einkaufsmeile. Es geht einmal mehr um das Ladensterben - und den Onlinehandel, der als Haupschuldiger, neben dem Einkaufstourismus, identifiziert wird.
"Noch wissen die Detailhändler nicht, wie sie ihm begegnen sollen."
Es gibt auf Facebook dazu passend eine Gruppe zur Trauerbewältigung - auch wenn das Ziel der Gruppe ein anderes ist.

Die Ratlosigkeit wird schon im Anriss deutlich. Und etwas ratlos machen mich einige der zentralen Aussagen im Text selber.

Wie aus einer anderen Zeit klingt der erste Satz im Text, der die Reaktion eines Detailhändlers wiedergibt:
"Dass seine Facebook-Seite so viel beachtet werde, hätte er nicht erwartet"
Wie gesagt, das ist aus dem September 2017, im Jahr 14 von Facebook und Social Media.

Und selbst wer von den Detailhändlern Online geht, gibt den Grossen die Schuld am mangelnden Erfolg. Und dummerweise kostet eine Onlinepräsenz auch noch etwas:
"Aber die Kunden müssen den auf Google auch finden können. Und auch das kostet."
Der Kollege Thomas Rudolph weisst dann dankenswerterweise auf das veränderte Kundenverhalten hin:
"Und auch wer in die Stadt zum Shoppen geht, sucht erst im Internet nach Geschäften, die die gewünschten Produkte anbieten. [...] «Cross-Channel» heisst das Zauberwort der Branche: Wer Online und Laden geschickt verbindet, der gewinnt, ist man überzeugt."
Aber die Aussagen scheinen zu verhallen. So wird der Inhaber von Mode Weber mit der Aussage zitiert, dass er auf keinen Fall einen Onlineshop eröffnen will. Und die zitierte Aussage «Die meisten Shops sind defizitär.» macht mehr als deutlich, dass man von Cross- oder Omnichannel nocht Nichts gehört hat. Zu recht sagt Herr Weber, dass Online ein anderes Geschäft ist. Aber gleichzeitig wird ein Café eröffnet. Immerhin, man ist auf Instagram und Facebook präsent und hat eine Bonus-App.

Dann wird das Beispiel der Papeterie Markwalder genannt:
"Auch die Papeterie Markwalder setzt neue Produkte auf Facebook, Pinterest und Instagram in Szene. «Das Resultat ist schwer zu messen», sagt Geschäftsführer Ralph Bleuer. «Aber man muss auf allen Wegen versuchen, das rettende Ufer zu erreichen.» "
Fragt sich nur, wo das rettende Ufer ist...

Sicher, Spontaneinkäufe im Laden gibt es immer noch, aber selbstverständlich auch Online! Aber wer davon überzeugt ist, dass Trendartikel oder Geschenke Online schwer zu finden seien und fast verwundert feststellt "Aber auch im Internet winkt schon das schnelle Schnäppchen", der kennt den Onlinehandel nicht wirklich. Als gäbe es Onlineshops für Schnäppchen wie Qoqa oder Daydeal erst seit kurzem (für's Protokoll: die beiden Shops sind Online seit 2005 bzw. 2009).

Ein (subjektiver) Erfahrungsbericht drüben bei kurzverbloggt.ch spricht darüber hinaus Bände.

Zwar werden die Realitäten des Handels durchaus gesehen und anerkannt - «Der klassische Laden ist ein Auslaufmodell» -  aber anstatt Trauerbewältigung täte etwas mehr Mut, etwas Neues zu wagen, auch dem stagller Detailhandel gut! Aber solange Online als böse Konkurrenz, die sich sowieso nicht rechnet, betrachtet wird, solange wird man das tiefe Tal der Tränen kaum verlassen.

Sicher, einfach ist es nicht, Patentrezepte gibt es auch nicht, aber ist es nicht gerade auch der Mut, etwas Neues zu machen, ein Kennzeichen eines Unternehmers?
Beispiele für eine Bewältigung der Herausforderungen der Digitalisierung gibt es durchaus im Markt, vgl. z.B. hier und hier.

Mein geschätzter Kollege Reto Eugster hat auf der 7. Ostschweizer Gemeindetagung am vergangenen Freitag ein wunderbares und durchaus provokantes Referat zum Thema Pessimisten haben recht, Optimisten Erfolg: gehalten. U.a. sprach er über den methodischen Optimismus.

Zum erwähnten Hernán Cortés - Modell nur soviel: Nachdem Hernán Cortés Mexiko entdeckt hatte, versenkte er seine gesamte Flotte, um es seinen Gefolgsleuten zu verunmöglichen, das Neuland zu verlassen. (Mehr zum historischen Hintergrund bei Wikipedia)


Update 18.9.2017
Passend zum Thema das Interview mit dem Tommy Hilfiger Chef in der NZZaS vom 17.9.2017: Tommy-Hilfiger-Chef: «Ein Drittel unserer Kunden kauft online ein»


20. August 2017

Informations- und Medienkompetenz und die Demokratie

(Photo by Avi Richards on Unsplash)
Im Bund Hintergrund der heutigen NZZ am Sonntag finden sich zwei Beiträge, die man durchaus im Zusammenhang sehen kann: Weshalb uns das Internet nicht schlauer macht und Es geht um nicht weniger als um unsere Demokratie.  

Im zweiten Beitrag postuliert der Autor die Mitbestimmung des Volkes als die Essenz der Schweiz und sieht sie von drei Seiten her akut bedroht. Neben den drei erähnten Punkten abserbelnder Föderalismus, expansive Rechtsprechung und Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhalts kann man, inspiriert durch den ersten Beitrag, durchaus einen vierten Aspekt hinzufügen: Die schwindende Medien- und Informationskompetenz.

Der Autor schreibt in seinem Beitrag u.a.:
"Im Kopf gespeichertes Wissen indes gibt uns einen Orientierungsrahmen, um jene Informationen einzuordnen, die uns aus dem Netz entgegensprudeln.
 Wissen ist mehr als auswendig gelernte Jahreszahlen. Es ist zum Beispiel ein Verständnis dafür, was im 20. Jahrhundert in Europa passiert ist, samt den komplexen Zusammenhängen.
 Natürlich wäre das auch im Netz erhältlich, nützt uns dort aber nichts in jenem Moment, in dem wir Neuigkeiten einordnen sollten. Wir wüssten nicht einmal, wonach wir googeln müssten."
 Dazu passend stellt ein Kommentar in der NZZ vom 16.8.2017 unter dem Titel Naive Natives die Frage:
"Was bewog Soziologen und Pädagogen dazu, Jugendlichen gleichsam angeborene Kenntnisse für eine Welt zuzuschreiben, die nicht diese selbst, sondern Erwachsene geschaffen hatten?"
Und ebenso passend dazu mein Beitrag aus dem Jahr 2009: Wer lehrt die Kinder googeln?

