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29. Oktober 2017

#stadtsache - Ein Konzept für die Kinder und Jugendbeteiligung


(Bildquelle stadtsache.de)
Durch einen Tweet und den Artikel bei Spiegel Online wurde ich heute auf #stadtsache aufmerksam. Nachdem ich mich seit längerem selbst mit der Thematik der eParticipation und insbesondere der  Einbindung von Kindern- und Jugendlichen in die politische Arbeit einer Gemeinde beschäftige und auch einige praktische Erfahrungen sammeln durfte, hat mich #stadtsache sofort interessiert.

Die Idee von #stadtsache klingt vielversprechend:
#stadtsache macht Kinder und Jugendliche als Stadtexperten in eigener Sache sichtbar und verstärkt ihre Identität im Stadtteil. (Quelle: stadtsache.de)
Das crossmediale Projekt will eine Erweiterung der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in die digitale Welt sein.

Die Motivation hinter dem Projekt kann ich nur unterstützen:
Wir wissen immer noch zu wenig darüber, wie Jugendliche und Kinder ihre Stadt wahrnehmen. Mit #stadtsache als Werkzeug und den richtigen Fragen können wertvolle Erkenntnisse über die Funktion und die Bedeutung des öffentlichen Raums für Kinder und Jugendliche gewonnen werden.
Im Zentrum steht eine App:
Die App #stadtsache ist ein innovatives Werkzeug, um Fotos, Töne, Videos zu sammeln, Wege aufzuzeichnen und Dinge zu zählen. Die Ergebnisse lassen sich bestimmten Aufgaben und Aktionen zuordnen und dadurch mit anderen Nutzern der App teilen. So entsteht nach und nach eine Karte, die Kinder und Jugendliche als Stadtexperten sichtbar macht.
 #stadtsache ist aber nicht nur eine App, sonder wird durch ein Workbook ergänzt, das die Kreativität der Nutzer unterstützen soll: „Jetzt ent­decke ich mei­ne Stadt“.

Vom der Stadterkundung zum
Kinderstadtplan (Quelle)
Die Plätze und Orte, die Kinder und Jugendliche besonders schätzen und empfehlen, können in einem digitalen oder analogen Kinderstadtplan von Kindern für Kinder präsentiert werden.

Und offenbar gibt es auch noch ergäzendes Projektmaterial mit vielen Tipps und Ideen für Personen, die mit Kinder und Jugendlichen arbeiten möchten. Ausserdem gibt es Informationen für Kommunen, die mit #stadtsache arbeiten möchten.

On- und Offline Elemente werden also gezielt kombiniert; dies war auch unser Credo beim Projekt JugendMachtPolitik.

Auf den ersten Blick erscheint mit das Projekt #stadtsache gut durchdacht zu sein. Erfolg kann es aber nur haben, wenn z.B. Schulen oder die Jugendarbeit diese Werkzeuge aktiv einsetzen. Einen Einsatz in der Grund- bzw. Primarschule kann ich mir sehr gut vorstellen.


#stadtsache Kooperation (Quelle)


Das #stadtsache Modell (Quelle)

Gemäss der AGB ist eine Teilnahme ab 13 Jahren ohne Zustimmung der Eltern erlaubt; allerdings ist bei der Registrierung keine Altersangabe erforderlich.



6. Oktober 2017

"Eine Beteiligungs-App macht noch keine Bürgerbeteiligung" - eine Replik

(Bildquelle: citizenlab.co)
Auf dem Blog von polit@ktiv erschien gestern der Beitrag Eine Beteiligungs-App macht noch keine Bürgerbeteiligung. Er bezieht sich auf den Artikel Bürgerbeteiligung mit dem Smartphone: Die Tübinger dürfen app-stimmen im Schwäbischen Tagblatt aus Tübingen.

