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20. Februar 2014

Eine Analyse der digitalen Revolution in der Medienbranche aus den USA

Die heutige NZZ publiziert einen interessanten Beitrag zur digitalen Revolution in der Medienbranche: Auf der Suche nach dem Ei des Kolumbus. Interessanterweise erscheint der Beitrag im Bund International, und nicht etwa im Medien-/Digitalteil der NZZ.

Der Autor Peter Winkler fasst in dem Beitrag eine umfangreichere Studie von Pew Research zusammen (auf die leider nicht direkt verlinkt wird):  Nonprofit Journalism: A Growing but Fragile Part of the U.S. News System, publiziert im Juni 2013.
"Das Pew Research Center identifizierte für einen Bericht über diese schillernde Szene digitaler Medien 172 Neulancierungen seit 1987. Fast 70 Prozent von ihnen wurden während oder nach der Rezession von 2008 gegründet, als traditionelle Medienunternehmen im grossen Stil «journalistische Kapazität abbauten»" (mehr zur Methode der Studie)
Auch wenn die Studie sich auf die USA bezieht, sind die Erkenntnisse durchaus interessant.
Einige der Kernaussagen:

  • Focus auf lokale bzw. regionale Themen: "Von den 172 Internet-Neugründungen bedienen rund drei Viertel das Interesse an Nachrichten auf lokaler oder gliedstaatlicher Ebene." 
  • Fokus auf einzelnen Themen: "Als typische Nischenprodukte beschränken sich ebenfalls rund 75 Prozent auf ein Thema oder auf einige wenige Themenschwerpunkte." 
  • Der Qualitätsjournalismus lebt offenbar: "Erstaunlicherweise ist der investigative Journalismus mit 21 Prozent die populärste Nische."
  • Durchaus überraschend ist die Aussage, "dass die Internetmedien bedeutend weniger häufig aktuelle Nachrichtenbeiträge publizierten als traditionelle Medienunternehmen" - was mit den fehlenden Ressourcen begründe wird: viele der Neugründungen arbeiten mit Freiwilligen
  • Aber: Ein nachhaltiges Ertragsmodell fehlt den meisten Neugründungen bisher: "Rund zwei Drittel werden von einer anderen Organisation gesponsert, nur das restliche Drittel kann als einigermassen unabhängig bezeichnet werden". Es bestehen notabene Abhängigkeiten von Mäzenen und Sponsoren. Aber letztendlich bestehen Abhängigkeiten (mehr oder weniger explizit) auch bei traditionellen Medienhäusern
  • Insbesondere innovative, Internet-typische Ertragsmodelle fehlen weitgehend. Neugründungen wie traditionelle Medienhäuser suchen also gleichermassen nach Ertragsmodellen. 
  • Und: "Soziale Medien gelten derzeit für den Aufbau engagierter Nutzergemeinschaften als unabdingbar." Als innovative Beispiele werden hier u.a. die Projekte impaq.me und First Look Media, genannt. 
Weitere Details sind in der Originalstudie dokumentiert (pdf). 

Weitere Beiträge zum Thema Zeitungen auf diesem Blog.


12. Mai 2013

Wie schnell eine Falschmeldung produziert - und aufgedeckt werden kann

Quelle @sanktgallen
In der vergangenen Woche publizierte die HWZ die website socialswitzerland.ch. Sie zeigt dynamisch die Social Media Aktivitäten der Kantone und Kantonshauptstädte in der Schweiz auf. So weit so gut.

Aber leider hat sich bei der Recherche ein Fehler eingeschlichen: Die Aktivitäten der Stadt St. Gallen waren mit Null bewertet.

Dies blieb nicht lange unentdeckt: Kurz nach der Ankündigung der website  und wurde der Fehler via Twitter kommuniziert. Die HWZ versprach sofortige Besserung. Und kurz darauf wurde Vollzug gemeldet

Dies hielt 20 Minuten nicht davon ab, einen Artikel mit der Schlagzeile "Ostschweiz auf Social Media nicht vertreten" mit Namenskennzeichnung zu publizieren. Und auch andere Medien vertrauten blind der Medienmitteilung.

Zwei Dinge erstaunen hier:

  1. Eine Journalistin, die einen solchen Artikel verfasst oder redaktionell bearbeitet, und sei er auch noch so kurz, sollte wenigstens ansatzweise wissen, worüber sie schreibt. Wäre das der Fall gewesen, hätte sie bemerken müssen, dass die Social Media Aktivitäten der Stadt St. Gallen nicht inexistent sind - eher das Gegenteil.
  2. Und auch wer immer die Autoren einer Studie bzw. Website sind, ein Faktencheck, wenigstens im Sinne der Plausibilität, sollte durchgeführt werden, wenn irgendwie möglich. Dies wäre in diesem Fall sehr einfach in max. 60 Sekunden möglich gewesen. Sehr schnell hätte man feststellen können, dass die stgaller Social Media Aktivitäten nicht Null sind. 

Ganz offenbar hat der genannte Artikel alle Qualitätskontrollen der Journalistin und der Redaktion erfolgreich geschafft. Und somit wurde eine Schlagzeile publiziert, die schlichtweg falsch ist.

So viel zur Qualität im Journalismus.

Was lernen wir daraus?

  1. Hinterfrage grundsätzlich Aussagen und Feststellungen jeder Studie, und seien die Autoren noch so seriös, Fehler können jeder und jedem unterlaufen. 
  2. Mache wenn immer möglich Fakten-/ Plausibilitätschecks, bevor Du Schlussfolgerungen ziehst. 
  3. Hinterfrage grundsätzlich Aussagen und Feststellungen von (Zeitungs-) Artikeln.

    und
  4. Social Media sind ein effektives Werkzeug, um Falschmeldungen aufzudecken. 



10. September 2010

Journal 21 - die Rettung des Qualitätsjournalismus?

Heute kurz vor Mittag lass ich die ersten Tweets zur neuen Online-Tageszeitung mit Namen Journal21 (sh. Screenshot weiter unten).

Um 13:21 erscheint auf NZZ Online ein Artikel mit der Überschrift "Rettung des Qualitätsjournalismus" - notabene ohne Fragezeichen.
Und die ersten Blogbeiträge sind auch schon Online: Abt. Happy Welcome! – heute: Journal21,

arnold hottinger hat jetzt auch eine eMail adresse: www.journal21.ch.

Ich habe mir die Seite angeschaut, und die ersten spontanen Gedanken dazu dokumentiere ich hier, ganz webzweinullig also.