In Zeiten von FakeNews und Filterblasen, in der sich Menschen - und nicht nur junge - in ihrer Filterblase wohlfühlen, sich oberflächlich via Gratiszeitungen informieren und notabene das Gefühl haben, Wissen kann man ja googeln, sofern man es dann irgendwann braucht, in Zeiten, in denen klassische Tageszeitungen einen massiven Leserschwund zu verzeichnen haben und populistisches Gedankengut weltweit zunehmend Anhänger findet, geht es tätsächlich um die Bedrohung der Demokratie, und das nicht nur in der Schweiz.

(Quelle: werteundwandel.de)


20. Juli 2017

Wirtschafts- und Medienkompetenz anstatt staatlicher Regulierungswut

In den letzten Tagen wurde wieder eine neue Sau durch's Dorf getrieben, oder besser durch die Dörfer im Neuland. Diesmal sind es die Online Vergleichsportale. Und so kommt was kommen muss, der Ruf nach dem Staat:
"Verbraucherschützer warnen vor vorgegaukelter Unabhängigkeit bei Web-Vergleichsportalen. In Deutschland sind auch Politik und Justiz alarmiert." (NZZ 19.7.2017)
Vor allem in Deutschland reibt man sich immer wieder die Augen, wenn Online-Unternehmen durch den Staat gezwungen werden sollen, den Kern ihres Geschäftsmodells offen zu legen. Das kennen wir ja z.B. schon von den Forderungen an Google. So fordert es jetzt der Verbraucherzentrale
Bundesverband e.V.:

VZBV, 19.7.2017

Muss es immer gleich der Staat sein, der uns Bürger und Konsumenten zunehmend bevormundet? Und der dadurch den Unternehmern die Lust nimmt, Firmen zu gründen? Traut man uns denn gar nichts mehr zu? Gilt Eigenverantwortung nichts mehr?

Es gäbe andere Ansatzpunkte:
Investition in die Bildung in Sachen Medien- und Wirtschaftskompetenz! Die Menschen befähigen, damit sie eigrnverantwortlich entscheiden können. Sie zu kompetenten und mündigen Bürgern und Konsumenten machen.

Dass Schüler sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz zu wenig über Wirtschaft wissen, ist eigentlich bekannt (vgl. z.B. hier oder hier). Gleiches gilt für die Medien- und Informationskompetenzenz.

Also, die erste Lektion in Sachen Wirtschaftskompetenz lautet: "There ain’t no such thing as a free lunch" (TANSTAAFL) - Nichts ist umsonst. 

Ein Vergleichsportal wird von einem Unternehmen betrieben, und Unternehmen müssen Geld verdienen, selbst im Neuland Internet. Damit bezahlen sie ihre Kosten, z.B. die Löhne der Mitarbeitenden, und durch die Aussicht auf einen Gewinn werden sie motiviert, ihre Leistung überhaupt erst anzubieten. Und woher kommt das Geld? Nicht von uns Konsumenten; wir nehmen die Leistungen selbstredend unentgeltlich in Anspruch. Aber es kommt beispielsweise von denjenigen, die ihre Leistungen via dem Portal anbieten, indem sie dafür zahlen. Und wer nicht zahlt, ist nicht im Portal. Eine weitere Option ist die Werbung, oder der Verkauf von gesammelten Daten. 
Wer dieses ökonomische Grundverständnis kennt, fällt auch kaum auf vermeintliche objektive Vergleiche und Empfehlungen herein, wie es die Verbraucherschützer formulieren, weder Online noch Offline. Denn beispielsweise auch ein Versicherungsmakler bietet uns lediglich diejenigen Versicherungen an, die ihm eine Provision zahlen. Und je höher die Provision ist, desto mehr wird er die Versicherung anpreisen. 

Davon unbenommen ist sicherlich die Tatsache, dass Vergleichsportale mit harten Bandagen kämpfen; hier hat der Staat klar dafür zu sorgen, dass sich alle an die Spielregeln halten. Das heisst aber sicher nicht, dass sich der Staat anmasst, das Geschäftsmodell diktieren zu wollen. 

Ergänzung 21.7.2017
In einem Beitrag zum Umgang von Gesellschaft und Politik mit Algorithmen bei faz.net vom 20.7.2017 schreibt der Autor zum Schluss:
"Statt von einer Offenlegung der Algorithmen wird man eher über ihre Spielregeln und Grenzen reden müssen. Unternehmen werden belegen müssen, dass ein System so funktioniert wie behauptet. Datenauswahl und Datenbasis von Algorithmen sind zu diskutieren, und man wird auch über eine Zweckbindung von Daten nachdenken."
Wie bereits gesagt, es muss Spielregeln geben und deren Einhaltung muss überprüft werden können, nicht mehr und nicht weniger.


Bildquelle: pixabay.com



18. Juli 2017

Faktencheck als erste Bürgerpflicht

Winnie in the dark, fact checking!
Im Zeitalter von sog. Fake News sind Faktenchecks aktuell en vogue, für viele Medien gehören sie inzwischen zum guten Ton, denn zu Tun gibt es viel.

Aber das ist längst nicht genug:
An der re:publica 17 wiess Klaus Kleber darauf hin, dass auch und vor allem die Zivilgesellschaft verstärkt gegen Fake News aufbegehren muss und den Job nicht nur den Journalisten überlassen darf. In der Tat, eine Demokratie braucht aufmerksame, aktive, interessierte, kritische und engagierte Bürger:
"Es gibt in jeder Gesellschaft, gerade in einer demokratisch verfassten, eine Verantwortung des Einzelnen, die der Staat nicht übernehmen kann. Demokratie ist die edelste Staatsform, aber es ist eine Staatsform, die nicht nur Freiheit gewährt und schützt, sondern auch Verantwortung verlangt. Demokratie verlangt Engagement und zwar über Wahlen hinaus. Sie verlangt Meinungsbildung, Beschäftigung mit den Themen, die das Gemeinwesen prägen und verändern." (faz.net 9.7.2017)
Das bedeutet im Zusammenhang mit Medien, dass jeder Einzelne sich aktiv und kritisch mit den Medien, die er oder sie konsumiert, auseinandersetzt. Vorausgesetzt natürlich, der Bürger oder die Bürgerin verfügt über die o.g. Eigenschaften und will sich auch engagieren - und nicht unkritisch in seiner Filterblase verharren, in der man es sich gemütlich einrichtet und - frei nach Pipi Langstrumpf - die Welt so sieht, wie sie einem gefällt, Fakten hin oder her.
"Zwei mal drei macht vier, widewidewitt und drei macht neune, ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt." (Wikipedia

Dazu ein kleines, aktuelles Beispiel:

Heute entdeckte ich zufällig eine Meldung auf Twitter mit dem Titel "Dank Viktor Orbán: Ungarn gehört mit zu den 15 sichersten Ländern der Welt"; gemäss Google Suche wurde der zugehörige Beitrag einer deutschen Website weit über 200 Mal auf weiteren Websites und Blogs geteilt und kopiert, nicht zuletzt auch von Pegida und einer G+ Community Freunde der AfD.

