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14. April 2018

Quellen der Klimaskeptiker - wen interessiert schon eine seriöse Recherche

In der BAZ Online erscheint gestern der Artikel Klimaskepsis am Ägerisee - Ein neues Forschungsinstitut tritt der These der vom Menschen verursachten Erderwärmung entgegen.

Wow, ein neues Forschungsinstitut zum Klimawandel, dazu noch in der Schweiz. Das muss ja seriös sein.

Und gewisse Politiker sehen einmal mehr ihre Skepsis gegenüber dem Klimawandel bestätigt. Und sie lassen die (Twitter-) Welt an ihren Erkenntnissen sogleich teilhaben. Retweets und Likes folgen prompt. Der Artikel passt ins Wetlbild, egal auf welchen Quellen er beruht. Augen zu und durch. Der immer gleiche Mechanismus.


Tweet von @ReneTruninger
(Screenshot 14.4.2018, 11:00)

Aber wer hat sich einaml tatsächlich mit den Hintergründen des Artikels beschäftigt? Offenbar nicht einmal der Autor des Beitrags. Denn dann wäre ihm so einiges aufgefallen, wass zumindest die Glaubwürdigkeit der Aussagen des erhabenen Instituts in Frage stellen könnte - ein seröser Beitrag sieht anders aus.

1. Das Institut ist eigentlich ein Netzwerk von Forschern, die offenbar zumindest teilweise anderswo unter Vertrag stehen:
"Wer beim Institut mitmacht, tut das – zumindest bisher – ehrenamtlich. Denn über wesentliche finanzielle Mittel verfügt dieses noch nicht. Dank mo­derner Kommunikation ist es für die Beteiligten auch nicht nötig, sich physisch am Ägerisee aufzuhalten. Das Institut ist eine Art Netzwerk gleichge­sinnter Forscher."
Wobei es gemäss Website lediglich zwei Wissenschaftler gibt: den Leiter des Instituts, Dr. Hans-J. Dammschneider, sowie Dr. habil. Sebastian Lüning. Von einem Netzwerk würde ich hier ehrlich gesagt noch nicht sprechen, aber seis drum.

2. Der Artikel suggeriet wissenschaftliche Argumente des Instituts, was haben die Forscher des Instituts also wissenschaftlich anerkannt publiziert?
Hans-J. Dammschneider hat gemäss Google Scholar genau 10 Einträge (!), wobei nicht alle die Person des Institutsleiters betreffen. Er findet also faktisch in der wissenschaftlichen Gemeinschaft nicht statt. Bei Sebastian Lüning sieht das tatsächlich anders aus; sein Score bei Researchgate ist in der Tat relativ beachtlich, was auf eine gewisse Relevanz seiner Arbeit schliessen lässt - die der allerdings nicht immer im Namen des Instituts publiziet.

3. Schaut man sich die Schriftenreihe des Instituts an, findet man dort 5 Publikationen, davon zwei (mit Zeitangabe 2017) "in Vorbereitung". Online ist eine dieser Publikationen. (pdf-Version) Ein Blick in die Publikation zeigt erstaunliches. Ganz am Anfang heisst es:
"Das Buch ist sorgfältig erarbeitet. Dennoch übernimmt der Autor, der Verlag und der Herausgeber in keinem Fall für die Richtigkeit von Angaben, Hinweisen und Ratschlägen sowie für eventuelle Druckfehler irgendeine Haftung". (Fettdruck nicht im Orignal enthalten)
Traut der Autor seiner eigenen Forschung nicht?

Und am Ende liesst man auf S. 35:
"Der Verfasser nimmt bewusst keine rechnerisch-statistischen Korrelationen zwischen den ozeanischen Zyklen und den Trends der europäischen Lufttemperaturen vor. Es erfolgt ausschliesslich eine rein grafische Gegenüberstellung des Verlaufs der kombinierten PDO/AMO (nach Zeitabschnitten) mit jenen der Lufttemperaturen festländischer Stationen in Europa bzw. Nordamerika.
[...]
Es erfolgt also, wie bereits betont, keine rechnerische Korrelation, sondern ein rein grafischer Vergleich … die „Enge“ einer Beziehung herzustellen, wird bewusst dem Auge des Betrachters überlassen.
Hiermit wird kein Ursache-Wirkung-Vergleich durchgeführt, sondern ausschliesslich dargestellt, dass es eine Beziehung zwischen den ozeanischen Zyklen und den Lufttemperaturen Europas gibt." (Fettdruck nicht im Orignal enthalten)
Heisst das jetzt, dass ich als Leser die Grafiken, deren Ursprung ich mangels Quellenangabe nicht nachvollziehen kann, optisch vergleichen und meine eigenen Schlüsse ziehen soll? Oder was habe ich da nicht verstanden?