Ich schätze die Arbeit von Politaktiv, einer zivilgesellschaftlichen Initiative, die sich mit viel Engagement der Bürgerbeteiligung verschrieben hat und die ich seit ihrem Entstehen verfolge und auch schon an Veranstaltungen referieren durfte, sehr, möchte aber in einer Replik dem Blogbeitrag widersprechen. Dies, nachdem ich selbst bis Frühjahr dieses Jahres in ein ePartizipationsprojekt (mit Fokus auf Kinder und Jugendliche) involviert war. Auch in diesem Projekt spielte eine für die mobile Anwendung optimierte Website eine wichtige Rolle.
"Für gute Bürgerbeteiligung braucht man keine Beteiligungs-App. Statt auf sachorientierte Dialoge und zielgruppenspezifische Konzepte zu setzen, wird eine technische Lösung entwickelt, die letztlich nur ein Feigenblatt kommunaler Mitbestimmung sein kann."
So beginnt der Blogbeitrag und gibt den Tenor vor. Auch wenn es möglicherweise nicht so absolut gemeint ist, so finde ich diese Einschätzung doch sehr pessimistisch und negativ, ja sogar kontraporduktiv. Im Beitrag werden fünf Aspekte zur Begründung aufgeführt, die ich kurz kommentieren möchte.
"Fazit 1: Statt spezifischen Lösungen beschränkt sich eine Beteiligung per App auf „One-Size-Fits-All“, d.h. eine Beteiligung umfasst grundsätzlich (nur) all jene, die die App besitzen."
Ich glaube kaum, dass traditionelle Bürgerbeteiligungsformate mehr Menschen zur aktiven Teilhabe auf den verschiedenen Stufen der Partizipation motivieren können als eine - gut gemachte - App bzw. mobile optimierte Website.
"Fazit 2: Umfassende Informationen laufen dem Prinzip einer App entgegen."  
Hiermit wird insinuiert, dass man sich per App bzw. Smartphone nicht umfassend informieren kann, was zumindest meiner Erfahrung diametral widerspricht. Sich nicht zu informieren hängt sicher nicht vom benutzen Medium ab. Sicher, gewissen Dokumente, wie etwa umfangreiche Pläne, lassen sich auf einem Smartphone weniger gut betrachten als auf einem PC Bildschirm oder im ausgedruckter Version. Ich persönlich fühle mich umfassend informiert, obwohl ich vorwiegend Apps auf dem Smartphone z.B. während des Pendelns im öV dafür nutze. Notabene habe ich auch die Beiträge, um die es hier geht, via App während einer Zugfahrt gelesen...
"Fazit 3: Eine App eignet sich nicht dafür, gestalterisch in Dialoge einzugreifen und diese zu strukturieren. Man denke an WhatsApp-Gruppen, in denen schnell unklar wird, wer was wann gesagt hat und welche Argumente bereits eingebracht wurden."
Wie auch in dem von mir mitentwickelten Leitfaden zur Einbindung von Kindern- und Jugendlichen in die politische Arbeit einer Gemeinde nachzulesen ist, können Onlineformate bestehende Offlineformate der Partizipation sinnvoll ergänzen und unterstützen sowie neue Formen der Partizipation ermöglichen - immer abhängig von der gewählten Stufe der Partizipation. Den Dialog via Smartphone kategorisch auszuschliessen halte ich schlichtweg für kontraproduktiv.
"Fazit 4: Eine App bietet lediglich eine oberflächliche Meinungsabfrage."
Wie gesagt, es hängt von der Zielsetzung der Partizipation ab, ob eine App sinnvoll genutzt werden kann. Im Handbuch für offene gesellschaftliche Innovation* haben wir Kriterien für den Einsatz von Tools für offene, gesellschaftliche Innovation - wozu auch die Partizipation zählt - entwickelt; so hängt die Auswahl von Werkzeugen u.a. ab von der Phase der Innovation (bzw. Partizipation), dem Grad der Interaktion und den Aspekten von Raum und Zeit. Eine Meinungsabfrage per se als oberflächlich zu werten, finde ich ebenfalls kontraproduktiv.
"Fazit 5: Eine Abstimmung per App fördert Polarisierung statt Dialog."
Ja, möglicherweise, aber sicher nicht zwingend. Ich halte Onlineabstimmungen durchaus für ein Instrument, um im Rahmen der Partizipation Meinungsbilder zu erhalten, die alternativ kaum verfügbar wären.
"Fazit: Eine Beteiligungs-App führt nicht zu guter BürgerbeteiligungEine Beteiligungs-App kann gute Bürgerbeteiligung nicht ersetzen. Sie macht sie auch per se nicht besser. Warum soll sie dann zum Einsatz kommen?"
Nein, eine App alleine macht noch keine gute - was heisst hier gut? - Bürgerbeteiligung. Und durch eine App die Bürgerbeteiligung ersetzen will sicher auch niemand, der sich seriös mit Partizipation beschäftigt. Aber eine App bzw. ein geeignetes Onlineformat kann Partizipationsverfahren ganz sicher bereichern! Apps bzw. Onlineformate kategorisch als Instrument auszuschliessen, ist kontraproduktiv und passt schlichtweg nicht ins Jahr 2017.

