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26. November 2016

Eine seltsame Sicht: Open Access als Basis digitaler Wissenschaftskontrolle?

Das Thema Open Access hat mich auf diesem Blog schon mehrfach beschäftigt, und ich habe mich immer für eine differenzierte Sicht eingesetzt. Also Autor, Wissenschaftler und als Herausgeber einer wissenschaftlichen Zeitschrift setze ich mich aus verschiedenen Perspektiven mit dem Thema auseinander. Nachdem ich heute den Artikel Digitale Wissenschaftskontrolle bei faz.net gelesen habe, folgt nun ein weiterer Beitrag.

Der Autor des Artikels, der ganz offenbar Bibliothekar ist, hat ehrlich gesagt eine ziemlich verquere Sicht auf Open Access, die ich im Folgenden kommentiere:

1. Der Autor schreibt:
"Wenn die Wissenschaftler ihre Aufsätze nicht mehr in gedruckten Fachzeitschriften veröffentlichen würden, sondern digital auf Volltextservern ihrer Universitäten, müssten sie die Verwertungsrechte an ihren Veröffentlichungen nicht mehr an Verlage abtreten, die mit ebendiesen Rechten Geld verdienen."
Open Access gleich digital und Online, traditionelle Zeitschriften gleich analog und gedruckt? In welcher Welt lebt der Autor? Die Zeitschriften, die ich für meine Arbeit regelmässig nutze, sind allesamt Online verfügbar, und ob es sie auch gedruckt gibt, interessiert mich schlichtweg nicht. Und als Autor wie auch Nutzer wissenschaftlicher Publikationen stelle ich fest, dass Zeitschriften, die nicht Online im Volltext über ein mir zugängliches System verfügbar sind, faktisch heute nicht existieren.

2.  Wieso in aller Welt bedeutet Open Access gleich eine Monopolisierung durch den Staat? Das erschliesst sich mir schlichtweg nicht. Ein staatliches Publikationsmonopol die Wissenschaft - wie es der Autor sieht - ist sicher nicht die Konsequenz von Open Access.

3. Open Access bedeutet nicht automatisch die Ausschaltung der Verlage. Verlage unterstützen die Open Access Publikation im Rahmen des sog. goldenen Wegs von Open Access, wie dieses Beispiel deutlich macht. Das könnte der Autor eigentlich wissen ...

4. Der Markt der Wissenschaftsverlage ist ein globaler Markt. Und global gesehen gibt es wenige Verlage von Bedeutung, auf der anderen Seite sind vor allem Bibliotheken und Bibliotheksverbünde die Abnehmer. Einen echten Wettbewerb - wie der Autor es auf Seite der Verlage impliziert - gibt es hier nicht. Will eine Bibliothek eine bestimmte Fachzeitschrift abonnieren und seinen Nutzern zur Verfügung stellen, besteht schlichtweg keine Auswahl; die Zeitschrift wird von genau einem Verlag angeboten. Und dieser kann dann die allseits kritisierten hohen Preise verlangen; die Fachwelt spricht hier auch von der Zeitschriftenkrise. Open Access publizierte Artikel sind dagegen häufig über mehrere Online Repositories abrufbar, so auch im Rahmen der sog. Selbstarchivierung im Rahmen des grünen Wegs durch die Autoren selbst.

5. Und quasi nebenbei wird auch die Erfindung des Computers mehr oder weniger für das Böse verantwortlich gemacht:
"Er betreibt das Geschäft von „Kommunikation und Kontrolle".
[...] 
 Die Logik des Computers ist die einer Kontrolltechnik, die via Internet inzwischen weltweit operiert und dabei Welt-, Kommunikations- und Datenkontrolle zu Synonymen gemacht hat."
Ist es nicht der Mensch, der den Computer zur Kommunikation und Kontrolle nutzt?

Und wenn der Autor das Messen von Zitaten in diesem Kontext kritisiert, dann bleibt festzustellen, das man den sog. Impact Factor - und andere Kennzahlen wissenschaftlicher Qualität - tatsächlich kritisieren kann, aber dass alle diese Kennzahlen von Menschen entwickelt und verwendet werden; der Impact Factor bereits seit den 1960er Jahren, also lange bevor es Opena Access oder digitale Zeitschriften gab.

6. Der Autor folgert aus der Open Access Publikation ein Einfallstor für Wissenschafts- und Industriespionage. Dass das Rechercheverhalten von Nutzern missbraucht werden kann, einverstanden, darüber kann man diskutieren. Aber auch die genannten Firmen und Organisationen unterliegen dem Datenschutzrecht, das keinesfalls ein zahnloser Tiger ist. Und ob ich nach Open Access Artikeln oder nach traditionell publizierten Aufsätzen recherchiere , das macht für mich hier keinen Unterschied. Wer mein Rechercheverhalten beobachten will, interessiert sich kaum dafür nach welchem Modell ein Beitrag publiziert wurde, denn so oder so sind die Artikel digital und Online verfügbar. Oder habe ich nicht verstanden, was der Autor hier sagen will?
"Wir haben hier keine Instrumente vor uns, die für universitäre Kontrollzwecke und für die Wissenschafts- und Industriespionage missbraucht werden können, sondern Instrumente, zu deren Design die Kontrolle samt der Wissenschafts- und Industriespionage gehören.
"Damit ist die Logik der Kontrolle aber keineswegs erschöpft. Denn der von den Bibliotheken zu Open-Access-Konditionen ins Netz gestellte „Content“ wird zuletzt von jenen Akteuren angeeignet, die die Datenflüsse im Netz steuern und kontrollieren. Wobei der Staat hier weniger einen Anlass für eine Intervention sieht, sondern die Gelegenheit zu Kooperation, denn über die in amerikanischer Hand befindlichen Monopolisten vom Typ Google, Amazon und Facebook erfährt auch er, was seine Bürger denken und tun. "
7. Der Autor schreibt:
"Zugleich aber lassen sich die Download-Zahlen der Aufsätze und Bücher mit den Personendaten der Wissenschaftler verknüpfen, um die in den Naturwissenschaften seit langem schon verbreiteten bibliometrischen Zitationsindizes endlich auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften einzuführen."
Nun, Downloadzahlen gibt es bei jeder Form von Online publizierten Inhalten, ob Open Access oder nicht. Und die bibliometrischen Zitationsindizes bestehen, wie der Name schon sagt, auf Zitationen, und nicht auf Downloads. Dazu sei dieser Beitrag zur Lektüre empfohlen.  Ach ja, und die Zitationsindizes gibt es bereits in den Sozial- und Geisteswissenschaften.


