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29. Dezember 2018

Online Fotoprodukte - wie Schweizer Kunden abgeschöpft werden

Die Zeit um Weihnachten und den Jahreswechsel herum ist auch Hochzeit für Fotoprodukte aller Art wie Fotobücher oder Fotokalender.
Auf der Suche nach einem Anbieter für ein solches Produkt ist mir einmal mehr aufgefallen, dass es drastische Preisunterschiede für identische Produkte zwischen der Schweiz und Deutschland gibt. Ich werde den Eindruck nicht los, dass die Kaufkraft der Schweizer Kunden - und vielleicht auch deren Bequemlichkeit - regelrecht gnadenlos abgeschöpft wird.

Die Anbieter und deren Angebote sind in beiden Ländern häufig identisch. Man vergleiche z.B. einmal die Angebote inklusive deren Preise von pixum.ch und pixum.de - absolut identisch, bis auf die Währungssymbole und die Preise.

Zum konkreten Beispiel meiner Recherche, der Fotokalender Wandkaldener Panorama von Ifolor.
Die Firma hat ihren Sitz sowie eines ihrer zwei Produktionszentren in Kreuzlingen, das zweite befindet sich in Finnland. Der Kalender kostet auf der Schweizer Website in der Standardausführung 59.95 Fr.; dazu die Versandkosten ab 7.90 Fr. und aktuell bis zu 20% Rabatt. Ändert man in der URL des Angebots lediglich von .ch auf .de sieht es ganz anders aus: Das identische Produkt kostet auf der deutschen Website 29.85 € (ca. 34 Fr.), Versandkosten ab 3,95 €, dazu aktuell bis 30% Rabatt. Das identische Produkt kostet also in der Schweiz mehr als 75% mehr als in Deutschland! Gleiches gilt für die Lieferkosten. Bei also nur einem bestellten Wandkalender Panorama zahle ich also 26 Fr. (!) mehr als der Kunde aus Deutschland.

Wandkalender Panorama bei ifolor .de und .ch im Vergleich
(screenshot 27.12.2018)

Und auch die ausländischen Anbieter schöpfen die Kaufkraft und die offenbar vorhandene Zahlungsbereitschaft in der Schweiz kräftig ab. Die folgende Tabelle zeigt den Vergleich eines ähnlichen Produkts dreier Anbieter, die ihre Produkte gleichermassen in der Schweiz und in Deutschland anbieten, wobei Ifolor ein Schweizer Unternehmen ist und Pixum und Cewe deutsche Unternehmen sind.

Preisvergleich gemäss Angaben auf den jeweiligen Webseiten, Stand 28.12.2018
(angenommener Wechselkurs EUR/CHF 1.13)

Ein Versand in die Schweiz ist via der deutschen Websites der jeweiligen Anbieter übrigens nicht möglich, Geoblocking sei Dank.

Aber anders als bei Cola und Big Mäc gibt einen trotzdem relativ simplen Workaround: die Nutzung von Services wie z.B. meineinkauf.de, d.h. die Vewendung einer deutschen Lieferadresse. Hier liegen die Kosten je Sendung bis 10kg, incl. Verzollung, Zollabgaben und Porto bei 14.90 Fr. Ab wann es sich lohnt, mag jeder für sich ausrechnen...

Mir ist bewusst, dass wir in der Schweiz höhere Produktionskosten haben (gilt für Ifolor) und auch unsere Kaufkraft höher ist - aber sicher nicht um Faktor 50% und mehr. Dass das Geschäft trotz allem funktioniert mag an der Unwissenheit der Kunden liegen oder auch daran, dass gerade zu Weihnachten und anderen Feiertagen und sonstigen Anlässen für die meist sehr emotionalen Fotoprodukte das Portemonnaie offenbar lockerer sitzt und der Preis kaum eine Rolle spielt, die Preissensibilität sehr gering ist. Aber ein Preisvergleich lohnt sich definitiv.