Zur Auswahl geeigneter Online-Werkzeuge im Rahmen der Kinder- und Jugendpartizipation möchte ich nochmals auf den Leitfaden zur Einbindung von Kindern- und Jugendlichen in die politische Arbeit einer Gemeinde hinweisen, insbesondere auf die Seite 22: Konkretisierung des ePartizipations-Formats:

Leitfaden zur Einbindung von Kindern- und Jugendlichen
in die politische Arbeit einer Gemeinde
, S. 22

Zum Hintergrund:
eParticipation für Kinder und Jugendliche - Motivation aus Sicht der Forschung

* Raffl, C., von Lucke, J., Müller, O., Zimmermann, H.-D., & vom Brocke, J. (2014). Handbuch für offene gesellschaftliche Innovation. Beiträge des Forschungsprojektes der Internationalen Bodensee-Hochschule „eSociety Bodensee 2020“ zur offenen gesellschaftlichen Innovation. Friedrichshafen: ePubli, S. 129-171. 


10. April 2016

ePartizipation - nicht nur Partizipation

eParticipation*
In der Ostschweiz am Sonntag vom 10. April 2016 widmen sich die Seiten 2 und 3 dem Thema Partizipation: Bürger können mitwirken (Onlineversion). Das ist sicher lobenswert, denn Partizipation von Bürgerinnen und Bürgern an der Gestaltung ihres Gemeinwesens sollte selbstverständlich sein, gerade in der Schweiz mit seiner direktdemokratischen Tradition.
"Die Gemeinden beziehen Bürger früher und öfters in politische Prozesse ein. Partizipation hat auf kommunaler Ebene Konjunktur."
In einem Beitrag aus Weinfelden wird auch die Partizipation von Jugendlichen thematisiert.
"Mitgestalten soll in Weinfelden auch die jüngere Generation. Für sie findet im Juni ein Mitwirkungstag statt; im April ein Informationsabend. Und auch hier gelte: Betroffene zu Beteiligten machen. Dazu müssen die Jugendlichen erreicht werden, die weder Zeitung noch Mitteilungsblatt lesen. «Deshalb haben wir einen Jugendlichen mit der Gestaltung des Flyers beauftragt», sagt Häfner."
Allerdings fällt auf, das sämtliche erwähnte Partizipationsprojekte auf traditionelle, analoge Mittel setzen. In der heutigen Zeit aber, in der wir nicht müde werden von Informationsgesellschaft, Digitalisierung oder Industrie 4.0 zu reden, sollte durchaus auch Raum sein für Partizipationsverfahren, welche die Mittel der digitalen Kommunikation und Interaktion berücksichtigen. Nicht dass ich falsch verstanden werde, es geht nicht um eine Ablösung traditioneller Partizipationsmethoden, sondern um einen neuen Mix der angewendeten Mittel und Verfahren.
Gerade bei der jüngeren Generation gehören Smartphones und Apps zum Alltag. Gleichzeitig hören wir immer wieder, dass sich die junge Generation nicht für Politik interessiere und Wahlen und Abstimmungen fern bleibe. Da liegt es doch eigentlich nahe, die Partizipation zur ePartizipation zu erweitern. Im Beitrag eParticipation für Kinder und Jugendliche - Motivation aus Sicht der Forschung habe ich mich damit bereits vor einiger Zeit beschäftigt. Ebenso im Beitrag Zur Rolle und Ausgestaltung der Kinder- und Jugendpartizipation.

Gemeindeblatt März 2016, S. 17
Die Gemeinde Grabs im stgaller Rheintal führt hierzu ein vom Bundesamt für Sozialversicherungen und dem Kanton St. Gallen unterstütztes Projekt durch, das von der FHS St. Gallen wissenschaftlich begleitet wird (vgl. hier)  Ich selbst habe die Freude, hieran mitzuarbeiten.
Ziel des Projektes ist es einen Leitfaden zu entwickeln, der es anderen Gemeinden ermöglicht, ePartizipationsprojekte insbesondere für Kinder und Jugendliche umzusetzen. In der Gemeinde Grabs wird ein entsprechender Pilot durchgeführt. Der digitale Kanal ist auch hier kein Ersatz der traditionellen Mitwirkung, sondern digitale und analoge Instrumente werden komplementär eingesetzt. Im Werdenberger & Obertoggenburger - der zum Tagblatt gehört - wurde im November 2015 über das Projekt berichtet. Das Grabser Gemeindeblatt hat in seiner Märzausgabe 2016 ebenfalls wieder darüber berichtet.

