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29. Oktober 2017

#stadtsache - Ein Konzept für die Kinder und Jugendbeteiligung


(Bildquelle stadtsache.de)
Durch einen Tweet und den Artikel bei Spiegel Online wurde ich heute auf #stadtsache aufmerksam. Nachdem ich mich seit längerem selbst mit der Thematik der eParticipation und insbesondere der  Einbindung von Kindern- und Jugendlichen in die politische Arbeit einer Gemeinde beschäftige und auch einige praktische Erfahrungen sammeln durfte, hat mich #stadtsache sofort interessiert.

Die Idee von #stadtsache klingt vielversprechend:
#stadtsache macht Kinder und Jugendliche als Stadtexperten in eigener Sache sichtbar und verstärkt ihre Identität im Stadtteil. (Quelle: stadtsache.de)
Das crossmediale Projekt will eine Erweiterung der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in die digitale Welt sein.

Die Motivation hinter dem Projekt kann ich nur unterstützen:
Wir wissen immer noch zu wenig darüber, wie Jugendliche und Kinder ihre Stadt wahrnehmen. Mit #stadtsache als Werkzeug und den richtigen Fragen können wertvolle Erkenntnisse über die Funktion und die Bedeutung des öffentlichen Raums für Kinder und Jugendliche gewonnen werden.
Im Zentrum steht eine App:
Die App #stadtsache ist ein innovatives Werkzeug, um Fotos, Töne, Videos zu sammeln, Wege aufzuzeichnen und Dinge zu zählen. Die Ergebnisse lassen sich bestimmten Aufgaben und Aktionen zuordnen und dadurch mit anderen Nutzern der App teilen. So entsteht nach und nach eine Karte, die Kinder und Jugendliche als Stadtexperten sichtbar macht.
 #stadtsache ist aber nicht nur eine App, sonder wird durch ein Workbook ergänzt, das die Kreativität der Nutzer unterstützen soll: „Jetzt ent­decke ich mei­ne Stadt“.

Vom der Stadterkundung zum
Kinderstadtplan (Quelle)
Die Plätze und Orte, die Kinder und Jugendliche besonders schätzen und empfehlen, können in einem digitalen oder analogen Kinderstadtplan von Kindern für Kinder präsentiert werden.

Und offenbar gibt es auch noch ergäzendes Projektmaterial mit vielen Tipps und Ideen für Personen, die mit Kinder und Jugendlichen arbeiten möchten. Ausserdem gibt es Informationen für Kommunen, die mit #stadtsache arbeiten möchten.

On- und Offline Elemente werden also gezielt kombiniert; dies war auch unser Credo beim Projekt JugendMachtPolitik.

Auf den ersten Blick erscheint mit das Projekt #stadtsache gut durchdacht zu sein. Erfolg kann es aber nur haben, wenn z.B. Schulen oder die Jugendarbeit diese Werkzeuge aktiv einsetzen. Einen Einsatz in der Grund- bzw. Primarschule kann ich mir sehr gut vorstellen.


#stadtsache Kooperation (Quelle)


Das #stadtsache Modell (Quelle)

Gemäss der AGB ist eine Teilnahme ab 13 Jahren ohne Zustimmung der Eltern erlaubt; allerdings ist bei der Registrierung keine Altersangabe erforderlich.