Am Ende des Buchs findet man auf viereinhalb Seiten Literaturverweise, nur sind die allerwenigsten davon im Text selber referenzert. Im Text werden Grafiken ohne Quellenangaben verwendet. Und der Autor setzt sich intensiv mit einem Wikipediaeintrag auseinander, freilich ohne diesen zu referenzieren, insbesondere nicht die Version des Eintrags. Es wird der Nachrichtensender N24 zitiert, auch hier ohne Datumsangabe, der zugehörige Eintrag im Literaturverzeichnis fehlt aber. Etc. pp.

Sorry, aber mit Wissenschaft hat das rein gar nichts zu tun.

Wie steht so schön im Artikel:
"Denn nur, wer selber eine wissenschaftliche Leistung bringe, habe die Chance, ernst genommen zu werden."
4. Im Artikel wird erwähnt, dass das Institut nicht auf grosse finanzielle Mittel zurückgreifen kann. Ein Blick ins Handelsregister zeigt, womit der Institutsgründer in der Hauptsache seine Brötchen verdient. An der Adresse des Instituts sind zwei Firmen eingetragen: Interior Design Contract GmbH und My Swiss Made, Dr. Dammschneider. Beide haben offenbar mit Klimaforschung wenig zu tun.

Ein Ausweis für Qualitätsjournalismus ist dieser Artikel sicher nicht.

Letzendlich erweisst der Artikel den Skeptikern des Klimawandels ein Bärendienst.



(vgl. zum Thema auch den Beitrag Informations- und Medienkompetenz: eine Schlüsselqualifikation - auch und besonders für Nationalräte)
Bildquelle: flickr.com/mellyjean (CC Lizenz) 



20. August 2017

Informations- und Medienkompetenz und die Demokratie

(Photo by Avi Richards on Unsplash)
Im Bund Hintergrund der heutigen NZZ am Sonntag finden sich zwei Beiträge, die man durchaus im Zusammenhang sehen kann: Weshalb uns das Internet nicht schlauer macht und Es geht um nicht weniger als um unsere Demokratie.  

Im zweiten Beitrag postuliert der Autor die Mitbestimmung des Volkes als die Essenz der Schweiz und sieht sie von drei Seiten her akut bedroht. Neben den drei erähnten Punkten abserbelnder Föderalismus, expansive Rechtsprechung und Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhalts kann man, inspiriert durch den ersten Beitrag, durchaus einen vierten Aspekt hinzufügen: Die schwindende Medien- und Informationskompetenz.

Der Autor schreibt in seinem Beitrag u.a.:
"Im Kopf gespeichertes Wissen indes gibt uns einen Orientierungsrahmen, um jene Informationen einzuordnen, die uns aus dem Netz entgegensprudeln.
 Wissen ist mehr als auswendig gelernte Jahreszahlen. Es ist zum Beispiel ein Verständnis dafür, was im 20. Jahrhundert in Europa passiert ist, samt den komplexen Zusammenhängen.
 Natürlich wäre das auch im Netz erhältlich, nützt uns dort aber nichts in jenem Moment, in dem wir Neuigkeiten einordnen sollten. Wir wüssten nicht einmal, wonach wir googeln müssten."
 Dazu passend stellt ein Kommentar in der NZZ vom 16.8.2017 unter dem Titel Naive Natives die Frage:
"Was bewog Soziologen und Pädagogen dazu, Jugendlichen gleichsam angeborene Kenntnisse für eine Welt zuzuschreiben, die nicht diese selbst, sondern Erwachsene geschaffen hatten?"
Und ebenso passend dazu mein Beitrag aus dem Jahr 2009: Wer lehrt die Kinder googeln?