Der nationale Dacherband der Jugendparlamente DSJ hat die Onlineplattform engage.ch entwickelt, die es lokalen und regionalen Jugendparlamenten ermöglicht, auch Online aktiv zu werden.


* "... verstanden als die Teilhabe von natürlichen und juristischen Personen (und ihrer Gruppierungen) an politisch-administrativen Prozessen der Entscheidungsfindung mithilfe von Informations- und Kommunikationstechnik (IKT)" [Albrecht et al, 2008, S. 3]

22. Januar 2015

eParticipation für Kinder und Jugendliche - Motivation aus Sicht der Forschung

10532701395_fae5e101e8_zEin gemeinsamer Beitrag von Rosmarie Arnold und mir (Crossposting vom FHS eSociety Blog)

Die Autoren beschäftigen sich an der FHS St. Gallen in der Aus- und Weiterbildung wie auch in der Forschung und Dienstleistungsprojekten mit dem Thema eParticipation für Kinder und Jugendliche aus einer interdisziplinären Perspektive. Im folgenden Beitrag zeigen die Autoren die Motivation für das Thema aus Sicht der Forschung auf.  

Die eParticipation für Kinder und Jugendliche, wie sie z.B. in diesem Projekt in Grabs umgesetzt werden soll oder im Projekt Scoop-it 2.0 bearbeitet wird, fokussiert auf die Nutzung der Mittel der Informations- und Kommunikationstechnologie, insbesondere neue bzw. soziale Medien, im Rahmen der gesellschaftlichen Partizipation von Kindern. Die eParticipation für diese Altersgruppe ist bis dato nicht systematisch untersucht und aufbereitet worden, es finden lediglich weitgehend isolierte Aktivitäten statt.

Das übergeordnete Thema der offenen gesellschaftlichen Innovation wurde erst jüngst mit wissenschaftlichen Ansätzen untersucht (z.B. (Chesbrough & Minin, 2014Herzberg, 2012Lucke et al., 2012)). Die Themenstellung ist deswegen als hoch innovativ einzuordnen.

Die einzelnen Bausteine sind demgegenüber durchaus gut erforscht und dokumentiert. So geht die Forschung zur politischen Partizipation bereits auf die 60er Jahre zurück (vgl. z.B. (Arnstein, 1969)). Die politische Partizipation von Kindern und Jugendlichen ist ebenfalls gut dokumentiert (z.B. (Fatke & Niklowitz, 2013Wittwer, 2014)). Die Wirtschaftsinformatik beschäftigt sich ebenfalls mit der Rolle der IKT in diesem Kontext (z.B. (Buhl, 2011)). Der Themenkreis Kinder/ Jugend und Partizipation wird in der Sozialpädagogik spätestens seit den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts in der Öffentlichkeit - auch kontrovers – thematisiert und hat durch den sozialen Wandel neue Herausforderungen im Zusammenhang mit den neuen sozialen Medien erhalten (z.B. (Leistert & Röhle, 2011)). Dies geht einher mit der zunehmenden Besorgnis über das abnehmende Interesse der Jugendlichen an der Mitwirkung an politischen Fragen (z.B.(Oser & Biedermann, 2003)). Die aktuelle Studie "Von der Stimme zur Wirkung“ zur Partizipation von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz, deren Ergebnisse vollumfänglich Anfang 2015 publiziert werden sollen, kommt zum Schluss: „…und auf Gemeindeebene ist die Partizipation immer noch gering“ (Rieker, 2014) (vgl. dazu auch Zimmermann, 2014).

Das Konzept der offenen Innovation ist in der Wirtschaft seit längerem bekannt, wird erfolgreich angewendet und ist intensiv beforscht. Die Anwendung der Konzepte offener Innovation im gesellschaftlichen bzw. im sozialen Kontext ist dagegen bisher kaum systematisch untersucht worden. Man spricht hier entsprechend von ‚offener gesellschaftlicher Innovation‘ (Lucke et al., 2012) bzw. von ‚offener sozialer Innovation‘ (Chesbrough & Minin, 2014).