Der Teaser zum Text:
"Diese Nachricht wird vielen EU-Regierungschefs und Mainstreammedien gar nicht schmecken: Ungarn ... rangiert laut der jährlichen Studie über die sichersten Länder des Erdballs des »Global Peace Index« auf Rang 15." *
Und weiter im Text:
"Neben Tschechien, der Slowakei und Polen gehört Ungarn zu den EU-Ländern, die sich mit aller Kraft gegen die von  der Merkel-Regierung aufgezwungene „Willkommens- und Verteilungskultur“ für „Flüchtlinge“ aus aller Welt zur Wehr setzen." *
Die In­si­nu­a­ti­on des Textes wird bereits mit diesem zwei Zitaten deutlich: Die rigorose Flüchtlingspolitik Ungarns macht das Land sicher, Merkels Politik dagegen bewirkt das Gegenteil.

Quelle: Global Peace Index
Leider versäumt es der Artikel wie auch alle Kopien und zugehörige Tweets die Originalquelle zu verlinken, oder gar Werte gegenüber zu stellen. Aber dies ist noch die kleinste Hürde für einen Faktencheck: Global Peace Index.

Ungarn ist tatsächlich auf dem 15. Platz, aber direkt dahinter Deutschland. Schaut man sich die Werte des Indexes an, so liegt Ungarn bei einem Wert von 1494, Deutschland bei 1500, das sind 0.4% Differenz. Die Nr. 1, Island, liegt übrigens bei 1111, und das Schlusslicht Syrien bei 3814, auf Position 163. Ach ja, Tschechien liegt auf Position 6, die Slowakei auf 26 und Polen auf Position 33.

Somit relativiert sich die insinuierte Aussage des Textes gewaltig, Deutschland und Ungarn sind faktisch gleichauf, was den Index angeht.

Interessant wird es, wenn man die 23 Indikatoren, die den Index ergeben, einzeln anschaut. Darunter sind Indikatioren wie Perceptions of Criminality (wahrgenommene Kriminalität), Homicide (absichtliche Tötungen), oder Incarceration (Gefängnisinsassen je 100'000 Einwohner) - bei diesen, und weiteren, Werten schneidet Ungarn deutlich schlechter ab als Deutschland. Natürlich gibt es auch Indikatioren, bei denen es umgekehrt aussieht, z.B. bei Opfern von Terroranschlägen.

Wie die Autoren dazu kommen, dass die Position Ungarns Victor Orban zu verdanken sei, bleibt deren Geheimnis, aus der angegebenen Quelle geht dies selbstverständlich nicht hervor.

Hier werden auf der Basis einer durchaus seriösen Quelle mit einem objektiven Index, der für alle Länder die gleichen Quellen zur Berechnung der Indikatoren heranzieht, abenteurliche Schlussfolgerungen gezogen und sie so notabene scheinbar legitimiert, somit für das Klientel der eigenen Filterblase missbraucht.

Und alle Indikatioren wie auch den gesamten Index kann man bis zum Jahr 2008 zurück abrufen. Dabei ergibt sich für den Gesamtindex für die Länder Deutschland, Ungarn und die Schweiz folgendes Bild:




Bildquelle: flickr / Seth Dodson (CC BY-NC 2.0)

* Quelle: philosophia-perennis.com/2017/07/17/viktor-orban-ungarn, 18.7.2017


25. Juni 2017

Kundenorientierung, Wachstum, Experimentierfreude - Schlüsselfaktoren für Amazons Erfolg

NZZaS 25.6.2017, S. 20-21
Der Beitrag Amazon – der Laden für alles in der NZZ am Sonntag von heute zeigt sehr eindrücklich die Erfolgsgeschichte von Amazon auf.

Wie Jeff Bezos, Ex Hedge-Fund-Manager, 1994 erkannte,
"dass etwas «hochgradig Ungewöhnliches» im Gange war. Er war so beeindruckt, dass er nur wenige Monate später seinen Job in New York kündigte, seinen Hausrat packte und mit seiner Frau Richtung Westküste fuhr, um mit 10 000 Dollar eine Online-Buchhandlung zu gründen." (NZZaS)
Der Rest der Geschichte ist bekannt. Aus dem Online-Buchhändler wurde das grösste Online-Warenhaus der Welt. Und nicht nur das: Die im Unternehmen entwickelten Kompetenzen werden nach und nach auch als Produkte vermarket. So ist Amazon heute Martführer im Bereich Cloud Computing Services und bietet eine komplette Fulfillment Infrastruktur für den Onlinehandel an.

Der Erfolg von Amazon ist vor allem der Innovationsfreudigkeit und -kraft zu verdanken. Drei Aspekte stehen dabei im Zentrum: Kundenorientierung, Wachstum, Experimentierfreude.

Von Anfang an stellte Amazon den Kunden ins Zentrum: So war der ehemalige Online-Buchhändler in den USA nie Preisführer, hat sich also nicht in den unsäglichen und ruinösen Preiswettbewerb begeben wie seine Wettbewerber. Eine Reihe von Studien haben das untersucht.
"It is interesting to compare Amazon to two other well-known stores – Barnesandnoble.com and Borders.com. Amazon was 5 percent more expensive than Barnesandnoble.com and 11 percent more expensive than Borders.com." (Clay et al. (2017*)
Und für's Protokoll: Borders ist seit 2011 Geschichte (Foto).

Amazon gilt als Mutter der Empfehlungsdienste und Kundenfeedbacks. Amazon hat das Web 2.0 bereits realisiert, als es den Begriff noch gar nicht gab.

Der Artikel The Amazon–Whole Foods Deal Means Every Other Retailer’s Three-Year Plan Is Obsolete** in der Harvard Business Review vom 21.6.2017 zeigt Amazons Innovationsfähigkeiten deutlich auf:
"Amazon’s greatest competitive advantage is not its e-commerce network; it is its innovation engine."
"To compete with Amazon’s relentless flow of innovations, traditional retailers have no choice but to relearn how to innovate like the successful startups they once were. This innovation in innovation requires moving from predictive plans (based on increasingly unpredictable market conditions) to adaptive, agile innovation teams.
Seit 1994 hat Amazon wahrscheinlich mehr innovative Projekte und Experimente beerdigt - nämlich 18 - als seine Wettbewerber überhaupt je auf den Weg gebracht haben.

(HBR 21.6.2017**)


* Clay, K., Krishnan, R., Wolff, E., & Fernandes, D. (2003). Retail Strategies on the Web: Price and Non-price Competition in the Online Book Industry. The Journal of Industrial Economics, 50(3), 351–367 (pdf)
** Darrell K. Rigby. (2017). The Amazon–Whole Foods Deal Means Every Other Retailer’s Three-Year Plan Is Obsolete. Harvard Business Review.