In Zeiten von FakeNews und Filterblasen, in der sich Menschen - und nicht nur junge - in ihrer Filterblase wohlfühlen, sich oberflächlich via Gratiszeitungen informieren und notabene das Gefühl haben, Wissen kann man ja googeln, sofern man es dann irgendwann braucht, in Zeiten, in denen klassische Tageszeitungen einen massiven Leserschwund zu verzeichnen haben und populistisches Gedankengut weltweit zunehmend Anhänger findet, geht es tätsächlich um die Bedrohung der Demokratie, und das nicht nur in der Schweiz.

(Quelle: werteundwandel.de)


18. Juli 2017

Faktencheck als erste Bürgerpflicht

Winnie in the dark, fact checking!
Im Zeitalter von sog. Fake News sind Faktenchecks aktuell en vogue, für viele Medien gehören sie inzwischen zum guten Ton, denn zu Tun gibt es viel.

Aber das ist längst nicht genug:
An der re:publica 17 wiess Klaus Kleber darauf hin, dass auch und vor allem die Zivilgesellschaft verstärkt gegen Fake News aufbegehren muss und den Job nicht nur den Journalisten überlassen darf. In der Tat, eine Demokratie braucht aufmerksame, aktive, interessierte, kritische und engagierte Bürger:
"Es gibt in jeder Gesellschaft, gerade in einer demokratisch verfassten, eine Verantwortung des Einzelnen, die der Staat nicht übernehmen kann. Demokratie ist die edelste Staatsform, aber es ist eine Staatsform, die nicht nur Freiheit gewährt und schützt, sondern auch Verantwortung verlangt. Demokratie verlangt Engagement und zwar über Wahlen hinaus. Sie verlangt Meinungsbildung, Beschäftigung mit den Themen, die das Gemeinwesen prägen und verändern." (faz.net 9.7.2017)
Das bedeutet im Zusammenhang mit Medien, dass jeder Einzelne sich aktiv und kritisch mit den Medien, die er oder sie konsumiert, auseinandersetzt. Vorausgesetzt natürlich, der Bürger oder die Bürgerin verfügt über die o.g. Eigenschaften und will sich auch engagieren - und nicht unkritisch in seiner Filterblase verharren, in der man es sich gemütlich einrichtet und - frei nach Pipi Langstrumpf - die Welt so sieht, wie sie einem gefällt, Fakten hin oder her.
"Zwei mal drei macht vier, widewidewitt und drei macht neune, ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt." (Wikipedia

Dazu ein kleines, aktuelles Beispiel:

Heute entdeckte ich zufällig eine Meldung auf Twitter mit dem Titel "Dank Viktor Orbán: Ungarn gehört mit zu den 15 sichersten Ländern der Welt"; gemäss Google Suche wurde der zugehörige Beitrag einer deutschen Website weit über 200 Mal auf weiteren Websites und Blogs geteilt und kopiert, nicht zuletzt auch von Pegida und einer G+ Community Freunde der AfD.

Der Teaser zum Text:
"Diese Nachricht wird vielen EU-Regierungschefs und Mainstreammedien gar nicht schmecken: Ungarn ... rangiert laut der jährlichen Studie über die sichersten Länder des Erdballs des »Global Peace Index« auf Rang 15." *
Und weiter im Text:
"Neben Tschechien, der Slowakei und Polen gehört Ungarn zu den EU-Ländern, die sich mit aller Kraft gegen die von  der Merkel-Regierung aufgezwungene „Willkommens- und Verteilungskultur“ für „Flüchtlinge“ aus aller Welt zur Wehr setzen." *
Die In­si­nu­a­ti­on des Textes wird bereits mit diesem zwei Zitaten deutlich: Die rigorose Flüchtlingspolitik Ungarns macht das Land sicher, Merkels Politik dagegen bewirkt das Gegenteil.

Quelle: Global Peace Index
Leider versäumt es der Artikel wie auch alle Kopien und zugehörige Tweets die Originalquelle zu verlinken, oder gar Werte gegenüber zu stellen. Aber dies ist noch die kleinste Hürde für einen Faktencheck: Global Peace Index.

Ungarn ist tatsächlich auf dem 15. Platz, aber direkt dahinter Deutschland. Schaut man sich die Werte des Indexes an, so liegt Ungarn bei einem Wert von 1494, Deutschland bei 1500, das sind 0.4% Differenz. Die Nr. 1, Island, liegt übrigens bei 1111, und das Schlusslicht Syrien bei 3814, auf Position 163. Ach ja, Tschechien liegt auf Position 6, die Slowakei auf 26 und Polen auf Position 33.

