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26. November 2016

Eine seltsame Sicht: Open Access als Basis digitaler Wissenschaftskontrolle?

Das Thema Open Access hat mich auf diesem Blog schon mehrfach beschäftigt, und ich habe mich immer für eine differenzierte Sicht eingesetzt. Also Autor, Wissenschaftler und als Herausgeber einer wissenschaftlichen Zeitschrift setze ich mich aus verschiedenen Perspektiven mit dem Thema auseinander. Nachdem ich heute den Artikel Digitale Wissenschaftskontrolle bei faz.net gelesen habe, folgt nun ein weiterer Beitrag.

Der Autor des Artikels, der ganz offenbar Bibliothekar ist, hat ehrlich gesagt eine ziemlich verquere Sicht auf Open Access, die ich im Folgenden kommentiere:

1. Der Autor schreibt:
"Wenn die Wissenschaftler ihre Aufsätze nicht mehr in gedruckten Fachzeitschriften veröffentlichen würden, sondern digital auf Volltextservern ihrer Universitäten, müssten sie die Verwertungsrechte an ihren Veröffentlichungen nicht mehr an Verlage abtreten, die mit ebendiesen Rechten Geld verdienen."
Open Access gleich digital und Online, traditionelle Zeitschriften gleich analog und gedruckt? In welcher Welt lebt der Autor? Die Zeitschriften, die ich für meine Arbeit regelmässig nutze, sind allesamt Online verfügbar, und ob es sie auch gedruckt gibt, interessiert mich schlichtweg nicht. Und als Autor wie auch Nutzer wissenschaftlicher Publikationen stelle ich fest, dass Zeitschriften, die nicht Online im Volltext über ein mir zugängliches System verfügbar sind, faktisch heute nicht existieren.

2.  Wieso in aller Welt bedeutet Open Access gleich eine Monopolisierung durch den Staat? Das erschliesst sich mir schlichtweg nicht. Ein staatliches Publikationsmonopol die Wissenschaft - wie es der Autor sieht - ist sicher nicht die Konsequenz von Open Access.

3. Open Access bedeutet nicht automatisch die Ausschaltung der Verlage. Verlage unterstützen die Open Access Publikation im Rahmen des sog. goldenen Wegs von Open Access, wie dieses Beispiel deutlich macht. Das könnte der Autor eigentlich wissen ...

4. Der Markt der Wissenschaftsverlage ist ein globaler Markt. Und global gesehen gibt es wenige Verlage von Bedeutung, auf der anderen Seite sind vor allem Bibliotheken und Bibliotheksverbünde die Abnehmer. Einen echten Wettbewerb - wie der Autor es auf Seite der Verlage impliziert - gibt es hier nicht. Will eine Bibliothek eine bestimmte Fachzeitschrift abonnieren und seinen Nutzern zur Verfügung stellen, besteht schlichtweg keine Auswahl; die Zeitschrift wird von genau einem Verlag angeboten. Und dieser kann dann die allseits kritisierten hohen Preise verlangen; die Fachwelt spricht hier auch von der Zeitschriftenkrise. Open Access publizierte Artikel sind dagegen häufig über mehrere Online Repositories abrufbar, so auch im Rahmen der sog. Selbstarchivierung im Rahmen des grünen Wegs durch die Autoren selbst.

5. Und quasi nebenbei wird auch die Erfindung des Computers mehr oder weniger für das Böse verantwortlich gemacht:
"Er betreibt das Geschäft von „Kommunikation und Kontrolle".
[...] 
 Die Logik des Computers ist die einer Kontrolltechnik, die via Internet inzwischen weltweit operiert und dabei Welt-, Kommunikations- und Datenkontrolle zu Synonymen gemacht hat."
Ist es nicht der Mensch, der den Computer zur Kommunikation und Kontrolle nutzt?

Und wenn der Autor das Messen von Zitaten in diesem Kontext kritisiert, dann bleibt festzustellen, das man den sog. Impact Factor - und andere Kennzahlen wissenschaftlicher Qualität - tatsächlich kritisieren kann, aber dass alle diese Kennzahlen von Menschen entwickelt und verwendet werden; der Impact Factor bereits seit den 1960er Jahren, also lange bevor es Opena Access oder digitale Zeitschriften gab.

6. Der Autor folgert aus der Open Access Publikation ein Einfallstor für Wissenschafts- und Industriespionage. Dass das Rechercheverhalten von Nutzern missbraucht werden kann, einverstanden, darüber kann man diskutieren. Aber auch die genannten Firmen und Organisationen unterliegen dem Datenschutzrecht, das keinesfalls ein zahnloser Tiger ist. Und ob ich nach Open Access Artikeln oder nach traditionell publizierten Aufsätzen recherchiere , das macht für mich hier keinen Unterschied. Wer mein Rechercheverhalten beobachten will, interessiert sich kaum dafür nach welchem Modell ein Beitrag publiziert wurde, denn so oder so sind die Artikel digital und Online verfügbar. Oder habe ich nicht verstanden, was der Autor hier sagen will?
"Wir haben hier keine Instrumente vor uns, die für universitäre Kontrollzwecke und für die Wissenschafts- und Industriespionage missbraucht werden können, sondern Instrumente, zu deren Design die Kontrolle samt der Wissenschafts- und Industriespionage gehören.
"Damit ist die Logik der Kontrolle aber keineswegs erschöpft. Denn der von den Bibliotheken zu Open-Access-Konditionen ins Netz gestellte „Content“ wird zuletzt von jenen Akteuren angeeignet, die die Datenflüsse im Netz steuern und kontrollieren. Wobei der Staat hier weniger einen Anlass für eine Intervention sieht, sondern die Gelegenheit zu Kooperation, denn über die in amerikanischer Hand befindlichen Monopolisten vom Typ Google, Amazon und Facebook erfährt auch er, was seine Bürger denken und tun. "
7. Der Autor schreibt:
"Zugleich aber lassen sich die Download-Zahlen der Aufsätze und Bücher mit den Personendaten der Wissenschaftler verknüpfen, um die in den Naturwissenschaften seit langem schon verbreiteten bibliometrischen Zitationsindizes endlich auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften einzuführen."
Nun, Downloadzahlen gibt es bei jeder Form von Online publizierten Inhalten, ob Open Access oder nicht. Und die bibliometrischen Zitationsindizes bestehen, wie der Name schon sagt, auf Zitationen, und nicht auf Downloads. Dazu sei dieser Beitrag zur Lektüre empfohlen.  Ach ja, und die Zitationsindizes gibt es bereits in den Sozial- und Geisteswissenschaften.


