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10. August 2013

Plagiate - eine never ending Story !?

Copy Culture (by Will Lion)
Das Thema des Umgangs mit fremden Quellen beschäftigt immer wieder die Gemüter, wie aktuelle Beiträge z.B von Adrienne Fichter und Martin Weigert und im Tagesanzeiger zeigen.

Dabei ist es doch eigentlich ganz einfach: Wenn wir das Wissen, das andere erarbeitet, aufbereitet und dokumentiert haben, für unsere eigene Arbeit als Autor, Journalist, Blogger, Studierender oder Wissenschaftler nutzen, dann gehört es sich schlichtweg, dies zu referenzieren.
Das hat nichts zu tun mit Analog oder Digital.

Und Wissen soll uns helfen, Fortschritte in allen Bereichen unseres Lebens zu generieren. Genau deswegen wird Wissen häufig - nicht immer - publiziert. Es soll anderen für ihre Arbeit zur Verfügung stehen, z.B. in Form einer Idee oder Faktenrecherche, auf die man selbst aufbaut oder sie diskutiert, oder in Form einer wörtlichen Übernahme einer gelungenen Formulierung. Es ist sogar das grundlegende Prinzip gerade wissenschaftlicher Arbeiten wie Seminar-, Bachelor-, Master- oder Doktorarbeiten oder Zeitschriftenartikel, auf Erkenntnisse anderer aufzubauen. Der Bezug der eigenen Arbeit zum existierenden Body of Knowledge ist ein zentrales Kriterium für die Evaluation dieser Arbeiten. Ohne diesen Bezug werden die arbeiten in aller Regel sogar zurück gewiesen. Deswegen haben sich gerade im Wissenschaftsbereich entsprechende Regeln des Zitierens etabliert.

Aber er hat's getan, und sie auch, oder auch er, und einen Schweizer Fall gibt's auch. Sie alle haben plagiiert, oder zumindest wird es ihnen vorgeworfen. Die genannten Fälle - und es gibt noch so viele mehr - sind alle sehr verschieden, aber die Nichtbeachtung fremden, geistigen Eigentums - und das bedeutet Plagiat - ist und bleibt ein Vergehen, ethisch, und auch juristisch. Und genauso wenig wie man ein bisschen schwanger sein kann, kann man auch nur ein bisschen plagiiert haben. Plagiat ist und bleibt Plagiat, 0 oder 1.

Plagiate hat es schon immer gegeben; Menschen, die sich mit fremden Federn schmücken, ohne dies entsprechend zu referenzieren. Nur das Handwerk des Plagiierens hat sich verändert: In der analogen Welt musste ein Autor ein Werk erst einmal identifizieren, finden und intellektuell erschliessen, bevor er sich daraus  bedienen oder abschreiben konnte. In der digitalen Welt ist dies viel einfacher geworden: eine geschickte Web-Recherche, Suche mit Schlagworten in Dokumenten, vielleicht eine maschinelle Übersetzung, Copy & Paste und fertig. Aber Plagiat beibt Plagiat.

Und was lernen wir daraus?
  • Plagiieren lohnt sich nicht.
    Vor 10 oder gar 20 Jahren konnte man sich schwerlich vorstellen, welche Möglichkeiten der Plagiatserkennung es heute gibt. Und wer in 10 oder 20 Jahren Wirtschaftsführer oder Politiker oder sonst jemand sein wird/ sein will, der in der Öffentlichkeit steht, sollte es sich gut überlegen, inwieweit er sich auf das Abkupfern einlässt. Denn welche Möglichkiten es dann geben wird, ist heute nicht wirklich abzusehen. 
  • Plagiat ist kein Kavaliersdelikt.
    ... weder in der Wissenschaft noch im Journalismus noch sonst wo. Dazu habe ich mich hier schon einmal geäussert. 
  • Roller der Gutachter.
    Auch dazu habe ich mich bereits einmal geäussert.
    Im Bereich der Wissenschaft müssen sich die Betreuer von entsprechenden Arbeiten an die eigene Nase fassen, das zeigen auch wieder die aktuellen Fälle. Viele der bekannt gewordenen Plagiatsfälle mit der Folge der Titelaberkennung hätten gar nicht erst als Arbeit akzeptiert werden dürfen. Die - meist - mehreren Gutachter hätten die Plagiate im Rahmen der sorgfältigen Begutachtung entdecken müssen. Gründe dafür, dass es oft nicht geschieht, gibt es viele, und sie sind vielschichtig.

    Aber ein Grund sind auch die verfügbaren Ressourcen: So stehen mir z.B. als Referent einer Bachelorarbeit an der FHS St. Gallen max. 15 Stunden für Betreuung einschliesslich  Begutachtung zur Verfügung; als Korreferent sind es gar nur vier (!) Stunden...

Weitere Beiträge zum Thema Plagiat in diesem Blog.

Bildquelle: flickr.com/Will Lion (CC Lizenz)

17. Februar 2011

Plagiate - weder ein Kavaliersdelikt noch nur ein Problem der Wissenschaft

Etwas Gutes hat die Diskussion um den Plagiatsverdacht beim deutschen Minister zu Guttenberg schon jetzt, unabhängig vom Ausgang: Das Thema plagiieren und Plagiate ist plötzlich in der breiten Öffentlichkeit! Und das ist auch gut so! Denn es ist ein gesellschaftliches Thema! 
Auf wie vielen Websites finden sich beispielsweise Texte oder Bilder, die man irgendwo im Netz gefunden hat, ohne dass man sich um eine korrekte und faire Quellennennung bzw. Verlinkung kümmert?

Bisher haben es kaum Plagiatsfälle in die breite (Medien-) Öffentlichkeit geschafft. Und der breiten Öffentlichkeit war wohl bis vor ein paar Tagen die Begriffe Plagiat bzw. plagiieren kaum wirklich geläufig. 