1. Dezember 2009

Medientalk: Der heikle Umgang mit Nachrichten für Print und Online

Der "Medientalk: Zur Zukunft der Leitmedien" fand heute zum vierten und letzten Mal statt - und zum ersten Mal war ich persönlich dabei. 
"Die Medientalk-Veranstaltungsreihe von NZZ Campus beschäftigt sich mit dem Globalthema Medien, Markt und Publikum." 
Thema heute war der "heikle Umgang mit Nachrichten für Print und Online". Die Diskussionsteilnehmer waren René Zeller, NZZ-Inlandressortleiter, Tagesleiter, Bindeglied zwischen Online und Print (nach eigener Aussage) und Frank Esser, Professor für  Publizistik- und Kommunkationswissenschaft, IPMZ, Uni Zürich. Moderiert wurde die Diskussion von Michael Baumann, Redaktor NZZ. 


In seinem Eingangsstatement formulierte Zeller drei Fragen bzw. Diskussionspunkte:


1. Braucht eine Zeitung wie die NZZ eine Online Plattform?
Diese sei Fluch und Segen zugleich sagte Zeller: Segen, da man so als Zeitung omnipräsent sein kann, und Fluch, weil man kein oder nur kaum Geld verdienen kann. Da war es also, das zentrale Argument, ca. zwei Minuten nach dem Start der Veranstaltung. 


Zellers klare These lautet in diesem Kontext: Es gibt keinen Weg zurück. Ansonsten wäre der Verlag NZZ in 10 Jahren tot!


2. Das NZZ Modell ist erfolgreich.
Das Modell der NZZ ist ein integriertes, das Print und Online integriert. Zeller erwähnte u.a., dass am letzten (Abstimmungs-) Sonntag ein Allzeithoch bzgl. Klicks auf der NZZ Site zu verzeichnen war.


3. NZZ Online könnte noch erfolgreicher sein, wenn man sich stärker Richtung Boulevard öffnen würde - dass aber wird es nicht geben, journalistische Qualität geht bei der NZZ über page views. 

Esser thematisierte in seinem Statement u.a., dass Journalismus notwendig sei für die demokratische Meinungsbildung der Bevölkerung. Er sagte klar, dass Medienhäuser dem Zwang sich zu ändern unterliegen, dass es neue Akteure wie Blogger und Bürgerjournalisten gibt und dass das Verständnis von Nachrichten viel kollaborativer und partizipativer wird.  


Er machte klar, dass für ihn ein bestimmter Typus von Journalismus aktuell in Gefahr ist, und meinte damit den Qualitätsjournalismus, denn, so Esser, dessen Finanzierung nicht mehr funktioniert. Für Esser geht es deswegen in der aktuellen Diskussion nicht um die Rettung der Medienhäuser - "die können von mir aus den Bach runter gehen" - sondern um die Rettung des Qualitätsjournalismus. Auf heftige Intervention von Zeller relativierte Esser dann später, das er provozieren wollte und er ausser den traditionellen Medienhäusern eigentlich zumindest mittelfristig keinen anderen Retter sieht, denn nur diese können die schlagkräftige Organisation bieten, die der Qualitätsjournalismus benötigt. 


Ebenfalls in der Diskussion sagte Esser dann auch, dass auch grundlegend falsche Verlegerentscheide einen Teil der Medienkrise mit verursacht haben, ohne aber Beispiele zu nennen.


Nach dem anfänglichen Statements und auch von der Diskussion ergab sich der Eindruck einer sehr traditionellen Sicht: Qualitätsjournalismus kann nur im Print erfolgen, Online ist für die schnelle, aktuelle Information gut und richtig, aber mehr eben nicht. Und oft gäbe es bei den Online News Portalen zu geringe Sicherungen zur Vermeidung von Falschmeldungen, es fiel auch der Begriff 'Billigjournalismus'. Der Umkehrschluss, den so freilich niemand formulierte, müsste dann lauten, dass es Online keinen Qualitätsjournalismus geben kann. 


Für einen Wissenschaftler und einen Ressortleiter doch eine sehr verzerrte bzw. selektive Wahrnehmung der Onlienwelt und der Medienrealität und eine fast beängstigede Schwarz-Weiss - Denke. 
Wer hat eigentlich vor kurzem den Hans Bausch Mediapreis erhalten? 


In diesen Duktus passte dann auch die Aussage von Esser, dass die Finanzierung des Qualitätsjournalismus eine gesellschaftliche Frage werden muss und letztendlich jeder einen minimalen Beitrag leisten solle zur Erhaltung des Qualitätsjournalismus. 
"Ich sehe nichts anderes als eine gesellschaftliche Lösung" - 
diese Aussage wird später in der Diskussion abgeschwächt. Auch aus dem Publikum wurden Lösungen wie Stiftungen, Genossenschaften oder Sponsoring vorgbracht. 


Die abschliessende Langfristperspektive von Esser für die NZZ lautete - analog der Prognose für die NYT in Google Epic 2015


"Die NZZ wird es in 20 Jahren noch geben, aber viel teuer sein und eine kleinere Auflage haben, und nur noch von einer Elite gelesen werden."
_______
Nachtrag 3.12.2009: Beitrag zur Veranstaltung auf bernetblog.ch
Bildquelle: flickr.com / cookieevans5

10. Mai 2009

Qualitätsjournalismus - Wikipedia - Hoax

Unter dem Titel "Qualitätsjournalismus - Wikipedia - Online-Medien" berichteten wir im Februar über einen Fall, bei dem Journalisten von (Qualitäts-) Zeitungen einer Fälschung in Wikipedia aufgesessen sind. Inhaltlich war's eine Bagatelle, aber das Prinzip des ungeprüften Abschreibens ist dass was einen aufhorchen lässt.

Nun ist vor einigen Tagen wiederum ein solcher (Bagatell-?) Fall bekannt geworden.
Ein irischer Student am University College Dublin namens Shane Fitzgerald, 22 Jahre alt, hatte unmittelbar nach dem Tod des Komponisten Maurice Jarre am 29.3.2009 ein gefälschtes Zitat in dem entsprechenden Wikipediaeintrag hinzugefügt.
"Fitzgerald's timing could not have been better."
... schreibt Siobhain Butterworth in der Guardian Rubrik "Comment is Free" am 4.5.2009 im Artikel "The readers' editor on ... web hoaxes and the pitfalls of quick journalism", in dem sie versucht das Missgeschick zu erklären.

