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28. Mai 2009

Off Topic (nicht ganz) - Ein Besuch in Hongkong

Dieser Eintrag passt eigentlich nicht wirklich in diesen Blog aber trotzdem; bevor ich an der Wuhan International Conference on e-Business WHICEB 2009 in Wuhan, Mainland China, über das Pfingstwochenende teilnehme, bin ich für etwas mehr als zwei Tage in Hongkong. Eigentlich Off Duty, aber so ganz kann man die fachliche Neugier dann doch nicht zuhause lassen, dazu später.

Ich wurde schon gefragt, was sich denn alles verändert habe in Hongkong seit dem Handover 1997 – meine Antwort: nach dem ersten Augenschein gar nicht so viel. Es ist immer noch quirlig, grell und busy, ein Ameisenhaufen ist dagegen wohlgeordnet und beschaulich. Es ist reines Multikulti, die Menschen stehen immer noch geordnet Schlange am Taxistand oder an der Bushaltestelle, gehen bei Rot tatsächlich nicht über die Strasse. Es gibt noch den Hongkong Dollar, und bei der Einreise benötigt man kein Visum (das Wochen vorher beschafft und teuer bezahlt werden muss). Und auch unverändert: Die dreisten Händler. ‚Watches? Rolex?‘, ‚Handbags?‘, ‚Suits?‘, ‚Massage?‘,, Very cheap! Make you good price! You're my friend!‘, etc. raunen sie einem zu, laufen hinter einem her. Der grösste Fehler ist zu reagieren, z.B. durch ein nett gemeintes ‚Thank You‘ oder nur den Kopf zu bewegen. Da hilft nur stur geradeaus schauen und total ignorieren. Trotzdem nervig.

Irgendwie ist es aber noch westlicher geworden, alle Marken und Geschäfte, die man in jeder grösseren deutschen oder schweizerischen Stadt findet, oder sonst wo in einer Innenstadt dieser Welt, gibt’s auch hier. Auffällig: Starbucks ist extrem oft vertreten, schätzungsweise gleich präsent wie das goldene M. Das nennt man dann wohl Globalisierung.

Und was hat sich verändert? Ab und zu, aber nicht zu oft, sieht man die chinesische Flagge im Wind flattern, das muss wohl sein. Und jeder Local hat entweder ein Handy am Ohr, in der Hand oder um den Hals. Es wird mobil telefoniert, gesimst, gemailt und gesurft bis zum Abwinken. Jemand ohne sichtbares Handy muss wohl ein Tourist sein …

Und das in asiatischen Megacities die Menschen ab und zu mit Mundschutz herumlaufen, kennt man auch. In Hongkong ist es in diesen Tagen aber mehr als auffällig, das liegt wohl an H1N1. Schon am Flughafen tragen sicher die Hälfte der Angestellten Masken, nachvollziehbar bei so vielen Menschen aus aller Welt. Aber auch in der Stadt sieht man immer wieder Menschen mit Masken. Und tatsächlich wird vor H1N1 überall gewarnt und auch darüber aufgeklärt. Und beim Betreten so manchen Shoppingcenters läuft man über einen Teppich, der die Sohlen desinfizieren soll, wenn man mindestens zwei Sekunden stehen bleibt. Allgemeine Beruhigung oder tatsächlich effektiver Schutz? Die Laufbänder der Rolltreppen werden vielerorts permanent abgewischt von fleissigen Frauen, natürlich mit Mundschutz. Und auch die TV Werbung ruft zur vermehrten Hygiene auf.

Aber dann das – und diese Widersprüchlichkeit scheint mir irgendwie typisch zu sein für China: Auf dem Nachtmarkt in der Temple Street oder bei den offenen Marktständen in Central scheinen Hygiene und Vorsicht Fremdwörter zu sein. Dort liegen bereits halbierte Fische einfach so offen herum, ohne Schutz vor Staub etc., ohne Kühlung. Und die Strassen-‚Restaurants‘ auf dem Nachtmarkt …, na ja, hier könnten TV Massenmedien spannende Reportagen drehen.