In der Wirklichkeit der Hochschulen und der Wissenschaft beschäftigt uns dieses Thema schon lange wie z.B. auch die Tagung „Wissensklau, Unvermögen oder Paradigmenwechsel?“ im September 2009 in Chur gezeigt hat. (vgl. ausführliche Dokumentation in diesem Blog)

25. Februar 2011

Causa Guttenberg - es gibt nur Verlierer

Zum Wochenausklang habe ich mich entschlossen - auch wenn schon vieles von so vielen gesagt wurde - meine Gedanken - eben meine two cents -  zur Causa Guttenberg, die mir durch den Kopf gehen, subjektiv und als Nicht-Jurist, aber als jemand, der seit fast 20 Jahren im internationalen Wissenschaftsbetrieb tätig ist, aufzuschreiben.

Zwei Aspekte beschäftigen mich dabei: 1. Die politische (Un-) Kultur und 2. die Rolle der Gutachter bzw. der Uni Bayreuth.

In meinem Beitrag vom 17. Feb. hatte ich die leise Hoffnung, dass nun endlich eine sachliche Diskussion in der breiten Öffentlichkeit über Themen wie den Diebstahl geistigen Eigentums und dem Urheberrecht im digitalen Zeitalter stattfindet. Weit gefehlt (... wie insgeheim befürchtet).

6. September 2009

Eröffnung der Fachtagung 'Wissensklau, Unvermögen oder Paradigmenwechsel?' - 'Lernende Bibliothek 2009'

Die Fachtagung 'Wissensklau, Unvermögen oder Paradigmenwechsel?' - 'Lernende Bibliothek 2009' ist eröffnet!

Hier folgt eine Zusammenfassung des Eröffnungsabends:

Robert Barth, Schweizerisches Institut für Informationswissenschaft (SII), Program Chair der Tagung und Studienleiter des Bachelorstudiengangs Informationswissenschaft an der HTW Chur, begrüsst im Namen des Programmkommitees die Anwesenden auf deutsch und italienisch.

Anschliessend heisst
Regierungsrat Claudio Lardi, Vorsteher des Erziehungs-, Kultur- und Umweltschutzdepartements des Kantons Graubünden ('Kultusminister') die Gäste willkommen. 'Vom Spickzettel zum Plagiat' überschreibt er seinen Ausflug in die Zeiten des Spickens als Schüler und erinnert an die diversen Tricks der Schüler. Z.B. an den Schüler, der das Etikett einer Flasche gekonnt mit Formeln ersetzte. Lardi betont, dass die heutigen Möglichkeiten des Abschreibens weit weniger harmlos sind als zu seinen Zeiten als Schüler. Insbesondere weisst er auch auf die Notwendigkeit politischer Antworten auf das Problem des zunehmenden Plagiierens hin.

Es folgen die Grussworte der die Tagung tragenden Berufsverbände:

Gabi Schneider, Vorstandsmitglied Bibliothek Information Schweiz (BIS), und wissenschaftliche Projektleiterin am Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft (SII), betont, dass die Lernende Bibliothek als Think Tank des Bibliothekswesens dient und jeweils aktuelle Fragen aus der Szene diskutiert und behandelt. Sie weisst auf die fundamentalen, aber dennoch sehr jungen, Veränderungen durch die Digitalisierung für die Bibliotheken hin. Dabei sind die Bibliotheken ein wichtiger Partner - dies ist der zentrale Ansatzpunkt der aktuellen Tagung.

Gerlinde Schmiedhofer, Vorsitzende bibliotheks verband südtirol (BVS), weisst auf die Besonderheiten des Verbandes im dreichsprachigen Südtirol hin. Schmiedhofer betont die Zusammenarbeit mit den deutschsprachigen und den italienischen Verbänden, welche die Basis der Lernenden Bibliothek sind. Sie bietet an, die Tagung 2011 wieder in Bozen durchzuführen.

Johannes Andresen,
Il web dell'Associazione italiana biblioteche (AIB), begrüsst die Anwesenden in italienisch.

Harald Weigel, Präsident der Vereinigung österreichischer Bibliothekare (VÖB), spricht die 'Orige der Grussworte' an, die aber dennoch sinnvoll und notwendig seien. Er dankt vor allem dem lokalen Organisationskommittee in Chur für die Organisation der Tagung.

Jens Renner, Mitglied des Vorstands des Berufsverbands Information Bibliothek e.V. (BIB), vergleicht die fränkische Geschichte seiner Heimat mit der Graubündens - und schlägt mit dem Beispiel der Recherche für diesen Vergleich und der Unsicherheit, inwiewiet die genutzten Online-Quellen tatsächlich zuverlässig sind, den Bogen zum Tagungsthema.

Ulrich Hohoff, Vorsitzender des Vereins Deutscher Bibliothekare e.V. (VDB), erwähnt vor allem die Tradition der Lernenden Bibliothek und weisst auf die Wichtigkeit des fachlichen Austausches anlässlich der Tagung hin. Er erhofft sich von der Tagung Antworten auf die vielen offenen Fragen, die im Umgang mit wissenschaftlichen Quellen im digitalen Zeitalter entstanden sind und weiter entstehen. Er weisst auch auf die Pflicht der Lehrenden hin, Lernende entsprechend auszubilden und zu schulen - angesichts eines offensichtlichen Wissensdefizits z.B. bei Studierenden in Hinblick auf die rechtlichen Rahmenbedingungen.


Der wissenschaftliche Eröffnungsvortrag wird gehalten von
Gerhard Fröhlich, Institut für Philosophie und Wissenschaftstheorie, Johannes Kepler Universität Linz, und trägt den Titel "Plagiat als Massenphänomen? Gegenstrategien von Informationswissenschaft und Bibliothekswesen" (Abstract).



Ist das Plagiieren wirklich ein Massenphänomen? Fröhlich relativiert die in der Presse kursierenden Zahlen, die behaupten, dass bis zu einem Drittel der Wissenschaftler plagiieren. Er verneint zwar das Massenphänomen, weisst aber auf die grossen Gefahren hin.