10. April 2016

ePartizipation - nicht nur Partizipation

eParticipation*
In der Ostschweiz am Sonntag vom 10. April 2016 widmen sich die Seiten 2 und 3 dem Thema Partizipation: Bürger können mitwirken (Onlineversion). Das ist sicher lobenswert, denn Partizipation von Bürgerinnen und Bürgern an der Gestaltung ihres Gemeinwesens sollte selbstverständlich sein, gerade in der Schweiz mit seiner direktdemokratischen Tradition.
"Die Gemeinden beziehen Bürger früher und öfters in politische Prozesse ein. Partizipation hat auf kommunaler Ebene Konjunktur."
In einem Beitrag aus Weinfelden wird auch die Partizipation von Jugendlichen thematisiert.
"Mitgestalten soll in Weinfelden auch die jüngere Generation. Für sie findet im Juni ein Mitwirkungstag statt; im April ein Informationsabend. Und auch hier gelte: Betroffene zu Beteiligten machen. Dazu müssen die Jugendlichen erreicht werden, die weder Zeitung noch Mitteilungsblatt lesen. «Deshalb haben wir einen Jugendlichen mit der Gestaltung des Flyers beauftragt», sagt Häfner."
Allerdings fällt auf, das sämtliche erwähnte Partizipationsprojekte auf traditionelle, analoge Mittel setzen. In der heutigen Zeit aber, in der wir nicht müde werden von Informationsgesellschaft, Digitalisierung oder Industrie 4.0 zu reden, sollte durchaus auch Raum sein für Partizipationsverfahren, welche die Mittel der digitalen Kommunikation und Interaktion berücksichtigen. Nicht dass ich falsch verstanden werde, es geht nicht um eine Ablösung traditioneller Partizipationsmethoden, sondern um einen neuen Mix der angewendeten Mittel und Verfahren.
Gerade bei der jüngeren Generation gehören Smartphones und Apps zum Alltag. Gleichzeitig hören wir immer wieder, dass sich die junge Generation nicht für Politik interessiere und Wahlen und Abstimmungen fern bleibe. Da liegt es doch eigentlich nahe, die Partizipation zur ePartizipation zu erweitern. Im Beitrag eParticipation für Kinder und Jugendliche - Motivation aus Sicht der Forschung habe ich mich damit bereits vor einiger Zeit beschäftigt. Ebenso im Beitrag Zur Rolle und Ausgestaltung der Kinder- und Jugendpartizipation.

Gemeindeblatt März 2016, S. 17
Die Gemeinde Grabs im stgaller Rheintal führt hierzu ein vom Bundesamt für Sozialversicherungen und dem Kanton St. Gallen unterstütztes Projekt durch, das von der FHS St. Gallen wissenschaftlich begleitet wird (vgl. hier)  Ich selbst habe die Freude, hieran mitzuarbeiten.
Ziel des Projektes ist es einen Leitfaden zu entwickeln, der es anderen Gemeinden ermöglicht, ePartizipationsprojekte insbesondere für Kinder und Jugendliche umzusetzen. In der Gemeinde Grabs wird ein entsprechender Pilot durchgeführt. Der digitale Kanal ist auch hier kein Ersatz der traditionellen Mitwirkung, sondern digitale und analoge Instrumente werden komplementär eingesetzt. Im Werdenberger & Obertoggenburger - der zum Tagblatt gehört - wurde im November 2015 über das Projekt berichtet. Das Grabser Gemeindeblatt hat in seiner Märzausgabe 2016 ebenfalls wieder darüber berichtet.

Der nationale Dacherband der Jugendparlamente DSJ hat die Onlineplattform engage.ch entwickelt, die es lokalen und regionalen Jugendparlamenten ermöglicht, auch Online aktiv zu werden.


* "... verstanden als die Teilhabe von natürlichen und juristischen Personen (und ihrer Gruppierungen) an politisch-administrativen Prozessen der Entscheidungsfindung mithilfe von Informations- und Kommunikationstechnik (IKT)" [Albrecht et al, 2008, S. 3]

2. Oktober 2015

Wahlvideos im Kurzcheck

Beim regionalen Ostschweizer TV Sender TVO hatte ich gestern die Gelegenheit mich im Interview  zu einigen Wahlviedeos äussern zu dürfen. Der Beitrag ist hier Online verfügbar.

Nachdem die Videos nur in kurzen Ausschnitten zu sehen waren, möchte ich an dieser Stelle die kompletten Videos vorstellen und kurz zusammenfassen.

Dass Video der Welcome to SVP (ca. 658'500 Aufrufe bis heute) wurde bereits breit in den Medien diskutiert. Aus meiner Sicht schiesst dieses Video über das Ziel hinaus - sofern man das Ziel verfolgt, Wähler zu gewinnen. Das Video ist hoch professionell produziert und wird richtigerweise auch als Musikvideo bezeichnet. Sicherlich kann man mit dem Video die eigenen Anhänger motivieren und mobilisieren; ob sich unentschlossene Wähler dadurch überzeugen lassen, ist fraglich. Denn die politischen Aussagen im Video sind praktisch nicht vorhanden. Das Video wird auf der Website der Partei und darüber hinaus entsprechend beworben.

Das Video 08.06 Egger Mike  (ca. 8300 Aufrufe bis heute) versucht ebenfalls mit Musik die Wähler zu erreichen. Ungeschickt ist, nur dass der unbedarfte Zuseher bis zum Schluss nicht erfährt, wer Mike Egger, der besingen wird, eigentlich ist, für welche Partei er kandidiert. Und man erfährt im mit knapp vier Minuten recht langen Video auch nicht, wer da eigentlich singt - vielleicht doch der Kandidat selbst? -, wer die Statisten, die sich zum Teil etwas hilflos bewegen, sind. Die politischen Aussagen sind eher plakativ, bedienen Klischees. Dass rechts im Video ein Papierkorb teilweise eingeblendet ist, ist dann eher eine Nebensächlichkeit. Und das Video selbst ist nicht wirklich in ein Gesamtkonzept eingebettet.

