Seiten

Posts mit dem Label Wissenschenschaftsverlage werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Wissenschenschaftsverlage werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

26. November 2016

Eine seltsame Sicht: Open Access als Basis digitaler Wissenschaftskontrolle?

Das Thema Open Access hat mich auf diesem Blog schon mehrfach beschäftigt, und ich habe mich immer für eine differenzierte Sicht eingesetzt. Also Autor, Wissenschaftler und als Herausgeber einer wissenschaftlichen Zeitschrift setze ich mich aus verschiedenen Perspektiven mit dem Thema auseinander. Nachdem ich heute den Artikel Digitale Wissenschaftskontrolle bei faz.net gelesen habe, folgt nun ein weiterer Beitrag.

Der Autor des Artikels, der ganz offenbar Bibliothekar ist, hat ehrlich gesagt eine ziemlich verquere Sicht auf Open Access, die ich im Folgenden kommentiere:

1. Der Autor schreibt:
"Wenn die Wissenschaftler ihre Aufsätze nicht mehr in gedruckten Fachzeitschriften veröffentlichen würden, sondern digital auf Volltextservern ihrer Universitäten, müssten sie die Verwertungsrechte an ihren Veröffentlichungen nicht mehr an Verlage abtreten, die mit ebendiesen Rechten Geld verdienen."
Open Access gleich digital und Online, traditionelle Zeitschriften gleich analog und gedruckt? In welcher Welt lebt der Autor? Die Zeitschriften, die ich für meine Arbeit regelmässig nutze, sind allesamt Online verfügbar, und ob es sie auch gedruckt gibt, interessiert mich schlichtweg nicht. Und als Autor wie auch Nutzer wissenschaftlicher Publikationen stelle ich fest, dass Zeitschriften, die nicht Online im Volltext über ein mir zugängliches System verfügbar sind, faktisch heute nicht existieren.

2.  Wieso in aller Welt bedeutet Open Access gleich eine Monopolisierung durch den Staat? Das erschliesst sich mir schlichtweg nicht. Ein staatliches Publikationsmonopol die Wissenschaft - wie es der Autor sieht - ist sicher nicht die Konsequenz von Open Access.

3. Open Access bedeutet nicht automatisch die Ausschaltung der Verlage. Verlage unterstützen die Open Access Publikation im Rahmen des sog. goldenen Wegs von Open Access, wie dieses Beispiel deutlich macht. Das könnte der Autor eigentlich wissen ...

4. Der Markt der Wissenschaftsverlage ist ein globaler Markt. Und global gesehen gibt es wenige Verlage von Bedeutung, auf der anderen Seite sind vor allem Bibliotheken und Bibliotheksverbünde die Abnehmer. Einen echten Wettbewerb - wie der Autor es auf Seite der Verlage impliziert - gibt es hier nicht. Will eine Bibliothek eine bestimmte Fachzeitschrift abonnieren und seinen Nutzern zur Verfügung stellen, besteht schlichtweg keine Auswahl; die Zeitschrift wird von genau einem Verlag angeboten. Und dieser kann dann die allseits kritisierten hohen Preise verlangen; die Fachwelt spricht hier auch von der Zeitschriftenkrise. Open Access publizierte Artikel sind dagegen häufig über mehrere Online Repositories abrufbar, so auch im Rahmen der sog. Selbstarchivierung im Rahmen des grünen Wegs durch die Autoren selbst.

5. Und quasi nebenbei wird auch die Erfindung des Computers mehr oder weniger für das Böse verantwortlich gemacht:
"Er betreibt das Geschäft von „Kommunikation und Kontrolle".
[...] 
 Die Logik des Computers ist die einer Kontrolltechnik, die via Internet inzwischen weltweit operiert und dabei Welt-, Kommunikations- und Datenkontrolle zu Synonymen gemacht hat."
Ist es nicht der Mensch, der den Computer zur Kommunikation und Kontrolle nutzt?

Und wenn der Autor das Messen von Zitaten in diesem Kontext kritisiert, dann bleibt festzustellen, das man den sog. Impact Factor - und andere Kennzahlen wissenschaftlicher Qualität - tatsächlich kritisieren kann, aber dass alle diese Kennzahlen von Menschen entwickelt und verwendet werden; der Impact Factor bereits seit den 1960er Jahren, also lange bevor es Opena Access oder digitale Zeitschriften gab.