Das klassische Textplagiat ist für Fröhlich eher harmlos. Viel gravierender sind aber z.B. Plagiate bei Forschungsanträgen aufgrund der Geheimhaltung in diesem Bereich. Der Klau von Ideen ist wesentlich schwerer zu identifizieren als z.B. einfache Textplagiate. Sonderfälle sind für ihn Bildplagiate und 'Auto-' Plagiate; letztere sind eigentlich keine Plagiate im Sinne des Wortes.

'Wozu die Aufregung?' fragt Fröhlich provozierend. Er betont die Wichtigkeit der Währung in der Wissenschaft - die Publikation - und thematisiert den drohenden Verfall des Wissenschaftsethos' durch Plagiieren in diesem Zusammenhang.

Im Zusammenhang mit dem aktuellen Skandal in Deutschland um 'gekaufte' Doktorarbeiten fordert Fröhlich, dass auch Suchmaschinen keine 'wissenschaftszersetzenden' Inserate - z.B. solche von Promotionsberatungsfirmen - mehr schalten dürfen.

Zur Anti-Plagiats-Software sagt er, dass sie eigentlich ziemlich dumm ('dümmlich') ist und es immer noch erhebliche intellektuelle Arbeit benötigt, um tatsächlich ein Plagiat zu erkennen. Er spricht von einer 'Aufrüstung' der Schreibunwilligen, indem es immer neue Mittel und Wege zur Erschleichung von wissenschaftlichen Arbeiten und Titel gibt. Er fordert, dass die Softwarelösungen z.b. linguistische Programme adaptieren, um Plagiate zuverlässig zu erkennen.

Was sind nun die Gegenstrategien?
Er fordert u.a. Wissenschafts- und Informationsethikkurse für Studierende - die allerdings ambivalente Effekte haben, da Studierende dadurch möglicherweise auf Fälschungsmöglichkeiten hingewiesen werden. In Linz wird konsequent auf diesen Weg der Betreuung und Schulung gesetzt sagt Fröhlich.

Darüber hinaus fordert er 'Informationskompezentsteigerung' anstatt eher formaler Einführungen und Trainings in Datenbanken und Suchmaschinen.

Eine konsequente Veröffentlichung aller Abschlussarbeiten ist ebenfalls nötig als Gegenstrategie einschliesslich einer konsequenten Open Access - Publikation dieser Arbeiten. 'Radikale Öffentlichkeit' als (fast) perfekte Gegenstrategie gegen Betrug jeglicher Art. Fröhlich fordert explizit die Gründung von Open Access - Journalen und - Servern.

Er verweist zum Schluss nochmals auf die Vorbildwirkung und Betreuung der Studierenden.

Fröhlichst statements werden sicher anlass zur Diskussion für den Verlauf der Tagung unhd insbesondere auch das abschliessende Panel geben!



Musikalisch umrahmt wird der Eröffnungsabend von Carlo Schöb, Tenorsax.



8. September 2009

Wissensklau, Unvermögen oder Paradigmenwechsel? - Block 4, 2. Teil: Die Verantwortung der wissenschaftlichen Bibliotheken

Der letzte inhaltliche Vortragsteil der Tagung 'Wissensklau, Unvermögen oder Paradigmenwechsel?' beschäftigt sich mit der Verantwortung der wissenschaftlichen Bibliotheken in diesem Kontext.

Zusammenfassung der Kurzvorträge:

Die Einbindung der Informationskompetenzvermittlung in Hochschulcurricula in der Schweiz. Eine Momentaufnahme
Nadja Boeller, HTW Chur, Schweizerisches Institut für Informationswissenschaft (abstract)
Nadja Boeller diskutiert zunächst die Informationskompetenz als Schlüsselqualifikation. Anschliessend berichtet sie über die durchgeführte Erhebung in der Deutschschweiz, die im Rahmen eines Seminars durchgeführt wurde.
Anhang der Big6Skills nach Eisenberg/Berkowitz wurden die Curricula der Universität Zürich analysiert. Mit Hilfe der ACRL Standards wurden verschiedene Fachhochschulen untersucht.
Die Pädagogische Hochschule Zentralschweiz wurde anhand der DYMIK Begriffe zusammen mit dem UNESCO KIT analysiert. Hier war der pädagogische Aspekt besonders wichtig.

Als Fazit stellt Boeller fest, dass das Thema Informationskompetenz weitgehend integriert wurde in die FH Curricula, oft aber nicht verpflichtend. Anschliessend gibt sie einen Ausblick auf weitere Untersuchungen, z.B. Vergleiche zwischen Hochschulen und mit dem Ausland. Eine Arbeit hierzu wird demnächst bei den Churer Schriften zur Informationswissenschaft publiziert.


«Zitat und Plagiat» – eine Veranstaltung zur Vermittlung von Informationskompetenz an der UB Stuttgart und ihre Integration in die Lehre an der Universität
Markus Malo, Universitätsbibliothek Stuttgart (abstract)
Der Autor berichtet über konkrete Erfahrungen zur Informationskompetenz-Vermittlung an der UB Stuttgart. Neben den Einführungskursen werden Kurse angeboten zu Literaturverwaltungsprogrammen, zu diversen Publikationsmöglichkeiten incl. Open Access sowie zum korrekten Umgang mit Quellen gemäss urheberrechtlichen Bestimmungen ('Zitat und Plagiat'). Bis auf die Einführungskurse sind alle Angebote fakultativ. Der Kurs 'Zitat und Plagiat' wird ausführlich vorgestellt.


Bibliothekarische Beiträge zu einem präventionsorientierten Umgang mit studentischem Plagiarismus an Hochschulen
Samuel Weibel, Hochschule der Künste Bern, Musikbibliothek (abstract)
Der Referent präsentiert die Plagiatsthematik aus Sicht der Hochschule der Künste Bern. Er betont u.a. vor allem die Schulung von Dozierenden u.a. zur Sensibilisierung zum Thema Plagiate. Er versteht Bibliotheken als "Plagiarism Advisory Services".