Somit relativiert sich die insinuierte Aussage des Textes gewaltig, Deutschland und Ungarn sind faktisch gleichauf, was den Index angeht.

Interessant wird es, wenn man die 23 Indikatoren, die den Index ergeben, einzeln anschaut. Darunter sind Indikatioren wie Perceptions of Criminality (wahrgenommene Kriminalität), Homicide (absichtliche Tötungen), oder Incarceration (Gefängnisinsassen je 100'000 Einwohner) - bei diesen, und weiteren, Werten schneidet Ungarn deutlich schlechter ab als Deutschland. Natürlich gibt es auch Indikatioren, bei denen es umgekehrt aussieht, z.B. bei Opfern von Terroranschlägen.

Wie die Autoren dazu kommen, dass die Position Ungarns Victor Orban zu verdanken sei, bleibt deren Geheimnis, aus der angegebenen Quelle geht dies selbstverständlich nicht hervor.

Hier werden auf der Basis einer durchaus seriösen Quelle mit einem objektiven Index, der für alle Länder die gleichen Quellen zur Berechnung der Indikatoren heranzieht, abenteurliche Schlussfolgerungen gezogen und sie so notabene scheinbar legitimiert, somit für das Klientel der eigenen Filterblase missbraucht.

Und alle Indikatioren wie auch den gesamten Index kann man bis zum Jahr 2008 zurück abrufen. Dabei ergibt sich für den Gesamtindex für die Länder Deutschland, Ungarn und die Schweiz folgendes Bild:




Bildquelle: flickr / Seth Dodson (CC BY-NC 2.0)

* Quelle: philosophia-perennis.com/2017/07/17/viktor-orban-ungarn, 18.7.2017


10. Mai 2017

re:publica 17 - ein persönlicher Rückblick


Meine letzte re:publica ist schon ein paar Jahre her, damals fand sie noch im Friedrichstadtpalast statt. Also war es längst einmal wieder Zeit - wenigstens zwei Tage war ich an der re:publica 17. Die re:publica ist erwachsen geworden, ein Bisschen jedenfalls. Nach wie vor ist die Konferenz anders als andere Konferenzen, schon die Location ist anders, und sie ist bunt, nicht nur das Logo, die das Motto Love Out Loud - als eine Antwort auf Hass im Netz - präsentiert, auch die Leute sind bunt, Anzugträger sucht man (fast) vergebens, dafür gibt’s aber Kinderwagen auf der re:publica.

Deutsche Bahn an der re:publica 17
Aber sie ist auch kommerzieller geworden seit meiner letzten Teilnahme, irgendwie im Mainstream angekommen, zumindest teilweise; vertreten sind Firmen wie Microsoft, Google, Daimler, Deutsche Bahn, Krankenkassen, Bundesländer oder Bundesministerien; die Sponsorenwand sieht aus wie bei einem Profi-Fussballclub.

Anders waren auch die Keynotes zur Eröffnung: Anstelle von irgendwelchen, vermeintlichen High Profile Promis lassen die Veranstalter vier Personen auftreten, die ganz persönlich mit Unfreiheit konfrontiert waren und sind (Video).

Besonders bewegend und berührend fand ich Can Dündar, ehemaliger Chefredakteur der türkischen Zeitung Cumhüriyet. Nach einem Enthüllungsartikel über Waffenexporte der Türkei, der offenbar nie dementiert wurde, landete er im Gefängnis und war seinen Job los. Ruhig und leise berichtete er von dieser Zeit, zeigte Fotos. “Turkey is the largest prison for journalists” sagte er. Sein Beitrag Brief aus dem Gefängnis wurde Ende 2015 im Spiegel publiziert.

Márton Gergely war stellvertretender Chefredakteur der ungarischen Tageszeitung Népszabadság, die am 8. Oktober 2016 eingestellt wurde und berichtete aus Ungarn. Ramy Raoof aus Ägypten erinnert an die Freiheit der Information, die eben in Ländern wie Ägypten oder der Türkei nicht existiert. Er selbst wurde Opfer der Unfreiheit: So wurde sein Mobilfunkgerät und sein Internetzugang gekappt, um seine Aktivitäten. Katarzyna Szymielewiczs fordert uns auf diejenigen Leute versuchen zu erreichen und mit ihnen in den Dialog zu treten, die Politiker, die solche Repressionen befürworten, wählen.