Das Timing und das Wissen um den Druck von Journalisten, zeitnah Artikel publizieren zu müssen, war wohl auch für Fitzgerald ein Motiv. Und - erwartungsgemäss? - übernahmen eine Reihe von Zeitungen das falsche Zitat in ihrem berichten über den Tod des Komponisten, darunter der
Guardian:

In dem Nachruf auf Maurice Jarre am 31.3.2009 ("
Maurice Jarre") wurde dieses Zitat offensichtlich ohne die Nennung einer Quelle übernommen. In der Online-Version von heute ist das Zitat nicht mehr enthalten, viemher lesen wir am Ende des Artikels folgendes:
"This article was amended on Friday 3 April 2009. Maurice Jarre died on 28 March 2009, not 29 March. We opened with a quotation which we are now advised had been invented as a hoax, and was never said by the composer: "My life has been one long soundtrack. Music was my life, music brought me to life." The article closed with: "Music is how I will be remembered," said Jarre. "When I die there will be a final waltz playing in my head and that only I can hear." These quotes appear to have originated as a deliberate insertion in the composer's Wikipedia entry in the wake of his death on 28 March, and from there were duplicated on various internet sites. These errors have been corrected."
Soviel also zu den Recherechekünsten eines Qualitätsblattes: Nicht nur hat man ein Zitat ungeprüft und ohne Quellenangaben übernommen, sogar der Todestag an sich wurde falsch berichtet.

Es wäre durchaus ein leichtes gewesen, das Zitat auf seine Echtheit zu überprüfen: Ein falsches Zitat hätte in Suchmaschinen keine bzw. kaum Treffer erhalten können. Das gefälschte Zitat von Fitzgerald hat übringens heute bei google.ch ca.
700 Treffer ... (Und mit diesem Blogbeitrag wieder einen mehr).

Darüber hinaus berichtet
irishtimes.com im Beitrag vom 6.5.2009 "Student's Wikipedia hoax quote used worldwide in newspaper obituaries" davon, dass das Zitat, da ohne Quellenangabe, von den Wikipedia Editoren sehr schnell wieder entfernt wurde:
"The quote had no referenced sources and was therefore taken down by moderators of Wikipedia within minutes. "
... aber anschliessend von Fitzgerald wieder eingefügt wurde, wieder gelöscht wurde, etc. pp.

Soviel also zur Debatte um Qualitätsssicherung in On- und Offline-Medien.


Und zur weiteren Motivation des Studenten lesen wir ebd.:

"Mr Fitzgerald said he placed the quote on the website as an experiment when doing research on globalisation.
He wanted to show how journalists use the internet as a primary source and how people are connected especially through the internet, he said."
Und auch das lernen wir: Online-Zeitungsartikel müssen nicht identisch sein mit der gedruckten Version: In der zugehörigen Article History schreibt der Guardian:
"Obituary: Marice Jarre: This article was first published on guardian.co.uk at 00.01 BST on Tuesday 31 March 2009. It appeared in the Guardian on Tuesday 31 March 2009 on p36 of the Obituaries section. It was last updated at 09.28 BST on Wednesday 29 April 2009. "
Da ist die History des Wikipediaeintrages schon aussagekräftiger ...

Gerade hat die
NZZ am 8.5.2009 über den Wert von (gedruckten) Zeitungen - die notabene nachträglich digitalisert wurden - für die Geschichtsforschung ausführlich berichtet: "Geschichte aus der Forschungsperspektive".

Die Art und Weise, wie der Guardian mit der Online-Version von Artikeln umgeht, sie je nach Gusto abändert, ohne die Änderungen konkret zu benennen und ohne den Originalartikel zu archivieren, ist ein Plädoyer für die gedruckte Ausgabe einer Zeitung, sie ist ein absolutes Muss! Schon aus historischen Gründen.

Sicher, auch dieser Fall ist inhaltlich eine Bagatelle, durch das falsche Zitat ändert sich nichts am Tod von Marice Jarre und auch sein Ruf wird ist nicht beschädigt. Aber jeder kann sich vorstellen, wie einfach Schäden mit gewichtigeren Konsequenten entstehen können!

Dieser Fall könnte somit ein Lehrstück in Sachen (Internet-) Recherche, Qualitätssicherung und Medienkompetenz sein!

Bildquelle: flickr.com/swanksalot

24. April 2009

Twitter, die Moral seiner Nutzer und der Qualitätsjournalismus


Nach dem Beitrag "Qualitätsjournalismus - Wikipedia - Online-Medien" vom 13.2.2009 berichten wir hier von einem weiteren, haarsträubenden Fall von schlampiger Recherche und gar Manipuilation.

Gestern, am 23. April 2009, wurde auf der Veranstaltung der
Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften SAGW "Wissenschaftskommunikation – Chancen und Grenzen" noch über den Anspruch an den Wahrheitsgehalt und die Qualität von Informationen, auch aus journalistischer Feder, diskutiert. U.a. wurde gefordert, dass qualitätsbewusste Journalisten doch ihre Kollegen, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, ganz offen dafür an den Pranger stellen sollen ("Journalisten - mehr Kollegenschelte").
Ein krasser Fall, bei der diese Kollegenschelte mehr als angebracht wäre, macht seit einigen Tagen die Runde im Internet und wird heute in der NZZ aufgearbeitet: "
Blitztempo schadet der Moral - Die traurige Medienkarriere einer wissenschaftlichen Studie".

Was ist geschehen? Am 16.4.2009 veröffentlichte die
Pressetext Nachrichtenagentur die Meldung "Twitter schadet der Moral seiner Nutzer - Überkommunikation" soll Gehirn überfordern und gleichgültig machen". U.A. ist dort zu lesen:
"Soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook, die auf einem ständigen Kommunikationsfluss basieren, können die moralischen Einstellungen ihrer Nutzer abstumpfen. [...]

Den Forschern zufolge besteht die größte Gefahr darin, dass starke Nutzer von Portalen wie Twitter oder Facebook "gegenüber menschlichem Leid gleichgültig" werden könnten."
Damit bezieht sich der Pressetext auf eine Studie der Universität Süd-Kaliformien, allerdings ohne weitere Angaben z.B. zu den Autoren der Studie, dem Titel, etc., zu machen. Lediglich ein Link zur Universitäts-Hompepage wird angegeben. Übernommen haben den Pressetext u.a. focus.de, news.ch, tagesanzeiger.ch, diverse Blogs und Diskussionsforen; am 24.4.2009 bringt google.ch bei der Suche nach dem Titel des Pressetextes ca. 82'000 Treffer!