Nach der Mittagspause folgen vier weitere Kurzvorträge mit verschiedenen konkrten Lösungsansätzen:

Was Informationskompetenz mit wissenschaftlichem Arbeiten zu tun hat und wie Universitäts- und Hochschulbibliotheken ihre Aufgabe als Informationsvermittler wahrnehmen: der kooperative Ansatz im Bibliotheksverbund Bayern
Fabian Franke, Universitätsbibliothek Bamberg (abstract)
Der kooperative Ansatz des Bibliotheksverbundes Bayern ('kollegiale Beratung') steht bei Frank im Zentrum seines Beitrages. Der Verbund betreibt die Plattform www.informationskompetenz.de, u.a. mit einer Materialiendatenbank mit über 1000 Materialien und weiteren Informationen. Darüber hinaus betreibt der Verbund gemeinsame e-learning Angebote.

Zu Beginn fragt er nach der Legitimation der Bibliothekare in Zukunft in Anspielung u.a. auf die umstrittenen Thesen von Reuss oder auch einiger provokanter Formulierungen im call for papers zur Lernenden Bibliothek 2009.


Die Universitätsbibliothek Regensburg als wissenschaftliche Universalbibliothek im Spannungsfeld von Wissenschaftsdiskurs und Informationskompetenz
Naoka Werr, Universitätsbibliothek Regensburg (abstract)
Seit dem Sommer 2006 gibt es an der Uni Regensburg einen Studieneinheit 'Informationskompetenz', die z.B. als Nebenfach auf Bachelor- und Masterstufe gewählt werden kann. Die Studienenheit wird kooperativ von der Bibliothek und dem Lehrstuhl für Informationswissenschaft betreut und ist so in die Forschung eingebunden. Zum Abschluss stellt sie die Frage 'Plagiieren sie noch oder sind sie schon informationskompetent?'. Damit soll u.a. auch der Mehrwert die Studieneinheit aufgezeigt werden.


Auch geistiges Eigentum ist als Eigentum geschützt. Ein Praxisbericht von der Universitätsbibliothek der TU Chemnitz
Bernd Juraschko, Technische Universität Chemnitz, Universitätsbibliothek (abstract)
Der Jurist fokussiert auf rechtlichen Aspekte und zeigt auf, wie diese in Informationskompetenzkurse an der TU Chemnitz (Beispiel IK Online) integriert werden.
Dann erläutert er den Kurs 'Recht des Geistigen Eigentums für Naturwissenschaftler' (pdf). Schwerpunkt ist hier u.a. das Patentrecht (Patentinformationszentrum).


Wissenschaftliches Arbeiten im Wandel aus der Sicht von Online-Repositorien
Christian Fuhrer, Hauptbibliothek Universität Zürich (abstract)
Der Autor berichtet über Open Access an der Uni Zürich und das zürcher Online Repository ZORA. Seit 2008 werden ALLE Publikationen in ZORA erfasst. Dann thematisiert er den Zusammenhang OA, Repositories und Plagiarismus. Er weisst vor allem auf die bestehenden Nutzungsbedingungen und Leitlinien hin. Abschliessend zeigt er beispielhaft die Plagiatsprüfung einer naturwissenschaftlichen Sammel-Dissertation. Fuhrer schliesst mit dem Fazit: "Repositorien erhöhen die Transparenz wissenschaftlicher Publikationen".

Damit bestätigt er die Forderung nach 'radikaler Öffentlichkeit' von Fröhlich, die er im Eröffnungsvortrag aufgestellt hat.

28. März 2009

Plagiate - traurige Wirklichkeit


... so lautet der Titel unserer Tagung in der Konferenzreihe Lernende Bibliothek im September 2009 in Chur.

Über Plagiate in der Wissenschaft liest man (leider) immer wieder, das Thema beschäftigt zunehmend Lehrende, Forschende, Studierende, Rektorate, Prüfungsämter, Wissenschaftsorganisationen, u.a.


  • Was ist eigentlich das Problem?
  • Wer trägt die Verantwortung?
  • Wie kann man das Problem behandeln?
  • Und welche Rolle spielen Bibliotheken?

Das sind die Fragestellungen der Konferenz Lernenden Bibliothek 2009 im September 2009 in Chur.


Dass Plagiate (fast) alltäglich sind, musste ich selbst kürzlich erleben. Was ist geschehen?


Ein Autorenpaar hat ein Paper zu einer internationalen, wissenschaftlichen Konferenz im Jahr 2009 eingereicht. Im Rahmen des Peer-Review-Verfahrens fiel es einem Reviewer auf, dass das Paper einem ihm bekannten Paper doch sehr ähnlich war. Er schrieb an den zuständigen Conference Chair:

"I had a look at this paper you sent me to review for Bled and it struck me as very familiar. I want to flag this paper with you as a case of (self)plagiarism or at least as a case of VERY incremental research. "
Nach einigen Recherchen wurde klar: Das gleiche Autorenpaar hatte ähnliche Paper bereits 2008 in einem Journal veröffentlicht und 2006 und 2007 je auf einer internationalen, wissenschaftlichen Konferenz publiziert. Die aktuelle Einreichung entpuppte sich nach einer genaueren Analyse in weiten Teilen als eine Kopie des 2008 veröffentlichten Journal Papers. Hatten die Autoren bei den vorherigen Versionen noch den Titel wesentlich anders formuliert, so haben sie sich für die aktuelle Einreichung hier fast keine Mühe mehr gegeben und den Titel nur marginal verändert, dazu weite Textpassagen wörtlich übernommen.

Nach kurzer Beratung der verantwortlichen Conference Chairs, zu denen ich gehöre, war klar: Ein eindeutiger Fall von Self Plagirarism.
Im Zweifel könnte man noch vermuten, dass die Autoren noch unerfahren sind und tatsächlich der Meinung waren, das nur leichteste Veränderungen einer veröffentlichten Version eine weitere Einreichung rechtfertigen würde. In diesem Fall hätten die Autoren aber sicherlich auf ihre vorherigen Arbeiten verwiesen, dies ist im vorliegenden Fall in keinem der vier Papers der Fall. Dazu kommt, dass beide Autoren erfahrene Wissenschaftler sind, einer ist bereits in Pension, einer von beiden war sogar viele Jahre als Dekan tätig - jugendliche Unerfahrenhit und der Druck des 'Publish or Perisch' scheidet demnach ebenfalls aus. Daraus lässt sich schliessen, dass das Selbstplagiat mit voller Absicht eingereicht wurde.

