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30. September 2020

Wie traditionelle Detailhändler in St. Gallen dem Strukturwandel begegnen

Momentaufnahme April 2017:
Leerstände in der stagller Innenstadt
Das sogenannte 'Lädelisterben' in St. Gallen und anderswo gibt seit langem zu reden. Nach und nach schliessen alteingessessene Einzelhändler, geben auf. 

Zuletzt hat in St. Gallen das Spielwarengeschäft Zollibolli für sehr emotionale Reaktionen gesorgt, nachdem angekündigt wurde, das Ladenlokal in der stagller Fussgängerzone auf Ende September zu schliessen. Die Geschichte dieses Spielwarengeschäfts geht bis ins Jahr 1856 zurück und gehört heute zur Amsler Spielwaren AG. 

Für die einen sind die vermeintlich fehlenden Parkplätze am Lädelisterben schuld, für die anderen das Internet und die Amazons dieser Welt, und Corona sowieso, kaum jemand sieht das Verhalten von uns Konsumenten als Auslöser von Schliessungen im Einzelhandel. 

Ich kenne die stgaller Innenstadt seit nun fast 30 Jahren. In dieser Zeit hat sich viel verändert, gerade in den vergangenen Jahren, die Leerstände sind nicht zu übersehen. Einige der wenigen Konstanten ist, bzw. war, das Ladenlokal von Zollibolli, an Veränderungen kann ich persönlich mich hier jedenfalls nicht erinnern. 

Für die Nostalkiger mag das positiv sein, aus nüchterner, betriebswirtschaftlicher Sicht muss man ehrlich gesagt den Kopfschütteln. Warum? Das Stammgeschäft ist faktisch unverändert seit ich es kenne, seit nun bald 30 Jahren. In wenigen Minuten Gehdistanz entfernt wurde 2017 im Einkaufszentrum Neumarkt eine weitere Filiale eröffnet, dazu ein Jahr später die Filiale in der Shopping Arena am Rand der Stadt. Kaufen die Stgaller so viel mehr Spielwaren, so dass sich drei Standorte rentieren? Und dies auch in Abetracht der zahlreichen Onlineangebote? Ja, einen Onlineshop hat Zollibolli seit 2014 auch - man möge sich selbst einen Eindruck verschaffen. 

Auch im Buchhandel spürt man mehr als deutlich das veränderte Kaufverhalten. So hat die ebenfalls traditionsreiche stgaller Buchhandlung Rösslitor, die inzwischen zu Orell Füssli gehört, in den vergangenen Jahren mehrmals den Standort innerhalb der Innenstadt gewechselt und dabei die Verkaufsfläche stetig verkleinert. Vor dem letzten Umzug 2018 wurde in der Filiale am Bärenplatz ein Cafe eröffnet und zeitweise ein Teil der Verkaufsfläche an ein Mobilfunkanbieter vermietet. Die Filiale gleich neben der HSG auf dem Rosenberg ist schon lange geschlossen. Als Teil von Orell Füssli verfügt das Rösslitor auch über einen zeitgemässen Onlineshop. Darüber hinaus finden heute auch zahlreiche Veranstaltungen im Ladenlokal statt, die ein potentielles Kaufpublikum ansprechen, ganz im Sinn von 'der Laden als Bühne'. 

Neben Spielwaren und Büchern haben es auch Papeterie- und Büroartikel in einer zunehmend digitalen Welt schwer. Dass man Strukturwandel und die Digitalisierung auch anders und vor allem proaktiv meistern kann, zeigt die Papeterie Zum Schiff in St. Gallen. Darüber wurde kürzlich im Tagblatt berichtet. Auch das Schiff hat eine lange Tradition, die bis 1845 zurückgeht. Das Geschäft ist heute noch am Ort wo es in den letzten Jahrzehenten immer war - aber durchaus verändert! 

Schreibwaren gibt es zwar immer noch beim Schiff, aber daneben im Erdgeschoss die 2014 eröffnete Schiffschuchi, ein Bistro mit Take Away inkl. Onlineshop. 

Und auch das Onliengeschäft hat man durchaus frühzeitig erkannt: 

Der Laden selbst wurde mehrfach in den letzten Jahren neu organisiert, wie der Chronik zu entnehmen ist. 

Zollibolli, Rösslitor und Zum Schiff, drei stagller Traditionsunternehmen im Einzelhandel mit Ladenlokalen an bester Lage in der stgaller Innenstadt, die drei unterschiedliche Wege gewählt haben, durch den stattfindendenden Strukturwandel zu navigieren. 

16. Juli 2018

Das Lädelisterben und die simplen Schuldzuweisungen

Momentaufnahme April 2017:
Leerstände in der stagller Innenstadt
Der stgaller Detailhandel steht vor grossen Herausforderungen, das Thema Lädelisterben ist in aller Munde, und das gilt auch für den Detailhandel anderswo, in der Schweiz und darüber hinaus.
Die schlechten Nachrichten dazu reissen kaum ab, ob Musik Hug, aktuell gleich zwei Schuhläden oder der Finnshop in St. Gallen, die OVS Pleite, ein Einkaufszentrum in Arbon, oder gar die Mall of Switzerland, die erst im November 2017 eröffnet wurde.


Betriebsformen des Handels
Nüchtern betrachtet handelt es sich um einen fortwährenden Strukturwandel im Detailhandel, den es schon immer gab.
Betriebsformen im Handel unterlagen schon immer einer gewissen Dynamik, neue Formate haben bestehende in Bedrängnis gebracht, so haben Supermärkte, Kaufhäuser, Discounter, Fachmärkte oder Drogeriemärkte traditionelle Detailhändler immer wieder in Bedrängnis und gar zum Verschwinden gebracht.

Neu an der gegenwärtigen Entwicklung ist, dass nicht nur ein Flächenformat ein anderes Flächeformat verdrängt, sondern dass vor allem der Onlinehandel traditionelle Handelsformate bedrängt. Deswegen wird der Sturkturwandel durch Leerstände deutlich sichtbar, sichtbarer als früher.

Im Zentrum des Strukturwandels standen und stehen veränderte Kundenbedürfnisse und ein entsprechend angepasstes Kundenverhalten. Das geht bei den vorschnellen und überaus einseitigen Schuldzuweisungen für das Lädelisterben gern vergessen.

Für die einen ist vor allem eine vermeintlich links-grüne Verkehrspolitik schuld:
"Im laufenden Abstimmungskampf um die Mobilitäts-Initiative sind sie ein gewichtiges Thema: die Parkplätze. Für die bürgerlichen Befürworter des Volksbegehrens ist und bleibt ihr Verschwinden aus dem Stadtzentrum eine gewichtige Ursache für das Phänomen, das allgemein als «Lädelisterben» bezeichnet wird." (Tagblatt, 20.2.2018)
Ein Blick auf die verfügbaren freine Parkplätze in der stagller Innenstadt widerlegen dies eindeutig. Und wenn es vermeintlich tatsächlich an den Parkplätzen bzw. der Verkehrspolitik liegt, wie ist es dann zu erklären, das Shoppingcenter mit eigenen Parkhäusern in der Schweiz vor Problemen stehen oder dass in den USA mit einer definitiv mehr als autofreundlichen Verkehrspolitik reihenweise Detailhändler und grosse Malls zumachen müssen.