Bildquelle: REK  / pixelio.de


10. Juni 2017

Strukturwandel im Einzelhandel: Mehr als die Digitalisierung der Kanäle

NZZ 10.6.2017, S. 33
Im Fokus der Wirtschaft in der heutigen Ausgabe der NZZ beschäftigen sich drei Artikel mit dem Strukturwandel im Einzelhandel in den USA*. Der Hauptartikel widmet sich dem Niedergang der Einkaufsmalls und Ladenketten in den USA. Ein Artikel zeigt wie die Modekette J. Crew trotz guter Ausgangsposition den Anschluss verloren hat, ein weiterer zeigt auf, wie Best Buy den Strukturwandel meistert. Dazu ein paar Gedanken.
"Der Aufstieg des Onlinehandels und die demografischen Verschiebungen haben sich zu einem Sturm zusammengebraut, der nun mit voller Kraft über den amerikanischen Einzelhandel hinwegfegt." (Quelle)
Vor allem Warenhäuser leiden unter dem Strukturwandel, die wiederum die grossen Malls mit in den Abgrund ziehen. Es wird geschätzt, dass allein 2017 ca. 9000 Geschäfte in den USA dicht machen werden.

Auch wenn die USA mehr Läden proportional zu der Zahl der Einwohner hat wie alle anderen Länder weltweit, so zeigen die Entwicklungen einen klaren Trend auf, der auch für den Markt Schweiz gilt.

Leerstände in der stgaller Innenstadt
(Mai 2017)
Drüben bei carpathia war im Februar zu lesen, dass in der Schweiz die Top-5 Onlineshops der Schweiz bereits mehr Umsatz als die fünf grösste Shopping-Center machen.

Die Leerstände sind auch in den Schweizer Innenstädten nicht zu übersehen. Modeketten machen reihenweise dicht, und auch die Traditionsbuchhandlung Rösslitor in St. Gallen verkleinert sich (wieder). Man habe "Die Zukunftsaussichten anders eingeschätzt". Trotz der ersten Dead Mall auch in der Schweiz glaubt man in Ebikon weiter an das Konzept der Shopping Mall und baut die Mall of Switzerland. Man wird sehen, ob das Konzept der Mall, die auch Freizeit- und Familiendestination sein will, aufgeht.
"Dabei wäre es für den Detailhandel eigentlich an der Zeit, massiv zu investieren. Denn zum einen wachsen die Konsumausgaben in den USA stetig. Und zum andern: Wie sonst, wenn nicht mit Innovationen soll der Detailhandel auf die massiven Veränderungen von Konsumgewohnheiten und Bedürfnissen der Kunden reagieren? Wie sonst will er von der Digitalisierung profitieren, wenn sich nicht nur den Absatz, sondern auch die Beschaffung grundlegend verändert? Jungfirmen, die Kleidung vermieten oder gesamte Garderoben zusammenstellen, zeigen, wohin die Reise im Bekleidungssektor gehen könnte." (Quelle)
Um dem Strukturwandel zu begegnen reicht es eben nicht, (auch) Online zu verkaufen, eine Weblounge einzurichten, grosse Bildschirme im Laden aufzustellen oder auf Click & Collect zu setzen.

Der Artikel über den Niedergang J. Crew in den USA zeigt deutlich, dass auch Internet affine Pioniere des Onlinehandels mit einem digitalen Weiter wie Bisher Schiffbruch erleiden. Es geht längst nicht mehr um die Digitalisierung der Kanäle:
"J. Crew habe es versäumt, etwa mit auf Algorithmen basierter, dynamischer Preissetzung den Absatz zu maximieren. Auch ändern sich Modetrends durch das Internet viel schneller. Und digitale Zulieferketten hätte es vielen Konkurrenten ermöglicht, auf diese schnellen Wechsel einzugehen." (Quelle)
Oder mit anderen Worten:
Es geht um Geschwindigkeit, Daten-getriebene Geschäftsmodelle, digitale Lieferketten, um einem drastisch veränderten Kundenverhalten entsprechen zu können - notabene geht es um eine echte Transformation durch Innovation einer Branche.

Das Beispiel von Best Buy zeigt, dass grösser zu denken von Erfolg gekrönt sein kann.  Ca. 80% des Umsatzes bei Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräten werden in den USA bereits Online getätigt. Die legendäre, fast 100 Jahre alte Kette Radio Shak mit einst 4000 Filialen steht unter Chapter 11 und verfügt gerade noch über 70 eigene Filialen - und für die Kunden gibt es einen Bankruptcy Customer FAQ. 

Trotz dieser Entwicklungen konnte sich die Kette Best Buy behaupten, auch wenn auch Best Buy Filialen schliessen musste. In den letzten 12 Monaten hat sich der Aktienkurs von Best Buy verdoppelt, irgendetwas hat die Firma also richtig gemacht. Aber was hat Best Buy anders gemacht? Neben einigen eher üblichen Dingen vor allem eins: Grösser gedacht!