Die Partizipation ist ein zentrales Element offener gesellschaftlicher Innovation; sie bindet Bürger und Bürgerinnen in Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse von Politik und Verwaltung bzw. des Gemeinwesens ganz allgemein ein. Bürger und Bürgerinnen haben so die Möglichkeit zur Lösung gesellschaftlicher und sozialer Herausforderungen des Gemeinwesens beizutragen. Die Bedürfnisse von Gemeinwesen nach einer stärkeren Einbindung von Bürgern und Bürgerinnen allgemein und Kindern und Jugendlichen im speziellen stellen eine allgemeine Entwicklung dar. Die Stärkung der Partizipation, insbesondere von informellen Partizipationsverfahren, ist aktuell ein zentrales Thema auch in der Schweiz, wie auch im Bericht der Bundeskanzlei an den Bundesrat zum Ausdruck kommt (Schweizer Bundeskanzlei, 2011).

Insbesondere die Einbindung von Kindern und Jugendlichen in gesellschaftliche und soziale Prozesse ist gegenwärtig ein zentrales Anliegen. Dies zeigt sich u.a. in den Programmen des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) im Rahmen der „Finanzhilfen Kinder- und Jugendförderungsgesetz KJFG“, bei denen das Thema Partizipation im Mittelpunkt steht. Die Relevanz des Themas zeigte u.a. auch die Diskussion rund um die Analyse des Abstimmungsverhaltens Jugendlicher im Februar 2014 (vgl. z.B. (Bühler, 2014)).

Im Rahmen der offenen gesellschaftlichen bzw. sozialen Innovation werden dabei heute zunehmend die Möglichkeiten des Einsatzes der Mittel der Informations- und Kommunikationstechnik, hier insbesondere die sog. „neuen Medien“ bzw. „sozialen Medien“ geprüft. Man spricht in diesem Zusammenhang von der eParticipation. eParticipation verknüpft die Methoden der Partizipation mit IKT gestützten Instrumenten. In ihrem Bericht widmet die Bundeskanzlei dem Thema „E-Demokratie und E-Partizipation“ ebenfalls grosse Aufmerksamkeit (Schweizer Bundeskanzlei, 2011).
Insbesondere Kinder und Jugendliche, die sog. Digital Natives, nutzen diese Medien heute selbstverständlich in ihrem Alltag in Schule, Ausbildung und Freizeit, wie zahlreiche Studien und Untersuchungen zeigen und thematisieren. (vgl. z.B. (Wampfler, 2014)). In der aktuellen Studie von Golder et al. wird hierzu unter der Überschrift „Reformimpuls 1“ explizit festgehalten: „… Um das politische Interesse bei Jungen zu stärken, müssen allerdings elektronische und soziale Medien verstärkt berücksichtigt werden.“ (Golder et al., 2014, 6).
Kinder- und Jugendmitwirkung auf Gemeindeebene wird in vielen Gemeinden von verschiedenen Kantonen formuliert und praktiziert. Diese Mitwirkung nutzt aber bisher eher traditionelle Methoden. Instrumente, welche Mittel der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) einsetzen, werden bisher nicht oder nur vereinzelt und zufällig eingesetzt.

Bildquelle: undpeuropeandcis on flickr.com (CC BY-NC-SA 2.0)

12. November 2014

Zur Rolle und Ausgestaltung der Kinder- und Jugendpartizipation

Im Sommer 2013 berichtete ich  von der Diskussion zur Jugendbeteiligung am IBK Jugenddialog. Zur Rolle der traditionellen Mechanismen in der politischen Beteiligung schrieb ich:
"Deutlich wurde auch die unterschiedliche Wahrnehmung von Politik: Frau Erler zielte mit ihren Fragen und Antworten immer wieder auch auf die Institutionen der Politik wie z.B. Parteien. Die Jugendlichen dagegen wollen sich vor allem mit den sachlichen Themen beschäftigen, Parteipolitik schien für sie keine Rolle zu spielen.
Hier sehe ich durchaus eine wichtige und grundsätzliche Entwicklung: Beteiligung findet zu Sachthemen statt und wird nicht primär durch politische Institutionen und Strukturen abgebildet." 
Gestern wurden die ersten Ergebnisse der Studie "Von der Stimme zur Wirkung" in den Medien publiziert. Die Studie zur Partizipation von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz wurde unter der Leitung von Prof. Dr. Peter Rieker, Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich, im Auftrag von UNICEF Schweiz im Zeitraum 2012 bis 2014 durchgeführt.