Warum tun die Autoren dies? Es ist kaum wirklich nachvollziehbar! Ist es Naivität, Eitelkeit? Oder eher einfach Dummheit?

Und die konkrete Konsequenz? In diesem Fall wurde entschieden das Paper abzulehnen mit dem deutlichen Hinweis an die beiden Autoren auf die grosse Ähnlichkeit zu drei weiteren Papieren dieser beiden Autoren. Die Namen sind nur wenigen mit dem Peer-Review-Verfahren befassten Personen bekannt.

Ist das die richtige Reaktion? Oder hätte man ein Exempel statuieren sollen und die Autoren blossstellen? Eine schwierige Entscheidung ...



Im Wissen, dass Plagiate (leider) vorkommen, setzen heute wissenschaftliche Zeitschriften und Konferenzen zum Teil bereits auf die flächendeckende Überprüfung eingereichter Beiträge auf Plagiat. Entsprechende Review Syteme verfügen über entsprechende Funktionen. Ist das in Ordnung, dass man alle Autoren unter Generalverdacht stellt? Basiert das Peer Review nicht vor allem auch auf Vertrauen?
Oder war das Gestern?

Plagiate sind nicht ein Phänomen des Internet, aber ganz sicher erleichtert es die verschiedenen Formen des Plagiierens. Allerdings hilft das Internet auch dabei, Plagiate aufzuspüren, wie auch in diesem konkreten Fall.

Weitere Informationen zum Thema findet man z.B. im Portal Plagiat.

13. Januar 2009

"Wer lehrt die Kinder googeln?"

Die Notwendigkeit der Informations- und Medienkompetenz haben wir hier schon Mal thematisiert. Es geht um das rasante Wachstum des Internet, um das Internet als Leitmedium und um die veränderte Mediennutzung.
In den aktuellen Diskussionen zur Bewältigung der Wirtschaftskrise werden auch Programme zum Ausbau der Telekommunikationsinfrastrukturen aufgelegt, in den USA wie in Europa. Das ist grundsätzlich absolut begrüssenswert, denn Informations- und Telekommunikationsionfrastrukturen sind in rohstoffarmen Wirtschaften wie der Schweiz oder Deutschalnd essentiell für die zukünftige Entwicklung.
Aber diese Infrastrukturen sind notwendig, aber längst nicht hinreichend! Die Datenautobahn allein reicht nicht, auch nicht viele wunderbare und weniger wunderbare Anwendungen.

Die Problematik einer mangelnden Informations- und Medienkompetenz von Schlülern zeigt der Autor Wolfram Kinzig in seinem F.A.Z. Artikel vom 7. Januar 2009 "
Wer lehrt die Kinder googeln?". Der sehr persönlich geschriebene Artikel zeigt plastisch, woran es heute mangelt. Schüler sind kaum in der Lage, das Internet und seine Anwendungen wie Suchmaschinen oder Wikipedia vernünftig zu nutzen. Offensichtlich - dass ist meine Interpretation - hat man es ihnen auch nicht beigebracht, möglicherweise mangels entsprechend geschulter Lehrkräfte, um es vorsichtig zu formulieren. Aber darüber hinaus fehlt es heute ganz offensichtlich auch um das Wissen und das Bewusstsein im Umgang mit Informationen. 'Im Internet ist doch alles frei verfügbar' scheint die Devise zu sein. Beim wissenschaftlichen Arbeiten im Kontext des Internet und neuer Medien scheinen manchmal alle bisher geltenden Regeln vergessen zu sein. Der Autor leitet aus seinen persönlichen Beobachtungen drei Forderungen ab:
  1. "Es bedarf, erstens, dringend einer Unterrichtseinheit, die den Umgang mit den großen Webportalen, vor allem Suchmaschinen und Internet-Enzyklopädien, behandelt und Fragen thematisiert wie: Woran erkenne ich Websites mit verlässlichen Informationen? Wie unterscheide ich Sinnvolles von Unnützem? Wie und was darf ich zitieren? Was ist geistiges Eigentum? Wann beginnt das Plagiat?"

  2. "Zweitens bräuchten die Schulen Zugang zu den Netzen der großen Universitätsbibliotheken, um es fortgeschrittenen Schülern zu ermöglichen, auf professionelle Datenbanken zurückzugreifen, damit sie nicht der informationellen Unübersichtlichkeit des Internets ausgeliefert sind."

  3. "... müsste es, drittens, zum Unterrichtsstandard gehören, dass bei der Ausgabe von Referaten Listen mit gedruckter Sekundärliteratur und mit geeigneten und geprüften Websites ausgegeben werden."
Dem kann ich mir nur anschliessen!

Die Fachkonferenz '
Lernende Bibliothek 2009' (6.-8. Sept. 2009 in Chur) hat sich dieser Themenstellung angenommen: "Wissensklau, Unvermögen oder Paradigmenwechsel? - Aktuelle Herausforderungen für die Bibliothek und ihre Partner im Prozess des wissenschaftlichen Arbeitens" . Die Konferenz fragt daher nach

  1. einer genauen Beschreibung des Problems,
  2. nach den Verantwortlichen für die Situation,
  3. nach Lösungsansätzen zur Lösung des Problems und
  4. konkrett nach der Rolle der Bibliothek.



Bildquelle und
©: joujou/ PIXELIO

8. September 2009

Lessons learned: Umgang mit Plagiaten – wie weiter? Abschlusspanel der Tagung 'Wissensklau, Unvermögen oder Paradigmenwechsel?'