Open Access ist sicher ein Thema, über das es zu diskutieren gibt, auch im Hinblick auf die Demokratisierung des Wissens. Aber leider hat der Artikel mehr von einer Verschwörungstheorie als von einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Open Access. Aber im postfaktischen Zeitalter ist wohl alles erlaubt. Und am Schluss meines Beitrages frage ich mich, ob es überhaupt Sinn macht, darauf zu reagieren ...

Bildquelle: flickr.com/Robert Couse-Baker (CC Lizenz)

6. Mai 2012

Dokumentation einer Online Diskussion: Wie man Twitter nutzbringend einsetzen kann

(Quelle: flickr.com/scott_hamson)
Wenn es um den Nutzen von Twitter geht, scheiden sich oft die Geister: Die einen empfinden es als grossartiges und Mehrwert-stiftendes Kommunikationstool, die anderen belächeln es mit Argumenten wie "was kann man schon mit 140 Zeichen sinnvolles ausdrücken".

Tatsache ist, dass Twitter aus meiner Sicht ein äusserst komplexes Tool ist. Der Nutzen erschliesst sich erst allmählich, Quick Wins sind kaum möglich.

Sicher, einzelne Tweets sind oft kaum verständlich und nachvollziehbar und werden gerne zitiert, um Twitter lächerlich zu machen. Wer aber so argumentiert, hat Twitter (noch) nicht verstanden.

Der Mehrwert von Twitter wird oft erst durch die Einbettung in einen Kontext erzielt: Dieser Kontext kann sein eine thematische Diskussion (die z.B. mittels Hashtag identifizierbar ist), eine Diskussion rund um einen Event (ebenfalls via Hashtag, z.B. #smgzh) oder als Diskussion in einer Community (z.B. mittels einer Twitter Liste).

2. April 2011

Auf dem Weg zur Hochschule 2.0

Das Web 2.0 bzw. die Social Media haben längst auch die Hochschulen und die Wissenschaft erreicht.

Allerdings sind immer noch viele Kollegen eher zurückhaltend bei der aktiven Nutzung, häufig gehörte Argumente reichen von "hab´keine Zeit dafür", "ist doch nur Zeitverschendung" bis zu "ja ich sollte, weiss aber nicht genau wie".

Im Blog Wissenschaft und neue Medien veröffentlicht Wenke Richter (@DigiWis) eine Liste zum Thema Wofür können Wissenschaftler Web 2.0/Internet nutzen?  Diese Liste umfasst Aspekte von der Recherche, der Lehre über das Peer Review bis zum Ersatz der Teeküche. Diese Übersicht ist sicher für diejenigen, die Social Media nutzen wollen, aber nicht recht wissen wo und wie, ein guter erster Einstieg.

13. März 2011

Selbstplagiate in der Wissenschaftskommunkation - ein konkreter Fall

Es ist schon erstaunlich, wie selbst erfahrene Autoren die Regeln des wissenschaftlichen Publizierens verletzen und dabei ganz offensichtlich entweder kein Unrechtsbewusstsein empfinden und/oder naiv genug sind zu glauben, dass der Regelverstoss nicht entdeckt wird. Ob dies beabsichtigt geschieht oder aus Nachlässigkeit, sein dahingestellt.

In diesem Beitrag habe ich bereits ein Beispiel aus der Praxis als Mitherausgeber des wissenschaftlichen Journals Electronic Markets aufgezeigt, in dem es um die Entdeckung von Plagiaten geht. Autoren, die Beiträge für ein wissenschaftliches  Journal wie Electronic Markets einreichen, sind definitiv keine Anfänger in ihrem Fach. Desto erstaunlich ist es, dass Plagiate und auch Selbstplagiate  immer wieder vorkommen.

Aktuell musste ich mich mit einem Fall von Selbstplagiat oder auch Autoplagiat beschäftigen. Der Autor einer Einreichung hat mehr als 2000 Wörter - in einem Beitrag von rund 7000 Wörtern - aus einem von ihm als Koautor mit verfassten Konferenzbeitrag wörtlich kopiert, ohne diesen Beitrag in irgendeiner Form als Referenz zu nennen.
"Im  universitären  Kontext  ist  unter  einem „Selbstplagiat“ die Wiederverwertung eigener wissenschaftlicher Arbeiten ohne Hinweis auf die Originalarbeit zu verstehen." (Gamper 2009)

23. Dezember 2010

Electronic Markets wurde in den Social Science Citation Index (SSCI) aufgenommen

Das ist doch ein schönes Weihnachtsgeschenk: Nachdem wir es schon inoffiziell seit einigen Wochen wissen und auch kommunizieren, ist es jetzt hochoffiziell:

Das Journal Electronic Markets - The International Journal on Networked Business, verlegt bei Springer, wurde in den SSCI, den Social Science Citation Index, (Link) aufgenommen.

Das 'offizielle' Dokument kam per 20. Dezember 2010:
"I am pleased to inform you that Electronic Markets has been selected for coverage in Thomson Reuters products and services.  Beginning with V. 19 (1) 2009, this publication will be indexed and abstracted in:  Social Sciences Citation Index [...]"
Damit ist Electronic Markets in die höchste Liga wissenschaftlicher Publikationen aufgestiegen!


30. September 2010

Konferenzen, Social Media und (Wissenschafts-) Kommunikation

Impressionen von der re:publica10
Sicher, Social Media sind nicht Alles, und vielleicht werden sie (noch) überschätzt. Aber dass die Kommunikation sich durch die neuen und die sogenannten sozialen Medien verändert, dürfte offensichtlich sein. Sicher, man muss auch nicht jeder Modeerscheinung hinterherrennen, aber gleich alles zu ignorieren, das kann es auch nicht sein.
Dieser Eindruck ergibt sich (leider) aus der Verfolgung – oder dessen Versuch – der Informatik 2010 in Leipzig aus der Ferne. Faktisch ist diese Informatik-Konferenz, immerhin die 40. Jahrestagung der Gesellschaft für Informatik, in den Social Media nicht vertreten und zeigt sich auch sonst Online eher bescheiden.

6. September 2010

Social Networks und Hochschulen - Einsatzmöglichkeiten und Herausforderungen

Auf Einladung des Fachbereichs Management der HTW Chur habe ich heute die Gelegenheit gehabt, einige grundsätzliche Anwendungsmöglichkeiten von Social Media im Hochschulkontext vorzustellen und mit den Vertretern des Fachbereichs zu diskutieren. 