Open Access ist sicher ein Thema, über das es zu diskutieren gibt, auch im Hinblick auf die Demokratisierung des Wissens. Aber leider hat der Artikel mehr von einer Verschwörungstheorie als von einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Open Access. Aber im postfaktischen Zeitalter ist wohl alles erlaubt. Und am Schluss meines Beitrages frage ich mich, ob es überhaupt Sinn macht, darauf zu reagieren ...

Bildquelle: flickr.com/Robert Couse-Baker (CC Lizenz)

27. Mai 2014

Die Open Access Debatte zwischen Polemik und Sachlichkeit - revisited

Von "ideologischen Forderungen der Open-Access-Aktivisten" habe ich bereits 2009 berichtet, und hier an eine differenzierten Diskussion appelliert.

Aber auch im Jahr 2014 scheint eine sachliche Debatte über Open Access noch nicht (überall) möglich zu sein, nicht einmal im Feuilleton einer angesehen Qualitätszeitung. Der Beweis: Der Artikel Der Nationalfonds kapituliert: «Open Access» von ujw. in der heutigen NZZ. Hier schreibt der Autor von Ideologien und Verblendungen, und vom "Ungeist der Zeit", er benutzt Wörter wie grotesk und kapituliert - gemeint sind Open Access und seine Befürworter. Und wohl gemerkt, das ist ein redaktioneller Beitrag und kein Beitrag im Bund Meinung der NZZ, wie ich zuerst dachte.

Mit Sätzen wie
"Schwingt im Losungswort «Open Access» derlei Erlösungshoffnung mit? Wollen seine Verkünder einen Heilsweg bahnen? Wollen sie den Geist durch Digitalisierung von der Materie der Bücher befreien und die Leser gleich mit? Schweben ihnen eine Transsubstantiation vor und eine Überwindung aller Grenzen zwischen «gelehrter» und «breiter» Öffentlichkeit? Wenn dies gelänge: Wäre Google dann Gott – und die Wissenschaftsverwaltung zugleich die Heilsverwaltung?
disqualifiziert der Autor sich selber. Das ist kein Beitrag zu einer sachlichen Debatte.

Ich habe mich verschiedentlich zu Open Access geäussert und werde das hier nicht wiederholen.

Nur so viel: Als Wissenschaftler bin ich Konsument und Autor von wissenschaftlichen Publikationen, und als Mitherausgeber einer wissenschaftlichen Zeitschrift habe ich grundsätzlich und auch ganz operativ mit dem Thema Open Access et al. zu tun; ich behaupte, aus der ganz banalen Alltagspraxis heraus ein wenig vom Thema zu verstehen. Und der Beitrag von ujw. liefert schlichtweg keinerlei Antwort auf tatsächlich bestehende Fragen.
Bildquelle: flickr.com/Robert Couse-Baker (CC Lizenz)





19. Dezember 2011

Der Impact Factor und Open Access Zeitschriften

Die Zeitschrift Nature hat in der Diskussion rund um die Auswirkungen neuer Medien auf die Bereitstellung von wissenschaftlicher Literatur heute den Beitrag Do Open Access journals have impact? publiziert.
Der Autor ist James Pringle, Vice President, Development, Academic and Government Markets, bei Thomson ISI, USA.

Das (kommerzielle) Unternehmen Thomson ISI definiert gegenwärtig die zentrale Währung für wissenschaftliche Publikationen, den sog. Impact Factor (Begriff bei Wikipedia). Dieser wird jährlich im Journal Citation Report publiziert.
Ein Journal, das nicht in den Indices von Thomson ISI gelistet ist und notabene keinen (offiziellen) Impact Factor hat, wird häufig von Nachwuchswissenschaftlern nicht berücksichtigt. Fragt man einen potentiellen Autor beispielsweise an, ob er seine Forschungsergebnisse nicht in einem bestimmten Journal publizieren möchte, kommt oft die Frage "What's your impact factor?". Hat man keinen, ist das Gespräch beendet.

Ähnliche Vorbehalte haben (Nachwuchs-) Wissenschaftler gegenüber Open Access - Journals. Sie nutzen diese zwar gerne zur Recherche, aber halten sich beim Publizieren in entsprechenden Journals gerne zurück, aus verschiedenen Gründen. Ein Grund ist auch hier der - vermeintlich - nicht vorhandene Impact Factor.

13. März 2011

Selbstplagiate in der Wissenschaftskommunkation - ein konkreter Fall

Es ist schon erstaunlich, wie selbst erfahrene Autoren die Regeln des wissenschaftlichen Publizierens verletzen und dabei ganz offensichtlich entweder kein Unrechtsbewusstsein empfinden und/oder naiv genug sind zu glauben, dass der Regelverstoss nicht entdeckt wird. Ob dies beabsichtigt geschieht oder aus Nachlässigkeit, sein dahingestellt.

In diesem Beitrag habe ich bereits ein Beispiel aus der Praxis als Mitherausgeber des wissenschaftlichen Journals Electronic Markets aufgezeigt, in dem es um die Entdeckung von Plagiaten geht. Autoren, die Beiträge für ein wissenschaftliches  Journal wie Electronic Markets einreichen, sind definitiv keine Anfänger in ihrem Fach. Desto erstaunlich ist es, dass Plagiate und auch Selbstplagiate  immer wieder vorkommen.

Aktuell musste ich mich mit einem Fall von Selbstplagiat oder auch Autoplagiat beschäftigen. Der Autor einer Einreichung hat mehr als 2000 Wörter - in einem Beitrag von rund 7000 Wörtern - aus einem von ihm als Koautor mit verfassten Konferenzbeitrag wörtlich kopiert, ohne diesen Beitrag in irgendeiner Form als Referenz zu nennen.
"Im  universitären  Kontext  ist  unter  einem „Selbstplagiat“ die Wiederverwertung eigener wissenschaftlicher Arbeiten ohne Hinweis auf die Originalarbeit zu verstehen." (Gamper 2009)

22. Februar 2010

“Think Global – Act Local” – Wie die Informationsgesellschaft greifbar werden kann

Freie Netze. Freies Wissen.” ist ein Sammelband, der sich einerseits mit den globalen Entwicklungen der Informationsgesellschaft beschäftigt – think global. Gleichzeitig werden in dem Werk aber ganz konkrete Projekte und Projektideen für die lokale Umsetzung globaler Konzepte vorgestellt und besprochen – act local.

Der Sammelband wird herausgegeben von Leonhard Dobusch und Christian Forsterleitner und ist 2007 erschienen; entstanden ist er Band als Beitrag für das Europäische Kulturhauptstadtjahr Linz 2009.

Eine Besprechung habe ich unter gleichem Titel auf dem FHS eSociety Blog veröffentlicht.