Zum einen gab man den Kunden ein Preisversprechen, um sie nicht an Amazon & Co zu verlieren. Soweit so gut. Das alleine führt letztendlich zu einem ruinösen Preiswettbewerb.

Darüber hinaus hat man den Kundennutzen ins Zentrum gestellt und das Filialnetz als Chance und nicht als Bürde betrachtet und die Filialen als Teil des Gesamtsystems Best Buy verstanden:
"The stores continue to be a great asset for us," Best Buy Chief Executive Hubert Joly said on Thursday. "They're a great asset from the standpoint of the customer experience on the more complex categories or experiences, and they're a great asset from a shipping and logistics standpoint." (Quelle)

  • In den Läden werden eher hochpreisige Produkte verkauft.
  • Store-within-a-Store Konzept für Markenartikler aus der Elektronikbranche:
"Best Buy’s success with vendor brands operating within its stores is a winner not only because companies like Samsung, Microsoft and Verizon pay rent, but because they are a direct link back to factories, new product launch plans and technical support." (Quelle)
Vertikal integrierte Lieferketten  werden so in den Einzelhandel integriert:
"The demand flow in such cases sends a much clearer signal upstream to supply."  (Quelle)
  • Problemlösungen für den Kunden stehen im Mittelpunkt, das Personal wurde entsprechend geschult. Dies wird als Möglichkeit der Kundenbindung und für Cross-Selling betrachtet. 
"The principle is well established in retail, but it demands a different mentality about labor. There will be fewer associates, with higher salaries, more decision-making power and much better information tools going forward. How else can you expect to out-service Alexa?"  (Quelle)
  • Und zukünftig kommen Kundenberater auch nach Hause:
"Having these conversations in the home unlocks all sorts of discussions with the customers," Mr. Joly said. "There's some needs that people never talk about in the stores."  (Quelle)
  • Mit Geek Squad wird ein umfassender Service angeboten:
"We're here for you every step of the way. Our appliance experts can deliver, install, protect and repair your major appliances, plus haul away and recycle your old ones.
Geek Squad

  • Filialen als Teil der gesamten Logistikkette: Die Hälfte der Online-Bestellungen werden entweder direkt von den ca. 1600 Filialen an den Kunden versandt oder vom Kunden dort abgeholt. Dies ist mit Anpassungen in den Filialen verbunden, um daraus (auch) Knoten im Logistiknetz zu machen. 
"The final factor in Best Buy’s story is its embrace of omnichannel fulfillment. Joly cites this factor as well saying: “[The stores are] a great asset from a shipping and logistics standpoint.” The Wall Street Journal reports that around half of the company’s online orders are either shipped from or picked up in stores, and with 1,600 doors in North America, this means proximity to many consumers.
Store operations must obviously add capabilities to make this happen and inventory visibility has to be nearly perfect. But once it’s figured out, direct-to-consumer delivery draws on 10 times as many nodes as even Amazon. Total cost to deliver is an increasingly complex equation, but with ship-to locations sometimes only a few miles away, the choices for customers multiply quickly, including sharing economy options like Instacart and UberRUSH."  (Quelle)

Fazit:
"Stores can beat online, if only because they serve all five senses. Add in some local love, a bit of customer loyalty and an awareness of the supply chain back upstream and Best Buy’s story could be yours."  (Quelle)

Dieser Beitrag erschien am 12.6.2017 als Gastbeitrag bei carpathia.ch.
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* NZZ 10.6.2017, S. 33: (ePaper)


27. September 2016

Digitalisierung im Weinhandel - Fallstudie und Flashback

(Harry Campell)
Jeder, der im Umfeld von eCommerce und eBusiness unterrichtet, weiss, dass die aktuellen Entwicklungen Fluch und Segen zugleich sind.
Fluch, weil man nie sicher sein kann, ob man alle relevanten Entwicklungen auch wirklich mitbekommen hat, aber auch Segen, weil es praktisch täglich Neues gibt, das es spannend macht und das man gut in die Vorlesung einbauen kann.

So habe ich in meinem aktuellen eBusiness Kurs an der FHS St. Gallen in der letzten Woche zum Auftakt begonnen, einige aktuelle Entwicklungen im eCommerce aufzuzeigen. U.a. habe ich mit den Studierenden die gerade frisch publizierten Umsatzzahlen der Schweizer Onlineshops besprochen.
Heute konnte ich daran anknüpfen Dank des heute aktualisierten Umsatzvergleichs der Einkaufszentren und der Onlineplattformen von Thomas Lang von Carpathia.