In meiner Präsentation ging es mir primär darum, grundsätzliche Anwendungsmöglichkeiten von Social Media an einer Hochschule, z.B. in der Lehre, aufzuzeigen und vor allem die weitere Diskussion anzustossen. Dabei habe ich vor allem auch persönliche Erfahrungen einfliessen lassen. Trotz dem Versuch einiger Definitionen war es nicht mein Ziel, das Thema wissenschaftlich zu betrachten. 



18. Mai 2010

10. Mai 2010

Media for Science Forum - eine Vorschau

12th-13th May 2010, Madrid, Spain
Die IKT, die neuen Medien und das Web 2.0 verändern zweifellos auch den Bereich der Wissenschaft. Dies betrifft vor allem auch die Art und Weise der Kommunikation von und über Forschung und Wissenschaft.

Die Wissenschaftskommunikation erhält völlig neue Möglichkeiten, z.B. durch Social Software, das wissenschaftliche Publizieren steht aber auch vor einem Paradigmenwechsel - ein Stichwort ist hier Open Access. Wissenschaftliche Autoren wie Wissenschaftsjournalisten haben neue Mittel für ihre Arbeit zur Verfügung, aber auch neue Herausforderungen zu meistern.

Zu diesem Themenkomplex organisiert The Spanish Foundation for Science and Techonology  (FECYT) eine zweitägige Veranstaltung am 12./13. Mai 2010 in Madrid:

"Media For Science Forum 2010 (MFSF2010) is a science journalism European congress that will deal with strategic issues about science communication and science journalism and its social dimension."
Das Programm besteht weniger aus Vorträgen als viel mehr aus Diskussionen und Round Tables. Das lässt auf eine lebhafte und hoch interaktive Veranstaltung hoffen.
Der Veranstalter ist auch auf Twitter zu finden (@mediaforscience), besonders aktiv ist der Account aber noch nicht.
Ich selbst werde an der Veranstaltung in Madrid teilnehmen und unter dem hashtag #MFSF twittern und anschliessend auch berichten.

Bildquelle: www.mediaforscience.com

8. Oktober 2009

3. Open Access Tage in Konstanz - Eindrücke vom ersten Tag

Aktuell läuft der zweite Tag der 3. Open Access Tage in Konstanz, leider konnte ich selbst nur am ersten Tag dabei sein. Mit dem hash tag #oat09 wird laufend getwittert.

Im folgenden einige subjektive Eindrücke.

In der Eröffnungssession werden die OA Perspektiven aus den Ländern Deutschland, Österreich und der Schweiz vorgestellt. Den Beitrag aus Deutschland habe ich leider verpasst.

Bruno Bauer (Folien) erläutert die österreichische Perspektive. Als 'Vorspann' - wie er es nennt - zeigt er (einmal mehr) Zahlen zur Zeitschriftenkrise die ja massgeblich die OA Initiativen motiviert. Sensibilisiert durch die z.T. sehr polarisierenden Diskussionen der letzten Wochen und Monate hinterlässt dieser Vorspann, der mehr oder weniger deutlich einen 'Schuldigen' ausmacht, einen faden Beigeschmack, zumindest bei mir.

Bauer zeigt u.a. auf, wie die österreichischen Wissenschaftler in OA Publikationen vertreten sind. So sind sie in OA Journals nur wenig vertreten, bei BioMed Central dagegen eher häufig, dies auch je im Vergleich zu Deutschalnd und der Schweiz. Erwähnt wird auch
SCOAP aus dem Bereich der Hochenergiephysik.

Zumindest implizit kann man den Eindruck gewinnen, dass OA nach dem goldenen Weg nur über OA Journals funktioniert oder gar nicht. Tatsache ist aber, dass auch traditionelle Journals zunehmend OA Artikel nach dem Modell '
authors pays' publizieren und damit ihre Geschäftsmodelle weiterentwicklen.

Insgesamt zeigt Bauer ein eher ernüchterndes Bild der OA Politik in Österreich. So moniert er z.B. die fehlende Berücksichtigung von OA Publikationen in Wissensbilanzen und stellt abschliessend fest, dass OA in Österreich v.a. durch Einzelinitiativen lebt.


Markus Zürcher präsentiert (ohne Folien) sehr dicht die Situation aus der Schweiz. Zu Beginn macht er klar:

"Wissenschaft ist per se grenzüberschreitend, in jeder Hinsicht".
Die Schweiz hat somit auch in der Konsequenz keine eigene, nationale OA Politik.

Er unterscheidet dann zwei Ligen, in denen Wissenschaft stattfindet:

In der 1. Liga finden sich die STM Disziplinen: internationale Orientierung, Englisch als lingua franca, OA weit verbreitet, internationale Verlagslandschaft.
In der 2. Liga sind nach Zürchers Einschätzung v.a. die Geistes- und Sozialwissenschaften zu finden: nationale Orientierung, häufig Deutsch als Publikationssprache, nationale Verlagswirtschaft. Sicher, die Darstellung ist auf einem hohen Abstraktionsniveau, allerdings ist sie nach meinem Empfinden zu wenig differenziert, die Aussage zu wenig relativiert. Wissenschaft ist eben viel facettenreicher und komplexer als viele uns glaubend machen wollen. Genau diese Differenzierung nach Disziplinen war ja dann auch Thema bei 3 von 4 Beiträgen in der 'offenen Session' am Nachmittag.

Zürcher stellt auch klar fest, dass der SNF nicht in OA Infrastrukturen investiert, unterstützt aber sehr wohl OA Zeitschriften auch finanziell im Sinne einer Subvention. Für ihn ist klar, dass die Umstellung auf kompletten Open Access massive Investitionen verlangt und vor allem die Finanzierungsmodelle neu geregelt werden müssen, und zwar international, nationale Wege machen keinen Sinn. Hier also der Ruf nach neuen Geschäftsmodellen, die ja an der Tagung auch disktueirt werden. Er ergänzt:

"Durch OA können keine Mittel eingespart werden."
Zürcher fordert einen Weg zu gehen, der möglichst alle Stakeholder einbindet:
"Das Bestehende darf durch das neue nicht gefährdet werden"
"OA nicht gegen, sondern mit den Verlegern umsetzen"
Das heisst natürlich auf der anderen Seite Kompromisse einzugehen und für absehbare Zeit in einer hybriden Welt zu leben. Und zur Rolle des (Urheber-) Rechts:
"Das Recht soll die Dinge so regeln wie sie für die Subjekte Sinn machen"
Am Nachmittag gab es dann sechs parallel Sessions; ich selbst war in der 'offenen Session' vertreten, für die man Beiträge einreichen konnte, alle anderen Session waren jeweils mit 'eingeladenen Vorträgen' bestückt (Passt das eigentlich zum OA Gedanken?).