Am 20.4.2009 veröffentlichte Stefan Niggemeier auf auf
bildblog.de den Beitrag "Twitter macht Journalisten dumm". Dort lesen wir u.a.:
"Der britische Arzt, Medienkritiker und "Guardian"- Kolumnist Ben Goldacre hingegen hatte die originelle Idee, die Meldung mittels etwas, das man früher "Recherche" nannte, zu überprüfen. Er besorgte sich die Studie, auf die sich die "Daily Mail" bezieht und stellte fest, dass sie zwar herausfand, dass das menschliche Gehirn länger braucht, um auf emotionalen Schmerz zu reagieren als auf körperlichen Schmerz — von Twitter, Facebook oder irgendwelchen anderen Internet-Angeboten darin aber keine Rede war."
Goldcare fragte zur weiteren Absicherung die Autoren der Studie an. Einer der Autoren bestätigte, dass weder Twitter noch Facebook in der Studie erwähnt seien und:
"Die Verbindung zu Twitter und anderen sozialen Netzwerken ergibt, soweit ich es überblicken kann, keinen Sinn." (zitiert bei bildblog.de)
Und weiter bei bildblog.de:
"Und wie kommt dann der Online-Auftritt der vermeintlich seriösen Schweizer Zeitung "Tagesanzeiger" zu einem Zitat, in dem Mary Helen Immordino-Yang, eine der Autorinnen der Studie, Facebook und Twitter ausdrücklich erwähnt? Ganz einfach: Der Autor hat die Wörter "Facebook" und "Twitter" und überhaupt den Zusammenhang zu Online-Angeboten offenbar nachträglich in ein wörtliches Zitat der Wissenschaftlerin aus der Pressemitteilung der Universität eingefügt".
Die direkte Gegenüberstellung der Orignalpressemeldung und der Meldung im Tagesanzeiger findet man bei bildblog.de.

Die Original Pressemeldung ist hier zu finden: "
Nobler Instincts Take Time", eigentlich ganz einfach.

Fazit: Ein spannender Beitrag zur Diskussion um die Qualität von Journalisten traditioneller und Online-Medien!

Bildquelle: flickr.com/Uli H.

20. März 2009

Studie zur Zukunft der Tageszeitung der Friedrich-Ebert-Stiftung

Als gäbe es nicht genug Negativschlagzeilen einzelner Blätter aus der Zeitungsindustrie, hat jetzt die Friedrich-Ebert-Stiftung eine Studie veröffentlicht mit der folgenden Schlussfolgerung: "Das Internet verdrängt zweifellos die klassische Zeitung auf Papier."

Die Studie mit dem Titel "Das Verschwinden der Zeitung? Internationale Trends und medienpolitische Problemfelder" wurde von den Autoren Stephan Weichert und Leif Kramp im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung verfasst.

Die Studie beginnt mit "Thesen und Handlungsempfehlungen", daraus eingie Auszüge:

  • "Das Internet verdrängt zweifellos die klassische Zeitung auf Papier"
  • "Journalistischen Online-Angeboten mangelt es derzeit noch an verlässlichen Erlösmodellen, die den Qualitätsjournalismus dauerhaft sichern helfen."
  • "Die Vertriebsform der klassischen Zeitung auf Papier ist überholt; elektronische Verteilformen sind nutzerfreundlicher, wirtschaftlicher und ökologischer."
  • "Gerade in Blogs, Social Communities etc. steckt ein wichtiges Ergänzungsverhältnis im Hinblick auf etablierte Medien: Ungeachtet der Finanzierungsfrage ergeben sich neue Formen der Vergemeinschaftung und Interaktivität, die sich der professionelle Journalismus stärker zunutze machen muss, um seiner Orientierungsfunktion auf verschiedenen Plattformen besser gerecht zu werden."
  • "Die mangelnde Bereitschaft mancher Journalisten, sich auf die neuen Anforderungen digitaler Medienumgebungen und Konvergenztendenzen einzulassen, hat einen erheblichen redaktionellen Innovationsrückstand gegenüber nicht-journalistischen Angeboten begünstigt, der kaum noch aufzuholen ist."
  • "Multimediale Großunternehmen, die global und in unterschiedlichen Mediensparten agieren, profitieren eher von der Krise der Zeitungsbranche, ..."
  • "Das allmähliche Ausbluten traditioneller Presseverlage und die Konzentrationswelle, ausgelöst durch ›feindliche‹ Übernahmen multinationaler Konzerne, führen dazu, dass noch mehr und noch schneller ungleiche Meinungs- und Informationsmonopole entstehen, die den Qualitätsjournalismus in seiner Kernbestimmung, glaubwürdige und unabhängige Informationen zu vermitteln, konsequent unterwandern."
  • "Erschwerend kommen die sich ändernden Gewohnheiten und Vorlieben der Nutzer hinzu."
  • "Ein tragfähiges Geschäftsmodell für Zeitungen zu finden, das qualitativ hochwertige Inhalte garantiert, wird schwieriger."
Weitere Thesen behandeln die Liberalisierung der Pressefusionskontrolle, die Medienaufsicht und das Engagement gemeinnütziger Organisationen zur journalistischen Qualitätssicherung.

Für den aufmerksamen Leser sind dies sicher z.T. Binsenwahrheiten, für die Vertreter der traditioenllen Medien sicher unliebsame Wahrheiten.


Das erste Hauptkapitel beschäftigt sich dann mit einem Überblick internationalen Trends und medienpolitischen Problemfeldern. In dieser Zusammenfassung der Entwicklungen erfährt der Leser viel Bekanntes sowie statistisches Material insbesondere zur Mediennutzung.
Im zweiten Kapitel "Medienpolitische Problemfelder in Deutschland: Ergebnisse der Fragebogenerhebung" werden die Ergebnisse der "Meinungsumfrage - Fragebogenerhebung von März bis Mai 2008 - unter deutschen Experten aus Pressewirtschaft, Verlagswesen, Journalismus und Medienpolitik" aufbereitet. Insgesamt gaben 43 Experten zur medienpolitische Perspektive Auskunft. Die Ergebnisse werden Frage für Frage diskutiert, sie fliessen in die Thesen ein wie auch das erste Kapitel.

Im dritten Teil geht es um die Presseförderung in Europa, die Situation von Belgien bis Zypern wird dargestellt.


Anschliessend werden dann "Ausgewählte Qualitätsinitiativen in USA und Europa" aufgelistet und beschrieben.



