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10. Mai 2009

Qualitätsjournalismus - Wikipedia - Hoax

Unter dem Titel "Qualitätsjournalismus - Wikipedia - Online-Medien" berichteten wir im Februar über einen Fall, bei dem Journalisten von (Qualitäts-) Zeitungen einer Fälschung in Wikipedia aufgesessen sind. Inhaltlich war's eine Bagatelle, aber das Prinzip des ungeprüften Abschreibens ist dass was einen aufhorchen lässt.

Nun ist vor einigen Tagen wiederum ein solcher (Bagatell-?) Fall bekannt geworden.
Ein irischer Student am University College Dublin namens Shane Fitzgerald, 22 Jahre alt, hatte unmittelbar nach dem Tod des Komponisten Maurice Jarre am 29.3.2009 ein gefälschtes Zitat in dem entsprechenden Wikipediaeintrag hinzugefügt.
"Fitzgerald's timing could not have been better."
... schreibt Siobhain Butterworth in der Guardian Rubrik "Comment is Free" am 4.5.2009 im Artikel "The readers' editor on ... web hoaxes and the pitfalls of quick journalism", in dem sie versucht das Missgeschick zu erklären.

Das Timing und das Wissen um den Druck von Journalisten, zeitnah Artikel publizieren zu müssen, war wohl auch für Fitzgerald ein Motiv. Und - erwartungsgemäss? - übernahmen eine Reihe von Zeitungen das falsche Zitat in ihrem berichten über den Tod des Komponisten, darunter der
Guardian:

In dem Nachruf auf Maurice Jarre am 31.3.2009 ("
Maurice Jarre") wurde dieses Zitat offensichtlich ohne die Nennung einer Quelle übernommen. In der Online-Version von heute ist das Zitat nicht mehr enthalten, viemher lesen wir am Ende des Artikels folgendes:
"This article was amended on Friday 3 April 2009. Maurice Jarre died on 28 March 2009, not 29 March. We opened with a quotation which we are now advised had been invented as a hoax, and was never said by the composer: "My life has been one long soundtrack. Music was my life, music brought me to life." The article closed with: "Music is how I will be remembered," said Jarre. "When I die there will be a final waltz playing in my head and that only I can hear." These quotes appear to have originated as a deliberate insertion in the composer's Wikipedia entry in the wake of his death on 28 March, and from there were duplicated on various internet sites. These errors have been corrected."
Soviel also zu den Recherechekünsten eines Qualitätsblattes: Nicht nur hat man ein Zitat ungeprüft und ohne Quellenangaben übernommen, sogar der Todestag an sich wurde falsch berichtet.

Es wäre durchaus ein leichtes gewesen, das Zitat auf seine Echtheit zu überprüfen: Ein falsches Zitat hätte in Suchmaschinen keine bzw. kaum Treffer erhalten können. Das gefälschte Zitat von Fitzgerald hat übringens heute bei google.ch ca.
700 Treffer ... (Und mit diesem Blogbeitrag wieder einen mehr).

Darüber hinaus berichtet
irishtimes.com im Beitrag vom 6.5.2009 "Student's Wikipedia hoax quote used worldwide in newspaper obituaries" davon, dass das Zitat, da ohne Quellenangabe, von den Wikipedia Editoren sehr schnell wieder entfernt wurde:
"The quote had no referenced sources and was therefore taken down by moderators of Wikipedia within minutes. "
... aber anschliessend von Fitzgerald wieder eingefügt wurde, wieder gelöscht wurde, etc. pp.

Soviel also zur Debatte um Qualitätsssicherung in On- und Offline-Medien.


Und zur weiteren Motivation des Studenten lesen wir ebd.:

"Mr Fitzgerald said he placed the quote on the website as an experiment when doing research on globalisation.
He wanted to show how journalists use the internet as a primary source and how people are connected especially through the internet, he said."
Und auch das lernen wir: Online-Zeitungsartikel müssen nicht identisch sein mit der gedruckten Version: In der zugehörigen Article History schreibt der Guardian:
"Obituary: Marice Jarre: This article was first published on guardian.co.uk at 00.01 BST on Tuesday 31 March 2009. It appeared in the Guardian on Tuesday 31 March 2009 on p36 of the Obituaries section. It was last updated at 09.28 BST on Wednesday 29 April 2009. "
Da ist die History des Wikipediaeintrages schon aussagekräftiger ...

Gerade hat die
NZZ am 8.5.2009 über den Wert von (gedruckten) Zeitungen - die notabene nachträglich digitalisert wurden - für die Geschichtsforschung ausführlich berichtet: "Geschichte aus der Forschungsperspektive".