In meinem Beitrag (pdf) ging es mir darum deutlich zu machen, dass die verschiedenen Disziplinen sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen für eine Open Acess Umsetzung. Und nur wenn man man dies berücksichtigt und damit die 'Betroffenen', nämlich die, die Open Access publizieren sollen, in ihrem Bedürfnissen vesteht und somit mitnimmt, kann OA sich durchsetzen. 'Sonntagsreden' und Beschlüsse von SNF und DFG allein reichen da nicht aus. Und nicht nur ich komme in meinem Beitrag zum Schluss, dass offensichtlich OA bei den Betroffenen weit weniger angekommen ist als man vermutet würde. So bestehen ganz offensichtlich massive Informationsdefizite auf der Ebene der Wissenschaftler bezüglich OA im Allgemeinen aber auch in Bezug auf die konkrete Umsetzung.

Dass institutionelle Repositories kaum eine Rolle spielen beim OA Pulizieren wurde auch zumindest in der Diskussion zum Beitrag von
Heidemarie Hanekop (link SOFI Göttingen) (Folien) bestätigt.

Aus meiner Sicht, und das war mein letzter Punkt, werden die Fachgesellschaften, die Scientifc Communities, in der Diskussion rund um OA zu wenig berücksichtigt. Das Thema Open Access und Association Publishing habe ich hier ja bereits diskutiert.
Diese Organisationen leisten zumindest im Bereich der Information Systems, den ich gut kenne, einen dem Wissenschaftler äussert nützlichen Dienst, in dem z.B. aktuelle Conference Proceedings, aber auch Zeitschriften, zeitnah, ohne Embargo, quasi in Realzeit, der Communitiy verfügbar gemacht werden. Mehr will ich doch gar nicht als Wissenschaftler. Das ist faktischer Open Access!

Ein anderer Aspekt in dieser Session, den ich noch erwähnen möchte, war die Polarisierung in OA Journals und traditionelle Journals. Es wird hier immer wieder Schwarz-Weiss gedacht. Dabei ist doch der goldene Weg eine Möglichkeit für traditionelle Journals sich zu entwickeln.

Ein konkretes Beispiel ist
Electronic Markets - The International Journal on Networked Business, bei dem ich selbst als Associate Editor tätig bin. Zu Beginn des Jahres 2009 haben wir den Verlag gewechselt und sind nun bei Springer. Völlig unerwartet sind drei Papers der ersten beiden Ausgaben 2009 frei verfügbar, also Open Access, hier nach dem Springer Open Choice Modell. Das sind immerhin 21% aller Papers der beiden Ausgaben, also ein Fünftel - auch das ist Open Access.
Und selbstverständlich werde diese Papers genau so begutachtet wie alle anderen; zu Beginn des Review Prozesses ist nicht einmal bekannt, ob das Paper OA publiziert wird, der Entscheid hat also keinen Einfluss auf den Review Prozess.



Insgesamt plädiere ich für eine sachliche und differenzierte Diskussion und Auseinandersetzung rund um Open Access, die alle Stakeholder des
Ökosystems Journal Publishing miteinbezieht.

Mehr zu Open Access in diesem Blog gibt's
hier.



Bildquelle: open-access.net

______________________
Ergänzung 14. Okt. 2009: Die Vortragsfolien der gesamten Tagung sind (weitgehend) Online über das Tagungsprogramm abrufbar.

21. Mai 2009

Von Open Access zu Open Science


In dem Beitrag "Offene Forschung als Extremsport" in FAZ.NET vom 20. Mai 2009 beschäftigt sich der Autor Joachim Müller-Jung sachlich und nüchtern mit den Veränderungen im wissenschaftlichen Publikationswesen aus Perspektive der Natruwissenschaften.

Diese Diskussion erweitert den Horizont auf Aspekte jenseits der Open Access Debatte, die gegenwärtig sehr hitzig geführt wird. Es geht hier also um neue Formen der Wissenschaftskommunikation, welche "mehr Transparenz und Schnelligkeit" fordern und bieten und die möglicherweise so stark sind, "völlig neue Strukturen zu schaffen".
"Tatsächlich aber geht es um neue Modelle von "Pre-Publications", von Vorveröffentlichungen. Noch bevor das Ergebnis eines wissenschaftlichen Experimentes mitsamt seiner Interpretation den vollständigen und oft langwierigen Prozess des Peer-Reviews bis zur Publikation durchschritten hat, möge es auf Online-Plattformen öffentlich zugänglich gemacht werden."
Diese Entwicklung ist insbesondere bei den Kernphysikern ein alter Hut. Letztendlich waren es die Bedürfnisse dieser Disziplin, welche die Open Access Entwicklung eingeleitet haben und nicht zuletzt zur Entwicklung des WWW geführt haben. Einer der Protagonisten dieser Entwicklung und 'Erfinder' von ArXiv.org ist Paul Ginsparg ("Open Access: From Myth to Paradox"). GenBank ist ein weiteres Beispiel für ein solches Repository aus der Biologie.

Der FAZ.NET Artikel greift einen weiteren Aspekt des Open Access auf:
"Dieses vorgeschaltete Online-System wird längst nicht mehr nur als Fortschrittsmotor gepriesen, es soll auch präventiv wirken."
Es wird die Hypothese aufgestellt, dass mehr Transparenz, eben z.B. durch die Open Access Publikation in Form von PrePronts wie in der (Kern-) Physik, Fälschungen und Plagiate früher erkennbar werden.

Für eine totale Offenheit plädiert der Autor Michael Nielsen (Nielsen's Blog), der in dem Aufsatz "Doing Science in the Open" für eine "extreme Offenheit" einer "Open Science" eintritt. (physicsworlsd.com, 1. Mai 2009).
"Online networking tools are pervasive, but why have scientists been so slow to adopt many of them? Michael Nielsen explains how we can build a better culture of online collaboration."
Nielsen zeigt auf, wie Open Science, basierend auf den heute verfügbaren Technologien des 'Web 2.0', letztendlich dem Wohl der Gesellschaft dient.
"The adoption and growth of scientific journals has created a body of shared knowledge for our civilization, a collective long-term memory that is the basis for much of human progress. This system has changed surprisingly little in the last 300 years. Today, the Internet offers us the first major opportunity to improve this collective long-term memory, and to create a collective short-term working memory — a conversational commons for the rapid collaborative development of ideas."