Für die anderen sind es die profitgierigen Vermieter, denen man am besten eine Strafabgabe für leer stehende Läden aufbrummen sollte, Marcel Baur hat dies treffend als Palliative Care by SP bezeichnet. Darüber hinaus berichtetet der Tagesanzeiger vor wenigen Tagen: Erstmals fallen die Ladenmieten an bester Lage. (paywall)

Beides ist natürlich, gelinde gesagt, Blödsinn - und ignoriert völlig sowohl die Konsumten sowie die Vielschichtigkeit des Themas. Das Lädelisterben und der Strukturwandel haben zahlreiche Gründe, deren vernünftige öffentliche Diskussion heute aber kaum möglich scheint.

Anstatt zu jammern und die Schuld ausnahmslos bei den anderen zu suchen, wäre die gemeinesame Suche nach konstruktiven Ideen und Lösungen sinnvoll und hilfreich, davon spürt man aber bis auf wenige Ausnahmen kaum etwas.

Ein konkreter Weg, der auch in St. Gallen umgesetzt wird, sind die sog. Pop-Up-Shops (Geschäfte auf Zeit), die kommen und gehen. Das Konzept mag denen, die eine stabile Struktur von alt eingesessenen Läden (wie z.B. Zollibolli in St. Gallen) bevorzugen, massiv gegen den Strich gehen. Andererseits entsprechen Pop-Up-Shops möglicherweise genau dem aktuellen Zeitgeist des schnell wechselnden Konsums und der Always Beta Kultur.

Ein ganz anderer Weg ist die Neudefinition des Ladenlokals. Immer noch wird das Ladenlokal vorwiegend als Verkaufsfläche verstanden, möglichst vollgepackt mit Waren, die Fläche muss ja ausgenutzt werden. Als Konsument fühlt man sich nicht selten eher in einem begehbaren Lager als in einem Verkaufsraum - nicht zuletzt die Discounter haben das Konzept hoffähig gemacht. Nicht nur einst reine Onlinehändler wie Digitec zeigen uns, dass das Ladenlokal durchaus auch heute noch Sinn macht. Auch der Zürcher Brillenhersteller Viu kombiniert On- und Offline geschickt als komplementäre Ergänzung - anstatt immer noch von Kanälen, egal ob Multi- oder Omni-Channel) zu reden:
"Der Laden ist viel mehr Bühne statt Lager" (NZZ 22.8.2017)
Technologieanbieter wie Hointer aus den USA zeigen ebenfalls Wege auf, wie die Ladenfläche neu interpretiert werden kann.

Über die Nutzung der Landenffläche hinaus geht es in einem grösseren Zusammenhang aber auch darum, wie wir es schaffen, Innenstädte (wieder) zu Begegnungszonen zu machen, auch nach Ladenschluss und am Wochenende. Es stellt sich also die Frage, welche Rolle der öffentliche Raum im Onlinezeitalter noch haben soll, und kann. Auch McKinsey macht sich Gedanken, wie man den urbanen Lebensraum revitalisieren kann.

Sicher, niemand kann wissen, welche Konzepte sich druchsetzten werden, soll heissen vom den Konsumenten und Bewohnern akzeptiert werden. Sicher ist nur, dass der- oder diejenige, die den Kopf in den Sand steckt getreu dem Motto weiter so wie bisher über kurz oder lang von der Bildfläche verschwinden wird.
Sich am Kunden orientieren, mit neuen Formaten experimentieren und offen sein für Innovationen, das macht unternehmerisches Handeln aus und würde auch dem Detailhandel gut tun.

(Lesenempfehlung:
Kundenorientierung, Wachstum, Experimentierfreude - Schlüsselfaktoren für Amazons Erfolg)




17. September 2017

Methodischer Optimismus - was der Detailhandel von Hernán Cortés lernen kann

Cortés versenkt seine Schiffe
(Wikipedia)
Beim Tagblatt findet man heute den Artikel Ladensterben: Ratlos in der Einkaufsmeile. Es geht einmal mehr um das Ladensterben - und den Onlinehandel, der als Haupschuldiger, neben dem Einkaufstourismus, identifiziert wird.
"Noch wissen die Detailhändler nicht, wie sie ihm begegnen sollen."
Es gibt auf Facebook dazu passend eine Gruppe zur Trauerbewältigung - auch wenn das Ziel der Gruppe ein anderes ist.

Die Ratlosigkeit wird schon im Anriss deutlich. Und etwas ratlos machen mich einige der zentralen Aussagen im Text selber.

Wie aus einer anderen Zeit klingt der erste Satz im Text, der die Reaktion eines Detailhändlers wiedergibt:
"Dass seine Facebook-Seite so viel beachtet werde, hätte er nicht erwartet"
Wie gesagt, das ist aus dem September 2017, im Jahr 14 von Facebook und Social Media.

Und selbst wer von den Detailhändlern Online geht, gibt den Grossen die Schuld am mangelnden Erfolg. Und dummerweise kostet eine Onlinepräsenz auch noch etwas:
"Aber die Kunden müssen den auf Google auch finden können. Und auch das kostet."
Der Kollege Thomas Rudolph weisst dann dankenswerterweise auf das veränderte Kundenverhalten hin:
"Und auch wer in die Stadt zum Shoppen geht, sucht erst im Internet nach Geschäften, die die gewünschten Produkte anbieten. [...] «Cross-Channel» heisst das Zauberwort der Branche: Wer Online und Laden geschickt verbindet, der gewinnt, ist man überzeugt."
Aber die Aussagen scheinen zu verhallen. So wird der Inhaber von Mode Weber mit der Aussage zitiert, dass er auf keinen Fall einen Onlineshop eröffnen will. Und die zitierte Aussage «Die meisten Shops sind defizitär.» macht mehr als deutlich, dass man von Cross- oder Omnichannel nocht Nichts gehört hat. Zu recht sagt Herr Weber, dass Online ein anderes Geschäft ist. Aber gleichzeitig wird ein Café eröffnet. Immerhin, man ist auf Instagram und Facebook präsent und hat eine Bonus-App.

Dann wird das Beispiel der Papeterie Markwalder genannt:
"Auch die Papeterie Markwalder setzt neue Produkte auf Facebook, Pinterest und Instagram in Szene. «Das Resultat ist schwer zu messen», sagt Geschäftsführer Ralph Bleuer. «Aber man muss auf allen Wegen versuchen, das rettende Ufer zu erreichen.» "
Fragt sich nur, wo das rettende Ufer ist...