Darüber hinaus hat der morgendliche Blick in die NZZ gleich noch eine Fallstudie für die heutige Vorlesung hergegeben. In zwei Artikeln (hier und hier) wird die Digitalisierung im Schweizerischen Weinhandel thematisiert; dies anhand der Beispiele Mondovino vom Grossverteiler Coop, Martel aus St. Gallen (einer der grösseren Händler) und der Selection Schwander (ein eher kleiner, spezialisierter Händler).

Ich habe die Studierenden beauftragt aus der Perspektive der drei genannten Vertreter des Weinhandels die Marktsituation zu beschreiben sowie Herausfoderungen und Handlungsempfehlungen zu identifizieren. Als Basis dienten die beiden Artikel sowie die Websites der Anbieter.
Die Studierenden hatten ca. 40 Minuten Zeit und haben in kleinen Gruppen gearbeitet. Das Ergebnis habe ich dann wie folgt zusammengefasst (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):



Das Thema hat mich nicht nur wegen der Aktualität interessiert: Die Weinhandlung Martel gehört zu den Pionieren in Schweizerischen eCommerce. Bereits 1995 ging Martel mit einem eShop Online - zu der Zeit war Philipp Schwander Einkäufer bei Martel. Zusammen mit Andreas Göldi und Hans Meli haben wir Wolfram Martel davon überzeugt, dass Online die Zukunft ist (obwohl es nicht wirklich schwierig war, ihn zu überzeugen).

Dass aus der Gruppe, die damals den ersten Martel und weitere eShops realisierte, die heutige Namics wurde, ist Geschichte.


30. November 2011

Studie zeigt grosse Skepsis zur digitalen Demokratisierung in der Schweiz

Verschiedentlich habe ich über die Nutzung von Social Media bei Abstimmungs- und Wahlkämpfen berichtet (hier, hier) oder mit dazu geäussert.

Immer wieder habe ich  - und nicht nur ich - in diesem Zusammenhang festgestellt, dass eine echte, inhaltliche Interaktion mit Bürgern oder Wählern nicht oder nur in geringem Umfang stattfindet.

Die gestern vorgestellte Studie Die Schweiz im Internet 2011 liefert jetzt einen Erklärungsansatz zur Zurückhaltung bei der inhaltlichen, politischen Diskussion via Social Media. Zwar sind
"Internet-Nutzer generell politisch aktiver sind als Nicht-Nutzer", 

22. September 2009

"Der Untergang der alten Medien-Schweiz" - ein kritischer Blick von Rainer Stadler

In dem Beitrag "Der Untergang der alten Medien-Schweiz" in der NZZ Online vom 21. Feb. 2009 setzt sich der NZZ-Medienredaktor Rainer Stadler mit "Anspannung, Übersättigung und Entwicklungen im Journalismus" und insbesondere der Medienlandschaft in der Schweiz auseinander.
"Aus dem Ausland hörten wir immer wieder wohlwollende Worte über unsere Medienlandschaft. [...] Bewunderung fand nicht nur der Artenreichtum auf engem Raum, sondern auch die Differenziertheit der Berichterstattung. Journalismus sei hier der Aufklärung verpflichtet, lobte ein Experte vor zehn Jahren."
Und nicht nur der Journalismus an sich hat sich verändert; Stadler beschäftigt sich vor allem auch mit dem Umfeld:
"Denn die technischen und ökonomischen Verwerfungen setzen das Mediensystem derzeit unter höchste Anspannung."
Während andere Autoren fast schon naiv daran glauben, dass die neuen Online- oder Hybrid- Modelle für Zeitungen schon irgendwie auch ökonomisch funktionieren und die Diskussion der tragfähigen Geschäftsmodelle weitgehend ausblenden (z.B. diskutiert in den Blogeinträgen hier, hier, hier oder hier), legt Stadler hier durchaus etwas selbstkritischer den Finger in die Wunde - allerdings ohne Auswege anzubieten.
"Die Entwicklung ist fundamentaler Art. Die Werbung als wichtigster Treibstoff der Medien wird immer knapper. Und dies, obwohl die Werbeausgaben langfristig kaum abnehmen dürften. Es erfolgt jedoch eine Verlagerung, welche für die Schweiz unangenehme Konsequenzen hat."
Es geht um Internationalisierung, restriktive Medienpolitik und neue Player im Medienmarkt - und natürlich um die Digitalisierung:
"Die digitalen Technologien schufen einen grenzenlosen Kommunikationsraum, der die mediale Autonomie kleiner Länder gefährdet. [...] Mitmachen dürfen zwar alle, aber Geld verdienen werden nur wenige. [...] Der Konzentrationsprozess im Blätterwald wird verschärft. Die wachsende Vielfalt im elektronischen Sektor täuscht über die schmale ökonomische Basis der Anbieter hinweg. Kurz und schlecht: Die klassischen Erwerbsmöglichkeiten der Medienhäuser scheinen höchst gefährdet."
Nun, diese Entwicklung ist allerdings nicht wirklich neu. Schon Rayport und Sviokla haben 1994 über die Disaggregation von Content, Context und Infrastruktur in der Medienindustrie berichtet (Managing the Marketspace, HBR, 1994). Spätestens seit Mitte der neunziger Jahre war klar, dass die Medienlandschaft massiv durch das Internet verändert wird. Durch die Optionen des Web 2.0 und zusätzlich durch die aktuelle Wirtschaftskrise haben sich diese Entwicklungen massiv verstärkt und beschleunigt. Den alten Zeiten nachzutrauern im Sinne von 'früher war Alles besser' ist aber ebenso wenig hilfreich den Herausforderungen zu begegnen wie zu naiv darauf zu reagieren.