Im Video Linus Thalmann: Der St. Galler Unternehmer für Bern! (ca. 3920 Aufrufe bis heute) präsentiert sich der Kandidat in seiner beruflichen Umgebung mit einer klaren Botschaft. Das Video ist erfrischend kurz (0:43). Die Inszenierung in der Küche - "mehr Pfeffer", "gut bürgerlich" - ist durchaus eine nette Idee. Die im Video transportierte Botschaft findet sich auch in den sonstigen Online-Auftritten des Kandidaten, und vermutlich auch bei den sonstigen Werbemitteln.

Das abschliessende Video EVP Thurgau Nationalratswahlen 2015 (ca. 1025 Aufrufe bis heute) kann man durchaus als Scherz auffassen. Oder ist es wirklich ein Wahlvideo einer Partei? Ja, tatsächlich. In 23 Sekunden versuchen die Kandidierenden ihre Botschaft zu kommunizieren, allerdings misslingt das total. Die Inszenierung mit einer Tür macht nicht wirklich Sinn, darüber hinaus lenkt sie ab von den wenigen inhaltlichen Botschaften. Die Botschaften selbst finden sich in der durchaus prägnanten Form nicht in Medien. Und das äusserst sommerliche Outfit der Protagonisten wirkt auf mich nicht wirklich vertrauensbildend. Von Kandidierenden, die ernsthaft ins nationale Parlament gewählt werden wollen, erwarte ich durchaus ein Mindestmass an Kleiderordnung, auch im Hochsommer.

Braucht es überhaupt Videos für den Wahlkampf? Ja und Nein.

Warum Ja?
Wer sich wirklich aus einer inneren Überzeugung für ein Video entscheidet, dazu noch eine klare Botschaft für seine Zielgruppe hat, die ins Gesamtkonzept des eigenen Wahlkampfes passt,  und dazu eine zündende Idee für die Inszenierung hat, welche die Botschaft hervorhebt und nicht den Zuschauer wegen anderer Effekte davon ablenkt oder gar zum lachen bringt, der sollte es wagen, ein potentieller Youtube-Star zu werden. Aber nur, wenn er oder ein Mitstreiter auch das Handwerk einer Videoproduktion einigermassen im Griff haben.

Warum Nein?
Wenn nur eine dieser Voraussetzungen nicht vorhanden ist, sollte man es lieber bleiben lassen und sich auf andere Medien konzentrieren bzw. erst einmal seine Hausaufgaben machen.

Apropos Zielgruppe:
Dei eigenen Anhänger zu motivieren und zu mobilisieren, ist sicher eine legitime Motivation für den Wahlkampf an sich. Videos wie auch andere On- wie Offline Medien können helfen, den Wiedererkennungswert zu steigern. Darüber hinaus möchten Kandidierende aber auch unentschlossene Wähler bzw. Wähler anderer Parteien für sich gewinnen.

Immer wieder wird betont, dass Youtube-Filme ebenso wie der Einsatz anderer sozialer Medien zur Ansprache junger Wähler dienen soll. In der Tat, schaut man sich an wie junge Mensche sich heute informieren und dies auf den Wahlkampf überträgt, ist es dringend anzuraten Online- und Social Media aktiv zu nutzen.

Gemäss der aktuellen Studie Jugendbarometer 2015 informieren sich Jugendliche zwischen 16 und 25 aus folgenden Quellen: 22% Internet: Newsseiten/ Zeitungsseiten, 21% via News-Apps auf dem Smartphone, 6% via Facebook, Twitter und anderen sozialen Medien, sowie 22% aus Gratiszeitungen. TV (8%) und Radio (11%) sind dagegen deutlich im Hintertreffen als Informationsquellen, ebenso die bezahlten Tageszeitungen (5%). (Quelle: Jugendbarometer 2015, 41) Andere Studien kommen zu ähnlichen Aussagen.

Hier gilt also der klare Leitsatz Meet the people where they are and not where you want them to be.

Soziale Medien sollten also durchaus zum Repertoire im Wahlkampfmix dazu gehören - aber nicht verordnet, sondern gelebt! Authentisch eben.