"We should aim to create an open scientific culture where as much information as possible is moved out of people’s heads and labs, onto the network and into tools that can help us structure and filter the information. This means everything — data, scientific opinions, questions, ideas, folk knowledge, workflows and everything else. Information not on the network cannot do any good. "
Über die Fähigkeit der Wissenschaft, die neuen Formen von Open Science
umzusetzen, denkt Nielsen optimistisch:
"This change will not be achieved without great effort. From the outside, scientists currently appear puzzlingly slow to adopt many online tools. As we will see, this is a consequence of some major barriers deeply embedded within the culture of science. Changing this culture will only be achieved with great effort, but I believe that the process of scientific discovery — how we do science — will change more over the next two decades than in the past 300 years. "
Nielsen zweigt weitere Beispiel für die kreative Nutzung neuer Technologien für eine Open Science:
"Two examples are Journal of Visualized Experiments, which lets scientists upload videos that show how their experiments work, and “Open Notebook Science”, as practised by scientists like Jean-Claude Bradley and Garrett Lisi, who expose their working notes to the world. In the coming years we will see a proliferation of tools of this type, each geared to sharing different types of knowledge. "
Nielsen thematisierr aber auch den Prozess von Wissenschaft und propagiert neue Formen der Kollaboration:
"... and that is through a change to the process and scale of creative collaboration itself, enabled by social software such as wikis, online forums and their descendants.
[...]
Science is an example par excellence of creative collaboration, yet scientific collaboration still takes place mainly via small scale face-to-face meetings."
Auch hier zeigt er Beispiele auf.

Er fragt immer wieder, warum Wissenschafter diese neue Formen der Kollaboration basierend auf neuen Tools nicht anwenden. Anhand von Beispielen kommt er zum Ergebnis:
"It turns out that there are major cultural barriers preventing scientists from getting involved, thereby slowing down the progress of science."
Ausführlich diskutiert Nielsen auch Auswege, wobei der u.a. auch die Open Access Bewegung als ein Schritt in die Richtung Open Science betrachtet und die Ökonomie von Kollaboration diskutiert.

Nielsen's Forerung nach einer extremen Offenheit klingt allerdings noch sehr idealistisch und die heftige Open Access Diskussion zeigt die Barieren, die insbesondere in der heutigen Wissenschaftskultur begründet sind:
"Ideally, we will achieve a kind of extreme openness: making many more types of content available than just scientific papers; allowing creative reuse and modification of existing work through more open licensing and community norms; making all information not just human readable but also machine readable; providing open interfaces to enable the building of additional services on top of the scientific literature, and possibly even multiple layers of increasingly powerful services. Such extreme openness is the ultimate expression of the idea that others may build upon and extend the work of individual scientists in ways that they themselves would never have conceived. "


Bildquelle: flickr.com/psd

28. März 2009

Plagiate - traurige Wirklichkeit


... so lautet der Titel unserer Tagung in der Konferenzreihe Lernende Bibliothek im September 2009 in Chur.

Über Plagiate in der Wissenschaft liest man (leider) immer wieder, das Thema beschäftigt zunehmend Lehrende, Forschende, Studierende, Rektorate, Prüfungsämter, Wissenschaftsorganisationen, u.a.


  • Was ist eigentlich das Problem?
  • Wer trägt die Verantwortung?
  • Wie kann man das Problem behandeln?
  • Und welche Rolle spielen Bibliotheken?

Das sind die Fragestellungen der Konferenz Lernenden Bibliothek 2009 im September 2009 in Chur.


Dass Plagiate (fast) alltäglich sind, musste ich selbst kürzlich erleben. Was ist geschehen?


Ein Autorenpaar hat ein Paper zu einer internationalen, wissenschaftlichen Konferenz im Jahr 2009 eingereicht. Im Rahmen des Peer-Review-Verfahrens fiel es einem Reviewer auf, dass das Paper einem ihm bekannten Paper doch sehr ähnlich war. Er schrieb an den zuständigen Conference Chair:

"I had a look at this paper you sent me to review for Bled and it struck me as very familiar. I want to flag this paper with you as a case of (self)plagiarism or at least as a case of VERY incremental research. "
Nach einigen Recherchen wurde klar: Das gleiche Autorenpaar hatte ähnliche Paper bereits 2008 in einem Journal veröffentlicht und 2006 und 2007 je auf einer internationalen, wissenschaftlichen Konferenz publiziert. Die aktuelle Einreichung entpuppte sich nach einer genaueren Analyse in weiten Teilen als eine Kopie des 2008 veröffentlichten Journal Papers. Hatten die Autoren bei den vorherigen Versionen noch den Titel wesentlich anders formuliert, so haben sie sich für die aktuelle Einreichung hier fast keine Mühe mehr gegeben und den Titel nur marginal verändert, dazu weite Textpassagen wörtlich übernommen.

Nach kurzer Beratung der verantwortlichen Conference Chairs, zu denen ich gehöre, war klar: Ein eindeutiger Fall von Self Plagirarism.
Im Zweifel könnte man noch vermuten, dass die Autoren noch unerfahren sind und tatsächlich der Meinung waren, das nur leichteste Veränderungen einer veröffentlichten Version eine weitere Einreichung rechtfertigen würde. In diesem Fall hätten die Autoren aber sicherlich auf ihre vorherigen Arbeiten verwiesen, dies ist im vorliegenden Fall in keinem der vier Papers der Fall. Dazu kommt, dass beide Autoren erfahrene Wissenschaftler sind, einer ist bereits in Pension, einer von beiden war sogar viele Jahre als Dekan tätig - jugendliche Unerfahrenhit und der Druck des 'Publish or Perisch' scheidet demnach ebenfalls aus. Daraus lässt sich schliessen, dass das Selbstplagiat mit voller Absicht eingereicht wurde.

Warum tun die Autoren dies? Es ist kaum wirklich nachvollziehbar! Ist es Naivität, Eitelkeit? Oder eher einfach Dummheit?

Und die konkrete Konsequenz? In diesem Fall wurde entschieden das Paper abzulehnen mit dem deutlichen Hinweis an die beiden Autoren auf die grosse Ähnlichkeit zu drei weiteren Papieren dieser beiden Autoren. Die Namen sind nur wenigen mit dem Peer-Review-Verfahren befassten Personen bekannt.

Ist das die richtige Reaktion? Oder hätte man ein Exempel statuieren sollen und die Autoren blossstellen? Eine schwierige Entscheidung ...



Im Wissen, dass Plagiate (leider) vorkommen, setzen heute wissenschaftliche Zeitschriften und Konferenzen zum Teil bereits auf die flächendeckende Überprüfung eingereichter Beiträge auf Plagiat. Entsprechende Review Syteme verfügen über entsprechende Funktionen. Ist das in Ordnung, dass man alle Autoren unter Generalverdacht stellt? Basiert das Peer Review nicht vor allem auch auf Vertrauen?
Oder war das Gestern?