Sicher, Spontaneinkäufe im Laden gibt es immer noch, aber selbstverständlich auch Online! Aber wer davon überzeugt ist, dass Trendartikel oder Geschenke Online schwer zu finden seien und fast verwundert feststellt "Aber auch im Internet winkt schon das schnelle Schnäppchen", der kennt den Onlinehandel nicht wirklich. Als gäbe es Onlineshops für Schnäppchen wie Qoqa oder Daydeal erst seit kurzem (für's Protokoll: die beiden Shops sind Online seit 2005 bzw. 2009).

Ein (subjektiver) Erfahrungsbericht drüben bei kurzverbloggt.ch spricht darüber hinaus Bände.

Zwar werden die Realitäten des Handels durchaus gesehen und anerkannt - «Der klassische Laden ist ein Auslaufmodell» -  aber anstatt Trauerbewältigung täte etwas mehr Mut, etwas Neues zu wagen, auch dem stagller Detailhandel gut! Aber solange Online als böse Konkurrenz, die sich sowieso nicht rechnet, betrachtet wird, solange wird man das tiefe Tal der Tränen kaum verlassen.

Sicher, einfach ist es nicht, Patentrezepte gibt es auch nicht, aber ist es nicht gerade auch der Mut, etwas Neues zu machen, ein Kennzeichen eines Unternehmers?
Beispiele für eine Bewältigung der Herausforderungen der Digitalisierung gibt es durchaus im Markt, vgl. z.B. hier und hier.

Mein geschätzter Kollege Reto Eugster hat auf der 7. Ostschweizer Gemeindetagung am vergangenen Freitag ein wunderbares und durchaus provokantes Referat zum Thema Pessimisten haben recht, Optimisten Erfolg: gehalten. U.a. sprach er über den methodischen Optimismus.

Zum erwähnten Hernán Cortés - Modell nur soviel: Nachdem Hernán Cortés Mexiko entdeckt hatte, versenkte er seine gesamte Flotte, um es seinen Gefolgsleuten zu verunmöglichen, das Neuland zu verlassen. (Mehr zum historischen Hintergrund bei Wikipedia)


Update 18.9.2017
Passend zum Thema das Interview mit dem Tommy Hilfiger Chef in der NZZaS vom 17.9.2017: Tommy-Hilfiger-Chef: «Ein Drittel unserer Kunden kauft online ein»


14. April 2016

"Kaufen Sie auch im Internet?"

"Kaufen Sie auch im Internet?"
St. Galler Nachrichten,
14.4.16, S. 14
* (Titel angepasst 19.4.16, vgl. Fussnote)
In der gedruckten Ausgabe der St. Galler Nachrichten vom 14. April 2016 hat die innerstädtische Vereinigung von Unternehmen des Detailhandels Pro City St. Gallen auf der Seite  14 diverse  Anzeigen stgaller Detailhändler geschaltet (vgl. unten). Dies unter der Überschrift JA zur Schweiz. So weit so gut.

Im rechten oberen Rand der Seite wird seitens der Redaktion die Frage gestellt: Kaufen Sie auch im Internet? * (Formulierung angepasst 19.4.16, vgl. Fussnote)

Ich fühle mich irgendwie angesprochen, eine Antwortmöglichkeit gibt es aber nicht; deswegen antworte ich gerne auf die gestellten Fragen hier öffentlich. Ich hoffe nur, ich habe sie auch richtig verstanden.


Wann hat Ihnen das Internet zuletzt einen Job angeboten?
Das Internet? Wer oder was ist das Internet? Sie meinen wohl Anbieter und Plattformen, die das World Wide Web, einem Dienst des Internets, nutzen. Nun, ich bin nicht auf Stellensuche, aber ich bekomme jedes Mal, wenn ich auf LinkedIn, XING oder auch ResearchGate bin, Jobs angezeigt, die zu mir passen. 

Wo werden Sie arbeiten, wenn es Ihren Arbeitgeber nicht mehr gibt, weil das Internet ihn vernichtet hat?
Was ist denn das für eine mar­ti­a­lische Wortwahl? Also der IS vernichtet Kulturgüter. Aber das Internet? Ja, es gibt einen Strukturwandel in der Wirtschaft und im Handel, wenn das gemeint sein soll, und zwar einen tiefgreifenden. Deswegen sprechen wir auch von der vierten industriellen Revolution, Industrie 4.0, Industrie 2025Digitalisierung oder Transformation. Und Strukturwandel gab es schon immer und wird es immer geben. Sich dem zu verschliessen, den Kopf in den Sand zu stecken, das Internet als Feind des Detailhandels zu verstehen, das ist töricht und dumm. 
Eigentlich könnte man heute, im Frühjar 2016, wissen, dass es ein Miteinander von On- und Offline gibt, die verschiedenen Kanäle werden miteinander kombiniert - das Stichwort ist hier Cross-Channel. Sicher, Veränderungen sind oft schmerzhaft, aber bieten viele neue Chancen! Oder wie der Kollege Gerrit Heinemann schreibt: Online-Handel ist nichts für Warmduscher. Ja, es verschwinden Unternehmen und Berufe, so wie der Kutscher, der Hufschmied oder der Heizer bei der Eisenbahn. Aber es entstehen auch faszinierende neue Berufe und Berufsfelder! Sollen wir Elektro- und selbstfahrende Autos verhindern, nur damit der traditionelle Automechaniker auch zukünftig noch seinen Job hat?
Im Übrigen hatte ich die Freude und Ehre bereits im Februar 2012 vor etwa hundert Vertretern des stagaller Gewerbes ein Referat zum Thema Social Media - Herausforderungen und Chancen für das Gewerbe zu halten.  

Aber zur Frage zurück: Als Lehrender und Forschender bietet mir das Internet viele spannende Möglichkeiten, meinen Job auszuführen. Ich behaupte sogar, dass ich meinen Job mit all seinen Facetten und Anforderungen ohne das Internet kaum mehr ausüben könnte. Und die Nachfrage nach solchen Tätigkeiten ist gerade in Zeiten des Wandels hoch! 

Wie viele Jugendliche aus Ihrer Region haben einen Ausbildungsplatz im Internet bekommen? 
Das vermag ich nicht zu sagen; aber ich weiss, dass Jugendliche auf der Suche nach einer Schnupperlehre oder Lehrstelle intensiv im Internet recherchieren,  z.B. bei www.berufsberatung.ch, www.lehrstellenboerse.ch, lehr-stelle.ch/region/st-gallen, www.berufsberatung.sg.ch etc. sowie auf den Websites der Firmen, und sich teilweise auch Online bei den jeweiligen Firmen bewerben. 

Wie viele Steuern zahlt das Internet für Ihre Gemeinde?
Nun, das Internet zahlt ebenso wenig Steuern wie das Nationalstrassennetz. Aber es gibt viele Firmen in unserer Region, die dank des Internets vielen Menschen einen spannenden und hochqualifizierten Job bieten können. Vielleicht verrät das Steueramt, wie viele Steuern diese Firmen abliefern.