Passend zum Thema: Social Media und Wahlkampf - Nachlese zum 16. Social Media Snack




13. März 2015

eParticipation - Warum Online keine politische Diskussion aufkommt: eine Momentaufnahme

Die Idee der eParticipation ist es, Beteiligungsprozesse mit Hilfe der Mitteln der Informations- und Kommunikationstechnik, heute zumeist dem Internet und seiner Dienste, zu unterstützen und zu ergänzen. Insbesondere der Einsatz von Social Media soll dazu führen, dass Bürger z.B. einer Gemeinde sich intensiver an politischen Prozessen beteiligen.

Eine Studie des IPMZ an der Uni Zürich zum Thema Internet und Politik in der Schweiz 2013 zeigt deutlich, dass nur sehr wenige Bürger Online an politischen Diskussionen teilnehmen, sie aber sehr wohl Offline mitdiskutieren.

Nutzung"des"Internet"für"politische"Beteiligung (Quelle IPMZ)

Dass politische Meinungsäusserungen, Diskussionen und Dialoge Online kaum stattfinden, zeigt auch ein Blick auf die Online Präsenzen und insbesondere Social Media Profile von Politikern oder Gemeinden. Damit beschäftigt sich auch der NZZ Artikel Wie Parteien Social Media nutzenSelfies, tote Seiten und ein bisschen Wahlkampf von heute. 

Aber woran liegt das?

Ich frage immer wieder Studierende danach, so auch heute die Studierenden der Informationswissenschaft der HTW Chur im Fach 'Informationsgesellschaft, -ethik und -politik' (IGEP).

Ihre Antworten kreisen alle um die folgenden Argumente:
  • Eine (synchrone) Face-to-Face Diskussion ist leichter zu führen, man kann unmittelbar auf Aussagen und Argumente reagieren, auch seine eigene Meinung präzisieren oder revidieren. 
  • Verbal ist es einfacher sich spontan auszudrücken als schriftlich.
  • Verbale Aussagen in einer Face-to-Face Diskussion haben grundsätzlich eine geringe Reichweite und eine kurze Halbwertzeit.
  • Aussagen in Online Diskussionen können – möglicherweise aus dem Kontext oder Zusammenhang gerissen - digital weiterverbreitet – auch an nicht intendierte Nutzer - und archiviert werden. 
Der Respekt vor der Online Meinungsäusserung hat zweierlei Hintergründe: Einerseits die Unsicherheit oder gar die Unwissenheit darüber, was mit meinen Aussagen geschehen kann („jeder kann lesen was ich denke“), andererseits das durchaus ausgeprägte Bewusstsein, dass digitale Inhalte anders als verbale Aussagen zu bewerten sind und hier notabene Vorsicht geboten ist.

Tatsächlich ist es so, dass digitale Beiträge, egal ob gründlich reflektiert oder sehr spontan und situativ entstanden, (möglicherweise) auch nach Monaten und Jahren noch auffindbar sind. Dagegen sind verbale Aussagen von gestern Morgen in aller Regel bereits vergessen.

Aus diversen Gründen haben es politische Diskussionen auf Online Plattformen also schwer. Ggf. wäre es zu überlegen, ob Online Diskussionen mit einer Art Verfallsdatum versehen werden und danach schlichtweg gelöscht werden - womit sicher längst nicht alle Probleme gelöst wären - und ggf. lediglich Kernargumente in einer Art Zusammenfassung präsentiert werden. Zumindest ein Teil der hier angesprochenen Beweggründe könnte man so adressieren.

Nachtrag 16.3.2015
Eine Idee zum Thema Verfallsdatum hatte @adfichter in einem Tweet: Politische Online Diskussionen nach dem Snapchat Prinzip.
Bildquellen: eigenes Photo und Bernet ZHAW Studie Social Media Schweiz 2013



22. Januar 2015

eParticipation für Kinder und Jugendliche - Motivation aus Sicht der Forschung

10532701395_fae5e101e8_zEin gemeinsamer Beitrag von Rosmarie Arnold und mir (Crossposting vom FHS eSociety Blog)

Die Autoren beschäftigen sich an der FHS St. Gallen in der Aus- und Weiterbildung wie auch in der Forschung und Dienstleistungsprojekten mit dem Thema eParticipation für Kinder und Jugendliche aus einer interdisziplinären Perspektive. Im folgenden Beitrag zeigen die Autoren die Motivation für das Thema aus Sicht der Forschung auf.  