24. April 2009

Von Bürgern und Staaten und ihren wechselseitigen Beziehungen in Ost und West

Bürger stehen zu ihren Staaten, in den denen sie leben, in einer bestimmten Beziehung, als Gesellschaften übernehmen sie bestimmte Rollen, geprägt u.a. durch die historischen Entwicklungen eines Landes sowie den in den Gesellschaften verwurzelten Menschenbildern und dem entsprechenden Verständnis für die Rolle des Staates un der Bürger.

In gleich zwei Artikeln beschäftigt sich die NZZ vom 23. April 2009 mit dieser Themenstellung im Angesicht der aktuellen Krisen:


Der Berliner Korrespondent der NZZ, Ulrich Schmid, berichtet im Artikel auf der Seite 7 "
Vom erodierenden Reiz der Folgsamkeit in Deutschland - Die Schweiz als Objekt linken Unmuts und bürgerlicher Träume von Selbstverantwortung und Eigenständigkeit" (es ist die gekürzte Fassung eines Vortrages) von den Befindlichkeiten der deutschen Volksseele, ihren 'Dogmen' und stellt dies der Schweizerischen Gesellschaft gegenüber. Dieser Artikel ist vor allem auch durch die aktuellen politischen Diskussionen zwischen beiden Ländern geprägt und thematisiert in diesem Zusammenhang auch die aktuelle Wirtschaftskrise einschliesslich der Diskussion um hohe Managergehälter.
"Hat man sich nicht eben noch lautstark über Menschen beklagt, deren Lohn in keinem Verhältnis zu ihrer Leistung stand? Auch ich gehöre zu denen, die finden, eine Entkoppelung von Leistung und Lohn sei unanständig und frivol – immer, nicht nur im Falle der Börsianer und Banker. Im deutschen Sozialstaat allerdings gilt diese Überzeugung nichts. Bedürftige haben viele Rechte, aber kaum Pflichten; wer Leistung von ihnen verlangt, setzt sich dem Verdacht aus, er sei ein rechter Hardliner."
Und zum Hang der Deutschen zur perfekten Regulierung aller Lebenslagen schreibt der Autor:
"Zu viele ahnen, dass Überregulierung im Namen von Gerechtigkeit nicht nur die Demokratie, sondern auch den Wohlstand erwürgt und dass die Finanzkrise an diesen Grundsätzen nicht einmal schwach gerüttelt hat."
Und zur 'Indianer - Kavallerie' - Diskussion zwischen Deutschland und der Schweiz:
"Die Entwicklung der Reaktionen in Deutschland ist durchaus symptomatisch für den Zustand des Landes. Und damit wären wir wieder beim Thema der Folgsamkeit. Denn machen wir uns nichts vor: Nach den Verbalattacken Steinbrücks herrschte Genugtuung in Deutschland, und zwar in fast allen Lagern. Geschuldet ist dies in erster Linie wieder der Überzeugung, nur eine sehr soziale Gesellschaft sei eine gute Gesellschaft. Der Begriff «Gerechtigkeit» wird fast ausschliesslich zielorientiert diskutiert – wie stelle ich Gerechtigkeit her? Was grundsätzlich gerecht ist, was das Wesen der Gerechtigkeit ausmacht, das steht nicht mehr zur Debatte."
Und weiter:
"Woher dieser wohltuende Widerspruch? Meine These: Aus einem tiefsitzenden Gefühl des Respekts für die direkte Demokratie. Sowenig die Deutschen über Schweizer Politik wissen mögen: Dass wir pausenlos abstimmen, das wissen sie. Sie wissen auch, dass sie das selber nicht tun. Sie wissen, dass unser politisches System auf einem grossen Mass regionaler Eigenständigkeit und auf der Eigenverantwortung des Bürgers basiert – das ihre nicht."