8. Oktober 2009

3. Open Access Tage in Konstanz - Eindrücke vom ersten Tag

Aktuell läuft der zweite Tag der 3. Open Access Tage in Konstanz, leider konnte ich selbst nur am ersten Tag dabei sein. Mit dem hash tag #oat09 wird laufend getwittert.

Im folgenden einige subjektive Eindrücke.

In der Eröffnungssession werden die OA Perspektiven aus den Ländern Deutschland, Österreich und der Schweiz vorgestellt. Den Beitrag aus Deutschland habe ich leider verpasst.

Bruno Bauer (Folien) erläutert die österreichische Perspektive. Als 'Vorspann' - wie er es nennt - zeigt er (einmal mehr) Zahlen zur Zeitschriftenkrise die ja massgeblich die OA Initiativen motiviert. Sensibilisiert durch die z.T. sehr polarisierenden Diskussionen der letzten Wochen und Monate hinterlässt dieser Vorspann, der mehr oder weniger deutlich einen 'Schuldigen' ausmacht, einen faden Beigeschmack, zumindest bei mir.

Bauer zeigt u.a. auf, wie die österreichischen Wissenschaftler in OA Publikationen vertreten sind. So sind sie in OA Journals nur wenig vertreten, bei BioMed Central dagegen eher häufig, dies auch je im Vergleich zu Deutschalnd und der Schweiz. Erwähnt wird auch
SCOAP aus dem Bereich der Hochenergiephysik.

Zumindest implizit kann man den Eindruck gewinnen, dass OA nach dem goldenen Weg nur über OA Journals funktioniert oder gar nicht. Tatsache ist aber, dass auch traditionelle Journals zunehmend OA Artikel nach dem Modell '
authors pays' publizieren und damit ihre Geschäftsmodelle weiterentwicklen.

Insgesamt zeigt Bauer ein eher ernüchterndes Bild der OA Politik in Österreich. So moniert er z.B. die fehlende Berücksichtigung von OA Publikationen in Wissensbilanzen und stellt abschliessend fest, dass OA in Österreich v.a. durch Einzelinitiativen lebt.


Markus Zürcher präsentiert (ohne Folien) sehr dicht die Situation aus der Schweiz. Zu Beginn macht er klar:

"Wissenschaft ist per se grenzüberschreitend, in jeder Hinsicht".
Die Schweiz hat somit auch in der Konsequenz keine eigene, nationale OA Politik.

Er unterscheidet dann zwei Ligen, in denen Wissenschaft stattfindet:

In der 1. Liga finden sich die STM Disziplinen: internationale Orientierung, Englisch als lingua franca, OA weit verbreitet, internationale Verlagslandschaft.
In der 2. Liga sind nach Zürchers Einschätzung v.a. die Geistes- und Sozialwissenschaften zu finden: nationale Orientierung, häufig Deutsch als Publikationssprache, nationale Verlagswirtschaft. Sicher, die Darstellung ist auf einem hohen Abstraktionsniveau, allerdings ist sie nach meinem Empfinden zu wenig differenziert, die Aussage zu wenig relativiert. Wissenschaft ist eben viel facettenreicher und komplexer als viele uns glaubend machen wollen. Genau diese Differenzierung nach Disziplinen war ja dann auch Thema bei 3 von 4 Beiträgen in der 'offenen Session' am Nachmittag.

Zürcher stellt auch klar fest, dass der SNF nicht in OA Infrastrukturen investiert, unterstützt aber sehr wohl OA Zeitschriften auch finanziell im Sinne einer Subvention. Für ihn ist klar, dass die Umstellung auf kompletten Open Access massive Investitionen verlangt und vor allem die Finanzierungsmodelle neu geregelt werden müssen, und zwar international, nationale Wege machen keinen Sinn. Hier also der Ruf nach neuen Geschäftsmodellen, die ja an der Tagung auch disktueirt werden. Er ergänzt:

"Durch OA können keine Mittel eingespart werden."
Zürcher fordert einen Weg zu gehen, der möglichst alle Stakeholder einbindet:
"Das Bestehende darf durch das neue nicht gefährdet werden"
"OA nicht gegen, sondern mit den Verlegern umsetzen"
Das heisst natürlich auf der anderen Seite Kompromisse einzugehen und für absehbare Zeit in einer hybriden Welt zu leben. Und zur Rolle des (Urheber-) Rechts:
"Das Recht soll die Dinge so regeln wie sie für die Subjekte Sinn machen"
Am Nachmittag gab es dann sechs parallel Sessions; ich selbst war in der 'offenen Session' vertreten, für die man Beiträge einreichen konnte, alle anderen Session waren jeweils mit 'eingeladenen Vorträgen' bestückt (Passt das eigentlich zum OA Gedanken?).

In meinem Beitrag (pdf) ging es mir darum deutlich zu machen, dass die verschiedenen Disziplinen sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen für eine Open Acess Umsetzung. Und nur wenn man man dies berücksichtigt und damit die 'Betroffenen', nämlich die, die Open Access publizieren sollen, in ihrem Bedürfnissen vesteht und somit mitnimmt, kann OA sich durchsetzen. 'Sonntagsreden' und Beschlüsse von SNF und DFG allein reichen da nicht aus. Und nicht nur ich komme in meinem Beitrag zum Schluss, dass offensichtlich OA bei den Betroffenen weit weniger angekommen ist als man vermutet würde. So bestehen ganz offensichtlich massive Informationsdefizite auf der Ebene der Wissenschaftler bezüglich OA im Allgemeinen aber auch in Bezug auf die konkrete Umsetzung.

Dass institutionelle Repositories kaum eine Rolle spielen beim OA Pulizieren wurde auch zumindest in der Diskussion zum Beitrag von
Heidemarie Hanekop (link SOFI Göttingen) (Folien) bestätigt.

Aus meiner Sicht, und das war mein letzter Punkt, werden die Fachgesellschaften, die Scientifc Communities, in der Diskussion rund um OA zu wenig berücksichtigt. Das Thema Open Access und Association Publishing habe ich hier ja bereits diskutiert.
Diese Organisationen leisten zumindest im Bereich der Information Systems, den ich gut kenne, einen dem Wissenschaftler äussert nützlichen Dienst, in dem z.B. aktuelle Conference Proceedings, aber auch Zeitschriften, zeitnah, ohne Embargo, quasi in Realzeit, der Communitiy verfügbar gemacht werden. Mehr will ich doch gar nicht als Wissenschaftler. Das ist faktischer Open Access!

Ein anderer Aspekt in dieser Session, den ich noch erwähnen möchte, war die Polarisierung in OA Journals und traditionelle Journals. Es wird hier immer wieder Schwarz-Weiss gedacht. Dabei ist doch der goldene Weg eine Möglichkeit für traditionelle Journals sich zu entwickeln.