Unter dem Titel 'Lessons learned: Umgang mit Plagiaten –wie weiter?' findet die abschliessende Paneldiskussion der Tagung 'Wissensklau, Unvermögen oder Paradigmenwechsel?' statt.

Teilnehmer sind
Gerhard Fröhlich, Johannes Andresen, Jens Renner, Urs Dahinden, moderiert wird die Diskussionsrunde von Ulrich Hohoff.

Der Versuch einer Zusammenfassung:


Hohoff eröffnet das Panel mit dem Wunsch: „Es wäre doch schön, wenn unsere Studierenden nicht mehr plagiieren würden“. Da die Realität dem aber kaum entspricht, soll das Panel die Tagung reflektieren und die kommenden Entwicklungen diskutieren.

Fröhlich empfiehlt: „Man muss den Studierenden die Lust am Schreiben beibringen“, um sie am plagiieren zu hindern, mit all dem zugehörigen Stress, Hochs und Tiefs. Die Lust am Schreiben – als Handwerk – muss gefördert werden.

Fröhlich gibt auch Tipps zur Frage: ‚Wie schützt man sich vor Plagiaten?‘

„Finden sie gelungene Metaphern“
„Seien sie frech und kritisch“ – dann wagen es andere nicht abzuschreiben, sondern zitieren korrekt
Aus Sicht von Renner ist eine gelernte Lektion von der Tagung, „dass das Thema da und gesetzt ist“ – das zeigt allein das grosse Interesse an der Tagung. Er sieht den Einsatz der Plagiatserkennungssoftware auch als Legitimation für Bibliotheken.
Als langfristige Frage beschäftigt ihn: Wie entwickelt sich das Verständnis von Plagiat zukünftig? Entwickeln wir uns zu sehr weg von der Lebenswirklichkeit z.B. der Studierenden mit einem verstaubten Verständnis?

Trotz der Tagung fragt Dahinden nochmals nach: Was ist denn eigentlich das Problem? Gefehlt hat ihm der grössere Rahmen, z.B. im Kontext von Qualitätsverbesserungsmassnahmen, bei denen Informationskompetenz ein Element ist. Gefehlt hat auch die Thematisierung der konkreten Messung, der Erfolgskontrolle der vielfältigen Massnahmen. Hier ist empirische Forschung notwendig.

Andresen nennt drei Stichworte als Fazit:

Verantwortung: Die Bibliotheken haben ihre Verantwortung klar erkannt.
Vernetzung: Nur in der Zusammenschau der verschiedenen Bibliotheken (Schul-, allgemein öffentliche-, wissenschaftliche-) kann eine langfristige Prävention erreicht werden.
Lust auf Informationskompetenz-Veranstaltungen: Sind Bibliothekare fit genug, Informationskompetenz zu vermitteln? Er stellt selbstkritisch fest, dass Bibliothekare hier unzureichend ausgebildet sind und didaktisch-pädagogische Grundlagen fehlen.
Hohoff greift eine andere Erkenntnis der Tagung auf: Zentrales Ziel muss sein Bewusstsein zu schaffen bei Lehrern und Dozenten zusammen mit den Bibliotheken. Und er fragt: Aber sind wir – aus Sicht der Bibliotheken - dazu bereit?

„Wir wachsen mit den Aufgaben“ antwortet Fröhlich. Er empfiehlt die informellen Wege zu nutzen, „man muss es einfach tun und auf die Vorbildwirkung hoffen, nicht immer auf die grüne Ampel warten.“ Mit diesem Vorgehen hat er selbst bisher guten Erfolg gehabt.


„Tendenziell kann man schon durch offenen Türen schreiten“, die Sensibilität ist vorhanden nach Urs Dahindens Einschätzung vorhanden entgegnet er der eher kritischen Sicht von Fröhlich.


Als nächstes Thema spricht Hohoff die Plagiatserkennungssoftware an: Soll man auf sie setzen, oder worauf sonst?


Fröhlich empfiehlt einen Methodenmix. Plagiatserkennungssoftware allein ist eher problematisch für ihn, er traut sich zu, jeden Wettbewerb zur Plagiatefindung gegen Plagiatserkennungssoftware zu gewinnen.

Ein gezieltes Story Telling von spektakulären Plagiatsfällen empfiehlt Renner, man muss den Studierenden Beispiele geben, die dann durchaus abschreckend wirken.

Zur Erleichterung der Arbeit wünscht sich Dahinden eine Plagiatserkennungssoftware, aber für ihn ist auch klar, dass es immer auch einer intellektuellen Prüfung bedarf.


Ist die stärkere Verbindung von Schulen und Hochschulen ein Ansatz? Fragt Hohoff dann.


In Südtirol findet eine Abstimmung bereits statt sagt Andresen. Eine zentrale Fachstelle wirkt hier unterstützend. Die Schüler werden besser vorbereitet auf die Hochschulen geschickt.

Fröhlich hält dies für absolut notwendig, „ansonsten werden wir nie den Kampf gegen Plagiarismus gewinnen.“ Aber auch bei Lehrern muss noch eine Bewusstseinsbildung stattfinden stellt er fest.


Zum Ende fragt Hohoff noch nach der zukünftigen Einschätzung des Themas Plagiarismus. Wir die Diskussion durch die allgemeinen Entwicklungen obsolet?


Fröhlich nennt Grossforschungseinrichtungen der Hochenergiephysik wie das CERN, die bisher Vorreiter, z.B. bei der Entwicklung des Web oder von Online Repositories; waren, bei denen heute bereits weitgehend auf eine Einzelautorenschaft verzichtet und kollektive Autorenschaften genutzt werden. Die Einzelautorenschaften werden aussterben prophezeit Fröhlich.



Hohoff schliesst die Tagung im Namen aller Veranstalter mit den Worten „Die HTW Chur hat sich selbst bei der Organisation übertroffen“. Danke – im Namen der Organisatoren.



Hier gibt's alle Beiträge in diesem Blog zur Lernenden Bibliothek 2009.