Die eParticipation für Kinder und Jugendliche, wie sie z.B. in diesem Projekt in Grabs umgesetzt werden soll oder im Projekt Scoop-it 2.0 bearbeitet wird, fokussiert auf die Nutzung der Mittel der Informations- und Kommunikationstechnologie, insbesondere neue bzw. soziale Medien, im Rahmen der gesellschaftlichen Partizipation von Kindern. Die eParticipation für diese Altersgruppe ist bis dato nicht systematisch untersucht und aufbereitet worden, es finden lediglich weitgehend isolierte Aktivitäten statt.

Das übergeordnete Thema der offenen gesellschaftlichen Innovation wurde erst jüngst mit wissenschaftlichen Ansätzen untersucht (z.B. (Chesbrough & Minin, 2014Herzberg, 2012Lucke et al., 2012)). Die Themenstellung ist deswegen als hoch innovativ einzuordnen.

Die einzelnen Bausteine sind demgegenüber durchaus gut erforscht und dokumentiert. So geht die Forschung zur politischen Partizipation bereits auf die 60er Jahre zurück (vgl. z.B. (Arnstein, 1969)). Die politische Partizipation von Kindern und Jugendlichen ist ebenfalls gut dokumentiert (z.B. (Fatke & Niklowitz, 2013Wittwer, 2014)). Die Wirtschaftsinformatik beschäftigt sich ebenfalls mit der Rolle der IKT in diesem Kontext (z.B. (Buhl, 2011)). Der Themenkreis Kinder/ Jugend und Partizipation wird in der Sozialpädagogik spätestens seit den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts in der Öffentlichkeit - auch kontrovers – thematisiert und hat durch den sozialen Wandel neue Herausforderungen im Zusammenhang mit den neuen sozialen Medien erhalten (z.B. (Leistert & Röhle, 2011)). Dies geht einher mit der zunehmenden Besorgnis über das abnehmende Interesse der Jugendlichen an der Mitwirkung an politischen Fragen (z.B.(Oser & Biedermann, 2003)). Die aktuelle Studie "Von der Stimme zur Wirkung“ zur Partizipation von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz, deren Ergebnisse vollumfänglich Anfang 2015 publiziert werden sollen, kommt zum Schluss: „…und auf Gemeindeebene ist die Partizipation immer noch gering“ (Rieker, 2014) (vgl. dazu auch Zimmermann, 2014).

Das Konzept der offenen Innovation ist in der Wirtschaft seit längerem bekannt, wird erfolgreich angewendet und ist intensiv beforscht. Die Anwendung der Konzepte offener Innovation im gesellschaftlichen bzw. im sozialen Kontext ist dagegen bisher kaum systematisch untersucht worden. Man spricht hier entsprechend von ‚offener gesellschaftlicher Innovation‘ (Lucke et al., 2012) bzw. von ‚offener sozialer Innovation‘ (Chesbrough & Minin, 2014).

Die Partizipation ist ein zentrales Element offener gesellschaftlicher Innovation; sie bindet Bürger und Bürgerinnen in Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse von Politik und Verwaltung bzw. des Gemeinwesens ganz allgemein ein. Bürger und Bürgerinnen haben so die Möglichkeit zur Lösung gesellschaftlicher und sozialer Herausforderungen des Gemeinwesens beizutragen. Die Bedürfnisse von Gemeinwesen nach einer stärkeren Einbindung von Bürgern und Bürgerinnen allgemein und Kindern und Jugendlichen im speziellen stellen eine allgemeine Entwicklung dar. Die Stärkung der Partizipation, insbesondere von informellen Partizipationsverfahren, ist aktuell ein zentrales Thema auch in der Schweiz, wie auch im Bericht der Bundeskanzlei an den Bundesrat zum Ausdruck kommt (Schweizer Bundeskanzlei, 2011).

Insbesondere die Einbindung von Kindern und Jugendlichen in gesellschaftliche und soziale Prozesse ist gegenwärtig ein zentrales Anliegen. Dies zeigt sich u.a. in den Programmen des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) im Rahmen der „Finanzhilfen Kinder- und Jugendförderungsgesetz KJFG“, bei denen das Thema Partizipation im Mittelpunkt steht. Die Relevanz des Themas zeigte u.a. auch die Diskussion rund um die Analyse des Abstimmungsverhaltens Jugendlicher im Februar 2014 (vgl. z.B. (Bühler, 2014)).