Plagiate sind nicht ein Phänomen des Internet, aber ganz sicher erleichtert es die verschiedenen Formen des Plagiierens. Allerdings hilft das Internet auch dabei, Plagiate aufzuspüren, wie auch in diesem konkreten Fall.

Weitere Informationen zum Thema findet man z.B. im Portal Plagiat.

25. März 2009

Open Access Debatte - endlich eine sachliche Debatte?

Die Debatten rund um Open Access werden immer heftiger, sind häufig polemisch, unsachlich und kaum differenzierend.

In einem erfreulich sachlichen Beitrag hat Matthias Spielkamp, Publizist und Projektleiter bei iRights.info - Urheberrecht in der digitalen Welt, ein Essay mit dem Titel "Open Excess: Der Heidelberger Appell" bei perlentaucher.de veröffentlicht. Dabei setzt er sich mit den verschiedenen Beiträgen in dieser Debatte kritisch und sachlich asueinander.


Nachdem insbesondere die DFG - Deutsche Forschungsgemeinschaft - massiv angegriffen wurde, haben zehn deutsche Wissenschaftsorganisationen mit einer gemeinsamen Erklärung vom 25. März 2009 Stellung bezogen: "Open Access und Urheberrecht: Kein Eingriff in die Publikationsfreiheit".

Es bleibt zu hoffen, dass die Diskussion auf der sachlichen Ebene bleibt.


Bildquelle: Gideo Burton/flickr.com



24. Februar 2009

Die Open Access Debatte zwischen Polemik und Sachlichkeit

Über die Diskussion rund um Open Access habe ich in diesem Blog schon verschiedentlich berichtet (vgl. Einträge mit dem Tag 'Open Access').

Bei FAZ.NET fand kürzlich hierzu ein weiterer Schlagabtausch statt.
Am 11. Feb. 2009 wurde zunächst der Beitrag von
Roland Reuß, Professor für Germanistik in Heidelberg, veröffentlicht: "Forschungspublikationen: Eine heimliche technokratische Machtergreifung" (Artikel nicht mehr Online verfügbar). Die markige Überschrift bestimmt den Tenor des Beitrags. Der Autor lässt kein gutes Haar an Open Access, Wissenschaftsrat, DFG und die Kultusministerkonferenz in Deutschland. Auch die Praxis an der Universität Konstanz und die Universität Zürich mit den Open Access Repository ZORA wird in die pauschalierende Kritik einbezogen. Die Sprache ist deutlich - und kaum einer objektiven Diskussion dienend: Er spricht von "ideologischen Forderungen der Open-Access-Aktivisten" oder von einem "staatsmonopolistischen Verwertungskreislauf", den die DFG in Gang bringen will. Im Fall ZORA der Uni Zürich ist die Rede von einer "autoritären Diktion, die an einen Gestellungsbefehl gemahnt".

Recht hat Reu
ß mit der Mahnung, Open Access nicht unkritisch einfach so zu akzeptieren und anzuwenden:
"Was für die Einführung einer gentechnischen Pflanze in freiem Feld Standard ist, muss erst recht für so etwas wie Open Access und seine Nebenwirkungen gelten."
Mit dem gleich anschliessenden Satz hat er zwar inhaltlich durchaus recht, aber die Wortwahl scheint kaum akzeptabel und macht den Autor damit auch gleichzeitig unglaubwürdig:
"Dabei muss scharf zwischen Tatsachen und Propagandaphrasen (Globalisierungsdruckgeschwätz) unterschieden werden."
Eine ausführliche Diskussion des FAZ.NET Beitrags findet man z.B. im Blog Wissenschaftsurheberrecht im Beitrag "Open Access 'unsittlich und verwerflich'?" oder im Blog PHILOBAR.

Eine indirekte Replik auf den Beitrag von
Reuß erschien an gleicher Stelle am 18. Feb. 2009 von Gudrun Gersmann: "Wer hat Angst vor Open Access?" Die Autorin ist Direktorin des Deutschen Historischen Instituts in Paris und Vorsitzende des Unterausschusses „Elektronische Publikationen“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

"Statt auf Polemik mit Gegenpolemik zu antworten, sei hier zu einer kurzen und nüchternen Bestandsaufnahme eingeladen. Was bedeutet Open Access in der Praxis?"
Gersmann berichtet also über die Open Access Praxis des im Jahre 1958 gegründeten Deutschen Historischen Institut in Paris. Sie zeigt die konkrete Praxis des Umgangs mit Open Access in einer konkreten geisteswissenschaftlichen Institution auf und macht deutlich, warum Open Acess in diesem Kontext sinnvoll und richtig ist. Ihre Aussagen werden in vier zentralen Beobachtungen zusammengefasst.
"Erstens ist die Nachfrage der Wissenschaftler selbst nach Open Access inzwischen groß und drängend. [...] Open Access Publizieren ist zweitens qualitätsbewusstes Publizieren. [...] Drittens: Als die von den Kritikern an die Wand gemalte Enteignung empfinden unsere Autoren den freien Zugang zu ihren Werken wahrlich nicht. [...] Zu guter Letzt begreifen wir die Open-Access-Politik unseres Instituts als einen wichtigen Beitrag zur Internationalisierung und Demokratisierung der Geisteswissenschaften."
Am Ende kommt die Autorin zum Schluss:

"Mir scheint, Open Access bedeutet keine Gefahr für das Abendland, im Gegenteil."
Es bleibt natürlich dem Leser überlassen, welchen der beiden Beiträge er als hilfreich für die eigene Arbeit bewertet.


29. Januar 2009

Wissensklau, Unvermögen oder Paradigmenwechsel?