Der Titel des NZZ Beitrags lautet Kinder leben Mitbestimmung anders aus - diese Schlussfolgerung wird in verschiedenen Aussagen in den publizierten Ergebnissen durchaus deutlich:
"Je älter ein Kind wird, desto weniger partizipiert es in Schule und Gemeinde. Dies könnte darauf hindeuten, dass entsprechende bestehende Partizipationsangebote zu wenig an den jugendtypischen Lebenswelten ausgerichtet sind. Ist nämlich ein individuelles Interesse vorhanden, wird rege partizipiert. [...] Partizipation hängt zudem davon ab, ob und wie Erwachsene die Mitwirkung der Heranwachsenden aktiv anstreben und unterstützen." (Quelle)
Daraus ergeben sich entsprechende Konsequenzen:
"«Die Ergebnisse zeigen, dass Beziehungen so gestaltet werden müssen, dass Kinder und Jugendliche von sich aus und aus eigener Initiative partizipieren», sagt Elsbeth Müller, Geschäftsleiterin von UNICEF Schweiz. «Sie müssen erleben, dass sie durch ihr Handeln und Tun eine Wirkung erzeugen können. Dazu braucht es die entsprechende Haltung und Geduld der beteiligten Erwachsenen sowie Plattformen und Gefässe, bei welchen sich Kinder und Jugendliche auf einfachem, unbürokratischem Weg „Gehör verschaffen“, ihre Anliegen und Ideen diskutieren und in altersgerechten Formen darüber verhandeln können.»"   (Quelle)
Zentral scheint mir, das Partizipation  - nicht nur von Kindern und Jugendlichen - Wirkung zeigt und diese vorab klar und transparent artikuliert und kommuniziert wird.

Die Begriffe Plattformen und Gefässe geben einen Hinweis auf den Einsatz neuer Medien:
"Genauere Analysen zeigen dabei, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen der Nutzung neuer Medien als Kommunikationsplattform durch Kinder und Jugendliche und ihrer durchschnittlichen Partizipation in den untersuchten Handlungsfeldern gibt. Werden neue Medien hingegen vorwiegend als Plattform für Spiele und für den Konsum von Filmen benutzt, so besteht kein Zusammenhang hinsichtlich ihrer durchschnittlichen Partizipation." (Quelle, S: 9f.)
Daraus kann man interpretieren, das die Nutzung von eMail, Chat und Messaging einen positiven Effekt auf die Partizipation haben. Nur konsequent ist es dann, diese Formen der Kommunikation als Plattform und Gefäss für die Kinder- und Jugendpartizipation einzusetzen.

Genau diese Form der eParticipation - der IKT-gestützten Kinder- und Jugendpartizipation - steht im Zentrum eines Projektes einer mittelgrossen stgaller Gemeinde, das ich im Rahmen meiner Tätigkeit an der FHS St. Gallen zusammen mit einer Kollegin im kommenden Jahr begleiten werde.

Deutlich wird in den bisher publizierten Ergebnissen der Studie, dass Kinder- und Jugendliche sehr wohl partizipieren wollen, aber eben anders. Solange aber die Erwachsenen nicht müde werden auf die traditionellen Mechanismen zu bauen, wird die Kinder- und Jugendpartizipation sicherlich nicht intensiviert werden können.

Im Sommer 2013 stellte ich dazu in meinem Beitrag fest:
"Es stellt sich dann aber u.a. die Frage, wie dass durch Parteien dominierte parlamentarische System zukünftig geeignet ist, die Gesellschaft in allen ihren Facetten abzubilden und Entscheidungen für die Gesellschaft zu treffen. Alternative Formen der Partizipation - jenseits der Wahlen - spielen also für die demokratische Entwicklung unserer Gesellschaft eine zentrale Rolle - Stichwort offene gesellschaftliche Innovation."

Bildquelle: undpeuropeandcis on flickr.com (CC BY-NC-SA 2.0)

9. Juli 2013

Diskussion zur Jugendbeteiligung am IBK Jugenddialog

(http://www.bodenseekonferenz.org)
Am vergangenen Freitag, 6. Juli 2013, fand in Lindau der IBK Jugenddialog statt.

Als Vertreter des Projekts eSociety Bodensee 2020 hatte ich die Chance als Beobachter daran teilzunehmen.

Seitens der Politik waren u.a. anwesend die Minister und Regierungsräte Beate Merk (Bayern), Gisela Erler (Baden-Württemberg), Claudius Graf-Schelling (TG), Adrian Hasler (FL), Stefan Suter (AI), Ernst Stocker (ZH), Elmar Stegmann (Lkr. Lindau).