Im Rahmen der offenen gesellschaftlichen bzw. sozialen Innovation werden dabei heute zunehmend die Möglichkeiten des Einsatzes der Mittel der Informations- und Kommunikationstechnik, hier insbesondere die sog. „neuen Medien“ bzw. „sozialen Medien“ geprüft. Man spricht in diesem Zusammenhang von der eParticipation. eParticipation verknüpft die Methoden der Partizipation mit IKT gestützten Instrumenten. In ihrem Bericht widmet die Bundeskanzlei dem Thema „E-Demokratie und E-Partizipation“ ebenfalls grosse Aufmerksamkeit (Schweizer Bundeskanzlei, 2011).
Insbesondere Kinder und Jugendliche, die sog. Digital Natives, nutzen diese Medien heute selbstverständlich in ihrem Alltag in Schule, Ausbildung und Freizeit, wie zahlreiche Studien und Untersuchungen zeigen und thematisieren. (vgl. z.B. (Wampfler, 2014)). In der aktuellen Studie von Golder et al. wird hierzu unter der Überschrift „Reformimpuls 1“ explizit festgehalten: „… Um das politische Interesse bei Jungen zu stärken, müssen allerdings elektronische und soziale Medien verstärkt berücksichtigt werden.“ (Golder et al., 2014, 6).
Kinder- und Jugendmitwirkung auf Gemeindeebene wird in vielen Gemeinden von verschiedenen Kantonen formuliert und praktiziert. Diese Mitwirkung nutzt aber bisher eher traditionelle Methoden. Instrumente, welche Mittel der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) einsetzen, werden bisher nicht oder nur vereinzelt und zufällig eingesetzt.

Bildquelle: undpeuropeandcis on flickr.com (CC BY-NC-SA 2.0)

12. November 2014

Zur Rolle und Ausgestaltung der Kinder- und Jugendpartizipation

Im Sommer 2013 berichtete ich  von der Diskussion zur Jugendbeteiligung am IBK Jugenddialog. Zur Rolle der traditionellen Mechanismen in der politischen Beteiligung schrieb ich:
"Deutlich wurde auch die unterschiedliche Wahrnehmung von Politik: Frau Erler zielte mit ihren Fragen und Antworten immer wieder auch auf die Institutionen der Politik wie z.B. Parteien. Die Jugendlichen dagegen wollen sich vor allem mit den sachlichen Themen beschäftigen, Parteipolitik schien für sie keine Rolle zu spielen.
Hier sehe ich durchaus eine wichtige und grundsätzliche Entwicklung: Beteiligung findet zu Sachthemen statt und wird nicht primär durch politische Institutionen und Strukturen abgebildet." 
Gestern wurden die ersten Ergebnisse der Studie "Von der Stimme zur Wirkung" in den Medien publiziert. Die Studie zur Partizipation von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz wurde unter der Leitung von Prof. Dr. Peter Rieker, Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich, im Auftrag von UNICEF Schweiz im Zeitraum 2012 bis 2014 durchgeführt.

Der Titel des NZZ Beitrags lautet Kinder leben Mitbestimmung anders aus - diese Schlussfolgerung wird in verschiedenen Aussagen in den publizierten Ergebnissen durchaus deutlich:
"Je älter ein Kind wird, desto weniger partizipiert es in Schule und Gemeinde. Dies könnte darauf hindeuten, dass entsprechende bestehende Partizipationsangebote zu wenig an den jugendtypischen Lebenswelten ausgerichtet sind. Ist nämlich ein individuelles Interesse vorhanden, wird rege partizipiert. [...] Partizipation hängt zudem davon ab, ob und wie Erwachsene die Mitwirkung der Heranwachsenden aktiv anstreben und unterstützen." (Quelle)
Daraus ergeben sich entsprechende Konsequenzen:
"«Die Ergebnisse zeigen, dass Beziehungen so gestaltet werden müssen, dass Kinder und Jugendliche von sich aus und aus eigener Initiative partizipieren», sagt Elsbeth Müller, Geschäftsleiterin von UNICEF Schweiz. «Sie müssen erleben, dass sie durch ihr Handeln und Tun eine Wirkung erzeugen können. Dazu braucht es die entsprechende Haltung und Geduld der beteiligten Erwachsenen sowie Plattformen und Gefässe, bei welchen sich Kinder und Jugendliche auf einfachem, unbürokratischem Weg „Gehör verschaffen“, ihre Anliegen und Ideen diskutieren und in altersgerechten Formen darüber verhandeln können.»"   (Quelle)
Zentral scheint mir, das Partizipation  - nicht nur von Kindern und Jugendlichen - Wirkung zeigt und diese vorab klar und transparent artikuliert und kommuniziert wird.