Im Artikel "Asien und der verlorene Glauben an die Überlegenheit des Westens Rechtfertigen von Staatsgläubigkeit und «asiatischen Modellen» im Zuge der Finanzkrise" von Manfred Rist im Teil 'Fokus der Wirtschaft' (S. 27) wird u.a. die Renaissance der Staatsgläubigkeit in Asien und das damit zusammenhängende Verhältnis zum Westen thematisiert. Es geht um die Asienkrise, die Hinwendung vieler asiatischer Länder hin zum Westen:
"Nach der Asienkrise, als der Westen höchstes Ansehen genoss, musste man beinahe zwingend an amerikanischen oder britischen Universitäten studieren, und die meisten wollten bei internationalen Unternehmen Karriere machen; man vertraute westlichen Finanzgurus und legte sich gar ausländische Akzente zu. Ob Köche oder Designer, was aus dem Westen Eingeflogene hervorbrachten, war zum Vorneherein spezieller, authentischer, teurer (und deshalb besser) als Lokales, und blindlings vertraute man natürlich auf Marken und Logos."
Basierend auf dieser starken Orientierung am Westen ist die Ursachenforschung zur aktuellen Krise einfach:
"In einem Befund ist man sich deshalb rasch einig: Die Krise ist nicht (wie damals) hausgemacht, ihr Epizentrum liegt vielmehr im Westen. [...] Dass man etwa in den westlichen Hauptstädten nun ordnungspolitisch einiges über Bord wirft, dürfte hier und dort gar Genugtuung auslösen. Der ordnenden unsichtbaren Hand des Marktes vertraute man in diesen Breitengraden ja nie ganz.[...] Dass nun der Staat als Rückzugsgebiet und Hort der Stabilität gesehen wird, der es schon richten wird, ist aus dieser Perspektive naheliegend. [...] Über allem steht der tief in den meisten asiatischen Gesellschaften verwurzelte Hang zu Ordnung und Kontrolle. Ferner zu tradierten Prinzipien wie Gemeinschafts- und Sparsinn sowie Unterordnung und Autoritätsglaube – Faktoren, die stärker sind als Ideologien. Da haben ausgeklügelte Derivate, deregulierte Märkte, die Zelebrierung des individuellen Erfolgs oder westliche Freiheiten ganz allgemein wenig Platz."

Bildquelle: Flickr.com/Wolfgang Wildner




15. März 2009

Politik 2.0 - Freund und Feind der Schweizer Politik auf Facebook

"Politik 2.0" scheint bisher in der Schweiz kaum angekommen zu sein, dagegen spielte die Nutzung von Social Networks und anderen Web 2.0 - Anwendungen beim jüngtsten Wahlkampf in den USA offenbar eine grosse Rolle. Bisher wurde zwar immer wieder über einzelne Beispiele berichtet, wie Politiker und Kandidaten in der Schweiz das Web für ihre Aktivitäten nutzen, systematische Unterschungen gibt es aber kaum.

Michael Herrmann von der Forschungsstelle sotomo (sociotopological modeling) am Geografischen Institut der Universität Zürich hat nun den Versuch unternommen, die Beziehungen von Freund und Feind in der Schweizer Politik auf der Plattform Facebook zu analysieren und sichtbar zu machen. Die Forschungsstelle beschäftigt sich vor allem mit der Untersuchung und Visualisierung der sozialen und politischen Geografie und ihrer Veränderung in der Schweiz. Über die Auswertung sozialer Beziehungen zwischen Parlamentariern berichtet die NZZ vom 14. März 2009 unter dem Titel "In der Politik Feinde – auf Facebook «Freunde» Die Online-Beziehungsnetze von Bundesparlamentariern". Auf den Seiten der Forschungsstelle sind leider keine weiteren Details zur Untersuchung zu finden.