Fazit
Eines zeigt sich deutlich in der Studie:
Als Reaktion auf die Erkenntnisse, die nicht neu, aber durchaus zuteffend sind, werden nicht primär Innovation und Kreativität als Massnahmen vorgeschlagen und thematisiert, sondern viele Seiten werden zu Aspekten wie den medienplitischen Instrumenten (notabene des Staates) oder der (staatlichen) Presseförderung gefüllt. Wie gesagt, Aufftraggeber der Studie war die Friedrich-Ebert-Stiftung, die mit dem Slogan auf der Hompage wirbt: "Der sozialen Demokratie verpflichtet". In der heutigen Zeit heisst dass dann wohl "Der Staat wirds schon richten".


Bildquelle: Titelseite der Studie

19. Februar 2009

'New York Times 2.0' - ein Vorbild für die Branche?

'New York Times goes Web 2.0', und zwar in fast voller Konsequenz. Der "Netzökonom" Holger Schmidt fasst in seinem Beitrag "New York Times und die Revolution im Internet" im F.A.Z. Blog Netzökonom die jüngtsten Entwicklungen bei der NYT zusammen. "Verleger müssen wie Google denken" titelte die F.A.Z. am 3. Feb. 2009 und bezog sich damit auf die Hauptaussage des Medienforschers Jeff Jarvis in einem Interview. Und das tut die NYT jetzt offensichtlich: Sie veröffentlicht Schnittstellen (APIs) zu ihren Inhalten, über die dann jeder im Web auf den entsprechenden NYT Content zugreifen kann: Article Search API, TimesPeople API, Best Sellers API, Movie Reviews API, New York Times Campaign Finance API, etc.

Der Netzökonom fasst es so zusammen:

"Alle Internetseiten können sich darüber mit der New York Times verbinden, deren Inhalte kostenlos in ihre eigenen Seiten einbauen und sie mit anderen Inhalten zu sogenannten Mashups verknüpfen - genauso wie es Google mit seinen Landkarten oder Videos macht. Die New York Times wird also zu einem Anbieter von Daten, die von Maschinen und nicht nur von Menschen gelesen werden können. Nur dann, so die Strategie, können sich die Inhalte wirklich schnell und flächendeckend im Internet verbreiten. "
So weit so gut. Aber erschüttert dieses Vorgehen nicht grundlegend das Geschäftsmodell einer Qualitätszeitung wie der NYT? Wie werden die Inhalte der NYT zukünftig generiert? Wie werden sie finanziert? Wie die Qualität sichergestellt? Fast beiläufig bemerkt der Netzökonom weiter:
"Das löst zwar noch nicht das Problem, wie der Besucherstrom in Erlöse umgewandelt wird, ist aber der bisher ehrgeizigste Ansatz eines Medienhauses, sich im Web 2.0 dauerhaft gegen Powerhäuser wie Google oder Facebook zu behaupten. "
Sicher, ein durchaus spannender Ansatz, der mehr verspricht als so manches absurdes Konzept der Mitbewerber (vgl. z.B. "US Verlage brechen alle Tabus", FTD 7. Feb. 2009). Weitere Beiträge dieses Blogs über Strategien zur Zukunftsicherung von Qualitätszeitungen sind u.a. ""der Freitag" - Erfolg als hybride Qualitätszeitung !?", "Qualitätssteigerung als Mittel gegen den Untergang der Qualitätszeitungen?!", "Die gedruckte Zeitung als episches
Medium mit Zukunft !?", "Unternehmerisch denkende Journalisten als Rettung für den Qualitätsjournalismus?".

Oder ist doch EPIC, "The Evolving Personalized Information Construct", dass 2014 von der Firma Googlezon angeboten wird, die Zukunft? In dem Bericht des Museums of Media History aus dem Jahr 2015 (deutsche Fassung), der die Medienentwicklung rückblickend aufzeigt, klagt die NTY gegen Googlezon (ein Zusammenschluss von Google und Amazon) vor dem obersten amerikanischen Gericht wegen Urheberechtsverletzungen, die NYT verliert, 2014 geht die NYT schlussendlich Offline, ist als gedrucktes Mitteilungsblatt nur noch für "die Elite und die Älteren" verfügbar - hat sich so Miriam Meckel "das epische Medium mit Zukunft" vorgestellt?

Bis 2014 - das sind gerade einmal fünf Jahre ... - Nichts ist spannender als die Zukunft!


Bildquellen:
The New York Times Blog Open
Flashfilm Epic 2015

13. Februar 2009

Qualitätsjournalismus - Wikipedia - Online-Medien

Sicher, es ist eine Bagatelle, aber der Fall zeigt doch auf, wie einfach es sein kann, die Medien und damit notabene die Öffentlichkeit mit nicht korrekten Informationen zu versorgen – und auch, wie schnell es geht, bis dass der Sachverhalt aufgeklärt wird (BetaBlog auf NZZ Online, 12. Feb. 2009: „Wilhelm und die Wikipedia - Wie deutsche Medien auf eine Fälschung hereinfielen“)*. Und der Fall zeigt auch auf, wie wichtig der Umgang mit Quellen ist, dass man Quellen immer hinterfragen und natürlich auch selbstverständlich angeben sollte.

Damit ist das ein wenn auch harmloser Showcase der Berichterstattung im digitalen Zeitalter.

Was war passiert? Ein Autor hat in der Wikipedia beim Eintrag des neuen deutschen Wirtschaftsministers von Guttenberg einen zusätzlichen elften Vornamen hinzugefügt. Dieser falsche, elfte Vorname wurde dann von den Medien weitgehend übernommen:

Der Folgefehler legitimierte damit den ursprünglichen Fehler - ein verzwickter Kreislauf.“ (BetaBlog NZZ Online 12. Feb. 2009) Klar, eine Bagatelle. Aber sie zeigt durchaus den Mechanismus auf.
„Natürlich wäre es zu begrüssen, wenn Online-Medien mit einem Qualitätsanspruch nicht einfach jeden Quatsch von Wikipedia abschreiben würden, aber wenn sich da ein elfter Vorname in eine Liste von zehn einschleicht, dann erregt das halt in der Hitze des Gefechts nicht sofort Misstrauen. Schliesslich ist es ja nicht so, dass die Journalisten einer digitalen Fälschung der Hitler-Tagebücher aufgesessen wären.“ (ebd.)
Andere Medien kommentieren hier mit Überschriften wie "Recherche Chaos" oder "Miserable Recherchen ...".