Die Begriffe Plattformen und Gefässe geben einen Hinweis auf den Einsatz neuer Medien:
"Genauere Analysen zeigen dabei, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen der Nutzung neuer Medien als Kommunikationsplattform durch Kinder und Jugendliche und ihrer durchschnittlichen Partizipation in den untersuchten Handlungsfeldern gibt. Werden neue Medien hingegen vorwiegend als Plattform für Spiele und für den Konsum von Filmen benutzt, so besteht kein Zusammenhang hinsichtlich ihrer durchschnittlichen Partizipation." (Quelle, S: 9f.)
Daraus kann man interpretieren, das die Nutzung von eMail, Chat und Messaging einen positiven Effekt auf die Partizipation haben. Nur konsequent ist es dann, diese Formen der Kommunikation als Plattform und Gefäss für die Kinder- und Jugendpartizipation einzusetzen.

Genau diese Form der eParticipation - der IKT-gestützten Kinder- und Jugendpartizipation - steht im Zentrum eines Projektes einer mittelgrossen stgaller Gemeinde, das ich im Rahmen meiner Tätigkeit an der FHS St. Gallen zusammen mit einer Kollegin im kommenden Jahr begleiten werde.

Deutlich wird in den bisher publizierten Ergebnissen der Studie, dass Kinder- und Jugendliche sehr wohl partizipieren wollen, aber eben anders. Solange aber die Erwachsenen nicht müde werden auf die traditionellen Mechanismen zu bauen, wird die Kinder- und Jugendpartizipation sicherlich nicht intensiviert werden können.

Im Sommer 2013 stellte ich dazu in meinem Beitrag fest:
"Es stellt sich dann aber u.a. die Frage, wie dass durch Parteien dominierte parlamentarische System zukünftig geeignet ist, die Gesellschaft in allen ihren Facetten abzubilden und Entscheidungen für die Gesellschaft zu treffen. Alternative Formen der Partizipation - jenseits der Wahlen - spielen also für die demokratische Entwicklung unserer Gesellschaft eine zentrale Rolle - Stichwort offene gesellschaftliche Innovation."

Bildquelle: undpeuropeandcis on flickr.com (CC BY-NC-SA 2.0)

26. Juli 2013

Publikation: Die Net Generation als Leitbild der modernen Informationsgesellschaft - zwischen Mythos und Wirklichkeit

Nachdem ich im letzten Jahr bei der Jahrestagung der SVJ/SSDPM (Schweizerische Vereinigung für Jugendstrafrechtspflege) im September einen Vortrag zum Thema "Die Net Generation als Leitbild der modernen Informationsgesellschaft - zwischen Mythos und Wirklichkeit", ist nun die schriftliche (Kurz-) Fassung im Sammelband zur Tagung in gedruckter Form erschienen:

Die Net Generation als Leitbild der modernen Informationsgesellschaft - zwischen Mythos und Wirklichkeit.

Erschienen in:
Schweizerische Vereinigung für Jugendstrafrechtspflege SVJ (Hrsg.): Kommunikation ohne Grenzen - Begrenzte Information, Zürich, 2013, S. 5-16.

Der Tagungsband ist beim SVJ erhältlich. 

Das Inhaltsverzeichnis des Bandes:






9. Juli 2013

Diskussion zur Jugendbeteiligung am IBK Jugenddialog

(http://www.bodenseekonferenz.org)
Am vergangenen Freitag, 6. Juli 2013, fand in Lindau der IBK Jugenddialog statt.

Als Vertreter des Projekts eSociety Bodensee 2020 hatte ich die Chance als Beobachter daran teilzunehmen.

Seitens der Politik waren u.a. anwesend die Minister und Regierungsräte Beate Merk (Bayern), Gisela Erler (Baden-Württemberg), Claudius Graf-Schelling (TG), Adrian Hasler (FL), Stefan Suter (AI), Ernst Stocker (ZH), Elmar Stegmann (Lkr. Lindau).

Die teilnehmenden  Jugendlichen konnten sich für den Anlass bewerben; notabene waren vor allem diejenigen Jugendlichen anwesend, die sich auch sonst engagieren, z.B. in Jugendparlamenten.