12. Juni 2017

Wie sich die F.A.Z. mit dem hölzernen Pferd vergaloppiert

Die Célérifère - das hölzerne Pferd
Am vergangenen Samstag las ich durchaus amüsiert den NZZ Artikel 200 Jahre Fahrrad: Weshalb die neue Laufmaschine einst Ängste weckte. Ja, tatsächlich, auch die Erfindung des Fahrrades hat Ängste oder besser Abwehrreflexe ausgelöst die sogar soweit gingen, dass Städte das Fahrrad verboten haben.

Dazu kam mir spontan eine Assoziation in den Sinn, die ich auf Twitter formuliert habe. So weit so gut.

Am Sonntag las ich dann zwei Artikel der F.A.Z. Online, die irgendwie passend schienen zu meiner spontanen Assoziation vom Vortrag. Die Autoren beider Artikel haben wohl grosse Furcht vor dem hölzernen Pferd, um im Bild zu bleiben.

Mir geht es hier nicht um die Themen, die angesprochen werden, über beide lässt sich trefflich diskutieren und man sollte dies auch tun - aber bitte auf dem nötigen Niveau!

Der erste Artikel ist wenigstens noch als Kommentar gekennzeichnet: Befreit die Kinder vom Code-Wahn! Erst dachte ich, es sei eine bewusste Zuspitzung, aber nein, die Autorin macht keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegenüber der digitalen Welt. Der Kommentar strotzt nur vor Unsachlichkeit und Verdrehungen, die einer F.A.Z. nicht würdig sind. Ein Beispiel:
"Sicher ist: Eine Handvoll Technologiekonzerne aus dem Silicon Valley prägen mit ihren Algorithmen die Welt. Programmierer sind gefragt wie nie, und immer mehr Arbeitsplätze werden künftig mit IT zu tun haben. Aber muss deshalb jedes Grundschulkind Codes schreiben? Muss jeder Manager, bis hoch zum Vorstand, Programmierkurse besuchen, wie es heute propagiert wird, um nicht den Anschluss an die Digitalisierung zu verlieren?"
In welcher Welt lebt die Autorin? Wer so schreibt, hat tatsächlich nicht wirklich viel verstanden von unserer gegenwärtigen Welt, und auch nicht davon was Programmieren lernen heisst. Und dass gestandene Top Manager Programmieren lernen, machen sie sicher nur aus Zeitvertreib.
"Erste Studien zeigen, dass elektronische Medien kleine Kinder nervös machen, dass die Konzentrationsfähigkeit abnimmt, wenn sie vor den Geräten sitzen und spielen."
Das mag sogar stimmen, und es ist bequem den Geräten die Schuld zuzuweisen, aber wo bitte sehr ist hier der Zusammenhang zum - notabene altersgerechten - erlernen des Programmierens? Dass in den sog. MINT-Fächern gravierende Defizite bestehen, ist der Autorin offenbar entgangen. Mehr will ich dazu gar nicht sagen. Denn es geht weiter.

Der zweite Artikel  ist weder Kommentar noch Glosse: Neuer Amazon Bookstore
Die langweiligste Buchhandlung von New York. Erscheint dieser Artikel tatsächlich in der alt ehrwürdigen F.A.Z.? Schon im Anrisstext lässt der Autor keinen Zweifel an seiner Meinung:
 "Nirgendwo kann man die kulturelle und moralische Leere des Konzerns besser spüren als in der Filiale am Central Park in New York."
Weiter ist u.a. die Rede vom ästhetischen Stumpfsinn. Und der Artikel gipfelt in dem Satz:
"Manchmal hat man das Gefühl, mit seiner Verachtung für Amazon und alles, was diese Firma repräsentiert, allein zu sein."
Nein liebe F.A.Z., so nicht,  eine sachliche Auseinandersetzung mit einem wichtigen Thema ist so schlichtweg nicht möglich.

Ergänzung 13.6.2017
Und es geht weiter mit dem Amazon Bashing bei der F.A.Z. in einem Artikel vom 12.6.2017: Gleich im Anriss legt der Autor los und attestiert dem Online-Händler ein schlechtes Gewissen, dass er angeblich beruhigen will.

Und der erste Satz des Artikels lässt dann keinen Zweifel daran, welchen Geistes Kind der Autor ist:
"Der Online-Händler Amazon trägt dazu bei, dass stationäre Buchhandlungen verschwinden und hat die persönlichen Empfehlungen mancher literarisch leidenschaftlicher Buchhändler durch Algorithmen ersetzt. "
 Ich wiederhole mich: Nein liebe F.A.Z., so nicht!

Bildquelle: Wikipedia


10. Juni 2017

Strukturwandel im Einzelhandel: Mehr als die Digitalisierung der Kanäle

NZZ 10.6.2017, S. 33
Im Fokus der Wirtschaft in der heutigen Ausgabe der NZZ beschäftigen sich drei Artikel mit dem Strukturwandel im Einzelhandel in den USA*. Der Hauptartikel widmet sich dem Niedergang der Einkaufsmalls und Ladenketten in den USA. Ein Artikel zeigt wie die Modekette J. Crew trotz guter Ausgangsposition den Anschluss verloren hat, ein weiterer zeigt auf, wie Best Buy den Strukturwandel meistert. Dazu ein paar Gedanken.
"Der Aufstieg des Onlinehandels und die demografischen Verschiebungen haben sich zu einem Sturm zusammengebraut, der nun mit voller Kraft über den amerikanischen Einzelhandel hinwegfegt." (Quelle)
Vor allem Warenhäuser leiden unter dem Strukturwandel, die wiederum die grossen Malls mit in den Abgrund ziehen. Es wird geschätzt, dass allein 2017 ca. 9000 Geschäfte in den USA dicht machen werden.

Auch wenn die USA mehr Läden proportional zu der Zahl der Einwohner hat wie alle anderen Länder weltweit, so zeigen die Entwicklungen einen klaren Trend auf, der auch für den Markt Schweiz gilt.

Leerstände in der stgaller Innenstadt
(Mai 2017)
Drüben bei carpathia war im Februar zu lesen, dass in der Schweiz die Top-5 Onlineshops der Schweiz bereits mehr Umsatz als die fünf grösste Shopping-Center machen.

Die Leerstände sind auch in den Schweizer Innenstädten nicht zu übersehen. Modeketten machen reihenweise dicht, und auch die Traditionsbuchhandlung Rösslitor in St. Gallen verkleinert sich (wieder). Man habe "Die Zukunftsaussichten anders eingeschätzt". Trotz der ersten Dead Mall auch in der Schweiz glaubt man in Ebikon weiter an das Konzept der Shopping Mall und baut die Mall of Switzerland. Man wird sehen, ob das Konzept der Mall, die auch Freizeit- und Familiendestination sein will, aufgeht.
"Dabei wäre es für den Detailhandel eigentlich an der Zeit, massiv zu investieren. Denn zum einen wachsen die Konsumausgaben in den USA stetig. Und zum andern: Wie sonst, wenn nicht mit Innovationen soll der Detailhandel auf die massiven Veränderungen von Konsumgewohnheiten und Bedürfnissen der Kunden reagieren? Wie sonst will er von der Digitalisierung profitieren, wenn sich nicht nur den Absatz, sondern auch die Beschaffung grundlegend verändert? Jungfirmen, die Kleidung vermieten oder gesamte Garderoben zusammenstellen, zeigen, wohin die Reise im Bekleidungssektor gehen könnte." (Quelle)
Um dem Strukturwandel zu begegnen reicht es eben nicht, (auch) Online zu verkaufen, eine Weblounge einzurichten, grosse Bildschirme im Laden aufzustellen oder auf Click & Collect zu setzen.