Wann hat Sie das Internet vor Ort kompetent und schnell beraten?
Vor Ort, also an dem Ort wo ich mich gerade aufhalte, zuhause, im Büro, unterwegs? Oh, sehr oft, eigentlich täglich. 

Haben Sie schon mal vom Internet einen Auftrag erhalten?
Kaum zu glauben, aber über das Internet, oder besser von Firmen und Organisationen, die das Internet nutzen, habe ich schon so manche Anfrage oder gar Auftrag erhalten.

Vielleicht kann diese Frage aber auch die Firma Pius Schäfler beantworten, die auf genau der Seite, auf der auch dieser Fragebogen abgedruckt ist, für ihren Onlineshop Werbung macht. 

Wie würde Ihre Stadt aussehen, wenn es keine lokalen Geschäfte mehr gibt? Wollen Sie in einer Geisterstadt leben?
Nein, sicher nicht. Und ich trage meinen Teil als Konsument wie auch in meinem Job dazu bei, dass aus St. Gallen keine Geisterstadt wird; aber wenn die lokalen Geschäfte lieber den Kopf in den Sand stecken als sich mit dem Wandel zu beschäftigen, dann ist das wohl vergebliche Liebesmüh. 

Wie sieht Ihre Umgebung aus, wenn es keine Unternehmen und Geschäfte mehr gibt, die Steuern zahlen? 
Der beste Weg keine Steuern mehr zahlen zu müssen können, ist sich dem Wandel zu verschliessen. Wie gesagt, eine Geisterstadt St. Gallen möchte ich nicht. 

Ich möchte ein lebendiges, innovatives St. Gallen, in dem der Wandel mit allen seinen Begleiterscheinungen als Chance begriffen wird!

Solche Fragen, die hier gestellt werden, schüren lediglich Angst, bedienen Vorurteile und sind sicher nicht dazu geeignet, die Zukunft und damit notabene den Wandel zu gestalten.

ergänzt 19.4.2016:
* Der hier thematisierte Fragebogen erweckt den Anschein, als sei er von Pro City St. Gallen entworfen worden; dies war auch meine Wahrnehmung. In einem Telefonat mit dem Präsidenten von Pro City St. Gallen, Herr Bleuer, hat dieser nun richtig gestellt, dass der Fragebogen nicht von Pro City St. Gallen stammt, sondern ein redaktioneller Beitrag der St. Galler Nachrichten ist, wie die Redaktion auf Anfrage per eMail bestätigte:
"Zudem möchten wir betonen, dass dies kein „Fragebogen“ ist, den es zu beantworten oder auszufüllen gibt. Diese Fragen sind lediglich ein Gedankenanstoss in einer Zeit, in der mehr und mehr Geschäfte im Internet anstatt „lokal - nebenan“ getätigt werden."
Herr Bleuer betonte mir gegenüber, dass Pro City St. Gallen sehr wohl die Herausforderungen der Digitalisierung im Handel annehme und eine Darstellung des Internets als Sündenbock nicht der Intention von Pro City St. Gallen entspricht. 


St. Galler Nachrichten,
14. April 2016, S. 14





10. Dezember 2014

#stparl - Ein Lehrstück in offener und transparenter Demokratie: Wie das stgaller Stadtparlament live via Twitter informiert

Quelle: tagblatt.ch
Gestern diskutierte und verabschiedete das stgaller Stadtparlament das Budget 2015; dazu gibt es einen ausführlichen Bericht bei tagblatt.ch.

Seit Anfang 2012 wird live aus den Sitzungen des stgaller Statdtparlemtents getwittert. Live Tweets aus einer Parlamantsdebatte schaffen Transparenz und erlauben Interessierten das Verfolgen der Sitzung. So auch gestern. Und wie.

Während der mehr als sechstündigen Sitzung wurde laufend via @sanktgallen über den Verlauf der Budgetdebatte getwittert. Ein grosses Lob gebührt ^sh von der Kommunikation der Stadt St. Gallen.


Sechs Stunden lang eine Debatte zu verfolgen, die wichtigsten Beiträge, Diskussionen und Entscheide in 140 Zeichen zu verpacken, das ist Knochenarbeit.

Und wen  es einmal eine Unklarheit gab, wurde sie sofort korrigiert.


Aus dem Parlament selbst twitterten (nur) zwei Abgeordnete: @angelozehr @stefangrob76 und @hugentoblersg. Die Frage nach weiteren twitternden Abgeordneten blieb leider offen. Auch das Account der Abgeordneten @BAFrei blieb nach der Stadtratswahl auffällig ruhig.

@marcelbaur hat inzwischen eine Liste aller twitternden Stadtparlamentarier angelegt. (ergänzt 10.12., 11:30)

Eine Sammlung aller Tweets, die mit #stparl getagged waren, gibt's bei storify.

Aber auch ausserhalb von #stparl gab es Diskussionen und Feedbacks.


Und auch die Medien schätzen den Service:


Erfreulich auch, dass Stadtpräsident Scheitlin voll und ganz hinter den Investitionen für die Social Media Aktivitäten der Stadt steht.



Mein Fazit: Wie auch schon getwittert, die Berichterstattung über die Budgetberatungen war ein Musterbeispiel für gelebte offene Demokratie. Das Beispiel zeigt auf wie der Einsatz neuer Medien die Ziele von Open Government unterstützt.



2. Dezember 2014

Beobachtungen zum Social Media Wahlkampf zur stgaller Stadtratswahl am 30. November 2014

Leserbriefe im St.Galler
Tagblatt (24.11.2014)
Am Sonntag, 30. November 2014, wurde in St. Gallen ein neuer Stadtrat gewählt - offiziell "Ersatzwahl eines Mitglieds des Stadtrates für den Rest der Amtsdauer 2013 bis 2016" -, Peter Jans hat die Wahl deutlich im ersten Wahlgang gewonnen. Dazu herzlichen Glückwunsch.

Der Offline Wahlkampf verlief durchaus intensiv, wie auch zu erwarten bei drei Kandidaten für einen Posten. Es gab Stände in der Stadt, Podiumsdiskussionen und Radio- und TV-Auftritte. Dazu zahlreiche Leserbriefe in der Lokalpresse - deren Verteilung im Stadtgebiet sogar analysiert wurde. Und natürlich lächelten uns die Konterfeis der Kandidaten von Plakatwänden im ganzen Stadtgebiet an.

Und wie verlief der Wahlkampf in den Social Media, im Jahre 2014?
Das wollte ich - wie schon früher - wissen und habe deswegen seit Anfang Oktober den Wahlkampf in den Social Media beobachtet.