"Wissensklau, Unvermögen oder Paradigmenwechsel? Aktuelle Herausforderungen für die Bibliothek und ihre Partner im Prozess des wissenschaftlichen Arbeitens" -

das ist das Rahmenthema der Konferenz Lernende Bibliothek 2009, die vom 6. bis 8. September 2009 in Chur stattfindet und vom Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft SII der HTW Chur ausgerichtet wird. Im Zentrum der Konferenz steht die Veränderung des wissenschaftlichen Arbeitens mit Information durch die Digitalisierung. Was ist wissenschaftliches Arbeiten? In der Welt der digitalen Information stellt sich diese Frage unter neuen Vorzeichen. Die Informationsproduktion verändert sich grundlegend. Etablierte Mittlerinstanzen der Wissenschaft werden in Frage gestellt. Sie suchen nach neuen Rollen und neue Mittler kommen hinzu. Besteht noch Konsens darüber, was wissenschaftliches Arbeiten bedeutet? Die ethische Frage danach, was wissenschaftliches Arbeiten meint und wie es unterstützt werden kann, betrifft auch wissenschaftliche Bibliotheken und Schulbibliotheken jeden Typs. Die Herausforderungen, die sich hier stellen, teilen die Bibliotheken mit ihren Partnern: den Verlegern, Gesetzgebern, Hochschulen und voruniversitären Bildungseinrichtungen mit deren Lehrkräften. Die Fachtagung „Die Lernende Bibliothek“ lädt die Bibliotheken und ihre Partner zur Standortbestimmung und zum Dialog über zukünftige Entwicklungen ein. Die Tagung richtet sich an die folgenden Zielgruppen, welche sowohl zur Eingabe von Beiträgen als auch für die Teilnahme besonders eingeladen sind:
  • Bibliothekarinnen und Bibliothekare (u.a. an universitären und voruniversitären Ausbildungsinstitutionen)
  • Dozierende an Pädagogischen Hochschulen, welche künftigen Lehrkräften Informations- und Medienkompetenz vermitteln
  • Dozierende an Universitäten und Fachhochschulen, die Studierende im Bereich „Wissenschaftliches Arbeiten“ ausbilden
  • Forschende im Themenbereich der Fachtagung
  • E-Learning- und Software-Spezialisten (u.a. für Spezialsoftware im Bereich Literaturverwaltung und Plagiatserkennung)
  • Interessierte Lehrkräfte aus allen Ausbildungsstufen
  • Rektorate, Stabsstellen und Rechtsdienste an Hochschulen
  • Wissenschaftliche Buch- und Zeitschriftenverlage
  • Wissenschaftsverbände, Fachgesellschaften und Akademien.
Das Tagungsthema wird in vier thematischen Blöcken vertieft:
Block 1 ("Was ist das Problem?") fragt nach einer genauen Definition des Problems und seiner Ursachen: Wie haben sich die Rahmenbedingungen des wissenschaftlichen Arbeitens durch die Digitalisierung verändert? Was wissen wir über Relevanz und Verbreitung von fehlerhaftem, unethischem Verhalten in der Wissenschaft?


Block 2 ("Wer trägt die Verantwortung?") konzentriert sich auf einige zentrale Akteure (u.a. Ausbildungsinstitutionen, Verlage und wissenschaftliche Suchmaschinen) und deren unterschiedliche Verantwortlichkeiten im Prozess des wissenschaftlichen Arbeitens.


In Block 3 ("Wie kann man das Problem behandeln?") werden Lösungsmöglichkeiten aus den Bereichen wissenschaftliche Ausbildung sowie Erkennung und Sanktion von unethischem wissenschaftlichem Verhalten vorgestellt.


Block 4 ("Die Verantwortung der Bibliothek") fokussiert auf die Bibliotheken als bedeutsame Akteure im Prozess des wissenschaftlichen Arbeitens, deren traditionelle Verantwortung für den Bestandsaufbau und die Benutzerschulung in einer digitalisierten Welt durch neue Fragen und Herausforderungen geprägt ist.
Weitere Informationen zur Konferenz sind der Konferenzhomepage www.lernendebibliothek2009.ch zu entnehmen. Den Call for Papers mit weiteren Angaben finden Sie unter der Adresse www.lernendebibliothek2009.ch/programm. Die Eingabefrist für Beiträge ist der 15. März 2009.

Wir freuen uns auf zahlreiche Einreichungen!

20. Januar 2009

Neue Mechanismen für den akademischen Publikationsprozess?

In einem Artikel in der Rubrik Viewpoint in der Januar Ausgabe der Communications of the ACM machen sich die Autoren Jon Crowcroft, S. Keshav und Nick McKeown Gedanken um den akademischen Publikationsprozess: "Scaling the academic publication process to internet scale"*.
Sie analysieren den Publikationsprozess von akademischen Konferenzen im Bereich der Informatik. Die Aussagen des Artikels sind aber durchaus auch für anderen Disziplinen anwendbar.

Zunächst stellen sie fest, dass das Aufkommen des Internet den Publikationsprozess kaum verändert hat. Sie stellen das Ergnis ihrer Analyse vor, ohnen allerdings deutlich zu machen, wie die Analyse methodisch durchgeführt wurde. Sie identifizieren 5 Problemkreise:
  • "A steady increase in the total number of papers"
  • "Skimpy reviews"
  • "Declining paper quality"
  • "Favoritism"
  • "Overly negative reviews".

18. Dezember 2008

'Es fällt uns schwer, nicht an das Gute zu glauben' - zur Ethik beim Publizieren von medizinischen Studien

Im Zusammenhang mit dem wissenschaftlichen Publizieren lesen wir immer häufiger von Plagiaten, Betrugsfällen, Fälschungen, 'unethischem Verhalten', etc. Gerade in der Medizin kommen immer mehr Betrugsfälle ans Licht.

Zu einem aktuellen Fall einer manipulierten Studie aus Innsbruck (
" 'Lancet' zieht manipulierte Innsbrucker Studie zurück", "Forschungsskandal in Innsbruck"), die im "Lancet" erschienen war, nimmt ein Redakteur der Zeitschift in einem in der Neuen Zürcher Zeitung NZZ am 17. Dezember 2008 publizierten Interview Stellung:

"'Es fällt uns schwer nicht an das Gute zu glauben' - Der Lancet Redaktor Stuart Spencer zur Ethik zum Publizieren von medizinischen Studien"

- leider ist das Interview bisher nicht frei Online verfügbar.


Spencer versucht zu erklären, warum sich solche Fälle nicht ganz vermeiden lassen. Eine Aussage gleich zu Beginn ist auch in vielen anderen Disziplinen anwendbar: "Zweifellos hat in den vergangenen Jahren der Publikationsdruck der Forscher zugenommen." Für die Medizin folgert er daraus: "Parallel dazu ist auch mehr wissenschaftliches Fehlverhalten entdeckt worden. Dennoch: Diese Fälle machen einen extrem kleinen Anteil an den publizierten Arbeiten aus."* Müssen wir also zunehmendes Fehlverhalten als gegeben akzeptieren? Ist das die neue Ethik des wissenschaftlichen Publizierens? Oder ist es schlichtweg ganz pragmatisch gedacht? Interessant ist, dass in dem betreffenden Fall es offensichtlich Anzeichen von Ungereimtheiten gab, aber welche das waren, will Spencer nicht sagen. Hat man also zu wenig sorgfältig gearbeitet? Entschuldigt wird das Verhalten mit dem Glauben an das Gute im Menschen (bzw. Wissenschaftler): "Wir haben den Forschern vertraut und sind davon ausgegangen, dass sie ehrlich und wahrheitsgetreu ihre Studienresultate rapportieren."
Würde man alle Kontrollmöglichkeiten der Redaktion ausschöpfen wollen, dann kommt Spencer zum Schluss: "Solche Kontrollen aber würden das Publizieren unmöglich machen." Zentral für die Redaktion sind die Peer Reviews: "Ihre Einschätzung der Studienqualität ist für uns entscheidend".