"Bereits 54 Mitglieder des Bundesparlaments sind mittlerweile auf der Internetplattform Facebook präsent. Das populäre soziale Netzwerk bietet Politikern neue Möglichkeiten, Anhänger zu mobilisieren, für eigene Anliegen Werbung zu machen oder auch Rückmeldungen auf Ideen einzuholen – und dies alles kostenlos."
Darunter sind 49 Nationalräte und 5 Ständeräte.

In der Zusammenfassung in der NZZ lernen wird, dass ...

  • die über Sechzigjährigen nur spärlich vertreten sind,
  • die unter Vierzigjährigen zu mehr als zwei Dritteln vertreten sind,
  • dass die Jüngeren 'aktiver' sind (gemessen an Kontakten),
  • dass die Romands überproportional vertreten sind,
  • "nur 14 Prozent der SVP-Parlamentarier, jedoch über 40 Prozent der Sozialdemokraten" auf Facebook aktiv sind und
  • dass die FDP mit 34 Prozent die zweithöchste Quote aufweist,
  • dass Christian Levrat, Präsident der SP, die meisten Kontakte hat, nämlich über 1500 (Stand 15.3.09 abends),
  • "dass soziale Kontakte im Bundesparlament nicht an ideologischen Gräben haltmachen",
  • dass die "Ratslinken zwar auf vielfache Weise mit dem bürgerlichen Lager verknüpft – insbesondere mit der FDP –" verknüpft sind, "jedoch bestehen nur ganz wenige Verbindungen zwischen dem rot-grünen Lager und der SVP",
  • dass "von den 133 möglichen «Freundschaften» zwischen SP und SVP [...] am Stichtag (11. März) nur gerade 3 realisiert" waren, und
  • dass die Netzwerker der Politiker eine unterschiedliche ideologische Färbung aufweisen.
Die Beziehungsgeflechte zwischen den Parlamentarien werden folgendermassen erstellt:
"Soziale Nähe und Distanz lassen sich nicht nur anhand der direkten Kontakte zwischen den Parlamentariern berechnen, sondern ebenso über den Vergleich ihrer «Freundeslisten». [...] Wenn man für alle Parlamentarier paarweise den Grad der Überschneidung ihrer «Freundeskreise» berechnet, kann man eine Art virtuelle soziale Nähe bestimmen (vgl. Grafik). Je näher die Kreise zweier Parlamentarier auf der Karte liegen, desto stärker überschneidet sich ihr «Freundeskreis». Nach dem Motto «Zeige mir deine Freunde, und ich sage dir, wie du denkst» kann dabei ein Zusammenhang zwischen sozialem Netz und politischer Orientierung festgestellt werden. "
Im Interview berichtet dann noch Christian Levrat über seine Facebook Aktivitäten. Demnach investiert er drei bis fünf Minuten in Facebook pro Tag. Lässt sich so wirklich ein Netzwerk von über 1500 Mitgliedern pflegen und aktiv nutzen? Das scheint zweifelhaft. Er nutzt das Netzwerk vor allem für die schnelle Mobilisierung zu aktuellen Themen. Wir erfahren also, wie knapp 25% der Nationalräte und knapp 11% der Ständeräte untereinander vernetzt sind, aber was sie daraus dann machen, wozu sie ihr Netzwerk nutzen, dass wäre natürlich noch wesentlich interessanter zu wissen.


Link zum Originalartikel via ZORA (Zurich Open Repository and Archive)

Quelle der Grafik: NZZ vom 14.3.2009

27. Februar 2009

Zeitungen als “Bannwald der Demokratie schützen” !?

Ein Beitrag zur Zeitungs- und Medienkrise ist heute, 27. Feb. 2009, in der NZZ erschienen:


Den Bannwald der Demokratie schützen – Ein Beitrag zur Debatte um die Zeitungs- und Medienkrise“.
Autor ist Norbert Neininger-Schwarz, Verleger und Chefredaktor der Schaffhauser Nachrichten.

In dem Beitrag geht es insbesondere um die Presseförderung und damit notabene um den Ruf nach dem Staat zur Erhaltung der Qualitätspresse. Der Autor knüpft an die Prognosen des NZZ Beitrags von Rainer Stadler vom 21. Feb. 2009 an und kommt – anders als Stadler – zum Schluss, dass zur Rettung der Medienvielfalt (auch) der Staat eingreifen müsse. Weiterhin suggeriert der Beitrag (zumindest indirekt), dass es nur dank staatlich gefestigter Medienvielfalt einen informierten und mündigen Bürger geben kann, der wiederum Basis ist für die direkte und föderalistische Demokratie der Schweiz.