Thomas Wagenknecht präsentierte in der Sesssion Blockchange – How Science Revolutionizes Democracy, Work and Nature Using Blockchain drei spannende Ansätze zur Verwendung der Blockchain, eher abseits der typischen Beispiele: das Kunstprojekt terra0,  DAO (Decentralized Autonomous Organizatins) Democracy und Liquid HolocracyShermin Voshmgir vertiefte anschliessend das Thema der Blockchain-basierten DAOs: Disrupting Organizations: Decentralized Autonomous Organizations on the Blockchain: Money without banks. Companies without managers. Countries without politicians. Bitnation erwähnt sie als ein Beispiel. Zur Entwicklung in diesem Bereich sagte sie: It's like 1990 for the Internet - wir stehen hier noch ganz am Anfang. Mehr zum Thema gibt's hier: The promise of the blockchain: The trust machine. Alle präsentierten Ansätze sind auf ihre Art radikal und stehen etablierten Ansätzen diametral gegenüber. Selbst wenn die Technologien (demnächst) verfügbar sind, so braucht es weitaus mehr, damit diese Ansätze sich druchsetzen. Spannende Denkanstösse sind sie aber allemal!

Die Session zum Darknet zeigte wieder einmal auf, dass es Fluch und Segen zugleich ist: Einerseits ein perfekter Rückzugsort für Kriminelle, die man dort schlichtweg nicht aufspüren könne wie der Oberstaatsanwalt Andreas May sagte. Wenn es Verhaftungen gibt, dann deswegen, weil Kriminelle in der realen Welt oft leichtsinnig werden, sich zur Übergabe von illegal erworbenen Waren, wie Wafffen, persönlich mit Käufern treffen - und wenn diese von der Polizei sind, die immer wieder entsprechende Accounts übernimmt, werden Käufer auf frischer Tat ertappt. May sagte auch klar, dass die US Behörden wesentlich weitreichendere Befugnisse hätten.
Auf der anderen Seit dient das Darknet aber auch dem Schutz von Aktivisten in nicht-demokratischen Ländern. So berichtete Ahmad Alrifaee, wie er nur mit Hilfe des Darknets in Syrien journalistisch arbeiten und Berichte ausser Landes bringen konnte.

An einem Panel mit Klaus Kleber und weiteren ZDF Mitarbeitenden gin es um das Thema Fake News (Video). Kleber & Co beschworen die wichtige Rolle der öffentlich-rechtlichen Medien. Diskutiert wurde u.a. die Rolle von sog. Faktenchecks. Einerseits sind sie durchaus notwendig, eine Gegenrede sei wichtig, aber es sollte vor allem auch die Zivilgesellschaft verstärkt gegen Fake News aufbegehren und den Job nicht nur den Profis überlassen. Andererseits wurde immer wieder erwähnt, dass die Aufarbeitung von Fake News nicht nur aufwändig ist, sondern im Zweifel auch dazu beiträgt, das Fake News eine grössere Aufmerksamkeit erlangen. Ausserdem wurde deutlich, das Fake News nicht gleich Fake News sind. Neben harmlosen, eher scherzhaften Falschmeldungen sind es vor allem Fake News von (mehr oder weniger) staatlichen Stellen, welche Gewisseheiten der Bevölkerung erschüttern sollen, ja diese sogar verwirren sollen, indem unterschiedliche Wahrheiten über ein und dasselbe Ereignis verbreitet werden. So lassen sich zweifelhafte Aktivitäten der Mächtigen relativieren und eine Einordnung durch die Bevölkerung erschweren. Interessant war auch zu erfahren, dass das ZDF Social Media als eine Art Kontrollinstanz wöhrend des Heute Journals beobachtet, um ggf. auf Falschmeldungen in der Sendung direkt reagieren zu können.

Verpasst habe ich leider den Vortrag Die Macht der Sprachbilder – Politisches Framing und neurokognitive Kampagnenführung von Elisabeth Wehling. Hier ein Interview zum Thema.