Eröffnung des IBK Jugenddialogs durch Ministerin Merk

Eines der Themen, dass zwischen Jugendlichen im Alter von 14 bis 20 Jahren diskutiert wurde, war Jugendbeteiligung. Während einer Stunde diskutierten ca. 10 Jugendliche mit Staatsrätin Gisela Erler (Wikipedia) zum Thema.
Staatsrätin Gisela Erler im Gespräch mit Jugendlichen

Einige persönliche Wahrnehmungen aus der Diskussion (die natürlich Momentaufnahmen darstellen):

Insbesondere von den deutschen Schülern in der Gruppe wurde bemängelt, dass in den Schulen zu wenig informiert werde. Der Prozess des demokratischen Diskurses wird nicht wirklich geübt.

Eine Jugendliche sagte: "Ich traue mich nicht abzustimmen, weil ich mich nicht informiert fühle".

Ein Schweizer Schüler berichtete dagegen, dass die Themen der vierteljährlichen Volksabstimmungen auch im Unterricht behandelt werden, wenn auch nicht allumfassend.

Für die Jugendlichen ist wichtig, dass sie einen Bezug zu den Themen haben, zu denen sie mitreden sollen bzw. wollen. Dies beginnt bereits in der Schule, wo es z.B. um die Aufstellung von Getränkeautomaten geht. Aber es geht auch genauso um Themen mit globaler Reichweite, wie z.B. Natur- oder Umweltschutz.

Deutlich wurde auch, dass Jugendliche erwarten, dass ihre Meinungen und ggf. Entscheidungen auch ernst genommen werden. Und wenn Entscheidungsprozesse dann ein oder zwei Jahre dauern und kaum etwas voran geht -wie in einem Beispiel einer deutschen Schülerin dargestellt -, dann ist das nicht die Erwartung, die Jugendliche haben.

Deutlich wurde auch die unterschiedliche Wahrnehmung von Politik: Frau Erler zielte mit ihren Fragen und Antworten immer wieder auch auf die Institutionen der Politik wie z.B. Parteien. Die Jugendlichen dagegen wollen sich vor allem mit den sachlichen Themen beschäftigen, Parteipolitik schien für sie keine Rolle zu spielen.

Hier sehe ich durchaus eine wichtige und grundsätzliche Entwicklung: Beteiligung findet zu Sachthemen statt und wird nicht primär durch politische Institutionen und Strukturen abgebildet. Wenn Jugendliche sich also nicht (mehr) in Parteien organisieren (wollen), dann heisst das nicht notwendigerweise, dass sie nicht politisch interessiert sind.
Es stellt sich dann aber u.a. die Frage, wie dass durch Parteien dominierte parlamentarische System zukünftig geeignet ist, die Gesellschaft in allen ihren Facetten abzubilden und Entscheidungen für die Gesellschaft zu treffen. Alternative Formen der Partiziption - jenseits der Wahlen - spielen also für die demokratische Entwicklung unserer Gesellschaft eine zentrale Rolle - Stichwort offene gesellschaftliche Innovation.  Die Schweiz mit ihrer Tradition der direkten Demokratie ist hier deutlich weiter entwickelt als andere Länder, wie auch die Diskussionen am IBK Jugenddialog gezeigt haben.

Und wenn man die Herkunft des Begriffs Politik anschaut, liegen die Jugendlichen hier durchaus näher am Kern: Politik verstanden als Begriff für diejenigen Tätigkeiten, Gegenstände und Fragestellungen, die das Gemeinwesen betreffen. Trotzdem sagte ein Schweizer Schüler, das man Politik spannender machen müsse.

Und für Schüler und Jugendliche sind nun einmal die Frage der Eintrittspreise für das Freibad der Gemeinde ein wichtiges Anliegen, das mit Parteipolitik nichts zu tun hat - dies war nur eines der Beispiele, die von den Jugendlichen genannt wurden.

... und auch dies wurde gesagt:

Und erstaunlich war durchaus auch dies:
Nicht einmal umschreibend wurden von den Jugendlichen Social Media, Internet oder Facebook erwähnt - und Frau Erler hat auch nicht danach gefragt. Lediglich Frau Erler erwähnte einmal, dass sie Opfer eines Shitstorms geworden sein, aber auch dies ohne weitere Nachfragen oder Diskussionen.

Positiv wurden von den Jugendlichen bewertet, dass sie ganz normal mit den Politikern reden konnten, die in der Tat erstaunlich locker drauf waren am IBK Jugenddialog.

Medienmeldungen zum Event gibt es u.a. bei schwaebische.de und regierung.li; Pressemitteilung der IBK.

Photoalbum und Video zum Jugenddialog (ergänzt 15.7.13)


Gruppenphoto der Teilnhemer am IBK Jugenddialog