Um es gleich zu sagen: Genauso zäh wie die Verkündigung der Wahlergbnisse via Online- bzw. Social Media am Sonntag war auch der Wahlkampf an sich, eher träge und zäh, ohne echte Dynamik. Social Media eher als Alibi. Online und Social eher als (lästiges?) Add On zu Offline.
Bei @tagblatt_ch gab es keinen einzigen Tweet zu den Wahl- und Abstimmungsergebnissen vom Sonntag. Und Online hat man beim Tagblatt sogar ein falsches Bild des Wahlgewinners publiziert.

Im folgenden möchte ich aufzeigen, wie die beiden Kandidaten Barbara Frei und Peter Jans auf Facebook und Twitter zwischem dem 1.10. und 26.11.2014 aktiv waren. Der Kandidt This Bürge wird nicht weiter analysiert, da er kein Facebookprofil unterhalten hat und in dem genannten Zeitraum genau einen Tweet veröffentlicht hat.


Quelle: Facebook, 30.11.2014
Barbara Frei ist seit 23.7.2014 mit ihrem Profil Barbara Frei in den Stadtrat aktiv.
Im Zeitraum 1.10. bis 26.11.2014 (8 Wochen) wurden insgesamt 23 Beiträge veröffentlicht. Diese wurden 182 Mal geliked und 10 Mal kommentiert. (Daten gemäss fanpage karma)
In praktisch allen Postings wurden entweder Bilder und/oder Links zu Medienberichten oder auf die eigene Homepage geposted, in einigen wenigen Beiträgen wurden Hinweise auf Wahlkampfveranstaltungen oder -aktivitäten publiziert. Einen Beitrag, der ein bestimmtes Thema aufgreift und diskutiert und ggf. zur Reaktion aufruft, sucht man vergebens.
Die folgende Grafik zeigt die Postings, Likes und Kommentare je Woche. Die Daten geben jeweils das Enddatum der beobachteten Woche an.

Quelle: Facebook/ fanpage karma

Quelle: Facebook, 1.12.2014
Peter Jans ist seit dem 14.8.2014 als Kandidat auf Facebook präsent.

Er hat im gleichen Zeitraum 1.10. bis 26.11.2014 (8 Wochen) insgesamt 41 Beiträge publiziert, die 444 Likes und 45 Kommentare erhielten, vgl. Grafik.
Auch hier wurden überwiegend Photos und/oder Links auf andere Quellen publiziert, originäre inhaltliche Beiträge findet man im Prinzip nicht.
Insgesamt also einerseits höhere Zahl von Beiträgen, andererseits auch eine höhere Quote an Interaktivität bei ca. 10 Likes je Beitrag im Durchschnitt.
Peter Jans war also etwas aktiver auf Facebook als seine Mitbewerberin, auch konnte er mehr Facebooknutzer für sich gewinnen.

Quelle: Facebook/ fanpage karma

Diese Entwicklung lässt sich auch mit der höheren Zahl von Fans erklären:
Was die Zahl der "Gefällt mir" Angaben angeht, so konnte Barbara Frei die Zahl ihrer Fans innerhalb der acht Wochen von 185 auf 209 (113%) steigern, Peter Jans dagegen von 247 auf 335 (136%). Peter Jans konnte hier stärker zulegen als Barbara Frei. Kurz vor der Wahl hatte Peter Jans 60% mehr Fans als Barbara Frei.

Quelle: Facebook

Auch wenn die Art der Beiträge auf Facebook ähnlich sind, so konnte Peter Jans insgesamt mehr Nutzer für sich aktivieren.


Und wie lief es drüben bei Twitter?

@BAFrei ist seit 9. April 2011, @PeterJansSG seit 11. Sept 2014 mit einem Twitterkonto aktiv. Bis zum 30.11.2014 hatte Barbara Frei total 38 und Peter Jans total 26 Tweets verschickt.

Getwittert hat Barbara Frei im betrachteten Zeitraum mehr als Peter Jans, aber beide auf niedrigem Niveau.

Quelle: Twitter

Was die Inhalte der Twets angeht, so gleicht sich das Bild mit Facebook. Im Wesentlichen wurden Links und/oder Photos vertwittert. Einen Dialog oder Interaktion gab es nur dann, wenn die beiden Kandidaten von anderen Twitteren direkt angesprochen wurden.


Bei beiden Kandidaten hat sich die Zahl derjenigen, den sie folgen, im Prinzip nicht verändert während des Zeitraums von acht Wochen; beide liegen hier etwa auf gleichem Niveau zwischen 35 und 40 Followees. Dies ist ein Indiz dafür, dass Twitter kein wirklich aktiv gepflegter Kanal war und ist.

Die Zahl der Follower hat sich dagegen recht unterschiedlich entwickelt. Bei Barbara Frei hat sich die Zahl der Follower nach einem ersten Anstieg seit Mitte Oktober nicht weiter entwickelt, sie ging in der letzten Woche vor der Wahl sogar zurück.

Peter Jans dagegen konnte die Zahl seiner Follower dagegen von 29 auf 47 (162%) steigern. Dies spricht dafür, dass Peter Jans seine Anhänger besser mobilisieren konnte, so wie sich dies bereits bei Facebook gezeigt hat.

Quelle: Twitter

Quelle: Twitter


Twitonomy stellt folgende Twitter Analysen zur Verfügung:

Twitonomy Tweet Analytics@BAFrei

Twitonomy Tweet Analytics@PeterJansSG


Sammlung aller Tweets von @BAFrei und @PeterJansSG.

Eine Sammlung aller Tweets, die im Rahmen des Wahlkampfs abgesetzt und ausgetauscht wurden, findet sich hier.


Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Social Media, hier insbesondere Facebook und Twitter, eine untergeordnete Rolle im Wahlkampf zur Wahl des Stadtrats vom 30.11.2014 in der Stadt St. Gallen gespielt haben. Inhaltlich haben beide Kandidaten Facebook und Twitter im Wesentlichen zum Verbreiten von Links verwendet, Interaktion und Dialoge haben nur in einem äusserst eingeschränkten Umfang stattgefunden und meist nur dann, wenn andere Nutzer die Kandidaten direkt angesprochen haben. Festzuhalten ist auch, dass insbesondere auf Twitter letztendlich nicht viel mehr als eine Handvoll Nutzer sich aktiv am Austausch beteiligt haben. Insofern bestand also auch keine Notwendigkeit seitens der Kandidaten, aktiver zu werden.

Der Kandidat Peter Jans konnte schlussendlich seine Anhänger besser mobilisieren als seine Mitbewerberin, ohne dass er Facebook oder Twitter wesentlich intensiver oder inhaltlich anders genutzt hätte. Bei der Schlussauszählung der Wahl bestätigte dies sich dann ebenfalls: Peter Jans konnte ca. 44% mehr Stimmen auf sich vereinen als Barbara Frei.

Es bleibt abzuwarten, wie der neue Stadtrat Peter Jans und die Stadtparlamentarierin Barbara Frei künftig ihre Social Media Kanäle nutzen werden.



