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13. März 2015

eParticipation - Warum Online keine politische Diskussion aufkommt: eine Momentaufnahme

Die Idee der eParticipation ist es, Beteiligungsprozesse mit Hilfe der Mitteln der Informations- und Kommunikationstechnik, heute zumeist dem Internet und seiner Dienste, zu unterstützen und zu ergänzen. Insbesondere der Einsatz von Social Media soll dazu führen, dass Bürger z.B. einer Gemeinde sich intensiver an politischen Prozessen beteiligen.

Eine Studie des IPMZ an der Uni Zürich zum Thema Internet und Politik in der Schweiz 2013 zeigt deutlich, dass nur sehr wenige Bürger Online an politischen Diskussionen teilnehmen, sie aber sehr wohl Offline mitdiskutieren.

Nutzung"des"Internet"für"politische"Beteiligung (Quelle IPMZ)

Dass politische Meinungsäusserungen, Diskussionen und Dialoge Online kaum stattfinden, zeigt auch ein Blick auf die Online Präsenzen und insbesondere Social Media Profile von Politikern oder Gemeinden. Damit beschäftigt sich auch der NZZ Artikel Wie Parteien Social Media nutzenSelfies, tote Seiten und ein bisschen Wahlkampf von heute. 

Aber woran liegt das?

Ich frage immer wieder Studierende danach, so auch heute die Studierenden der Informationswissenschaft der HTW Chur im Fach 'Informationsgesellschaft, -ethik und -politik' (IGEP).

Ihre Antworten kreisen alle um die folgenden Argumente:
  • Eine (synchrone) Face-to-Face Diskussion ist leichter zu führen, man kann unmittelbar auf Aussagen und Argumente reagieren, auch seine eigene Meinung präzisieren oder revidieren. 
  • Verbal ist es einfacher sich spontan auszudrücken als schriftlich.
  • Verbale Aussagen in einer Face-to-Face Diskussion haben grundsätzlich eine geringe Reichweite und eine kurze Halbwertzeit.
  • Aussagen in Online Diskussionen können – möglicherweise aus dem Kontext oder Zusammenhang gerissen - digital weiterverbreitet – auch an nicht intendierte Nutzer - und archiviert werden. 
Der Respekt vor der Online Meinungsäusserung hat zweierlei Hintergründe: Einerseits die Unsicherheit oder gar die Unwissenheit darüber, was mit meinen Aussagen geschehen kann („jeder kann lesen was ich denke“), andererseits das durchaus ausgeprägte Bewusstsein, dass digitale Inhalte anders als verbale Aussagen zu bewerten sind und hier notabene Vorsicht geboten ist.

Tatsächlich ist es so, dass digitale Beiträge, egal ob gründlich reflektiert oder sehr spontan und situativ entstanden, (möglicherweise) auch nach Monaten und Jahren noch auffindbar sind. Dagegen sind verbale Aussagen von gestern Morgen in aller Regel bereits vergessen.

Aus diversen Gründen haben es politische Diskussionen auf Online Plattformen also schwer. Ggf. wäre es zu überlegen, ob Online Diskussionen mit einer Art Verfallsdatum versehen werden und danach schlichtweg gelöscht werden - womit sicher längst nicht alle Probleme gelöst wären - und ggf. lediglich Kernargumente in einer Art Zusammenfassung präsentiert werden. Zumindest ein Teil der hier angesprochenen Beweggründe könnte man so adressieren.

Nachtrag 16.3.2015
Eine Idee zum Thema Verfallsdatum hatte @adfichter in einem Tweet: Politische Online Diskussionen nach dem Snapchat Prinzip.
Bildquellen: eigenes Photo und Bernet ZHAW Studie Social Media Schweiz 2013



Kommentare:

Karlheinz Meterstock hat gesagt…

Leider hat sich die NZZ einen ziemlichen Schnitzer erlaubt. Sie behauptet, die CVP habe gerade zwei Tweets abgesandt und seit 2011 sei tote Hose. Auch wenn nicht klar ist, welches Konto gemeint ist, sowohl Stadt- wie auch Kantonalpartei sind, ganz abgesehen von der Jungen CVP und einigen Ortssektionen sehr aktiv. Bei den Kantonsräten kann man das Vorgehen von Silvia Steiner durchaus als geschickt bezeichnen.

Stefan Stöckler hat gesagt…

Könnte es auch sein, dass bei face-to-face Diskussionen leichter alle Anwesenden einbezogen werden können als bei online-Diskussionen, in denen viele eben nur konsumieren aber nicht beitragen.
Ich sehe darin auch die Ursache, dass online Protestbewegungen einfach und schnell organisiert werden könne. Diese Leute wollen sich unbedingt äussern. Zufriedene oder "Leicht-Kritische" sehen keine notwendigkeit überall "ihren Senf dazu zu geben" - wieso sollten sie sich also im Netz äussern? --> und wenn, dann stellt sich auch immer wieder die Frage: auf welchem Kanal? Facebook alleine bietet schon zuviele Möglichkeiten - in der eigenen Chronik oder auf einer der vielen anderen FB-Homepages oder Fanseiten.
Daneben finden sich noch klassische Homepages, Twitter, Foren von diversen Online-Medien oder moderierte Blogs ...
Die Variation ist zu hoch --> wo erreiche ich wen.
Face-to-face hat noch einen Vorteil - ich sehe alle Kommunikationskanäle der einzelnen Personen - es wird nicht nur verbal kommuniziert - das sollten wir spätestens seit Paul "man kann nicht nicht-kommunizieren" Watzlawick wissen.
Bei diesen Untersuchungen wird meiner Anischt immer wieder die echte menschliche Soziologie vergessen:
Ein spontanes oder unbewusstes Anheben der Augenbrauen sagt immer noch mehr als ein Smiley.