Die Art und Weise, wie der Guardian mit der Online-Version von Artikeln umgeht, sie je nach Gusto abändert, ohne die Änderungen konkret zu benennen und ohne den Originalartikel zu archivieren, ist ein Plädoyer für die gedruckte Ausgabe einer Zeitung, sie ist ein absolutes Muss! Schon aus historischen Gründen.

Sicher, auch dieser Fall ist inhaltlich eine Bagatelle, durch das falsche Zitat ändert sich nichts am Tod von Marice Jarre und auch sein Ruf wird ist nicht beschädigt. Aber jeder kann sich vorstellen, wie einfach Schäden mit gewichtigeren Konsequenten entstehen können!

Dieser Fall könnte somit ein Lehrstück in Sachen (Internet-) Recherche, Qualitätssicherung und Medienkompetenz sein!

Bildquelle: flickr.com/swanksalot

24. April 2009

Twitter, die Moral seiner Nutzer und der Qualitätsjournalismus


Nach dem Beitrag "Qualitätsjournalismus - Wikipedia - Online-Medien" vom 13.2.2009 berichten wir hier von einem weiteren, haarsträubenden Fall von schlampiger Recherche und gar Manipuilation.

Gestern, am 23. April 2009, wurde auf der Veranstaltung der
Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften SAGW "Wissenschaftskommunikation – Chancen und Grenzen" noch über den Anspruch an den Wahrheitsgehalt und die Qualität von Informationen, auch aus journalistischer Feder, diskutiert. U.a. wurde gefordert, dass qualitätsbewusste Journalisten doch ihre Kollegen, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, ganz offen dafür an den Pranger stellen sollen ("Journalisten - mehr Kollegenschelte").
Ein krasser Fall, bei der diese Kollegenschelte mehr als angebracht wäre, macht seit einigen Tagen die Runde im Internet und wird heute in der NZZ aufgearbeitet: "
Blitztempo schadet der Moral - Die traurige Medienkarriere einer wissenschaftlichen Studie".

Was ist geschehen? Am 16.4.2009 veröffentlichte die
Pressetext Nachrichtenagentur die Meldung "Twitter schadet der Moral seiner Nutzer - Überkommunikation" soll Gehirn überfordern und gleichgültig machen". U.A. ist dort zu lesen:
"Soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook, die auf einem ständigen Kommunikationsfluss basieren, können die moralischen Einstellungen ihrer Nutzer abstumpfen. [...]

Den Forschern zufolge besteht die größte Gefahr darin, dass starke Nutzer von Portalen wie Twitter oder Facebook "gegenüber menschlichem Leid gleichgültig" werden könnten."
Damit bezieht sich der Pressetext auf eine Studie der Universität Süd-Kaliformien, allerdings ohne weitere Angaben z.B. zu den Autoren der Studie, dem Titel, etc., zu machen. Lediglich ein Link zur Universitäts-Hompepage wird angegeben. Übernommen haben den Pressetext u.a. focus.de, news.ch, tagesanzeiger.ch, diverse Blogs und Diskussionsforen; am 24.4.2009 bringt google.ch bei der Suche nach dem Titel des Pressetextes ca. 82'000 Treffer!

Am 20.4.2009 veröffentlichte Stefan Niggemeier auf auf
bildblog.de den Beitrag "Twitter macht Journalisten dumm". Dort lesen wir u.a.:
"Der britische Arzt, Medienkritiker und "Guardian"- Kolumnist Ben Goldacre hingegen hatte die originelle Idee, die Meldung mittels etwas, das man früher "Recherche" nannte, zu überprüfen. Er besorgte sich die Studie, auf die sich die "Daily Mail" bezieht und stellte fest, dass sie zwar herausfand, dass das menschliche Gehirn länger braucht, um auf emotionalen Schmerz zu reagieren als auf körperlichen Schmerz — von Twitter, Facebook oder irgendwelchen anderen Internet-Angeboten darin aber keine Rede war."
Goldcare fragte zur weiteren Absicherung die Autoren der Studie an. Einer der Autoren bestätigte, dass weder Twitter noch Facebook in der Studie erwähnt seien und:
"Die Verbindung zu Twitter und anderen sozialen Netzwerken ergibt, soweit ich es überblicken kann, keinen Sinn." (zitiert bei bildblog.de)
Und weiter bei bildblog.de:
"Und wie kommt dann der Online-Auftritt der vermeintlich seriösen Schweizer Zeitung "Tagesanzeiger" zu einem Zitat, in dem Mary Helen Immordino-Yang, eine der Autorinnen der Studie, Facebook und Twitter ausdrücklich erwähnt? Ganz einfach: Der Autor hat die Wörter "Facebook" und "Twitter" und überhaupt den Zusammenhang zu Online-Angeboten offenbar nachträglich in ein wörtliches Zitat der Wissenschaftlerin aus der Pressemitteilung der Universität eingefügt".
Die direkte Gegenüberstellung der Orignalpressemeldung und der Meldung im Tagesanzeiger findet man bei bildblog.de.