Die teilnehmenden  Jugendlichen konnten sich für den Anlass bewerben; notabene waren vor allem diejenigen Jugendlichen anwesend, die sich auch sonst engagieren, z.B. in Jugendparlamenten.

Eröffnung des IBK Jugenddialogs durch Ministerin Merk

Eines der Themen, dass zwischen Jugendlichen im Alter von 14 bis 20 Jahren diskutiert wurde, war Jugendbeteiligung. Während einer Stunde diskutierten ca. 10 Jugendliche mit Staatsrätin Gisela Erler (Wikipedia) zum Thema.
Staatsrätin Gisela Erler im Gespräch mit Jugendlichen

Einige persönliche Wahrnehmungen aus der Diskussion (die natürlich Momentaufnahmen darstellen):

Insbesondere von den deutschen Schülern in der Gruppe wurde bemängelt, dass in den Schulen zu wenig informiert werde. Der Prozess des demokratischen Diskurses wird nicht wirklich geübt.

Eine Jugendliche sagte: "Ich traue mich nicht abzustimmen, weil ich mich nicht informiert fühle".

Ein Schweizer Schüler berichtete dagegen, dass die Themen der vierteljährlichen Volksabstimmungen auch im Unterricht behandelt werden, wenn auch nicht allumfassend.

Für die Jugendlichen ist wichtig, dass sie einen Bezug zu den Themen haben, zu denen sie mitreden sollen bzw. wollen. Dies beginnt bereits in der Schule, wo es z.B. um die Aufstellung von Getränkeautomaten geht. Aber es geht auch genauso um Themen mit globaler Reichweite, wie z.B. Natur- oder Umweltschutz.

Deutlich wurde auch, dass Jugendliche erwarten, dass ihre Meinungen und ggf. Entscheidungen auch ernst genommen werden. Und wenn Entscheidungsprozesse dann ein oder zwei Jahre dauern und kaum etwas voran geht -wie in einem Beispiel einer deutschen Schülerin dargestellt -, dann ist das nicht die Erwartung, die Jugendliche haben.

Deutlich wurde auch die unterschiedliche Wahrnehmung von Politik: Frau Erler zielte mit ihren Fragen und Antworten immer wieder auch auf die Institutionen der Politik wie z.B. Parteien. Die Jugendlichen dagegen wollen sich vor allem mit den sachlichen Themen beschäftigen, Parteipolitik schien für sie keine Rolle zu spielen.

Hier sehe ich durchaus eine wichtige und grundsätzliche Entwicklung: Beteiligung findet zu Sachthemen statt und wird nicht primär durch politische Institutionen und Strukturen abgebildet. Wenn Jugendliche sich also nicht (mehr) in Parteien organisieren (wollen), dann heisst das nicht notwendigerweise, dass sie nicht politisch interessiert sind.
Es stellt sich dann aber u.a. die Frage, wie dass durch Parteien dominierte parlamentarische System zukünftig geeignet ist, die Gesellschaft in allen ihren Facetten abzubilden und Entscheidungen für die Gesellschaft zu treffen. Alternative Formen der Partiziption - jenseits der Wahlen - spielen also für die demokratische Entwicklung unserer Gesellschaft eine zentrale Rolle - Stichwort offene gesellschaftliche Innovation.  Die Schweiz mit ihrer Tradition der direkten Demokratie ist hier deutlich weiter entwickelt als andere Länder, wie auch die Diskussionen am IBK Jugenddialog gezeigt haben.

Und wenn man die Herkunft des Begriffs Politik anschaut, liegen die Jugendlichen hier durchaus näher am Kern: Politik verstanden als Begriff für diejenigen Tätigkeiten, Gegenstände und Fragestellungen, die das Gemeinwesen betreffen. Trotzdem sagte ein Schweizer Schüler, das man Politik spannender machen müsse.

Und für Schüler und Jugendliche sind nun einmal die Frage der Eintrittspreise für das Freibad der Gemeinde ein wichtiges Anliegen, das mit Parteipolitik nichts zu tun hat - dies war nur eines der Beispiele, die von den Jugendlichen genannt wurden.

... und auch dies wurde gesagt:

Und erstaunlich war durchaus auch dies:
Nicht einmal umschreibend wurden von den Jugendlichen Social Media, Internet oder Facebook erwähnt - und Frau Erler hat auch nicht danach gefragt. Lediglich Frau Erler erwähnte einmal, dass sie Opfer eines Shitstorms geworden sein, aber auch dies ohne weitere Nachfragen oder Diskussionen.