Ein konkretes Beispiel ist
Electronic Markets - The International Journal on Networked Business, bei dem ich selbst als Associate Editor tätig bin. Zu Beginn des Jahres 2009 haben wir den Verlag gewechselt und sind nun bei Springer. Völlig unerwartet sind drei Papers der ersten beiden Ausgaben 2009 frei verfügbar, also Open Access, hier nach dem Springer Open Choice Modell. Das sind immerhin 21% aller Papers der beiden Ausgaben, also ein Fünftel - auch das ist Open Access.
Und selbstverständlich werde diese Papers genau so begutachtet wie alle anderen; zu Beginn des Review Prozesses ist nicht einmal bekannt, ob das Paper OA publiziert wird, der Entscheid hat also keinen Einfluss auf den Review Prozess.



Insgesamt plädiere ich für eine sachliche und differenzierte Diskussion und Auseinandersetzung rund um Open Access, die alle Stakeholder des
Ökosystems Journal Publishing miteinbezieht.

Mehr zu Open Access in diesem Blog gibt's
hier.



Bildquelle: open-access.net

______________________
Ergänzung 14. Okt. 2009: Die Vortragsfolien der gesamten Tagung sind (weitgehend) Online über das Tagungsprogramm abrufbar.

23. September 2009

Open Access und Association Publishing

Im editors's letter der Juli - Ausgabe der Zeitschrift Communications of the ACM (CACM) beschäftigt sich der Editor-in-Chief Moshe Y. Vardi mit der Frage des Open Access aus Sicht der ACM, der Association for Computing Machinery, eine globale, wissenschaftliche Vereinigung für die Informatik Community mit über 90'000 Mitgliedern: "Open, Closed, or Clopen Access?".

Er gibt eine Antwort auf die Frage, warum die ACM nicht ein Open Access Publisher wird.
"I am asked: "Why don't you adopt the open-access model?" Good question! Why don't we?
[...]

As for ACM's stand on the open-access issue, I'd describe it as "clopen," somewhere between open and closed. (In topology, a clopen set is one that is both open and closed.) "
Seine Hauptargumente sind, dass die ACM als wissenschaftliche Vereinigung sich klar von kommerziellen Publishern unterscheidet, letztendlich äusserst geringe Preise für seine Publikationen verlangt (die CACM kostet 126 USD p.a. für 12 Ausgaben (Print und Online) als Nicht-ACM Mitglied, ansonsten 99 USD incl. Mitgliedschaft) und der Profit letztendlich wieder den Mitgliedern zugute kommt.
"Just remember, "free" is not a sound business model."
Auf den editor's letter reagiert John Dupuis in seinem Blog Confessions of a Sicence Librarian mit einem Beitrag vom 2. Juli 2009 "The Association for Computing Machinery on Open Access". Er bescheinigt der ACM ein wohlwollendes Verhalten als Publisher:
"The ACM are on the side of the angels. They're the good guys, trying to do the best thing for their members and for the computing community as a whole. And they are obviously trying to make the best of tumultuous times in publishing."
Er stellt weiterhin fest, dass 80-90% der in ACM Journals publizierten Artikel via Green OA verfügbar sind, was wohl eine richtige Vermutung ist. Dupuis richtet aber auch Fragen an die ACM und ihr Publishing Modell:
  • "Is it still legitimate for a scholarly or professional society to use publications revenue to fund other member programs?
  • Is there a toll access business model for these societies that makes sense?
  • Is there an open access (ie. gold OA) business model for these societies that makes sense?
  • Do we really still need scholarly and professional societies to be publishers? How about in 5 or 10 years?
  • Do we really still need scholarly and professional societies at all? How about in 5 or 10 years?"
Und in der publishers's corner der CACM vom August 2009 antwortet dann Scott E. Delman, ACM Publisher: "Responding to the blogosphere" (leider nur für Abonnenten zugänglich). Er fokussiert vor allem auf die Rolle der Association Publishers als Teil der Scientific Communities:
"... that association publishers ... serve as field-wide gatekeepers of information and knowledge without a profit motive to drive their decision making. Associations like ACM ... are simply an extension of the intentions and will of the scientific communities they serve.

Much like the notion of an institutional repository at a more targeted level, associations provide a single point of entry for members to access the historical and ongoing record of scholarship for their entire field (if executed well, that is). [...]

... ACM and many other association publishers serve as well-intentioned caretakers of the scholarly record."
Die Rolle der Association Publisher im Rahmen wissenschaftlicher Publikationen einer Scientific Community wird durchaus deutlich und ist klar nachvollziehbar. Es fällt auf, dass die Scientific Communities in den übrigen Diskussionen rund um Open Access bisher kaum eine Rolle spielen, vielleicht weil sie als Communities schlichtweg funktionieren und keine Angriffspunkte bieten.

Und aus Delman's Sicht ist es nicht nur
Clopen Access wie Vardie es formulierte, sondern
"... all association publishers are esentially OA publishers, I mean this from the perspective that associations and their corresponding communities are one and the same."
Und in der Tat, sowohl als ACM Mitglied als auch als Hochschulmitarbeiter und somit als Teil dieser Scientific Community ist die ACM Digital Library für mich frei zugänglich, also faktisch Open Access; sehr gute Zeitschriften wie die CACM sind ohne jedes Embargo Online verfügbar.

Gleiches gilt auch für die AIS, die Association for Information Systems, ebenfalls eine globale wissenschaftliche Vereinigung, hier im Bereich der Information Systems. Die AIS bietet ihren Mitgliedern die AIS Electronic Library (AISeL) an, die eine Reihe von Online-Journals und vor allem die Online Proceedings der wichtigen Konferenzen der Scientific Community enthält: AIS conferences (ICIS und AMCIS), affiliated conferences und other conference, hier u.a. auch die Proceedings der deutschsprachingen Wirtschaftsinformatik-Konferenz sowie der Bled eConference. Somit sind die Konferenzbeiträge in aller Regel unmittelbar nach der Konferenz für die Scientific Community Online verfügbar - das ist echter Open Access, zumindest für Mitglieder der Information Systems Community.

Wissenschaftliches Publizieren kostet, aber in der Diskussion um valable Modelle für die Zukunft werden häufig Autoren, Leser und Verlage als Gegenpole dargestellt, die Scientifc Communities und ihre zugehörigen Association Publisher werden dabei selten erwähnt. Vielleicht ist das auch gut so, denn so werden sie nicht in (teils dogmatische) Diskussionen hineingezogen, die sie nur daran hindern würden, ihren Dienst für die Community zu tun.