Und hier die Tweets zur "Lernenden Bibliothek 2009" - #lb09

Zu guter letzt: Photogalerie (Quelle: HTW Chur)

21. Juli 2011

Ignoranz und fehlende Sensibilität beim fairen Umgang mit Quellen an einem bayerischen Gymnasium

Das Thema Plagiate ist spätestens seit der Affäre um den Doktortitel des Herrn zu Guttenberg einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Und dass dies kein Einzelfall war, zeigen die jüngsten Fälle aberkannter Doktortitel unter deutschen Politikern und Prominenten.

Aber das Abkupfern fremder Inhalte ist weder ein Kavaliersdelikt noch allein ein Problem der Wissenschaft. In einem Beitrag schrieb ich dazu:
"Der richtige und vor allem faire Umgang mit Quellen insbesondere im digitalen Zeitalter ist Teil der Medienkompetenz – und hier hapert es immer noch gewaltig. Gerade die – vermeintliche – Gratiskultur des Netzes trägt hier zu einem eher lässigen Umgang mit Arbeiten anderer bei – bei Schülern, Studierenden, Wissenschaftlern, Autoren, Journalisten, Bloggern, etc. Erst schnell gegoogelt, dannCtrl C – Ctrl V – innerhalb weniger Augenblick ist heute kopiert. Und dieses Verhalten wird – sicher unbewusst – von vielen Seiten geduldet - und gar gefördert. "

In diesem Kontext entstand dieser Beitrag. Lange habe ich überlegt, ob ich diesen Beitrag veröffentlichen soll, nun habe ich mich dazu entschieden. Der Beitrag zeigt eine besondere Mischung aus fehlender Sensibilität, Verweigerungshaltung und Ignoranz auf. Aber der Reihe nach.

7. September 2009

Wissensklau, Unvermögen oder Paradigmenwechsel? - Block 1: Was ist das Problem?

Zu Beginn des ersten Tages begrüsst Rektor Jürg Kessler die Teilnehmer. Er wünscht den Teilnehmern, dass sie "Lösungen finden für ein unangenehmes Problem". An einem Beispiel aus dem Kloster Disentis macht er darauf aufmerksam, dass die Themen Plagiat, Ideenklau oder Inspiration schon immer ein Thema waren - und sein werden.


Die ersten Vorträge am Montagmorgen thematisieren zunächst die Frage "Was ist das Problem?" Die Links zu den abstracts sind jeweils angegeben.

Vom Fehlverhalten zum Plagiator – fördert das Internet den Wissensklau?
Roland Greubel, Hochschule für angewandte Wissenschaften, Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt, Bibliothek (abstract)

In seinem Einführungsvortrag erläutert Greubel zunächst den Begriff und die Formen des Plagiats. Er stellt fest, dass auch die Biblithekare zum Plagiieren beitragen, indem sie Texte elektronisch verfügbar machen. Aber Schuld ist das Internet nicht am Plagiieren, der Schuldige sitzt vor dem Bildschirm - so Greubel. Er geht von einem Anteil von 30-50% plagiierter Arbeiten aus. Ursachen dafür sind vor allem ein fehlendes Unrechtsbewusstsein, aber auch eine entsprechende Prägung im Kindes- und Jugendalter; hier weisst er auf die Generation der Digital Natives hin. Im Zusammenhang mit kollektiven Autorenschaften, z.B. in Wikis, bei denen Einzelautoren kaum mehr explizit sicjhtbar werden, stellt Greubel einen Paradigmenwechsel fest. Ein Beispiel aus der Praxis einer Hochschule zeigt, dass Kompetenzgerangel eine konsewunte Plagiatserkennung verhindern kann. Zur Vorbeugung fordert er neben organisatorischen und rechtlichen Rahmenbedingungen seitens der Hochschulen vor allem auch die Information und Schulung der Studierenden - dies als wichtige Aufgabe der Bibliotheken.

Die kurze Diskussion zeigt durchaus grosse Unsicherheiten im Umgang mit Plagiaten und die Ambivalenz von Literaturverwaltungssystemen.


Irrwege und Abwege wissenschaftlichen Publizierens
Heinz Hauffe, ehem. Universitätsbibliothek Innsbruck (abstract)

Hauffe beschäftigt sich in seinem Vortrag mit der Frage danach, was Wissenschaft und wissenschaftliches Publizieren und eine entsprechende Qualitätskontrolle eigentlich ist. Er äussert sich sehr kritisch über die Impact-Faktoren zur Qualitätsmessung z.B. von Journals. Zur Illustration bemüht Hauffe bekannte und weniger bekannte Fälle aus Gegenwart und Vergangenheit, von Galileo bis Putin.


Andere Disziplinen, andere Sitten: Fälschung, Kopieund Aneignung in der Kunst
Susanne Schreiber, Handelsblatt, Düsseldorf (abstract)

Einen Blick aus dem Bereich der Kunst auf das Thema Wissensklau thematisiertr Susanne Schreiber. Im Mittelalter war die Verwendung existierender Grafiken anderer Künstler kein Vergehen, sondern Ausdruck von Modernität einer Malerwerkstatt. "Die Kopie dient der Verbreitung einer bereits im Umlauf befindlichen Bild-Erfindung". Aber auch in der Gegenwart dient die Kopie der Verbreitung von Kunst. Als Beispiel dient die Künstlerin Elaine Sturtevant, die u.a. Andy Warhol und andere kopiert - mit deren Einverständnis. Man spricht hier von Appropriation Art. (vgl. z.B. 'Freundliche Übernahme', DIE ZEIT 42/2004) (Sturtevant Bilder bei Google)

Schreibers Resumée: "In der Kunst werden Kopien zu Originalen". Und: "Das strategische Faken ist ein Insinderspiel mit Wissen des Betrachters".


Ein wirklich spannender Perspektivenwechsel!

Zusammenfassend zeigt der erste Vortragsblock sehr deutlich, wie vielschichtig und komplex das Thema Wissensklau sich darstellt.