Der Artikel über den Niedergang J. Crew in den USA zeigt deutlich, dass auch Internet affine Pioniere des Onlinehandels mit einem digitalen Weiter wie Bisher Schiffbruch erleiden. Es geht längst nicht mehr um die Digitalisierung der Kanäle:
"J. Crew habe es versäumt, etwa mit auf Algorithmen basierter, dynamischer Preissetzung den Absatz zu maximieren. Auch ändern sich Modetrends durch das Internet viel schneller. Und digitale Zulieferketten hätte es vielen Konkurrenten ermöglicht, auf diese schnellen Wechsel einzugehen." (Quelle)
Oder mit anderen Worten:
Es geht um Geschwindigkeit, Daten-getriebene Geschäftsmodelle, digitale Lieferketten, um einem drastisch veränderten Kundenverhalten entsprechen zu können - notabene geht es um eine echte Transformation durch Innovation einer Branche.

Das Beispiel von Best Buy zeigt, dass grösser zu denken von Erfolg gekrönt sein kann.  Ca. 80% des Umsatzes bei Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräten werden in den USA bereits Online getätigt. Die legendäre, fast 100 Jahre alte Kette Radio Shak mit einst 4000 Filialen steht unter Chapter 11 und verfügt gerade noch über 70 eigene Filialen - und für die Kunden gibt es einen Bankruptcy Customer FAQ. 

Trotz dieser Entwicklungen konnte sich die Kette Best Buy behaupten, auch wenn auch Best Buy Filialen schliessen musste. In den letzten 12 Monaten hat sich der Aktienkurs von Best Buy verdoppelt, irgendetwas hat die Firma also richtig gemacht. Aber was hat Best Buy anders gemacht? Neben einigen eher üblichen Dingen vor allem eins: Grösser gedacht!

Zum einen gab man den Kunden ein Preisversprechen, um sie nicht an Amazon & Co zu verlieren. Soweit so gut. Das alleine führt letztendlich zu einem ruinösen Preiswettbewerb.

Darüber hinaus hat man den Kundennutzen ins Zentrum gestellt und das Filialnetz als Chance und nicht als Bürde betrachtet und die Filialen als Teil des Gesamtsystems Best Buy verstanden:
"The stores continue to be a great asset for us," Best Buy Chief Executive Hubert Joly said on Thursday. "They're a great asset from the standpoint of the customer experience on the more complex categories or experiences, and they're a great asset from a shipping and logistics standpoint." (Quelle)

  • In den Läden werden eher hochpreisige Produkte verkauft.
  • Store-within-a-Store Konzept für Markenartikler aus der Elektronikbranche:
"Best Buy’s success with vendor brands operating within its stores is a winner not only because companies like Samsung, Microsoft and Verizon pay rent, but because they are a direct link back to factories, new product launch plans and technical support." (Quelle)
Vertikal integrierte Lieferketten  werden so in den Einzelhandel integriert:
"The demand flow in such cases sends a much clearer signal upstream to supply."  (Quelle)
  • Problemlösungen für den Kunden stehen im Mittelpunkt, das Personal wurde entsprechend geschult. Dies wird als Möglichkeit der Kundenbindung und für Cross-Selling betrachtet. 
"The principle is well established in retail, but it demands a different mentality about labor. There will be fewer associates, with higher salaries, more decision-making power and much better information tools going forward. How else can you expect to out-service Alexa?"  (Quelle)
  • Und zukünftig kommen Kundenberater auch nach Hause:
"Having these conversations in the home unlocks all sorts of discussions with the customers," Mr. Joly said. "There's some needs that people never talk about in the stores."  (Quelle)
  • Mit Geek Squad wird ein umfassender Service angeboten:
"We're here for you every step of the way. Our appliance experts can deliver, install, protect and repair your major appliances, plus haul away and recycle your old ones.
Geek Squad

  • Filialen als Teil der gesamten Logistikkette: Die Hälfte der Online-Bestellungen werden entweder direkt von den ca. 1600 Filialen an den Kunden versandt oder vom Kunden dort abgeholt. Dies ist mit Anpassungen in den Filialen verbunden, um daraus (auch) Knoten im Logistiknetz zu machen. 
"The final factor in Best Buy’s story is its embrace of omnichannel fulfillment. Joly cites this factor as well saying: “[The stores are] a great asset from a shipping and logistics standpoint.” The Wall Street Journal reports that around half of the company’s online orders are either shipped from or picked up in stores, and with 1,600 doors in North America, this means proximity to many consumers.
Store operations must obviously add capabilities to make this happen and inventory visibility has to be nearly perfect. But once it’s figured out, direct-to-consumer delivery draws on 10 times as many nodes as even Amazon. Total cost to deliver is an increasingly complex equation, but with ship-to locations sometimes only a few miles away, the choices for customers multiply quickly, including sharing economy options like Instacart and UberRUSH."  (Quelle)

Fazit:
"Stores can beat online, if only because they serve all five senses. Add in some local love, a bit of customer loyalty and an awareness of the supply chain back upstream and Best Buy’s story could be yours."  (Quelle)

Dieser Beitrag erschien am 12.6.2017 als Gastbeitrag bei carpathia.ch.
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* NZZ 10.6.2017, S. 33: (ePaper)


10. Mai 2017

re:publica 17 - ein persönlicher Rückblick


Meine letzte re:publica ist schon ein paar Jahre her, damals fand sie noch im Friedrichstadtpalast statt. Also war es längst einmal wieder Zeit - wenigstens zwei Tage war ich an der re:publica 17. Die re:publica ist erwachsen geworden, ein Bisschen jedenfalls. Nach wie vor ist die Konferenz anders als andere Konferenzen, schon die Location ist anders, und sie ist bunt, nicht nur das Logo, die das Motto Love Out Loud - als eine Antwort auf Hass im Netz - präsentiert, auch die Leute sind bunt, Anzugträger sucht man (fast) vergebens, dafür gibt’s aber Kinderwagen auf der re:publica.

Deutsche Bahn an der re:publica 17
Aber sie ist auch kommerzieller geworden seit meiner letzten Teilnahme, irgendwie im Mainstream angekommen, zumindest teilweise; vertreten sind Firmen wie Microsoft, Google, Daimler, Deutsche Bahn, Krankenkassen, Bundesländer oder Bundesministerien; die Sponsorenwand sieht aus wie bei einem Profi-Fussballclub.