Aber selbst wenn Journalisten in kritischeren Fällen genauer hinschauen und misstrauisch werden, dann reicht es womöglich, wenn nur ein oder wenige Journalisten doch nicht so genau hinschauen, genügend andere dann ‚abschreiben‘, und man trotzallem eine falsche Nachricht um die Welt verbreitet. Und selbst wenn dieser Fehler genau so schnell wieder korrigiert werden würde, (politische, wirtschaftliche, militärische, persönliche) Entscheidungen, die aufgrund dieser Meldung getroffenen werden würden, liessen sich möglicherweise nicht mehr rückgängig machen.
Wir sind also wieder beim Thema: „Die neue Macht der Online-Medien“.

Spiegel Online entschuldigte sich bei seinen Lesern:
"Doch hat der Autor beim Schreiben des Textes den Namen leider nur bei Wikipedia verifiziert - und Wikipedia ist bekanntlich keine hundertprozentig verlässliche Quelle. [...] Wir bitten den Fehler zu entschuldigen. SPIEGEL ONLINE wird künftig noch sorgfältiger recherchieren. Wikipedia bleibt für uns eine wichtige Quelle, darf aber für journalistische Arbeit nie die einzige Quelle sein."(Spiegel Online, 11.2.2009)
Und was lernen wir daraus? Der Umgang mit Quellen muss im digitalen Zeitalter noch sorgfältiger stattfinden als im analogen. Und selbstverständlich sind Quellen jeglicher Art – On- wie Offline – korrekt zu zitieren.

An dieser Stelle sei nochmals auf die zum Thema „Wissensklau, Unvermögen oder Paradigmenwechsel?“ im September 2009 in Chur stattfindende Tagung ‚Lernende Bibliothek 2009‘ hingewiesen.
Bildquelle und ©: freeday/PIXELIO


 * weitere Artikel zum Thema:

9. Februar 2009

"der Freitag" - Erfolg als hybride Qualitätszeitung !?

"der Freitag", das ist die Zeitung des Verlegers Jakob Augstein, Sohn des Spiegel-Gründers. Entstanden aus einer ursprünglich ostdeutschen Zeitung names 'Sonntag' (F.A.Z., 26. Mai 2008, "Augstein kauft Freitag") will das Wochenblatt nichts weniger werden als eine "linke F.A.Z.". Sein Untertitel lautet "Das Meinungsmedium", man versteht sich als Qualitätszeitung und kooperiert mit dem englischen "Guardian", vom dem für jede Ausgabe mehrere Artikel übernommen werden sollen. Das Blatt erschien am Donnerstag, 5. Feb. 2009, mit seiner ersten physichen Ausgabe; die Online Ausgabe ist seit Ende Januar 2009 aktiv.

Damit aber nicht genug: "der Freitag" verfolgt ein ambitioniertes Ziel, nämlich

"die Gleichberechtigung von Print und Online. Was heißen soll, dass nicht nur die Zeitung kostenlos ins Netz gestellt wird, sondern Leser sich intensiv an den Debatten beteiligen. Der „Freitag“ möchte Qualitätsjournalismus und Social Networking verbinden und, wenn alles gutgeht, ein Meinungsforum aufbauen, das die Professionalität der Journalisten nutzt für das basisdemokratische Internet und umgekehrt."

(F.A.Z., 7. Jan. 2009: "Ein Wort soll das andere geben")

"Nahezu alle Texte sind mit Internetadressen verknüpft oder verweisen auf die neugestaltete Website der Zeitung (www.freitag.de) Hier sind nicht nur das komplette redaktionelle Angebot und Analysen zu finden, sondern auch Räume für die «Freitag»-Leser. Sie können die Artikel der Redaktoren unter deren Moderation nicht bloss kommentieren, sondern auch eigene Blogs einrichten, von denen die gelungenen Stücke wiederum den Weg in die gedruckte Ausgabe finden sollen."

(NZZ, 6. Jan. 2009; "Für «souveräne Sinnsucher»")
Wie man 'vom Blogger zum Publizisten' bei "der Freitag" wird, zeigt dieses Video: der Freitag - Community.

Mit Hilfe des Online-Angebots will "der Freitag" die jungen Menschen als Leser anziehen, eine Community aufbauen, die - gemäss dem Vorbild Guardian - gut sein soll für das so notwendige Anzeigengeschäft.
Also Qualitätsjournalismus einerseits, kostenloser Online-Content andererseits, dazu das Vorhaben genügend aktive junge Leser binden, die regelmässig eine linksliberale Zeitung lesen und sich aktiv mit den Inhalten auseinandersetzen und somit eine für Werber attraktive Zielgruppe bilden.

Das scheinen wirklich sehr ambitionierte Ziele zu sein!


P.S. Dass man auch bei "der Freitag" den Umgang zwischen Bloggern und Redakteuren erst noch lernen muss, zeigt dieses Beispiel eines entsprechenden Wortgefechts: "Eklat beim Freitag: Redakteurin beleidigt Blogger".

4. Februar 2009

Qualitätssteigerung als Mittel gegen den Untergang der Qualitätszeitungen?!

Das Thema der Qualität von (traditionellen) Zeitungen beschäftigt auch weiterhin die Fachwelt wie auch diesen Blog. (Tags 'Qualitätsjournalismus', 'Zeitungen').

In einer europaweiten Studie des Journalistikprofessors Michael Haller von der Universität Leipzig wird zum einen festgestellt,
"dass die Gratiszeitungen in Europa ein Übergangsmedium sind. Den Zeitungslesermarkt haben sie dennoch bereits nachhaltig beschädigt."