Auch John Dupius hat in seinem Beitrag "ACM responds to the blogosphere" auf Delman reagiert, und zwar durchwegs sehr positiv, so wie man es im Verhältnis Librarian - Publisher nicht gewohnt ist.

Ich persönlich schätze sowohl die ACM Digital Library als auch die AIS Electronic Library sehr, und ehrlich gesagt sind sie mir viel nützlicher als die allermeisten Institutional Repositories, die heute allenthalben entstehen.

Bildquelle und ©: flickr.com/Robert Couse-Baker

8. September 2009

Wissensklau, Unvermögen oder Paradigmenwechsel? - Block 4, 2. Teil: Die Verantwortung der wissenschaftlichen Bibliotheken

Der letzte inhaltliche Vortragsteil der Tagung 'Wissensklau, Unvermögen oder Paradigmenwechsel?' beschäftigt sich mit der Verantwortung der wissenschaftlichen Bibliotheken in diesem Kontext.

Zusammenfassung der Kurzvorträge:

Die Einbindung der Informationskompetenzvermittlung in Hochschulcurricula in der Schweiz. Eine Momentaufnahme
Nadja Boeller, HTW Chur, Schweizerisches Institut für Informationswissenschaft (abstract)
Nadja Boeller diskutiert zunächst die Informationskompetenz als Schlüsselqualifikation. Anschliessend berichtet sie über die durchgeführte Erhebung in der Deutschschweiz, die im Rahmen eines Seminars durchgeführt wurde.
Anhang der Big6Skills nach Eisenberg/Berkowitz wurden die Curricula der Universität Zürich analysiert. Mit Hilfe der ACRL Standards wurden verschiedene Fachhochschulen untersucht.
Die Pädagogische Hochschule Zentralschweiz wurde anhand der DYMIK Begriffe zusammen mit dem UNESCO KIT analysiert. Hier war der pädagogische Aspekt besonders wichtig.

Als Fazit stellt Boeller fest, dass das Thema Informationskompetenz weitgehend integriert wurde in die FH Curricula, oft aber nicht verpflichtend. Anschliessend gibt sie einen Ausblick auf weitere Untersuchungen, z.B. Vergleiche zwischen Hochschulen und mit dem Ausland. Eine Arbeit hierzu wird demnächst bei den Churer Schriften zur Informationswissenschaft publiziert.


«Zitat und Plagiat» – eine Veranstaltung zur Vermittlung von Informationskompetenz an der UB Stuttgart und ihre Integration in die Lehre an der Universität
Markus Malo, Universitätsbibliothek Stuttgart (abstract)
Der Autor berichtet über konkrete Erfahrungen zur Informationskompetenz-Vermittlung an der UB Stuttgart. Neben den Einführungskursen werden Kurse angeboten zu Literaturverwaltungsprogrammen, zu diversen Publikationsmöglichkeiten incl. Open Access sowie zum korrekten Umgang mit Quellen gemäss urheberrechtlichen Bestimmungen ('Zitat und Plagiat'). Bis auf die Einführungskurse sind alle Angebote fakultativ. Der Kurs 'Zitat und Plagiat' wird ausführlich vorgestellt.


Bibliothekarische Beiträge zu einem präventionsorientierten Umgang mit studentischem Plagiarismus an Hochschulen
Samuel Weibel, Hochschule der Künste Bern, Musikbibliothek (abstract)
Der Referent präsentiert die Plagiatsthematik aus Sicht der Hochschule der Künste Bern. Er betont u.a. vor allem die Schulung von Dozierenden u.a. zur Sensibilisierung zum Thema Plagiate. Er versteht Bibliotheken als "Plagiarism Advisory Services".


Nach der Mittagspause folgen vier weitere Kurzvorträge mit verschiedenen konkrten Lösungsansätzen:

Was Informationskompetenz mit wissenschaftlichem Arbeiten zu tun hat und wie Universitäts- und Hochschulbibliotheken ihre Aufgabe als Informationsvermittler wahrnehmen: der kooperative Ansatz im Bibliotheksverbund Bayern
Fabian Franke, Universitätsbibliothek Bamberg (abstract)
Der kooperative Ansatz des Bibliotheksverbundes Bayern ('kollegiale Beratung') steht bei Frank im Zentrum seines Beitrages. Der Verbund betreibt die Plattform www.informationskompetenz.de, u.a. mit einer Materialiendatenbank mit über 1000 Materialien und weiteren Informationen. Darüber hinaus betreibt der Verbund gemeinsame e-learning Angebote.

Zu Beginn fragt er nach der Legitimation der Bibliothekare in Zukunft in Anspielung u.a. auf die umstrittenen Thesen von Reuss oder auch einiger provokanter Formulierungen im call for papers zur Lernenden Bibliothek 2009.


Die Universitätsbibliothek Regensburg als wissenschaftliche Universalbibliothek im Spannungsfeld von Wissenschaftsdiskurs und Informationskompetenz
Naoka Werr, Universitätsbibliothek Regensburg (abstract)
Seit dem Sommer 2006 gibt es an der Uni Regensburg einen Studieneinheit 'Informationskompetenz', die z.B. als Nebenfach auf Bachelor- und Masterstufe gewählt werden kann. Die Studienenheit wird kooperativ von der Bibliothek und dem Lehrstuhl für Informationswissenschaft betreut und ist so in die Forschung eingebunden. Zum Abschluss stellt sie die Frage 'Plagiieren sie noch oder sind sie schon informationskompetent?'. Damit soll u.a. auch der Mehrwert die Studieneinheit aufgezeigt werden.


Auch geistiges Eigentum ist als Eigentum geschützt. Ein Praxisbericht von der Universitätsbibliothek der TU Chemnitz
Bernd Juraschko, Technische Universität Chemnitz, Universitätsbibliothek (abstract)
Der Jurist fokussiert auf rechtlichen Aspekte und zeigt auf, wie diese in Informationskompetenzkurse an der TU Chemnitz (Beispiel IK Online) integriert werden.
Dann erläutert er den Kurs 'Recht des Geistigen Eigentums für Naturwissenschaftler' (pdf). Schwerpunkt ist hier u.a. das Patentrecht (Patentinformationszentrum).


Wissenschaftliches Arbeiten im Wandel aus der Sicht von Online-Repositorien
Christian Fuhrer, Hauptbibliothek Universität Zürich (abstract)
Der Autor berichtet über Open Access an der Uni Zürich und das zürcher Online Repository ZORA. Seit 2008 werden ALLE Publikationen in ZORA erfasst. Dann thematisiert er den Zusammenhang OA, Repositories und Plagiarismus. Er weisst vor allem auf die bestehenden Nutzungsbedingungen und Leitlinien hin. Abschliessend zeigt er beispielhaft die Plagiatsprüfung einer naturwissenschaftlichen Sammel-Dissertation. Fuhrer schliesst mit dem Fazit: "Repositorien erhöhen die Transparenz wissenschaftlicher Publikationen".