"Was für das Gemeinwesen wichtig ist, muss erhalten werden“
so seine Forderung.
Neininger-Schwarz beklagt, dass im Gegensatz zu anderen Ländern in der Schweiz „strukturelle Vergünstigungen [...] rigoros gekürzt“ wurden.
Aufhorchen lassen den interessierten Beobachter sowohl die Analyse als auch die Vorschläge einer indirekten staatlichen Unterstützung:


„Zum einen muss mit einem anhaltenden Rückgang der Inserateeinnahmen gerechnet werden, zum anderen bedrängen Werbe- und Informationsalternativen das klassische Geschäftsmodell.“
Aha. Auch Stadler schrieb schon vor wenigen Tagen „Die klassischen Erwerbsmöglichkeiten der Medienhäuser scheinen höchst gefährdet.“ Werbe- und Informationsalternativen, gefährdetes Geschäftsmodell? Die Diskussion ist allerdings kaum eine neue! Wie schon im Beitrag „"Der Untergang der alten Medien-Schweiz" - ein kritischer Blick von Rainer Stadler“ angemerkt, sind diese Fragen seit mindestens 15 Jahren ein Thema, z.B. in der wissenschaftlichen Literatur.
Und ich kann mich an ein spannendes Gespräch mit dem Verleger eines regionalen Anzeigenblattes in der Ostschweiz erinnern, in dem der Verleger eben jene Entwicklungen kommen sah – das Gespräch hat 1994 stattgefunden!


Als Unterstützungsmassnahmen des Staates schlägt der Autor u.a. vor:
Unterstützung der Ausbildungsinstitute“: Wer immer damit gemeint ist, als Mitarbeiter einer Bildungseinrichtung kann ich Investitionen in Bildung nur begrüssen. Aber wie stützt das die Medienvielfalt?

Unterstützung der Leserschaftsforschung“: Was soll diese herausfinden, was den Zeitungen wirklich hilft? Dass die Menschen tatsächlich weniger die gedruckte Zeitung lesen und Online-Formate – seien es ‚Zeitungen‘ oder andere Formate – bevorzugen? Über die Mediennutzung in diesem Kontext haben ich auch an dieser Stelle des Öfteren berichtet.


Unterstützung qualitätsfördernder Institutionen“: Ohne zu wissen, was hiermit konkret gemeint ist, bleibt festzustellen, dass das Thema ‚Qualität‘ schön des Öfteren als Rezept vorgeschlagen und thematisiert wurde (Stichwort Qualitätsjournalismus), aber bisher nicht klar wird, mit welchem Geschäftsmodell diese Qualität erreicht und nachhaltig gesichert werden soll.


Auch Miriam Meckel hat sich schon um den Untergang des Informationsbohème (die dürfte wohl dem von Neininger-Schwarz zitierten „wohlinformierten Bürgertum“ ein Stück weit entsprechen) gesorgt ("Zukunft der Zeitung: Das epische Medium"), aber sie hat auch unmissverständlich festgestellt: Wenn bei den Zeitungen alles bleibt wie es ist, dann sind sie tatsächlich dem Untergang geweiht.

Und das scheint die Crux zu sein. Auch der Beitrag von Neininger-Schwarz geht offensichtlich vom Erhalt einer traditionellen Medienlandschaft aus:

Zum einen kommt der Begriff Online erst gar nicht im Beitrag vor
(oder nur indirekt als ‚Informationsalternative‘) und damit auch nicht die Auseinandersetzung mit den Online-Medien; Medienvielfalt scheint also nur Offline möglich zu sein.

Zum anderen deuten Vorschläge für die indirekten staatlichen Eingriffe wie „Verbilligung der Zeitungszustellung“ deutlich darauf hin.


Bei aller Sympathie einer vielfältigen Medienlandschaft – auch in Printform, aber solange man im Jahr 2009 noch so tut, als wären gewisse Phänomene neu und im Übrigen der Finanz- und Wirtschaftskrise eine (Teil-) Schuld an den Entwicklungen zuweist, erweist man der Erhaltung der Medienvielfalt einen Bärendienst.

Bildquelle und ©: S. Hofschlaeger/PIXELIO