Die Studie wurde im Fachmagazin für Journalismus, Message, Ausgabe 1-2009' (dessen Herausgeber Haller ist) publiziert ("Untergang einer Geschäftsidee"), die NZZ berichtet am 30. Januar 2009 darüber ("Pendlerblätter schaden der ganzen Branche"). Haller entdeckt in der Studie Hinweise,
"dass die Marktverstopfung mit Billigprodukten nun die gesamte Gattung Tageszeitung beschädigt".
Bereits im Februar 2008 hat die NZZ dazu ein Interview mit Haller publiziert: "Die Laufzeit dieses Modells ist begrenzt".
"Haller bestreitet nicht, dass die Tagespresse insbesondere in Frankreich und Italien bereits lange vor der Einführung der Pendlerblätter unter Reichweiten- und Auflagenverlusten litt. Doch seien deren «Schwundraten» seit dem Erfolg der Gratistitel überproportional gestiegen. In Deutschland, wo die Verleger die Gratispresse durch Abwehrstrategien nicht eindringen liessen, seien die Reichweite und die Anzeigenerlöse der Kaufpresse im selben Zeitraum weniger stark zurückgegangen."
Spätestens wenn mobile Geräte mit billigem und einfachem Internet-Zugang sich durchgesetzt haben, werden die Gratisblätter nach Haller wieder verschwinden, da
"das junge Publikum über Online-Plattformen viel besser mit Infotainment bedient werden, als dies heute Gratisblätter zu tun vermöchten."
Demnach sind in spätestens 10 Jahren die Pendlerzeitungen vom Markt verschwunden. Und auch die Frage, was die Qualitätszeitungen gegen diese Entwicklungen unternehmen können, beantwortet Haller:
"Den Verlegern empfiehlt Haller, die klassischen Zeitungen zum hochwertigen Produkt umzubauen, «für das eine Minderheit der Erwachsenen auch den doppelten Preis bezahlen würde». Die Zukunft der Zeitungen liege in der Hand der Verleger: «Stärken sie die publizistische Qualität, oder schwächen sie dieselbe über neue Sparprogramme?», fragt Haller rhetorisch."
So einfach ist das also. Immerhin wird - indirekt - anerkannt, dass Qualitätsjournalismus "richtig Geld kostet", wie schon Miriam Meckel hier festgestellt hat. Aber während Miriam Meckel auch unmissverständlich klar macht, dass die Zeitungen sich ändern müssen, wenn sie überleben wollen, geht Haller nicht weiter auf das Geschäftsmodell für die Zeitung der Zukunft ein - zumindest nach Vorlage der verfügbaren Quellen, die Studie ist leider nicht Online frei verfügbar. Es bleibt also offen, was das Mittel gegen die Auflösung der Grundfeste des Geschäftsmodells der traditionellen (Qualitäts-) Zeitung ist.

Aber die Qualität scheint ein zentraler Schlüssel zu sein, zumindest nach Meinung der Vertreter der traditionellen (Qualitäts-) Zeitungen. Auch auf der DLD (Digital, Life, Design) - Konferenz der Hubert Burda Media von Ende Januar 2009 in München war das ein Thema. Und Hubert Burda stellt genervt fest:

"Wir dachten alle, im Web gäbe es ein gutes Werbemodell", sagte der Verleger, "aber es hat nicht geklappt. Google hat alles verändert."
Also Google ist an Allem schuld. Und die Tatsache, dass man Online kein Geld druch Werbung verdienen kann. So jedenfalls das Fazit gemäss dem Beitrag "Werbekrise: Nur Qualität kann Google schlagen" in Spiegel Online vom 30. Januar 2009. Oder in der F.A.Z. vom 3. Febraur 2009: "Verleger müssen wie Google denken".

Google also als Vorbild für das Überleben des Qualitätsjournalismus, der Qualitätszeitungen? Man darf skeptisch bleiben.

Die Schweizerische Post versucht aber genau das: Die schöne neue Google (Online-) Welt von Google News wird mit der traditonellen, gedruckten Zeitung verknüpft: Im Projekt PersonalNews wir der Leser sein eigenener Chefredakteuer.

"Was ist PersonalNews?
PersonalNews ist, was Sie lesen möchten. Sie bestimmen den Inhalt aus über 20 nationalen und internationalen Zeitungstiteln. Wählen Sie zum Beispiel den Wirtschaftsteil aus Zeitung A und den Sportteil aus Zeitung B. Am nächsten Tag wird Ihnen Ihre persönliche PersonalNews per Post in den Briefkasten oder per E-Mail zugestellt."
(FAQ zu PersonalNews, Beitrag im Medienspielge.ch)
Zumindest bis zum Ende des Pilots Ende Februar 2009. Ein spannender Versuch! Aber eine geeignete Massnahme zur Erhaltung der (Qualitäts-) Zeitung?

Und noch das: Im Magazin 'the Atlantic' fragt Autor Michael Hirschorn: "Can America’s paper of record survive
the death of newsprint? Can journalism? End Times" und zeichnet ein düsteres Bild:


"Regardless of what happens over the next few months, The Times is destined for significant and traumatic change. At some point soon—sooner than most of us think—the print edition, and with it The Times as we know it, will no longer exist. And it will likely have plenty of company."
Die Diskussion über die Entwicklungen und effiziente Massnahmen - wofür oder wogegen auch immer - bleibt spannend!

Bildquelle und ©: Stephanie Hofschläger/PIXELIO

23. Januar 2009

Die gedruckte Zeitung als episches Medium mit Zukunft !?

Mit der Zukunft der gedruckten Zeitung und damit zusammenhängend dem Qualitätsjournalismus haben wir uns schon verschiedentlich beschäftigt (Link). Bei allem Pessimismus, was die Zukunft der gedruckten Zeitung angeht, der durch die aktuelle Wirtschaftskrise noch verstärkt wird, versucht Miriam Meckel uns in einem Beitrag in der F.A.Z. vom 22. Januar 2009 etwas Mut zu machen: "Zukunft der Zeitung: Das epische Medium". (persönliche Hompage von Miriam Meckel und ihre Homepage bei der Universität St. Gallen)

Die Autorin macht aber auch unmissverständlich klar: Wenn bei den Zeitungen alles bleibt wie es ist, dann sind sie tatsächlich dem Untergang geweiht - und damit das Milieu der Informationsbohème*. Damit spricht sie Aspekte an wie die fehlende Kreativität bei der Nutzung der Netzwelt - möglicherweise basierend auf dem fehlenden Verständnis dieser Online-Welt - oder das Verharren in 'alten' Kulturen, in denen Online kaum Platz hat und wo ein Schwarz-Weiss - Denken vorherrscht und Online grundsätzlich etwas Subversives darstellt. Ebenfalls werden die Zeitungen und der Qualitätsjournalismus kaum überleben, wenn weiterhin dort gekürzt wird
"wo das Herz der Zeitung schlägt: bei Recherche und eigenen Inhalten, also dort, wo Journalismus richtig Geld kostet, aber eben auch Qualitätsprodukte und Preiswürdiges hervorbringt."
Und die Lösung? Das definierte Miteinander von On- und Offline, die komplementäre Ergänzung:
"Die Zeitung der Zukunft wird zwei Gesichter haben: ein gedrucktes und ein vernetztes."
Und Miriam Meckel ist überzeugt, dass das gedruckte Wort und der Qualitätsjournalismus überleben werden:

"Eine andere Art des Journalismus wird weiter mit dem gedruckten Wort arbeiten, am Kiosk zu kaufen oder per Abo im Briefkasten zu finden sein. Das sind die Geschichten, die nicht in Häppchen als Schnäppchen im Sekundentakt im Netz plaziert werden, sondern die recherchiert, korrigiert, gegengelesen, überarbeitet, also weiterhin in einem aufwendigen Prozess entstehen. Sie sind Meisterstücke, Ergebnisse von Individualität, Kreativität und den richtigen verlegerischen Investitionen in Köpfe, die das können. Dazu braucht man keinen Newsroom, dazu braucht man Schreiber, die die Welt erzählen. Auf eine Weise, die wir im Netz oft vergeblich suchen, und wenn wir sie finden, dann sind es meist Printgeschichten, die ins Netz gestellt wurden."
Aber: Im Artikel wird auch deutlich gemacht, das guter Journalismus "richtig Geld kostet" und dass die Nachrichtenportale im Netz rasante Nutzungszuwächse verzeichnen. Gleichzietig wissen wir, dass die Auflagen von (Qualitäts-) Zeitungen tendenziell sinken, das Anzeigenvolumen zurückgeht und wider jeder Vernunft - aus Sicht des "Informationsbohème" eben doch Stellen von Korrespondenten und Journalisten gestrichen werden. Auf die nahe liegende Frage 'Wer soll den Qualitätsjournalismus bezahlen?' gibt der Artkel leider keine Antwort. Eine Schlussfolgerung aus dem Geschriebenen wäre aber, dass das eine Gesicht der Zeitung - Online - das andere - Print - finanziert, da es sich ja um zwei Gesichter einer Zeitung handelt, "zwei Seiten einer Medallie". Die zentrale Frage des Geschäftsmodells der Zeitung von Morgen bleibt weiter offen.

* "Diese lose Gruppierung unangepasster Informationsjunkies, die so gut zum Internetzeitalter passt und doch fast anachronistisch nicht auf ihre Zeitungslektüre verzichten will. Mit der Zeitung unter dem Arm ins Café, zum Termin oder auf den Zug, darin steckt nicht nur der analoge Zugang zu Aktualität und Wissen, darin spiegelt sich ein Selbstentwurf."

Bildquelle und ©: Ernst Rose/PIXELIO

9. Januar 2009

Unternehmerisch denkende Journalisten als Rettung für den Qualitätsjournalismus?

In einem Interview der NZZ vom 9. Jan. 2009 - "Es ist alles keine Katastrophe" - äussert sich der US-amerikanische Journalismus-Fachmann Jay Rosen zur Zukunft des Journalismus. Rosen ist Professor für Journalismus an der New York University (NYU Homepage, Wikipediaeintrag) und ist selbst als Blogger aktiv (u.a. PressThink). Er beschäftigt sich vor allem mit dem Bürgerjournalismus („What are journalists for?“ (1999)).
Ganz grundsätzlich sieht Rosen im Internet eher eine Chance denn eine Gefahr für den Journalismus, Gleiches gilt für Google. Er spricht von „gigantischen Möglichkeiten für Qualitätsjournalismus“ und auch davon, dass die traditionellen Geschäftsmodelle der Zeitungen nicht mehr funktionieren. Als Verfechter des Bürgerjournalismus plädiert er dafür, dass eine „Menge von Menschen“ mit ihrem „Begabungen“ heute mitmachen können, allerdings äussert sich Rosen nicht zum Qualitätsaspekt. Das Mitmachen vieler garantiert ja noch längst keinen Qualitätsjournalismus. Das Mitmachen der Bürger stellt sich Rosen offenbar so vor, dass sie mit Journalisten zusammenarbeiten; Zeitungsverlage sollten Wege finden, „die Unterstützung der Bürger in ihre Berichterstattung einzubinden.“ Also eine Art kontrollierter, kanalisierter Bürgerjournalismus? ‚Echte‘ Bürgerjournalisten werden das sicher kaum akzeptieren wollen, und ob die ‚echten‘ (Qualitäts-) Journalisten sich durch die Bürger auf diese Art unterstützen lassen, sei ebenfalls dahingestellt. Trotz aller offenen Fragen glaubt Rosen, „dass der Journalismus aus der gegenwärtigen Situation gestärkt hervorgeht.“ Vor allem die Journalisten müssen sich nach Rosen an die neue Situation anpassen: „Sie werden viele Dingen ändern müssen, vor allem ihre Einstellung zur Technologie“. Er meint damit vor allem, dass Journalisten „auf mehreren Ebenen publizieren“ sollen. Soweit so gut, das ist ja durchaus noch nachvollziehbar. Aber wie ist die Aussage zu verstehen, dass Journalisten „durch die von Lesern bereitgestellten Informationen die Qualität ihrer eigenen Berichterstattung und ihre Recherche“ optimieren sollen? Journalisten sollen sich neu erfinden, fordert Rosen und sagt dazu: „Die guten alten Zeiten sind vorbei“. Journalisten sollen zukünftig „lernen, unternehmerisch zu denken, eigene Unternehmen zu gründen“. Ist das Naivität oder einfach die amerikanische Sicht? Aus traditioneller europäischer Sicht stellt sich mir hier die Frage, wie ein Journalist unabhängigen und kritischen (Qualitäts-) Journalismus entstehen lassen soll, wenn er gleichzeitig vom wirtschaftlichen Erfolg seines Schaffens abhängig ist? Das scheint mir die Quadratur des Kreises zu sein.
Zwar konstatiert Rosen, dass die traditionellen Geschäftsmodelle der Zeitungen nicht mehr funktionieren, aber ob dieser Weg die Lösung ist, darf bezweifelt werden.
Da sind die Ideen der F.A.Z. möglicherweise eher geeignet, dem Anzeigenschwund entgegen zu wirken*: Mit Hilfe semantischer Suchsysteme will man Onlineangebote entwickeln, die dem Leser entsprechend seiner Interessen zu „Informationsnetzwerken“ verknüpfte Artikel bereitstellen. So will man einen wesentlich grösseren Anteil am Online-Werbekuchen erzielen als bisher. Man darf auf die Lösung gespannt sein.


*1000 Artikel und 1000 Leser – Wie die FAZ ihre Website stärken will“, NZZ 9. Jan. 2009 und „Die Zukunft deer Medien - Branchenvertreter diskutieren neue Geschäftsmodelle“, NZZ 7. Jan. 2009.


Weitere Beiträge über Jay Rosen z.B. in der Süddetschen Zeitung findet man hier.