4. Dezember 2013

Quartiersleben 2.0 - mein stgaller Lieblingsquartier im Social Web

Die Post in St. Georgen
Dass die Stadt St. Gallen in Sachen Social Media ganz vorne mit mischt, ist inzwischen bekannt.

Aber nicht nur die Stadt, sondern auch das Quartier St. Georgen - mein Lieblingsquartier in der Stadt - ist aktiv im Social Web.

Und vor allem sind es grösstenteils die St.Geörgler selber, die hier initiativ und aktiv sind:



Ein Wikipediaeintrag fehlt bisher noch, die Drei Weiher sind hingegen dort präsent.

Sicher, mehr geht immer, aber ein guter Anfang ist gemacht: Quartiersleben 2.0.


Weiter so ihr St.Geörgler!

Bildquelle: flickr.com/hdz

12. Mai 2013

Wie schnell eine Falschmeldung produziert - und aufgedeckt werden kann

Quelle @sanktgallen
In der vergangenen Woche publizierte die HWZ die website socialswitzerland.ch. Sie zeigt dynamisch die Social Media Aktivitäten der Kantone und Kantonshauptstädte in der Schweiz auf. So weit so gut.

Aber leider hat sich bei der Recherche ein Fehler eingeschlichen: Die Aktivitäten der Stadt St. Gallen waren mit Null bewertet.

Dies blieb nicht lange unentdeckt: Kurz nach der Ankündigung der website  und wurde der Fehler via Twitter kommuniziert. Die HWZ versprach sofortige Besserung. Und kurz darauf wurde Vollzug gemeldet

Dies hielt 20 Minuten nicht davon ab, einen Artikel mit der Schlagzeile "Ostschweiz auf Social Media nicht vertreten" mit Namenskennzeichnung zu publizieren. Und auch andere Medien vertrauten blind der Medienmitteilung.

Zwei Dinge erstaunen hier:

  1. Eine Journalistin, die einen solchen Artikel verfasst oder redaktionell bearbeitet, und sei er auch noch so kurz, sollte wenigstens ansatzweise wissen, worüber sie schreibt. Wäre das der Fall gewesen, hätte sie bemerken müssen, dass die Social Media Aktivitäten der Stadt St. Gallen nicht inexistent sind - eher das Gegenteil.
  2. Und auch wer immer die Autoren einer Studie bzw. Website sind, ein Faktencheck, wenigstens im Sinne der Plausibilität, sollte durchgeführt werden, wenn irgendwie möglich. Dies wäre in diesem Fall sehr einfach in max. 60 Sekunden möglich gewesen. Sehr schnell hätte man feststellen können, dass die stgaller Social Media Aktivitäten nicht Null sind. 

Ganz offenbar hat der genannte Artikel alle Qualitätskontrollen der Journalistin und der Redaktion erfolgreich geschafft. Und somit wurde eine Schlagzeile publiziert, die schlichtweg falsch ist.

So viel zur Qualität im Journalismus.

Was lernen wir daraus?

  1. Hinterfrage grundsätzlich Aussagen und Feststellungen jeder Studie, und seien die Autoren noch so seriös, Fehler können jeder und jedem unterlaufen. 
  2. Mache wenn immer möglich Fakten-/ Plausibilitätschecks, bevor Du Schlussfolgerungen ziehst. 
  3. Hinterfrage grundsätzlich Aussagen und Feststellungen von (Zeitungs-) Artikeln.

    und
  4. Social Media sind ein effektives Werkzeug, um Falschmeldungen aufzudecken. 



25. August 2012

Social Media Einsatz beim Wahlkampf in St. Gallen: Fehlanzeige

Kandidaten als Zaungäste von Social Media
Die Stadt St. Gallen ist in Sachen Social Media durchaus fortschrittlich und ganz vorne dabei: So ist die Stadt auf diversen Social Media Plattformen aktiv und betreibt darüber hinaus eine eigene Plattform, mysg.ch. Erst kürzlich wurde das Projekt St.Galler Wireless gestartet, und auch eine Smartphone-App für Realtime-Daten für den öV in St.Gallen und Umgebung gibt es seit einigen Tagen. Ganz zu schweigen von der App der Stadt für iPhone und iPad. Und auch die Politik zeigt sich offen für Neues: Aus dem Stadtparlament wird live getwittert.

Da lag es irgendwie nahe anzunehmen, dass auch im Rahmen des Wahlkampfes zu den Erneuerungswahlen des Stadtparlamentes und des Stadtrats 2012 am 23.9.2012 Social Media eine Rolle spielen würden; dies auch insbesondere deswegen, weil für die fünf Plätze im stgaller Stadtrat neun Kandidaten kandidieren, davon sechs neue. Aber die Annahme, dass Social Media im Wahlkampf im Jahre 2012 intensiv genutzt werden, war wohl naiv: Social Media werden in stgaller Wahlkampf im Spätsommer 2012 nur marginal eingesetzt.
Zu den neuen Kandidaten schreibt das Tagblatt, dass sie zu wenig bekannt seien – das sollte doch erst recht eine Motivation sein, die Medien der Zeit aktiv zu nutzen. Schlagzeilen macht aber der Social Media – Wahlkampf höchstens mit Berichten wie ‚Die CVP und der Cyber War‘.

Von den neun Kandidaten sind drei bereits bisher im Amt, darunter der Stadtpräsident Scheitlin. Schauen wir uns ihre Online- und Social Media Aktivitäten einmal genauer an. Zunächst die Stadträte, die wieder antreten:

Thomas Scheitlin, der wieder für das Amt des Stadtpräsidenten antritt, hat eine eigene Homepage sowei ein privates Facebook Profil, das er aber nicht für den Wahlkampf nutzt. Als Autor auf dem Stadtratblog war der Stadtpräsident zuletzt vor über einem Jahr aktiv.

Auch Stadtrat Fredy Brunner tritt wieder an: Er verfügt über eine (statische) Homepage, das war’s dann. Auch der letzte Eintrag auf dem Stadtratblog ist lange her: Juni 2011.

Das gleiche Bild bei Nino Cozzio: Klassische Homepage, und wenige Aktivitäten auf dem Stadtratblog (letzer Eintrag Okt. 2011).

Und diese sechs Kandidaten bewerben sich um einen Sitz im Stadtrat:

Patrizia Adam-Allenspach, bereits im Stadtparlament tätig, verfügt über ein persönliches Facebook Profil, dies nutzt sie aber nicht für den Wahlkampf. Die Suche nach einer eigenen Homepage erweist sich als schwierig, ein Wähler hätte wohl längst aufgegeben. Im Netz findet man als erstes eine Seite ihrer Partei, der CVP, mit ihrem Konterfei, aber ohne weitere Informationen, die für den Wähler von Interessen sein könnten. Dann stösst man nach einigem Suchaufwand auf die gemeinsame Seite mit dem Parteikollegen Cozzio. Auch hier sind die Informationen eher knapp. Auch auf der Seite der Stadtpartei gibt’s dann noch ein paar Zeilen Information. Die im Tagblatt vom 22.8. abgebildete Seite konnte ich leider nicht finden. Ein Wähler wohl hätte schon längst aufgeben.