6. Der Autor folgert aus der Open Access Publikation ein Einfallstor für Wissenschafts- und Industriespionage. Dass das Rechercheverhalten von Nutzern missbraucht werden kann, einverstanden, darüber kann man diskutieren. Aber auch die genannten Firmen und Organisationen unterliegen dem Datenschutzrecht, das keinesfalls ein zahnloser Tiger ist. Und ob ich nach Open Access Artikeln oder nach traditionell publizierten Aufsätzen recherchiere , das macht für mich hier keinen Unterschied. Wer mein Rechercheverhalten beobachten will, interessiert sich kaum dafür nach welchem Modell ein Beitrag publiziert wurde, denn so oder so sind die Artikel digital und Online verfügbar. Oder habe ich nicht verstanden, was der Autor hier sagen will?
"Wir haben hier keine Instrumente vor uns, die für universitäre Kontrollzwecke und für die Wissenschafts- und Industriespionage missbraucht werden können, sondern Instrumente, zu deren Design die Kontrolle samt der Wissenschafts- und Industriespionage gehören.
"Damit ist die Logik der Kontrolle aber keineswegs erschöpft. Denn der von den Bibliotheken zu Open-Access-Konditionen ins Netz gestellte „Content“ wird zuletzt von jenen Akteuren angeeignet, die die Datenflüsse im Netz steuern und kontrollieren. Wobei der Staat hier weniger einen Anlass für eine Intervention sieht, sondern die Gelegenheit zu Kooperation, denn über die in amerikanischer Hand befindlichen Monopolisten vom Typ Google, Amazon und Facebook erfährt auch er, was seine Bürger denken und tun. "
7. Der Autor schreibt:
"Zugleich aber lassen sich die Download-Zahlen der Aufsätze und Bücher mit den Personendaten der Wissenschaftler verknüpfen, um die in den Naturwissenschaften seit langem schon verbreiteten bibliometrischen Zitationsindizes endlich auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften einzuführen."
Nun, Downloadzahlen gibt es bei jeder Form von Online publizierten Inhalten, ob Open Access oder nicht. Und die bibliometrischen Zitationsindizes bestehen, wie der Name schon sagt, auf Zitationen, und nicht auf Downloads. Dazu sei dieser Beitrag zur Lektüre empfohlen.  Ach ja, und die Zitationsindizes gibt es bereits in den Sozial- und Geisteswissenschaften.


Open Access ist sicher ein Thema, über das es zu diskutieren gibt, auch im Hinblick auf die Demokratisierung des Wissens. Aber leider hat der Artikel mehr von einer Verschwörungstheorie als von einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Open Access. Aber im postfaktischen Zeitalter ist wohl alles erlaubt. Und am Schluss meines Beitrages frage ich mich, ob es überhaupt Sinn macht, darauf zu reagieren ...

Bildquelle: flickr.com/Robert Couse-Baker (CC Lizenz)

24. Februar 2009

Die Open Access Debatte zwischen Polemik und Sachlichkeit

Über die Diskussion rund um Open Access habe ich in diesem Blog schon verschiedentlich berichtet (vgl. Einträge mit dem Tag 'Open Access').

Bei FAZ.NET fand kürzlich hierzu ein weiterer Schlagabtausch statt.
Am 11. Feb. 2009 wurde zunächst der Beitrag von
Roland Reuß, Professor für Germanistik in Heidelberg, veröffentlicht: "Forschungspublikationen: Eine heimliche technokratische Machtergreifung" (Artikel nicht mehr Online verfügbar). Die markige Überschrift bestimmt den Tenor des Beitrags. Der Autor lässt kein gutes Haar an Open Access, Wissenschaftsrat, DFG und die Kultusministerkonferenz in Deutschland. Auch die Praxis an der Universität Konstanz und die Universität Zürich mit den Open Access Repository ZORA wird in die pauschalierende Kritik einbezogen. Die Sprache ist deutlich - und kaum einer objektiven Diskussion dienend: Er spricht von "ideologischen Forderungen der Open-Access-Aktivisten" oder von einem "staatsmonopolistischen Verwertungskreislauf", den die DFG in Gang bringen will. Im Fall ZORA der Uni Zürich ist die Rede von einer "autoritären Diktion, die an einen Gestellungsbefehl gemahnt".