Damit bestätigt er die Forderung nach 'radikaler Öffentlichkeit' von Fröhlich, die er im Eröffnungsvortrag aufgestellt hat.

21. Mai 2009

Von Open Access zu Open Science


In dem Beitrag "Offene Forschung als Extremsport" in FAZ.NET vom 20. Mai 2009 beschäftigt sich der Autor Joachim Müller-Jung sachlich und nüchtern mit den Veränderungen im wissenschaftlichen Publikationswesen aus Perspektive der Natruwissenschaften.

Diese Diskussion erweitert den Horizont auf Aspekte jenseits der Open Access Debatte, die gegenwärtig sehr hitzig geführt wird. Es geht hier also um neue Formen der Wissenschaftskommunikation, welche "mehr Transparenz und Schnelligkeit" fordern und bieten und die möglicherweise so stark sind, "völlig neue Strukturen zu schaffen".
"Tatsächlich aber geht es um neue Modelle von "Pre-Publications", von Vorveröffentlichungen. Noch bevor das Ergebnis eines wissenschaftlichen Experimentes mitsamt seiner Interpretation den vollständigen und oft langwierigen Prozess des Peer-Reviews bis zur Publikation durchschritten hat, möge es auf Online-Plattformen öffentlich zugänglich gemacht werden."
Diese Entwicklung ist insbesondere bei den Kernphysikern ein alter Hut. Letztendlich waren es die Bedürfnisse dieser Disziplin, welche die Open Access Entwicklung eingeleitet haben und nicht zuletzt zur Entwicklung des WWW geführt haben. Einer der Protagonisten dieser Entwicklung und 'Erfinder' von ArXiv.org ist Paul Ginsparg ("Open Access: From Myth to Paradox"). GenBank ist ein weiteres Beispiel für ein solches Repository aus der Biologie.

Der FAZ.NET Artikel greift einen weiteren Aspekt des Open Access auf:
"Dieses vorgeschaltete Online-System wird längst nicht mehr nur als Fortschrittsmotor gepriesen, es soll auch präventiv wirken."
Es wird die Hypothese aufgestellt, dass mehr Transparenz, eben z.B. durch die Open Access Publikation in Form von PrePronts wie in der (Kern-) Physik, Fälschungen und Plagiate früher erkennbar werden.

Für eine totale Offenheit plädiert der Autor Michael Nielsen (Nielsen's Blog), der in dem Aufsatz "Doing Science in the Open" für eine "extreme Offenheit" einer "Open Science" eintritt. (physicsworlsd.com, 1. Mai 2009).
"Online networking tools are pervasive, but why have scientists been so slow to adopt many of them? Michael Nielsen explains how we can build a better culture of online collaboration."
Nielsen zeigt auf, wie Open Science, basierend auf den heute verfügbaren Technologien des 'Web 2.0', letztendlich dem Wohl der Gesellschaft dient.
"The adoption and growth of scientific journals has created a body of shared knowledge for our civilization, a collective long-term memory that is the basis for much of human progress. This system has changed surprisingly little in the last 300 years. Today, the Internet offers us the first major opportunity to improve this collective long-term memory, and to create a collective short-term working memory — a conversational commons for the rapid collaborative development of ideas."

"We should aim to create an open scientific culture where as much information as possible is moved out of people’s heads and labs, onto the network and into tools that can help us structure and filter the information. This means everything — data, scientific opinions, questions, ideas, folk knowledge, workflows and everything else. Information not on the network cannot do any good. "
Über die Fähigkeit der Wissenschaft, die neuen Formen von Open Science
umzusetzen, denkt Nielsen optimistisch:
"This change will not be achieved without great effort. From the outside, scientists currently appear puzzlingly slow to adopt many online tools. As we will see, this is a consequence of some major barriers deeply embedded within the culture of science. Changing this culture will only be achieved with great effort, but I believe that the process of scientific discovery — how we do science — will change more over the next two decades than in the past 300 years. "
Nielsen zweigt weitere Beispiel für die kreative Nutzung neuer Technologien für eine Open Science:
"Two examples are Journal of Visualized Experiments, which lets scientists upload videos that show how their experiments work, and “Open Notebook Science”, as practised by scientists like Jean-Claude Bradley and Garrett Lisi, who expose their working notes to the world. In the coming years we will see a proliferation of tools of this type, each geared to sharing different types of knowledge. "
Nielsen thematisierr aber auch den Prozess von Wissenschaft und propagiert neue Formen der Kollaboration:
"... and that is through a change to the process and scale of creative collaboration itself, enabled by social software such as wikis, online forums and their descendants.
[...]
Science is an example par excellence of creative collaboration, yet scientific collaboration still takes place mainly via small scale face-to-face meetings."
Auch hier zeigt er Beispiele auf.

Er fragt immer wieder, warum Wissenschafter diese neue Formen der Kollaboration basierend auf neuen Tools nicht anwenden. Anhand von Beispielen kommt er zum Ergebnis:
"It turns out that there are major cultural barriers preventing scientists from getting involved, thereby slowing down the progress of science."
Ausführlich diskutiert Nielsen auch Auswege, wobei der u.a. auch die Open Access Bewegung als ein Schritt in die Richtung Open Science betrachtet und die Ökonomie von Kollaboration diskutiert.

Nielsen's Forerung nach einer extremen Offenheit klingt allerdings noch sehr idealistisch und die heftige Open Access Diskussion zeigt die Barieren, die insbesondere in der heutigen Wissenschaftskultur begründet sind:
"Ideally, we will achieve a kind of extreme openness: making many more types of content available than just scientific papers; allowing creative reuse and modification of existing work through more open licensing and community norms; making all information not just human readable but also machine readable; providing open interfaces to enable the building of additional services on top of the scientific literature, and possibly even multiple layers of increasingly powerful services. Such extreme openness is the ultimate expression of the idea that others may build upon and extend the work of individual scientists in ways that they themselves would never have conceived. "


Bildquelle: flickr.com/psd

25. März 2009

Open Access Debatte - endlich eine sachliche Debatte?

Die Debatten rund um Open Access werden immer heftiger, sind häufig polemisch, unsachlich und kaum differenzierend.

In einem erfreulich sachlichen Beitrag hat Matthias Spielkamp, Publizist und Projektleiter bei iRights.info - Urheberrecht in der digitalen Welt, ein Essay mit dem Titel "Open Excess: Der Heidelberger Appell" bei perlentaucher.de veröffentlicht. Dabei setzt er sich mit den verschiedenen Beiträgen in dieser Debatte kritisch und sachlich asueinander.