Garry Kasparov
Zeitweise heiss her ging es in der unterhaltsamen Session "Hacking Democracy": Power and Propaganda in the Digital Age u.a. mit Garry Kasparov. Dass er Putin nicht wirklich gut leiden kann, wurde mehr als deutlich. Anhand der Freedom House Map of Press Freedom machte der deutlich, dass weniger als 30% der Weltbevölkerung in Ländern mit einer freien Presse leben. Auch er wiess auf die Strategie des Verschleinern und Verwirrens durch gezielte Falschinformationen hin, um kritisches Denken zu unterdrücken. Auch Kasparov ruft die Zivilgesellscaft auf, Fake News publik zu machen.

Claudio Guarnieri forderte - einmal mehr auf der re:publica - Medienkometenz ein: "Technology can't be trusted, it has to be understood".

Die Keynote von Gunter Dueck zum Thema Flachsinn - über gute und schlechte Aufmerksamkeit, wie man sie bekommt, wer gewinnt und wohin alles führt (Video) hat mir persönlich nicht besonders gefallen, mir fehlte der rote Faden, auch wenn ich Dueck und seine Art sonst mag. Phatische Kommunikation war einer der Begriffe, die man bei Dueck lernen konnte. Und auch er wiess zum Thema Filterblase darauf hin, dass nicht nur die anderen, über die man gerne urteilt, in ihrer Blase gefangen sind. Wahre Worte, wie ich finde.

Miriam Meckel
Äusserst empfehlenswert ist der Vortrag von Miriam Meckel Brainhacking: Auf dem Weg zum Neurokapitalismus? (Video) Fast druckreif präsentierte Meckel in ihrem halbstündigen Vortrag wie wir durch (nicht pharmakologisches) Neuroenhancement Gemützszustände per Knopfdruck verändern können oder wie Gedanken in Daten umgewandetl werden können, was dann die Vision von Telepathie real werden lässt. Sie berichtet von Selbstversuchen und Laborexperiementen, in denen sich die Hirme von Ratten über neuronale Netzwerke bereits heute eroglreich verbinden lassen. Stehen wir vor einer Neuro Divide? Hängt unsere zukünftige Hirnleistung davon ab, ob wir uns die entsprechende Technologie, z.B. Hirnimplantate, leisten können? Ein wirklich packender Vortrag mit der Aufforderung zum Schluss: Think - It's not illega yet. Das Magazin WIRED hat dazu einen aktuellen Artikel publiziert.

Die Session mit Andrea Nahles - Bedingungsloses Grundeinkommen – (K)eine Antwort auf den Digitalen Wandel (Video) - war zunächst sehr sachlich und eher brav, obwohl die grosse Mehrheit des Publikums einen gegenteilige Meinung zu Nahles hatte. Sie machte den Vorschlag des Erwerbstätigenkontos als Gegenentwurf zum Grundeinkommen.  Für meinen Geschmack war Nahles je länger desto mehr fast dogmatisch unterwegs, klassische sozialdemokratische Positionen wurden verteidigt, so u.a. der Glaube an die Zukunft der flächendeckenden Erwerbstätigkeitkeit und dem (unausgesprochenen) Paradigma der Vollbeschäftigung. Auch eine Entkopplung von Arbeit und Lohn wird es nicht geben. Auf Fragen zu den Folgen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt und Beschäftigungsverhältnisse reagierte sind zum Teil gereizt, sie wurde zur Klassenkämpferin als sie von den digitalen Kapitalisten sprach, die ja sowieso nichts Gutes im Schilde führen würden, wenn sie sich für ein Grundeinkommen einsetzen würden, und man schon deswegen dagegen sein müsse. Ihre anfänglich vorgebrachten vier Argumente gegen das Grundeinkommen fand ich persönlich alles andere als überzeugend.

Spanned war auch der Vortrag von Christoph KucklickDie digitale Konterrevolution: Wie Europa seine Bürger entmündigt. Seine These: Die EU-DSGVO wird dramatische Folgen für unsere alltägliche, digitale Kommunikation haben und sie faktisch unmöglich machen, da die Verordnung jeden normalen Nutzer unter diese Verordnung stelle.

Etwas enttäuscht war ich vom Vortrag von Andreas WeigendData for the People (Video),so auch der Titel seines Buches. Für einen Experten bleib er mir etwas zu sehr an der Oberfläche des Themas, vermischte staatliche mit privatwirtschaftlicher Dantensammelwut und warf China und Europa in einen Topf. Mehr zu seinem Vortrag bei ZEIT Online.


Love Out Loud!