Bei der Onlinesuche nach der Kandidatin kam als zweiter Treffer der Link zur Seite für die Kantonsratswahlen vom März 2012, eher irritierend.

Gemeinsame Seiten scheinen im Trend zu sein, denn auch die SP hat eine Gemeinschaftsseite für ihre beiden Kandidaten für den Stadtrat, von denen Ruedi Blumer der eine ist. Auf der Homepage gibt es immerhin die Möglichkeit, die Seite via Social Media zu teilen. Und gemeinsam sind sie auch auf einer Facebookseite präsent, mit aktuell 59 Likers und zwei Einträgen innerhalb der letzten Woche. Die Homepage verweist auf die Facebookseite, und umgekehrt.

Markus Buschor ist ein Politneuling – und vielleicht deswegen stärker in Social Media vertreten: Da ist zum einen die Homepage mit der Adresse buschor.sg. Sie enthält immerhin eine aktuelle Agenda sowie ein gepflegtes Tagebuch. Direkt verlinkt sind die Facebookseite des Kandidaten Buschor mit sechs Likern und vier Einträgen aus der letzten Woche sowei das Twitter Account @markusbuschor mit bisher fünf Followern und 11 Tweets.

Christian Hostettler war bereits im Stadtparlament und will jetzt für eine neue Partei Stadtrat werden. Auch er verfügt über eine persönliche Facebookseite, die aber nicht für den Wahlkampf benutzt wird und keine öffentlichen Einträge aufweist. Eher peinlich ist die persönliche Homepage des Kandidaten, die noch Wahlwerbung für die Wahl im Jahr 2004 macht, notabene für seine damalige Partei, die SVP – immerhin wurde Hostettler 2006 aus der SVP Fraktion ausgeschlossen (Quelle). Mit der Fusszeile „2012 Atlantis Web“ wird Aktualität suggeriert, potentielle Wähler sind wohl eher verwirrt.

hostettlerchristian.ch (Stand 24.8.2012)
Auf der bereits erwähnten gemeinsamen Homepage der SP Kandidaten ist auch Sylvia Huber präsent, ebenso auf der Facebookseite. Auch ihre persönliche Facebookseite nutzt Huber für Wahlkampfzwecke. Dazu betreibt sie auch eine eigene Homepage mit Hinweis auf ihre persönliche Facebookseite.

Markus Straub betreibt eine eigene Homepage. Die persönliche Facebookseite nutzt er nicht (öffentlich) für den Wahlkampf.

Das Fazit dieser kleinen Analyse ist durchaus ernüchternd:
  • Von neun Kandidaten sind immerhin acht mit einer Homepage Online vertreten. 
  • Die Homepages sind im Wesentlichen statisch und enthalten kaum aktuelle, den Wahlkampf betreffende, Mitteilungen. Ausnahme ist hier Markus Buschor. 
  • Auf keiner der Homepages findet sich eine Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen; ein Feedback ist nur via eMail bzw. Gästebuch möglich. 
  • Drei Kandidaten nutzen eine Facebookseite für den Wahlkampf. 
  • Vier Kandidaten verfügen zwar über eine persönliches Facebookprofil, nutzen dieses aber nicht für ihren Wahlkampf – zumindest nicht mit öffentlich sichtbaren Einträgen. Hier scheint Facebook als rein private Plattform genutzt zu werden, was auch die sichtbaren Einträge zeigen. Da diese Profile über mehrere Hundert Freunde verfügen, ist zumindest Facebook als Plattform nicht gänzlich unbekannt. 
  • Twitter wird lediglich von einem Kandidaten genutzt, allerdings äusserst sparsam. 
  • (Persönliche) Blogs werden nicht genutzt.
  • Interaktivität und Dialogbereitschaft, der Austausch mit potentiellen Wählern, ist ganz offensichtlich nicht vorgesehen. 
  • Aktivitäten der Kandidaten auf weiteren Social Media Plattformen wie z.B. Flickr, Youtube oder Slideshare konnten nicht identifiziert werden. 
  • Der Altersdurchschnitt der Kandidaten für den Stadtrat liegt bei 56 Jahren, kein Kandidat ist jünger als 50 - vielleicht ein Grund für die sehr zurückhaltende Verwendung von Social Media Instrumenten. 
Die Zusammenstellung der Social Media Aktivitäten der Kandidaten beruht auf einer Suche via Google nach entsprechenden Aktivitäten sowie Verlinkungen auf Seiten, z.B. der Parteien, sofern überhaupt vorhanden. 
Für ergänzende Hinweise bin ich jederzeit dankbar.

Ergänzung 26.8.2012:
Ein Interview mit mir im im Regionaljournal Ostschweiz auf DRS1 vom 26.8.2012: Kommunale Wahlen: Wenig Politik im Netz

Ergänzung 29.8.2012:
Gemäss der aktuellen Übersicht bei smartvote.ch haben mit Stand heute sechs der neun Kandidaten ein entsprechendes smartspider-Profil.

Liste mit allen Kandidaten mit Twitter-Account (... soweit bekannt und ohne Anspruch auf Vollständigkeit)
(Besten Dank an Marcel Bauer für seine Zusammenstellung)

Ergänzung 8.9.2012:
Der Kandidat Christian Hostettler hat seit dieser Woche eine überarbeitete Website; allerdings besteht diese aus genau einer Seite, der Hompage mit Bild, ansonsten ist ein CV als pdf-Datei angehängt. Politische Positionen sucht man bisher vergebens. 

Bildquelle: flickr.com/sympra (CC Lizenz)

29. April 2012

Was ist eigentlich Demokratie? - Zwei Momentaufnahmen von heute

Abstimmung an der Landsgemeinde
in Appenzell am 29. April 2012
Was ist eigentlich Demokratie? - mit dieser Frage begann die heutige Landsgemeinde in Appenzell. Der Landammann besann sich auf den Ursprung des Begriffs:
"griechisch Δημοκρατία, von δῆμος [dēmos], „Volk“, und κρατία [kratía], „Herrschaft“, vgl. -kratie; wörtlich: Herrschaft des Volkes" (Quelle: Wikipedia).

Herrschaft des Volkes also. Aber wie äussert sich diese denn?
Ganz aktuell wird diese Frage europaweit heiss diskutiert im Zusammenhang von modernen und offenen Bürger- und Zivilgesellschaften oder neuen Formen der Partizipation.