Anders waren auch die Keynotes zur Eröffnung: Anstelle von irgendwelchen, vermeintlichen High Profile Promis lassen die Veranstalter vier Personen auftreten, die ganz persönlich mit Unfreiheit konfrontiert waren und sind (Video).

Besonders bewegend und berührend fand ich Can Dündar, ehemaliger Chefredakteur der türkischen Zeitung Cumhüriyet. Nach einem Enthüllungsartikel über Waffenexporte der Türkei, der offenbar nie dementiert wurde, landete er im Gefängnis und war seinen Job los. Ruhig und leise berichtete er von dieser Zeit, zeigte Fotos. “Turkey is the largest prison for journalists” sagte er. Sein Beitrag Brief aus dem Gefängnis wurde Ende 2015 im Spiegel publiziert.

Márton Gergely war stellvertretender Chefredakteur der ungarischen Tageszeitung Népszabadság, die am 8. Oktober 2016 eingestellt wurde und berichtete aus Ungarn. Ramy Raoof aus Ägypten erinnert an die Freiheit der Information, die eben in Ländern wie Ägypten oder der Türkei nicht existiert. Er selbst wurde Opfer der Unfreiheit: So wurde sein Mobilfunkgerät und sein Internetzugang gekappt, um seine Aktivitäten. Katarzyna Szymielewiczs fordert uns auf diejenigen Leute versuchen zu erreichen und mit ihnen in den Dialog zu treten, die Politiker, die solche Repressionen befürworten, wählen.

Thomas Wagenknecht präsentierte in der Sesssion Blockchange – How Science Revolutionizes Democracy, Work and Nature Using Blockchain drei spannende Ansätze zur Verwendung der Blockchain, eher abseits der typischen Beispiele: das Kunstprojekt terra0,  DAO (Decentralized Autonomous Organizatins) Democracy und Liquid HolocracyShermin Voshmgir vertiefte anschliessend das Thema der Blockchain-basierten DAOs: Disrupting Organizations: Decentralized Autonomous Organizations on the Blockchain: Money without banks. Companies without managers. Countries without politicians. Bitnation erwähnt sie als ein Beispiel. Zur Entwicklung in diesem Bereich sagte sie: It's like 1990 for the Internet - wir stehen hier noch ganz am Anfang. Mehr zum Thema gibt's hier: The promise of the blockchain: The trust machine. Alle präsentierten Ansätze sind auf ihre Art radikal und stehen etablierten Ansätzen diametral gegenüber. Selbst wenn die Technologien (demnächst) verfügbar sind, so braucht es weitaus mehr, damit diese Ansätze sich druchsetzen. Spannende Denkanstösse sind sie aber allemal!

Die Session zum Darknet zeigte wieder einmal auf, dass es Fluch und Segen zugleich ist: Einerseits ein perfekter Rückzugsort für Kriminelle, die man dort schlichtweg nicht aufspüren könne wie der Oberstaatsanwalt Andreas May sagte. Wenn es Verhaftungen gibt, dann deswegen, weil Kriminelle in der realen Welt oft leichtsinnig werden, sich zur Übergabe von illegal erworbenen Waren, wie Wafffen, persönlich mit Käufern treffen - und wenn diese von der Polizei sind, die immer wieder entsprechende Accounts übernimmt, werden Käufer auf frischer Tat ertappt. May sagte auch klar, dass die US Behörden wesentlich weitreichendere Befugnisse hätten.
Auf der anderen Seit dient das Darknet aber auch dem Schutz von Aktivisten in nicht-demokratischen Ländern. So berichtete Ahmad Alrifaee, wie er nur mit Hilfe des Darknets in Syrien journalistisch arbeiten und Berichte ausser Landes bringen konnte.

An einem Panel mit Klaus Kleber und weiteren ZDF Mitarbeitenden gin es um das Thema Fake News (Video). Kleber & Co beschworen die wichtige Rolle der öffentlich-rechtlichen Medien. Diskutiert wurde u.a. die Rolle von sog. Faktenchecks. Einerseits sind sie durchaus notwendig, eine Gegenrede sei wichtig, aber es sollte vor allem auch die Zivilgesellschaft verstärkt gegen Fake News aufbegehren und den Job nicht nur den Profis überlassen. Andererseits wurde immer wieder erwähnt, dass die Aufarbeitung von Fake News nicht nur aufwändig ist, sondern im Zweifel auch dazu beiträgt, das Fake News eine grössere Aufmerksamkeit erlangen. Ausserdem wurde deutlich, das Fake News nicht gleich Fake News sind. Neben harmlosen, eher scherzhaften Falschmeldungen sind es vor allem Fake News von (mehr oder weniger) staatlichen Stellen, welche Gewisseheiten der Bevölkerung erschüttern sollen, ja diese sogar verwirren sollen, indem unterschiedliche Wahrheiten über ein und dasselbe Ereignis verbreitet werden. So lassen sich zweifelhafte Aktivitäten der Mächtigen relativieren und eine Einordnung durch die Bevölkerung erschweren. Interessant war auch zu erfahren, dass das ZDF Social Media als eine Art Kontrollinstanz wöhrend des Heute Journals beobachtet, um ggf. auf Falschmeldungen in der Sendung direkt reagieren zu können.

Verpasst habe ich leider den Vortrag Die Macht der Sprachbilder – Politisches Framing und neurokognitive Kampagnenführung von Elisabeth Wehling. Hier ein Interview zum Thema.

Garry Kasparov
Zeitweise heiss her ging es in der unterhaltsamen Session "Hacking Democracy": Power and Propaganda in the Digital Age u.a. mit Garry Kasparov. Dass er Putin nicht wirklich gut leiden kann, wurde mehr als deutlich. Anhand der Freedom House Map of Press Freedom machte der deutlich, dass weniger als 30% der Weltbevölkerung in Ländern mit einer freien Presse leben. Auch er wiess auf die Strategie des Verschleinern und Verwirrens durch gezielte Falschinformationen hin, um kritisches Denken zu unterdrücken. Auch Kasparov ruft die Zivilgesellscaft auf, Fake News publik zu machen.

Claudio Guarnieri forderte - einmal mehr auf der re:publica - Medienkometenz ein: "Technology can't be trusted, it has to be understood".

Die Keynote von Gunter Dueck zum Thema Flachsinn - über gute und schlechte Aufmerksamkeit, wie man sie bekommt, wer gewinnt und wohin alles führt (Video) hat mir persönlich nicht besonders gefallen, mir fehlte der rote Faden, auch wenn ich Dueck und seine Art sonst mag. Phatische Kommunikation war einer der Begriffe, die man bei Dueck lernen konnte. Und auch er wiess zum Thema Filterblase darauf hin, dass nicht nur die anderen, über die man gerne urteilt, in ihrer Blase gefangen sind. Wahre Worte, wie ich finde.