Positiv wurden von den Jugendlichen bewertet, dass sie ganz normal mit den Politikern reden konnten, die in der Tat erstaunlich locker drauf waren am IBK Jugenddialog.

Medienmeldungen zum Event gibt es u.a. bei schwaebische.de und regierung.li; Pressemitteilung der IBK.

Photoalbum und Video zum Jugenddialog (ergänzt 15.7.13)


Gruppenphoto der Teilnhemer am IBK Jugenddialog

6. Juni 2012

eParticipation mit Hürden - ein Beispiel

Das Thema politische Partizipation ist gegenwärtig in aller Munde. Mehr Demokratie wagen! fordert Peter Conradi in der Stuttgarter Zeitung. Bei Cicero versteht Maik Bohne Demokratie als Gemeinschaftswerk. Aber gleichzeitig lesen wir von Jona Hölderle Bürgerbeteiligung? Die Basis fehlt!  

Die Formen der Partizipation sind vielfältig wie man hier oder hier nachlesen kann. Grosse Hoffnungen setzt man aus vielfältigen Gründen ganz allgemein auf die elektronische Partizipation, und hier insbesondere die Nutzung von Social Media für eine intensivere Beteiligung der Bürger und Bürgerinnen an politischen Entscheidungsfindungsprozessen.


Treffend schreibt auch Maik Bohne: 
"Beteiligung in der Kollaborativen Demokratie ist weit mehr als die Anwendung direktdemokratischer Verfahren, also das bloße Abstimmen mit Ja und Nein. "

29. April 2012

Was ist eigentlich Demokratie? - Zwei Momentaufnahmen von heute

Abstimmung an der Landsgemeinde
in Appenzell am 29. April 2012
Was ist eigentlich Demokratie? - mit dieser Frage begann die heutige Landsgemeinde in Appenzell. Der Landammann besann sich auf den Ursprung des Begriffs:
"griechisch Δημοκρατία, von δῆμος [dēmos], „Volk“, und κρατία [kratía], „Herrschaft“, vgl. -kratie; wörtlich: Herrschaft des Volkes" (Quelle: Wikipedia).

Herrschaft des Volkes also. Aber wie äussert sich diese denn?
Ganz aktuell wird diese Frage europaweit heiss diskutiert im Zusammenhang von modernen und offenen Bürger- und Zivilgesellschaften oder neuen Formen der Partizipation.

Dazu gab es heute zwei Anschauungsbeispiele:

1. Die Landsgemeinde in Appenzell selbst:
Die Landsgemeinde ist eine Form der direkten Demokratie: die anwesenden Stimmberechtigen diskutieren über die zu entscheidenden Sachverhalte, jeder Anwesende hat das Recht sich zu äussern. Die Abstimmung geschieht offen durch Handzeichen, ausgezählt wird in aller Regel nicht. Sind die Mehrheitsverhältnisse nicht eindeutig erkennbar, wird nochmals abgestimmt. So geschah es heute in Appenzell zwei Mal.
Und die Geschäfte sind zum Teil von weitreichender Bedeutung: Sei es die Wahl von Regierungsmitgliedern, die Abstimmung über eine Strukturreform oder ein neues Baugesetz. Herrschaft des Volkes.

(Weitere Bilder von der Landsgemeinde in Appenzell)

2. die Regierungswahlen im Kanton St. Gallen: Für einen Sitz in der Kantonsregierung standen zwei Kandidaten aus unterschiedlichen Lagern standen zu Wahl. Die Stimmbeteiligung lag bei 31.6 Prozent.  Herrschaft des Volkes.

28. April 2012

Social Media und Partizipation: Diskussion im Rahmen der Denkwerkstätte Neue Medien – Neue Öffentlichkeiten

Im Rahmen der Denkwerkstätte Neue Medien – Neue Öffentlichkeiten der FHS St. Gallen habe ich im Rahmen eines Workshops einen Iput zum Thema "Wie können Social Media die Partizipation von Bürgern an politischen Entscheidungsprozessen in Gemeinden unterstützen?" gegeben. Ziel war es, das Thema Social Media und eParticipation in den Kontext Open Government einzuordnen.

Hier einige Stimmen aus der anschliessenden Diskussion, an der auch eine Reihe von Gemeindepräsidenten des CAS Gemeindeentwicklung teilnahmen.