Dazu gab es heute zwei Anschauungsbeispiele:

1. Die Landsgemeinde in Appenzell selbst:
Die Landsgemeinde ist eine Form der direkten Demokratie: die anwesenden Stimmberechtigen diskutieren über die zu entscheidenden Sachverhalte, jeder Anwesende hat das Recht sich zu äussern. Die Abstimmung geschieht offen durch Handzeichen, ausgezählt wird in aller Regel nicht. Sind die Mehrheitsverhältnisse nicht eindeutig erkennbar, wird nochmals abgestimmt. So geschah es heute in Appenzell zwei Mal.
Und die Geschäfte sind zum Teil von weitreichender Bedeutung: Sei es die Wahl von Regierungsmitgliedern, die Abstimmung über eine Strukturreform oder ein neues Baugesetz. Herrschaft des Volkes.

(Weitere Bilder von der Landsgemeinde in Appenzell)

2. die Regierungswahlen im Kanton St. Gallen: Für einen Sitz in der Kantonsregierung standen zwei Kandidaten aus unterschiedlichen Lagern standen zu Wahl. Die Stimmbeteiligung lag bei 31.6 Prozent.  Herrschaft des Volkes.

17. März 2012

Social Media Einsatz im lokalen und regionalen Kontext - eine inspirierende Session - und weitere Notizen zur #FTVI12

Tweet anlässlich einer Aussage des ersten Bürgermeisters
der Stadt Ulm, Gunter Czisch, zu  zu Open Govrnment Data    
Das war wirklich eine spannende und vor allem inspirierende Session an der FTVI 2012 (Programm (pdf), Ankündigung)!

Ich meine die Session am gestrigen Freitag, 09:00, zu den Themen Social Media im lokalen und regionalen Kontext und ePaticipation*.

Der Raum war überfüllt, einige Zuhörer standen in der Tür, und überzogen haben wir auch - aber nicht etwa wegen der mangelnden Disziplin der Referenten, sondern wegen der vielen Fragen und Diskussionsbeiträge.

Bei den ersten beiden Beiträge spürte man deutlich das persönliche Engagement und die Begeisterung der Referenten:

27. November 2011

Beobachtungen zum Social Media Wahlkampf zur stgaller Ständeratswahl am 27. November 2011

An dieser Stelle habe ich vor zwei Wochen die Online- und Social Media Aktivitäten der Kandidaten zu den Ständeratswahlen im Kanton St. Gallen von heute vorgestellt.

Nachdem ich die Aktivitäten seit dem 4. Nov. einigermassen systematisch beobachtet habe, präsentiere ich im Folgenden einige Beobachtungen aus dem Zeitraum 4. Nov. abends bis 25. Nov. abends.
Die drei Kandidaten werden in alphabetischer Reihenfolge dokumentiert, der Focus liegt auf den Social Media Aktivitäten.

Was genau habe ich angeschaut?
Zum einen habe ich zu den Stichtagen 4., 11., 18. und 25.11., je ca. gegen 20:00, die Twitter Accounts bzgl. ihrer Zahlen sowie die Anzahl Freunde, Fans bzw. Gruppenmitgliedern der Präsenzen auf Facebook dokumentiert. Mit Stand 25.11. 20:00 habe ich aktive Facebookseiten von zwei Kandidaten ausgezählt bzgl. der Zahl der Postings insgesamt, der Postings durch Dritte sowie der Anzahl Kommentare und Likes.

Eine inhaltliche Analyse der Postings wurde dagegen nicht durchgeführt. Ich habe auch nicht recherchiert, was die Kandidaten ggf. selbst gepostet haben und was sie durch Helfer haben posten lassen. Bei Hüppi gab es einen Hinweis dazu via Twitter, auf Rechsteiners Blog wird als Autor z.B. 'Von Komitee' oder 'Komitee Rechsteiner Ständerat' angegeben.

31. Mai 2011

Nach dem Wahlkampf 1.0 jetzt Politik 1.0 - sechs Monate nach den stgaller Regierungswahlen 2010

Im November 2010 haben ich verschiedendtlich über den Einsatz von Online- bzw. Social Media bei den stgaller Regierungswahlen berichtet (hier, hier, hier).

Im Vorfeld des 9. Social Media Gipfel in Zürich: Mit Social Media den Wahlkampf gewinnen? und sechs Monate nach der Wahl wurde ich neugierig und habe mir die Onlineauftritte der beiden Politiker nochmal kurz angesehen.

Was hat sich getan?


2. Dezember 2010

So genau nehmen es Politiker mit der korrekten Verwendung von Rechten im Web - Wahlkampf 1.0 bei den stgaller Regierungswahlen 2010

Am vergangenen Sonntag wurde im Kanton St. Gallen ein neues Regierungsmitglied gewählt, und seit Sonntagnachmittag steht fest, dass Beni Würth, CVP, gewonnen hat und somit Regierungsrat wird.

In meinen Beiträgen hier und hier habe ich den Online-Wahlkampf der beiden Kandidaten beobachtet - und heute Abend aus Neugier nochmals nachgeschaut.

Es fällt auf, der der SVP Kandidat Huser weder Webseite noch Facebook-Seite seit graumer Zeit aktualisiert hat.

So findet man heute, vier Tage nach eindeutigem Ausgang der Wahl, auf Facebook immer noch den Hinweis, dass Huser "Derzeit Kandidat für Amt: Regierungsrat Kanton St. Gallen" ist. Einfach vergessen? oder Wunschdenken?

28. November 2010

Kurz notiert, nach der Wahl: Wahlkampf 1.0 bei den stgaller Regierungswahlen 2010

Unter dem Titel  Wahlkampf 1.0 bei den stgaller Regierungswahlen 2010 habe ich den Online-Wahlkampf der beiden Regierungskandidaten genauer angeschaut - mit einem ernüchternden Ergebnis.

Nun ist es Sonntag, um 14:41 vermeldet das Tagblatt den Sieg von Beni Würth.

Und was lesen wir - bis jetzt, 15:00 - Online bei den Kandidaten Aktuelles zur Wahl?

Beni Würth postet auf seiner Facebookseite kurz nach 13:00 einen Link auf die Wahlresultate im Kanton SG. Seine Fans gratulieren bereits zum Sieg. Kurz vor 15:00 dann ein kurzer Post mit einem Link auf die Webseite (wie könnte es anders sein ...).

22. November 2010

Wahlkampf 1.0 bei den stgaller Regierungswahlen 2010

Am kommenden Wochenende sind wieder einmal Abstimmungen und Wahlen in der Schweiz.
Und nachdem Web 2.0 und Social Media heute unbestritten Teil des Kommunikationsmix' sind (vgl. z.B. NZZ-Beilage "Kommunikation und Social Media" vom 18.11.2010), war ich neugierig, wie der Web 2.0 und Social Media Einsatz sich aktuell im Abstimmungs- und Wahlkampf im November 2010 präsentiert.

Für eine kurze Stichprobe habe ich mir die Regierungswahlen im Kanton St.Gallen angeschaut. Zwei Kandidaten bewerben sich um einen frei werdenden Sitz in der stgaller Regierung, Herbert Huser, SVP, und  Beni Würth, CVP (Stimmzettel).