Nachdem insbesondere die DFG - Deutsche Forschungsgemeinschaft - massiv angegriffen wurde, haben zehn deutsche Wissenschaftsorganisationen mit einer gemeinsamen Erklärung vom 25. März 2009 Stellung bezogen: "Open Access und Urheberrecht: Kein Eingriff in die Publikationsfreiheit".

Es bleibt zu hoffen, dass die Diskussion auf der sachlichen Ebene bleibt.


Bildquelle: Gideo Burton/flickr.com



24. Februar 2009

Die Open Access Debatte zwischen Polemik und Sachlichkeit

Über die Diskussion rund um Open Access habe ich in diesem Blog schon verschiedentlich berichtet (vgl. Einträge mit dem Tag 'Open Access').

Bei FAZ.NET fand kürzlich hierzu ein weiterer Schlagabtausch statt.
Am 11. Feb. 2009 wurde zunächst der Beitrag von
Roland Reuß, Professor für Germanistik in Heidelberg, veröffentlicht: "Forschungspublikationen: Eine heimliche technokratische Machtergreifung" (Artikel nicht mehr Online verfügbar). Die markige Überschrift bestimmt den Tenor des Beitrags. Der Autor lässt kein gutes Haar an Open Access, Wissenschaftsrat, DFG und die Kultusministerkonferenz in Deutschland. Auch die Praxis an der Universität Konstanz und die Universität Zürich mit den Open Access Repository ZORA wird in die pauschalierende Kritik einbezogen. Die Sprache ist deutlich - und kaum einer objektiven Diskussion dienend: Er spricht von "ideologischen Forderungen der Open-Access-Aktivisten" oder von einem "staatsmonopolistischen Verwertungskreislauf", den die DFG in Gang bringen will. Im Fall ZORA der Uni Zürich ist die Rede von einer "autoritären Diktion, die an einen Gestellungsbefehl gemahnt".

Recht hat Reu
ß mit der Mahnung, Open Access nicht unkritisch einfach so zu akzeptieren und anzuwenden:
"Was für die Einführung einer gentechnischen Pflanze in freiem Feld Standard ist, muss erst recht für so etwas wie Open Access und seine Nebenwirkungen gelten."
Mit dem gleich anschliessenden Satz hat er zwar inhaltlich durchaus recht, aber die Wortwahl scheint kaum akzeptabel und macht den Autor damit auch gleichzeitig unglaubwürdig:
"Dabei muss scharf zwischen Tatsachen und Propagandaphrasen (Globalisierungsdruckgeschwätz) unterschieden werden."
Eine ausführliche Diskussion des FAZ.NET Beitrags findet man z.B. im Blog Wissenschaftsurheberrecht im Beitrag "Open Access 'unsittlich und verwerflich'?" oder im Blog PHILOBAR.

Eine indirekte Replik auf den Beitrag von
Reuß erschien an gleicher Stelle am 18. Feb. 2009 von Gudrun Gersmann: "Wer hat Angst vor Open Access?" Die Autorin ist Direktorin des Deutschen Historischen Instituts in Paris und Vorsitzende des Unterausschusses „Elektronische Publikationen“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

"Statt auf Polemik mit Gegenpolemik zu antworten, sei hier zu einer kurzen und nüchternen Bestandsaufnahme eingeladen. Was bedeutet Open Access in der Praxis?"
Gersmann berichtet also über die Open Access Praxis des im Jahre 1958 gegründeten Deutschen Historischen Institut in Paris. Sie zeigt die konkrete Praxis des Umgangs mit Open Access in einer konkreten geisteswissenschaftlichen Institution auf und macht deutlich, warum Open Acess in diesem Kontext sinnvoll und richtig ist. Ihre Aussagen werden in vier zentralen Beobachtungen zusammengefasst.
"Erstens ist die Nachfrage der Wissenschaftler selbst nach Open Access inzwischen groß und drängend. [...] Open Access Publizieren ist zweitens qualitätsbewusstes Publizieren. [...] Drittens: Als die von den Kritikern an die Wand gemalte Enteignung empfinden unsere Autoren den freien Zugang zu ihren Werken wahrlich nicht. [...] Zu guter Letzt begreifen wir die Open-Access-Politik unseres Instituts als einen wichtigen Beitrag zur Internationalisierung und Demokratisierung der Geisteswissenschaften."
Am Ende kommt die Autorin zum Schluss:

"Mir scheint, Open Access bedeutet keine Gefahr für das Abendland, im Gegenteil."
Es bleibt natürlich dem Leser überlassen, welchen der beiden Beiträge er als hilfreich für die eigene Arbeit bewertet.


18. Dezember 2008

'Es fällt uns schwer, nicht an das Gute zu glauben' - zur Ethik beim Publizieren von medizinischen Studien

Im Zusammenhang mit dem wissenschaftlichen Publizieren lesen wir immer häufiger von Plagiaten, Betrugsfällen, Fälschungen, 'unethischem Verhalten', etc. Gerade in der Medizin kommen immer mehr Betrugsfälle ans Licht.

Zu einem aktuellen Fall einer manipulierten Studie aus Innsbruck (
" 'Lancet' zieht manipulierte Innsbrucker Studie zurück", "Forschungsskandal in Innsbruck"), die im "Lancet" erschienen war, nimmt ein Redakteur der Zeitschift in einem in der Neuen Zürcher Zeitung NZZ am 17. Dezember 2008 publizierten Interview Stellung:

"'Es fällt uns schwer nicht an das Gute zu glauben' - Der Lancet Redaktor Stuart Spencer zur Ethik zum Publizieren von medizinischen Studien"

- leider ist das Interview bisher nicht frei Online verfügbar.


Spencer versucht zu erklären, warum sich solche Fälle nicht ganz vermeiden lassen. Eine Aussage gleich zu Beginn ist auch in vielen anderen Disziplinen anwendbar: "Zweifellos hat in den vergangenen Jahren der Publikationsdruck der Forscher zugenommen." Für die Medizin folgert er daraus: "Parallel dazu ist auch mehr wissenschaftliches Fehlverhalten entdeckt worden. Dennoch: Diese Fälle machen einen extrem kleinen Anteil an den publizierten Arbeiten aus."* Müssen wir also zunehmendes Fehlverhalten als gegeben akzeptieren? Ist das die neue Ethik des wissenschaftlichen Publizierens? Oder ist es schlichtweg ganz pragmatisch gedacht? Interessant ist, dass in dem betreffenden Fall es offensichtlich Anzeichen von Ungereimtheiten gab, aber welche das waren, will Spencer nicht sagen. Hat man also zu wenig sorgfältig gearbeitet? Entschuldigt wird das Verhalten mit dem Glauben an das Gute im Menschen (bzw. Wissenschaftler): "Wir haben den Forschern vertraut und sind davon ausgegangen, dass sie ehrlich und wahrheitsgetreu ihre Studienresultate rapportieren."
Würde man alle Kontrollmöglichkeiten der Redaktion ausschöpfen wollen, dann kommt Spencer zum Schluss: "Solche Kontrollen aber würden das Publizieren unmöglich machen." Zentral für die Redaktion sind die Peer Reviews: "Ihre Einschätzung der Studienqualität ist für uns entscheidend".