9. September 2009

Ein persönliches Fazit zur Lernenden Bibliothek 2009

Die Lernende Bibliothek 2009 ist vorbei, und es ist Zeit für ein ganz persönliches Feedback.

Was nehme ich mit?

Zunächst einmal, dass es äusserst aufwändig ist eine solche Tagung zu organisieren. Aber wenn alles so perfekt funktioniert wie in den letzten drei Tagen, dann lohnt der Aufwand sicher! Das gesamte Team des
Schweizerischen Instituts für Informationswissenschaft hat dazu beigetragen, herzlichen Dank an alle Kolleginnen und Kollegen!

Was noch?

Nun, in einer Art Selbstversuch habe ich während der gesamten Tagung quasi
live gebloggt und getwittert; auch das ist anstrengend, verlangt Konzentration und natürlich Präsenz.

Und noch etwas?

Da sind dann noch die inhaltlichen
take aways und lessons learned. Vorträge, Diskussionen und Gespräche lassen einen Neues erfahren und stossen zum Nachdenken an.

Klar geworden ist, dass das Thema Plagiarismus von niemanden verneint oder verniedlicht wird – aber das lag wohl auch daran, dass sicher nur diejenigen zur Tagung kamen, die diese Sichtweise teilen.


Wie gross das Problem Plagiarismus ist, wurde meist nur am Rande diskutiert; viele sagten, dass die Zahl von ein Drittel plagiierter Arbeiten wohl eher zu hoch sei, aber verlässliche Zahlen gab es nicht – letztendlich ist das auch egal solange alle die Ernsthaftigkeit nicht in Frage stellen.


Auch über den Weg der Bekämpfung bzw. Vermeidung (Prävention) von Plagiarismus war man sich im Grundsatz einig: Information, Aufklärung, Abschreckung einerseits, konkrete Plagiatsprüfung andererseits. Aber wie? Das ist die Frage, auf die es viele Antworten gab, aber kaum ein umfassendes Gesamtkonzept. Ich stimme Urs Dahinden zu, der im Schlusspanel sagte er habe den grösseren Rahmen vermisst.

Zwar sprechen viele sehr engagiert von Bewusstseinsveränderungen und Sensibilisierung, die nötig sind, aber wie macht man das, vor allem wie macht man das nachhaltig? Und wenn es Aktivitäten gibt, die im Einzelfall alle löblich und bis weilen sehr beeindruckend sind, was nutzen sie konkret? Wie viel Plagiate hat ein Informationskompetenzkurs der Bibliothek X an der Hochschule Y, der seit z Jahren durchgeführt wird, verhindert? Bei wie vielen Studierenden – und auch Dozierenden - wurde die Einstellung zum Plagiarismus wirklich verändert? Hier ist noch viel Arbeit nötig!


Gewünscht hätte ich mir noch mehr Teilnehmer von ausserhalb des Bibliothekswesens; mehr Dozierende zum Beispiel, mehr Forschende, vielleicht sogar Studierende oder Schüler, mehr Fachfremde, die vielleicht noch mehr unbequeme Fragen gestellt oder eine alternative Sichtweise aufgezeigt hätten.


Mehrfach wurde angesprochen, dass verschiedene Schulstufen und die unterschiedlichen Typen von Bibliotheken besser zusammenarbeiten müssen. Absolut richtig! Wenn die Hochschule nicht weiss was die Mittelschule ausbildet und die Mittelschule die Erwartungen der Hochschule nicht kennt, dann wir der erhoffte Erfolg z.B. bzgl. Bewusstseinsveränderung und Sensibilisierung noch schwieriger. Dass entsprechende Massnahmen zur Prävention von Plagiarismus nicht erst in der Mittelschule, sondern besser schon in der Primarschule greifen müssen, scheint naheliegend. Vielleicht sind Aktivitäten wie
respect ©opyright! wegweisend.

Am Rande gab es Gespräche, die sich um die folgende Klausel drehten, die jeder Studierende mehrmals in seinem Studium unterschreibt:

„Ich erkläre hiermit, dass ich die vorliegende Arbeit selbständig, ohne Mithilfe Dritter und nur unter Benutzung der angegebenen Quellen verfasst habe.“
Wir wissen alle irgendwie was gemeint ist, aber ist die Formulierung wirklich korrekt, präzise, zeitgemäss? ‚Ohne Mithilfe Dritter‘, ist das überhaupt realistisch? Was ist mir dem Input des Betreuers? Was ist mit den Diskussionen mit Kommilitonen? Was ist mit den Umformulierungen des Korrekturlesers? etc. pp.
Ähnliches gilt übrigens für wissenschaftliche Journals: Reviewer geben oft äusserst umfangreiche und detaillierte Hinweise für eine Überarbeitung – aber schon aufgrund des Reviewverfahrens – sofern es blind ist – hat der Autor nie die Möglichkeit, dem reviewer für den Input zu danken, ihn zu erwähnen, oder ähnliches. Wenn also ein Plagiat

„die Vorlage fremden geistigen Eigentums […] als eigenes oder Teil eines eigenen Werkes“
ist, wie verhält es sich dann mit den o.g. Beispielen?

Die erste Hauptfrage der Tagung war „
Was ist das Problem?“ Vordergründig scheint es der Plagiarismus zu sein, aber mit Distanz betrachtet geht es doch viel mehr um unsere grundsätzliche Haltung gegenüber ‚geistigem Eigentum‘ und den Unterschied in den Einstellungen im Umgang damit zwischen der Generation, Stichwort Digital Natives. Tenor der Tagung war implizit, dass die traditionellen Vorstellungen von geistigem Eigentum etc. nach wie vor die Messlatte sind, auch bei den Digital Natives. Ist dass das richtige Vorgehen? Ist es zeitgemäss? Ich habe auch keine abschliessende Antwort.

Es war eine tolle Tagung, die mir persönlich viele Anstösse gegeben hat, an der ich einiges gelernt habe, wie üblich mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet wurden und die sicher allen lange sehr positiv in Erinnerung bleiben wird!


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