Die Original Pressemeldung ist hier zu finden: "
Nobler Instincts Take Time", eigentlich ganz einfach.

Fazit: Ein spannender Beitrag zur Diskussion um die Qualität von Journalisten traditioneller und Online-Medien!

Bildquelle: flickr.com/Uli H.

13. Februar 2009

Qualitätsjournalismus - Wikipedia - Online-Medien

Sicher, es ist eine Bagatelle, aber der Fall zeigt doch auf, wie einfach es sein kann, die Medien und damit notabene die Öffentlichkeit mit nicht korrekten Informationen zu versorgen – und auch, wie schnell es geht, bis dass der Sachverhalt aufgeklärt wird (BetaBlog auf NZZ Online, 12. Feb. 2009: „Wilhelm und die Wikipedia - Wie deutsche Medien auf eine Fälschung hereinfielen“)*. Und der Fall zeigt auch auf, wie wichtig der Umgang mit Quellen ist, dass man Quellen immer hinterfragen und natürlich auch selbstverständlich angeben sollte.

Damit ist das ein wenn auch harmloser Showcase der Berichterstattung im digitalen Zeitalter.

Was war passiert? Ein Autor hat in der Wikipedia beim Eintrag des neuen deutschen Wirtschaftsministers von Guttenberg einen zusätzlichen elften Vornamen hinzugefügt. Dieser falsche, elfte Vorname wurde dann von den Medien weitgehend übernommen:

„Der Folgefehler legitimierte damit den ursprünglichen Fehler - ein verzwickter Kreislauf.“ (BetaBlog NZZ Online 12. Feb. 2009) Klar, eine Bagatelle. Aber sie zeigt durchaus den Mechanismus auf.
„Natürlich wäre es zu begrüssen, wenn Online-Medien mit einem Qualitätsanspruch nicht einfach jeden Quatsch von Wikipedia abschreiben würden, aber wenn sich da ein elfter Vorname in eine Liste von zehn einschleicht, dann erregt das halt in der Hitze des Gefechts nicht sofort Misstrauen. Schliesslich ist es ja nicht so, dass die Journalisten einer digitalen Fälschung der Hitler-Tagebücher aufgesessen wären.“ (ebd.)
Andere Medien kommentieren hier mit Überschriften wie "Recherche Chaos" oder "Miserable Recherchen ...".

Aber selbst wenn Journalisten in kritischeren Fällen genauer hinschauen und misstrauisch werden, dann reicht es womöglich, wenn nur ein oder wenige Journalisten doch nicht so genau hinschauen, genügend andere dann ‚abschreiben‘, und man trotzallem eine falsche Nachricht um die Welt verbreitet. Und selbst wenn dieser Fehler genau so schnell wieder korrigiert werden würde, (politische, wirtschaftliche, militärische, persönliche) Entscheidungen, die aufgrund dieser Meldung getroffenen werden würden, liessen sich möglicherweise nicht mehr rückgängig machen.
Wir sind also wieder beim Thema: „Die neue Macht der Online-Medien“.

Spiegel Online entschuldigte sich bei seinen Lesern:
"Doch hat der Autor beim Schreiben des Textes den Namen leider nur bei Wikipedia verifiziert - und Wikipedia ist bekanntlich keine hundertprozentig verlässliche Quelle. [...] Wir bitten den Fehler zu entschuldigen. SPIEGEL ONLINE wird künftig noch sorgfältiger recherchieren. Wikipedia bleibt für uns eine wichtige Quelle, darf aber für journalistische Arbeit nie die einzige Quelle sein."(Spiegel Online, 11.2.2009)
Und was lernen wir daraus? Der Umgang mit Quellen muss im digitalen Zeitalter noch sorgfältiger stattfinden als im analogen. Und selbstverständlich sind Quellen jeglicher Art – On- wie Offline – korrekt zu zitieren.

An dieser Stelle sei nochmals auf die zum Thema „Wissensklau, Unvermögen oder Paradigmenwechsel?“ im September 2009 in Chur stattfindende Tagung ‚Lernende Bibliothek 2009‘ hingewiesen.
Bildquelle und ©: freeday/PIXELIO


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