Miriam Meckel
Äusserst empfehlenswert ist der Vortrag von Miriam Meckel Brainhacking: Auf dem Weg zum Neurokapitalismus? (Video) Fast druckreif präsentierte Meckel in ihrem halbstündigen Vortrag wie wir durch (nicht pharmakologisches) Neuroenhancement Gemützszustände per Knopfdruck verändern können oder wie Gedanken in Daten umgewandetl werden können, was dann die Vision von Telepathie real werden lässt. Sie berichtet von Selbstversuchen und Laborexperiementen, in denen sich die Hirme von Ratten über neuronale Netzwerke bereits heute eroglreich verbinden lassen. Stehen wir vor einer Neuro Divide? Hängt unsere zukünftige Hirnleistung davon ab, ob wir uns die entsprechende Technologie, z.B. Hirnimplantate, leisten können? Ein wirklich packender Vortrag mit der Aufforderung zum Schluss: Think - It's not illega yet. Das Magazin WIRED hat dazu einen aktuellen Artikel publiziert.

Die Session mit Andrea Nahles - Bedingungsloses Grundeinkommen – (K)eine Antwort auf den Digitalen Wandel (Video) - war zunächst sehr sachlich und eher brav, obwohl die grosse Mehrheit des Publikums einen gegenteilige Meinung zu Nahles hatte. Sie machte den Vorschlag des Erwerbstätigenkontos als Gegenentwurf zum Grundeinkommen.  Für meinen Geschmack war Nahles je länger desto mehr fast dogmatisch unterwegs, klassische sozialdemokratische Positionen wurden verteidigt, so u.a. der Glaube an die Zukunft der flächendeckenden Erwerbstätigkeitkeit und dem (unausgesprochenen) Paradigma der Vollbeschäftigung. Auch eine Entkopplung von Arbeit und Lohn wird es nicht geben. Auf Fragen zu den Folgen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt und Beschäftigungsverhältnisse reagierte sind zum Teil gereizt, sie wurde zur Klassenkämpferin als sie von den digitalen Kapitalisten sprach, die ja sowieso nichts Gutes im Schilde führen würden, wenn sie sich für ein Grundeinkommen einsetzen würden, und man schon deswegen dagegen sein müsse. Ihre anfänglich vorgebrachten vier Argumente gegen das Grundeinkommen fand ich persönlich alles andere als überzeugend.

Spanned war auch der Vortrag von Christoph KucklickDie digitale Konterrevolution: Wie Europa seine Bürger entmündigt. Seine These: Die EU-DSGVO wird dramatische Folgen für unsere alltägliche, digitale Kommunikation haben und sie faktisch unmöglich machen, da die Verordnung jeden normalen Nutzer unter diese Verordnung stelle.

Etwas enttäuscht war ich vom Vortrag von Andreas WeigendData for the People (Video),so auch der Titel seines Buches. Für einen Experten bleib er mir etwas zu sehr an der Oberfläche des Themas, vermischte staatliche mit privatwirtschaftlicher Dantensammelwut und warf China und Europa in einen Topf. Mehr zu seinem Vortrag bei ZEIT Online.


Love Out Loud!











25. April 2017

Angebliche Erbschaften als Betrugsmasche - fast perfekt! #Spam

(flickr.com/phossil, CC BY-NC-ND 2.0)
"Erbe dringend gesucht" - Mails mit solchen Inhalten erhalten wir fast täglich; meist landen sie im Spamordner. Dass es sich hier um Spam mit betrügerischen Absichten handelt, erkennt man eigentlich auf den ersten, spätestens zweiten Blick: Fehlerhaftes Deutsch, abstruse Inhalte. Darauf reinzufallen, braucht dann eine gehörige Portion Naivität, oder Leichtsinn - oder die leise Hoffnung auf leicht verdientes Geld. Aber offenbar lohnt es sich für die Absender dennoch, immer noch.

Vor einigen Tagen erhielt ich (wieder) ein solche Mail mit dem Betreff Bitte aufmerksam lesen. Es landete nicht im Spamordner. Als ich das Mail öffente, sah ich zuerst ein Logo, dann die förmliche Anrede. Beim ersten Lesen ein fast fehlerfreier Brief. Und für eine Sekunde dachte ich tatsächlich, dass kann doch kein Spam sein.

Aber selbstverständlich handelt es sich auch hier um Spam, aber (fast) perfekt!





Ich begann mich intensiver für das Mail zu interessieren.
Als erstes suchte ich nach der angeblichen Anwaltskanzlei, und tatsächlich es gibt sie - oder doch nicht? Die Coleman Law LLP hat eine Website: colemanllp.com.

Website "Coleman Law LLP", Screenshot 25.4.2017

Die Geschäftsadresse gibt es tatsächlich, ein Bürokomplex in Housten.

Und der Anwalt Coleman hat auch ein (auf den ersten Blick) seriöses Profil:

Website "Coleman Law LLP", Screenshot 25.4.2017

Aha, Herr Coleman hat etwas publiziert. Auf der Suche nach der Publikation die erste Ungereimtheit: Ein weiterer Anwalt aus Housten, Mark Womack, erwähnt die gleiche Publikation auf seiner Website. Aber viel verbüffender ist die Tatsache, dass Womacks Website der von Coleman gleicht:

Website "The Womack Law Firm", Screenshopt 25.4.2017

Und komischerweise haben die Herren Coleman und Womack den exakt identischen Lebenslauf!

Und während Coleman angeblich an der Adresse One Allen Center in Housten residiert, ist das Büro von Womack an Two Allen Center.

Dass bei Coleman etwas nicht stimmt, sieht man auch an den verwendeten Mail-Adressen: Die Absender-Adresse des Mails unterscheidet sich von derjenigen, die am Ende des Mails agegeben ist. Und auf der Website gibt es eine dritte Adresse.

Nach einer kurzen Recherche stelle ich fest, dass der Area Code von Colemans Telefonnummer, 940, für Anschlüsse im Norden von Texas ist, weit weg von Housten. Der Area Code von Womack, 281, ist tatsächlich aus Housten.

Sucht man nach dem Whois-Einträgen der Websites, fällt auf, dass der Eintrag von Colemen Law LLP eher suspekt wirkt für eine Anwaltskanzlei: die Domain ist seit Jan. 2017 registriert von Namecheap Inc in Panama. Ganz anders dagegen The Womack Law Firm.

Und zu guter letzt eine Suche im offiziellen Anwaltsverzeichnis des Staates Texas: Bei der Suche nach Ben Coleman: Your search has returned no result. Die Kanzlei Womack ist dort eingetragen.

Da hat sich jemand tatsächlich sehr viel Mühe gemacht - es scheint sich zun lohnen!


Whois Eintrag von colemannllp.com (25.4.2017)

Nachtrag 29.4.2017
Spätestens seit heute ist Coleman Law LLP vom Netz bzw. This website is currently undergoing maintenance ...