Recht hat Reu
ß mit der Mahnung, Open Access nicht unkritisch einfach so zu akzeptieren und anzuwenden:
"Was für die Einführung einer gentechnischen Pflanze in freiem Feld Standard ist, muss erst recht für so etwas wie Open Access und seine Nebenwirkungen gelten."
Mit dem gleich anschliessenden Satz hat er zwar inhaltlich durchaus recht, aber die Wortwahl scheint kaum akzeptabel und macht den Autor damit auch gleichzeitig unglaubwürdig:
"Dabei muss scharf zwischen Tatsachen und Propagandaphrasen (Globalisierungsdruckgeschwätz) unterschieden werden."
Eine ausführliche Diskussion des FAZ.NET Beitrags findet man z.B. im Blog Wissenschaftsurheberrecht im Beitrag "Open Access 'unsittlich und verwerflich'?" oder im Blog PHILOBAR.

Eine indirekte Replik auf den Beitrag von
Reuß erschien an gleicher Stelle am 18. Feb. 2009 von Gudrun Gersmann: "Wer hat Angst vor Open Access?" Die Autorin ist Direktorin des Deutschen Historischen Instituts in Paris und Vorsitzende des Unterausschusses „Elektronische Publikationen“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

"Statt auf Polemik mit Gegenpolemik zu antworten, sei hier zu einer kurzen und nüchternen Bestandsaufnahme eingeladen. Was bedeutet Open Access in der Praxis?"
Gersmann berichtet also über die Open Access Praxis des im Jahre 1958 gegründeten Deutschen Historischen Institut in Paris. Sie zeigt die konkrete Praxis des Umgangs mit Open Access in einer konkreten geisteswissenschaftlichen Institution auf und macht deutlich, warum Open Acess in diesem Kontext sinnvoll und richtig ist. Ihre Aussagen werden in vier zentralen Beobachtungen zusammengefasst.
"Erstens ist die Nachfrage der Wissenschaftler selbst nach Open Access inzwischen groß und drängend. [...] Open Access Publizieren ist zweitens qualitätsbewusstes Publizieren. [...] Drittens: Als die von den Kritikern an die Wand gemalte Enteignung empfinden unsere Autoren den freien Zugang zu ihren Werken wahrlich nicht. [...] Zu guter Letzt begreifen wir die Open-Access-Politik unseres Instituts als einen wichtigen Beitrag zur Internationalisierung und Demokratisierung der Geisteswissenschaften."
Am Ende kommt die Autorin zum Schluss:

"Mir scheint, Open Access bedeutet keine Gefahr für das Abendland, im Gegenteil."
Es bleibt natürlich dem Leser überlassen, welchen der beiden Beiträge er als hilfreich für die eigene Arbeit bewertet.


28. November 2008

"Why books still matter" - aber auch im Westen nichts Neues

"Why books still matter", dies war der Titel einer Konferenz am Yale University's Whitney Humanities Center am 14. November 2008, an der vor allem amerikanische Universitätsverlage präsent waren (Ankündigung).
Eine Zusammenfassung findet man dazu bei Publishers Weekly, ebenso bei Yale Daily News, im Blog der Kollegen aus Berlin (IBI-Weblog) gibt es dazu einen ausführlichen Beitrag.

Nachdem mich dieses Thema ebenfalls aus verschiedenen Perspektiven beschäftigt, war ich neugierig, ob und - wenn ja - wie weit uns die Amerikaner in dieser Diskussion voraus sind. Aber basierend auf der Berichterstattung über die Tagung lässt sich festhalten, dass die 'Fronten' sehr ähnlich verlaufen wie in Europa, mit den gleichen Argumenten. "
The panelists agreed on the importance of the University Press — which [...] acts as a “conduit between consumers and experts — but they offered different interpretations by relating it to their own academic fields." schreibt Yale Daily News. In anderen Worten, die Verlage stellen sich und ihre Rolle im Kontext des wissenschaftlichen Publizierens nicht in Frage, immerhin differenzieren sie aber zwischen den Disziplinen. "But even in the age of information, Rae sees the University Press as having a valuable role in lending credibility to published works. " Auch hier das oft gehörte Argument in solchen Diskussionen zum Thema. Ein Student bringt dann seine Sicht auf den Punkt: "... one student remarked that books matter to his generation only because “they are still on our syllabi.” ". Schlussendlich wurde auch konstatiert, dass das Thema auch bei den Bibliothekaren ein Thema ist: "... a librarian at the Sterling Memorial Library, said the panel tackled an issue that is increasingly relevant to her profession, especially with the emergence of digital publications.".

Alles in Allen, auch im Westen nichts Neues zu dieser Diskussion.

PS Susan Scafidi, Rechtswissenschaftlerin an der Fordham University und eine Referentin der Konferenz, äussert sich in einem Blogbeitrag mit durchaus versöhnlichen Tönen zum Thema.