Spencer macht auch deutlich, dass auch unfertige Beiträge publiziert werden, sofern das Thema hohe Aktualität hat und z.B. Krankheiten wie Sars somit möglicherweise früher bekäpft werden können.


Auch äussert sich Spencer zu Open Access:
"Nur in einer idealen Welt wäre der Zugang zu allen Publikationen frei. Aber das ist unrealistisch, denn alle Fachzeitschriften müssen bezahlt sein. Auch 'open access' - Journale sind nicht gratis. Statt von den Lesern werden sie einfach von den Forschern, die darin publizieren, bezahlt. Für mich ist das eine seltsame Anomalie, werden doch Dienstleistungen üblicherweise von den Nutzern und nicht von den Anbietern bezahlt."



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* Zu den quantitativen Verhältnissen wird folgendes festgehalten: Von jährlich 800 eingereichten Beiträgen werden 350 gedruckt, das macht 4.3%. Und in den letzten 15 Jahren wurden 4 oder 5 Beiträge bzw. Studien zurückgezogen.

18. November 2008

Open Access: Differenzierung tut Not!

Viel wird zurzeit geschrieben und diskutiert zum Thema Open Access (OA). Dabei wird aber IMHO oft wenig differenziert argumentiert, ja sogar z.T. ‚dogmatisch‘. Dabei geht es doch weniger um eine in der Diskussion häufige Schwarz-Weiss – Malerei – hier die Guten, dort die Bösen. Die Perspektive sollte weiter gefasst werden: Es geht letztendlich um fundamentale Veränderungen im Kontext des wissenschaftlichen Publizierens, OA ist dabei ein, wenn auch zentraler, Aspekt. Letztendlich geht es doch um Veränderungen des gesamten Ökosystems wissenschaftlicher Publikationen bzw. des Publizierens (vgl. Mierzejewska, B. I.: The eco-system of academic journals. Dissertation St. Gallen, 2008).

Die sog. Zeitschriftenkrise, von vielen als Auslöser der OA Debatte betrachtet, ist dabei genauso ein Element des sich verändernden Ökosystems wie die Prinzipien der wissenschaftlichen (Weiter-) Qualifikation, die gut durch den Begriff des
‚publish or perish‘ beschreiben werden kann. Nicht zuletzt sind die Entwicklungen des Internet und seine Dienste ein wichtiger Treiber der Entwicklungen, die z.B. OA gar erst ermöglichen. Wenn man sich mit den genannten Veränderungen beschäftigt, tut man gut daran, nicht alle Wissenschaftsdisziplinen über einen Kamm zu scheren.

So gehen die oft zu wenig differenzierten OA-Diskussionen z.B. an den Rechtswissenschaften fast völlig vorbei. Betrachtet man die Ausgangslage dieser Disziplin, so entdeckt man markante Unterschiede beispielsweise zu den STM (Science, Technology, Medicine) Disziplinen oder den Sozialwissenschaften. Wichtige Eigenheiten sind u.a. die Besonderheit von Rechtsdaten als Gegenstand des wissenschaftlichen Publizierens, die primär nationale Ausrichtung der Märkte, die klar mittelständisch und national geprägte Struktur rechtswissenschaftlicher Verlage, das weitgehende Fehlen einer Zeitschriftenkrise oder die Rolle der wissenschaftlichen Publikationen im Hochschulbereich. Auch die Welt des wissenschaftlichen Publizierens in den Rechtswissenschaften verändert sich, aber mit den kaum differenzierten Argumenten der OA-Debatte erweist man zumindest den Rechtswissenschaften keinen Dienst.
Im November 2008 wurde diesem Thema in Bern die ‚Tagung für Informatik und Recht‘ gewidmet. Ende des Jahres wird eine entsprechende Studie im Auftrag des SVRI fertiggestellt, die dann in geeigneter Form veröffentlicht wird.

16. November 2008

Open Access: From Myth to Paradox

'Open Access: From Myth to Paradox', so lautete der Titel eines Vortrages von Paul Ginsparg, Cornell University, am 11. Nov. 2008 in der Schweizerischen Nationalbibliothek im Rahmen der Library Science Talsk 2008. Ginsparg ist Kernphysiker und in der Fachwelt bekannt geworden duch die Entwicklung des Preprint-Archivs ArXiv.org.

Eines seiner Ziele für den Vortrag war: "I will discuss straightforward applications of existing ideas and services, including citation analysis, collaborative filtering, external database linkages, interoperability, and other forms of automated markup, and speculate on the sociology of the next generation of users."
Gerne hätte ich von Ginsparg seine Vision zu Open Access und die Zukunft der Wissenschaftskommunikation gehört. Aber wie es so ist wenn ein Pionier ins Erzählen kommt, für diesen Teil der Präsentation ('III. Where are we gpoing?') blieb kaum noch Zeit. In kaum mehr als 5 Minuten musste das Thema abgehandelt sein. Schade. Die (leicht angepassten) Vortragsfolien sind glücklicherweise Online verfügbar. Allerdings sind sie kaum wirklich selbsterklärend. Vieles bezieht sich auf ArXiv.org und dessen Entwicklung.

Für den Ausblick in die Zukunft bleiben immerhin ein paar Folien, die eine Idee geben was Ginsparg im Sinn hat. Seine Kernaussage ist in folgenden statement zusammengefasst: "Qualitatively new research and cognitive methodologies, transformation in the way we process scientific information, with academic community as role model for the creation and dissemination of knowledge to the public."
Oder anders formuliert: Das Internet als Medien, das Web mit seinen vernetzten Informationen, mobile und allgegenwärtige Endgeräte und das Verhalten der Generation der Digital Natives führen zu einer neuen Form von 'Wissenschaft' und 'wissenschaftlichem Publizieren'.

Amüsant ist u.a. ein e-mail von Ginsparg aus dem Jahr 1992 an einen Kollegen am CERN auf die Frage, ob er das World Wide Web kenne: "i know nothing of www (what is it?, every other week someone tells me about some new wonderful network that i've never heard of but that will be the solution to everything."


Bildquelle: Homepage Paul Ginsparg