Website "Coleman Law LLP", Screenshot 29.4.2017



28. März 2017

Gedruckte Stellenanzeigen - Tempi Passati

Gedruckte Stellenanzeigen - Tempi Passati
Zum Thema der Zeitungskrise ist es in letzter Zeit eher ruhig geworden. Verleger und Verlage haben sich mit der Auflösung des klassischen Geschäftsmodell der Zeitung - notabene der Disaggregation von Content, Context und Infrastruktur* - längst abgefunden. Sie sind auf der Suche nach neuen, Online-basierten Geschäftsmodellen. Das Auffangen der dahin schmelzenden Erlöse aus dem Anzeigen- und Abo-Geschäft ist hierbei eine zentrale Zielsetzung.

Wie bereits Ende 2010 auf diesem Blog berichtet, zeigt sich die die Auflösung des alten Geschäftsmodells der Zeitung besonders deutlich bei den Stellenanzeigen. Heute ist es eine Selbstverständlichkeit auf entsprechenden Onlineportalen nach Stellenanzeigen zu suchen. Da verwundert es eigentlich, dass auch im März 2017 immer noch gedruckte Stellenanzeigen erscheinen.

Wie bereits früher festgestellt, setzen vor allem öffentliche Institutionen weit überdurchschnittlich auf Printanzeigen. Nachdem ich seit Dezember 2010 immer wieder die Stellenanzeigen der NZZ am Samstag genauer angeschaut habe, habe ich dies am letzten Samstag wieder einmal getan:

Der Bund NZZexecutive besteht am 25.3.2017 aus noch 6 Seiten - 12 waren es noch im Dez. 2010 - aber nur auf 3 Seiten sind tatsächlich Stellenanzeigen zu finden, insgesamt gerade einmal 11 Anzeigen, ca. 50 waren es im Dezember 2010. Das entspricht einen Rückgang von etwa 80%! Drei Stellenanzeigen sind von privatwirtschaftlichen Unternehmen, die restlichen von im weitesten Sinne öffentlichen Institutionen, das sind immerhin 8 von 11 oder 73%; im Dezember 2010 waren es knapp über 50%. 5 Stellenanzeigen sind von Hochschulen. Tatsächlich setzten also öffentliche Institutionen nach wie vor auf die gedruckten Stellenanzeigen, auch wenn die absoluten Zahlen inzwischen verschwidend gering sind.

* „In the marketspace … content, context, and infrastructure can be disaggregated to create new ways of adding value, lowering costs, forging relationships with nontraditional partners and rethinking ‚ownership‘ issues.“ [Rayport/Sviokla 1994]
‘A New Framework for Managing in the Marketspace’
[Rayport/Sviokla 1994]



Weitere Beiträge zu den Stichworten Zeitungskrise und Zeitungen in diesem Blog


Bildquelle: flickr.com/katherine.a (CC Lizenz)


9. Dezember 2016

Wie Schild den Modehandel umkrempeln will - oder vom Ruf nach Erhalt der Pferdekutsche

Tagblatt 9.12.2016, S. 9
Im stgaller Tagblatt von heute liesst man einen Artikel (bisher nicht Online verfügbar) über die Veränderungen im Modehandel und insbesondere bei Schild. Man könnte den Artikel auch überschreiben mit “Schild glaubt weiter an die Pferdekutsche”.
Nur der physische Laden bietet dem Kunden ein Einkaufserlebnis und die Vorteile des direkten Kontakts
 wird der Chef von Schild zitiert.

Und wie macht Schild das? In dem man den Onlineshop in die Laden bringt. Im Ernst? Das soll den stationären Handel retten? In den Schild-Filialen werden grosse Bildschirme montiert, auf denen Kundenberater den Kunden das im Laden nicht verfügbare Sortiment zeigen. Und es hat sogar schon Bestellungen gegeben - der Schild-Chef spricht “von Erfolgen”. Ein überzeugendes Konzept hört sich anders an.
Warum um Himmels Willen soll ich in die Filiale gehen und dort - unter Anleitung - auf einem Bildschirm Sortimente anschauen, die nicht im Laden verfügbar sind? Ach so, die Beratung vor Ort. Aber wenn ich mir die diversen Onlineangebote im Modelhandel ansehe, von Zalando über AboutYou bis Outfittery, dann frage ich mich allen Ernstes, warum ich ausgerechnet in eine solche stationäre Filiale gehen soll. Und das Anprobieren wird als Argument genannt. Aber warum muss ich dazu in die Filiale gehen, wenn die Ware sowieso erst bestellt werden muss? Zuhause bin ich zeitlich flexibler, kann das neue Kleidungsstück gleich mit meinem restlichen Kleiderschrank zusammen ausprobieren, Partner und Familie in den Entscheid einbeziehen.

Wenn man sieht was Zalando, Amazon & Co. Online auf die Beine stellen und wie Amazon inzwischen auch den stationären Handel aufmischt, dann erinnern die genannten Konzepte des Modehandel tatsächlich an den Ruf nach dem Erhalt der Pferdekutsche. Aber die ist bekanntlich als Verkehrsmittel nicht mehr existent.

Schild Weblounge in der Filiale St. Gallen (2015)
PS. Das ist ja nicht der erste Versuch von Schild die Kunden in die Filiale zu locken: 2015 hat man das mit den Weblounges versucht, die aber offenbar längst wieder verschwunden sind ...
(ergänzt 10.12.2016)





Tagblatt 9.12.2016, S. 9

2. Dezember 2016

Business Models for the Digital Economy - AMCIS 2017 Minitrack

Inzwischen zum 18. Mal organisiere ich den Minitrack „Business Models for the Digital Economy“ im Rahmen der Americas Conference on Information Systems (AMCIS) vom 10.-12. August 2017 Boston, USA, .

Inhaltlich thematisiert der Minitrack vor allem neue und innovative Formen der Wertschöpfung in der Digital Economy:
"This minitrack serves as a forum for the presentation and discussion of new and innovative approaches of business models beyond e-commerce for coping with the challenges of the digital economy as well as digital transformation. We consider an economy based on the digitization of information and the respective information and communication infrastructure as digital economy. This new type of economy implies not only technological, but also and especially structural and process-related challenges and potential. The way in which economic value is created will change fundamentally in the digital economy and thus transform the structure of economies and societies."

Hier geht's zum Call for Papers.

Die Website enthält die publizierten Beiträge aller bisherigen Minitracks.

Hintergrund zur AMCIS:
"AMCIS, a preeminent information systems research conference, conducted under the auspices of the Association for Information Systems (AIS), attracts 1000 or more attendees from North America, as well as other regions of the world. The conference program includes research paper presentations, panel discussions, keynotes, doctoral student consortium, and a camp for early-stage IS faculty. This year’s theme, A Tradition of Innovation, reflects the program chairs’ desire to highlight IS studies that build on previously-reported research and IS studies that take innovative new methodological or theoretical directions and address emerging technology challenges to strengthen or extend existing theories and propose new theories."

 AMCIS 2017

Bildquelle: AMCIS 2017