Spencer macht auch deutlich, dass auch unfertige Beiträge publiziert werden, sofern das Thema hohe Aktualität hat und z.B. Krankheiten wie Sars somit möglicherweise früher bekäpft werden können.


Auch äussert sich Spencer zu Open Access:
"Nur in einer idealen Welt wäre der Zugang zu allen Publikationen frei. Aber das ist unrealistisch, denn alle Fachzeitschriften müssen bezahlt sein. Auch 'open access' - Journale sind nicht gratis. Statt von den Lesern werden sie einfach von den Forschern, die darin publizieren, bezahlt. Für mich ist das eine seltsame Anomalie, werden doch Dienstleistungen üblicherweise von den Nutzern und nicht von den Anbietern bezahlt."



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* Zu den quantitativen Verhältnissen wird folgendes festgehalten: Von jährlich 800 eingereichten Beiträgen werden 350 gedruckt, das macht 4.3%. Und in den letzten 15 Jahren wurden 4 oder 5 Beiträge bzw. Studien zurückgezogen.

18. November 2008

Open Access: Differenzierung tut Not!

Viel wird zurzeit geschrieben und diskutiert zum Thema Open Access (OA). Dabei wird aber IMHO oft wenig differenziert argumentiert, ja sogar z.T. ‚dogmatisch‘. Dabei geht es doch weniger um eine in der Diskussion häufige Schwarz-Weiss – Malerei – hier die Guten, dort die Bösen. Die Perspektive sollte weiter gefasst werden: Es geht letztendlich um fundamentale Veränderungen im Kontext des wissenschaftlichen Publizierens, OA ist dabei ein, wenn auch zentraler, Aspekt. Letztendlich geht es doch um Veränderungen des gesamten Ökosystems wissenschaftlicher Publikationen bzw. des Publizierens (vgl. Mierzejewska, B. I.: The eco-system of academic journals. Dissertation St. Gallen, 2008).

Die sog. Zeitschriftenkrise, von vielen als Auslöser der OA Debatte betrachtet, ist dabei genauso ein Element des sich verändernden Ökosystems wie die Prinzipien der wissenschaftlichen (Weiter-) Qualifikation, die gut durch den Begriff des
‚publish or perish‘ beschreiben werden kann. Nicht zuletzt sind die Entwicklungen des Internet und seine Dienste ein wichtiger Treiber der Entwicklungen, die z.B. OA gar erst ermöglichen. Wenn man sich mit den genannten Veränderungen beschäftigt, tut man gut daran, nicht alle Wissenschaftsdisziplinen über einen Kamm zu scheren.

So gehen die oft zu wenig differenzierten OA-Diskussionen z.B. an den Rechtswissenschaften fast völlig vorbei. Betrachtet man die Ausgangslage dieser Disziplin, so entdeckt man markante Unterschiede beispielsweise zu den STM (Science, Technology, Medicine) Disziplinen oder den Sozialwissenschaften. Wichtige Eigenheiten sind u.a. die Besonderheit von Rechtsdaten als Gegenstand des wissenschaftlichen Publizierens, die primär nationale Ausrichtung der Märkte, die klar mittelständisch und national geprägte Struktur rechtswissenschaftlicher Verlage, das weitgehende Fehlen einer Zeitschriftenkrise oder die Rolle der wissenschaftlichen Publikationen im Hochschulbereich. Auch die Welt des wissenschaftlichen Publizierens in den Rechtswissenschaften verändert sich, aber mit den kaum differenzierten Argumenten der OA-Debatte erweist man zumindest den Rechtswissenschaften keinen Dienst.
Im November 2008 wurde diesem Thema in Bern die ‚Tagung für Informatik und Recht‘ gewidmet. Ende des Jahres wird eine entsprechende Studie im Auftrag des SVRI fertiggestellt, die dann in geeigneter Form veröffentlicht wird.

16. November 2008

Open Access: From Myth to Paradox

'Open Access: From Myth to Paradox', so lautete der Titel eines Vortrages von Paul Ginsparg, Cornell University, am 11. Nov. 2008 in der Schweizerischen Nationalbibliothek im Rahmen der Library Science Talsk 2008. Ginsparg ist Kernphysiker und in der Fachwelt bekannt geworden duch die Entwicklung des Preprint-Archivs ArXiv.org.

Eines seiner Ziele für den Vortrag war: "I will discuss straightforward applications of existing ideas and services, including citation analysis, collaborative filtering, external database linkages, interoperability, and other forms of automated markup, and speculate on the sociology of the next generation of users."
Gerne hätte ich von Ginsparg seine Vision zu Open Access und die Zukunft der Wissenschaftskommunikation gehört. Aber wie es so ist wenn ein Pionier ins Erzählen kommt, für diesen Teil der Präsentation ('III. Where are we gpoing?') blieb kaum noch Zeit. In kaum mehr als 5 Minuten musste das Thema abgehandelt sein. Schade. Die (leicht angepassten) Vortragsfolien sind glücklicherweise Online verfügbar. Allerdings sind sie kaum wirklich selbsterklärend. Vieles bezieht sich auf ArXiv.org und dessen Entwicklung.

Für den Ausblick in die Zukunft bleiben immerhin ein paar Folien, die eine Idee geben was Ginsparg im Sinn hat. Seine Kernaussage ist in folgenden statement zusammengefasst: "Qualitatively new research and cognitive methodologies, transformation in the way we process scientific information, with academic community as role model for the creation and dissemination of knowledge to the public."
Oder anders formuliert: Das Internet als Medien, das Web mit seinen vernetzten Informationen, mobile und allgegenwärtige Endgeräte und das Verhalten der Generation der Digital Natives führen zu einer neuen Form von 'Wissenschaft' und 'wissenschaftlichem Publizieren'.

Amüsant ist u.a. ein e-mail von Ginsparg aus dem Jahr 1992 an einen Kollegen am CERN auf die Frage, ob er das World Wide Web kenne: "i know nothing of www (what is it?, every other week someone tells me about some new wonderful network that i've never heard of but that will be the solution to everything."


Bildquelle: Homepage Paul Ginsparg