Und das Internet? Beim ersten Test – in einem Starbucks in Tsim Sha Tsui – fand mein PDA 19 drahtlose Netze, davon die Hälfte frei zugänglich, meist von Telcos dem Namen nach zu urteilen. Zumindest die City scheint flächendeckend mit Wifi ausgestattet zu sein. Dummerweise dauert es mit dem PDA dann doch etwas, bis er ein vernünftiges Netz findet, das auch stabil ist, und nicht nach 50 Metern wieder weg ist. Meist muss man via Webbrowser die Geschäftsbedingungen akzeptieren, um wirklich Connectivity haben, manchmal will das Netz dann doch ein Login. Aber dann läuft’s, man sollte sich nur nicht aus der Reichweite wegbewegen.

Aber im Hotel: Kein einzig empfangbares offenes Netz, und das Hotel lässt sich den Internetzugang gut bezahlen: Ca. 7 EUR/Stunde, ca. 12EUR/Tag und ca. 300EUR/Woche. Und beim Thema Internet fällt einem dann doch das Stichwort Zensur ein. Immerhin ist Hongkong ja jetzt ein Teil von China. Im Hotel TV gibt es zwar CNBC, BBC oder DW TV, aber kein CNN. Zufall? Im Web habe ich bis dato noch keine Beschränkungen entdeckt.

Beim Frühstück dann ein Tageszeitung. Es gibt nur eine englishsprachige Zeitung, die China Daily vom 27.5.2009. Zensur hier? Auf den ersten Blick eine ganz normale Zeitung: Titelseite mit nationalen Nachrichten, dann politische Meldungen aus dem In- und Ausland, natürlich die Wirtschaftskrise, ein Artikel über die ‚Post 80s‘ (man könnte auch die ‚Net Generation‘ sagen), Kommentare, Leserbriefe, Wetter, Lokales, Business und Sport.

Aber beim genaueren Hinsehen fällt dann doch etwas auf: Ein ganzseitiger Artikel auf Seite 9 in der Rubrik Opinion („China unswerving in taking its own path“) beschäftigt sich mit dem kürzlich veröffentlichten Buch „Prisoner of the State: The Secret Journal of Premier Zhao Ziyang“. Auszüge hat u.a. die NYT veröffentlicht. Hier werden für die aktuelle chinesische Führung unbequemen Wahrheiten (?) veröffentlicht, just kurz vor dem 20jährugen Jahrestag des Massakers am Tiananem Square am 4. Juni 1989. Der Autor Qi Lin, der nicht weiter vorgestellt wird, geht hier mit den westlichen Medien einigermassen hart ins Gericht. Allein die Sprache und Wortwahl wäre in einer westlichen Zeitung kaum denkbar. Aber das mag auch kulturell bedingt sein. Sehr subtil, aber doch wahrnehmbar, wirft man dem Westen eine ‚Einmischung in innere Angelegenheiten‘ vor, so sagte man früher wohl. Sicher ich mag mich irren, aber der Artikel wirkt eher wie eine ‚offizielle Erwiderung‘ als ein journalistischer Artikel, der versucht abzuwägen, 20 Jahre nach den Geschehnissen. Man schreibt z.B. lediglich von "political turbulences", wenn man die Ereignisse am 3. und 4. Juni 1989 anspricht.

Und in der heutigen Ausgabe vom 28.5.2009 wieder ein Artikel, diesmal auf Seite 8 in der Rubrik Comment: "Party's verdict on Zhao historically indisputable" von Thong Zhengping. (Auch dieser Artikel ist (zum jetzigen Zeitpunkt) nicht Online verfügbar). Auf ca. 2/3 Seite wird hier diesmal die Quelle des Buches an sich, Zhao Ziyang, in Frage gestellt - auch wenn man sine Verdienste ja im Allgemeinen anerkennt. Der Artikel beginnt mit dem Angriff auf die westlichen Medien:


"I have recently been expecting, out of professional sensitivity, some long-planned 'news' to come out overseas".
Kernaussage des Artikels ist, dass das Urteil des Zentralkommitees der kommunistischen Partei über Zhao Ziyang unumstritten ist und man auch 20 Jahre danach daran nicht rütteln will. Es folgt dann u.a. ein Lobgesang auf die chinesische Politik der letzten Jahrzehnte:

"The fruits of 30 years of economic and social development in the country will suffice and demonstrate that the Chinese people have made the right decision in choosing the path of socialism with Chinese characteristics, a choice that benefits the situation in China".
Hat man die Menschen denn überhaupt gefragt ...? Hatten sie die Wahl? Die Zwischenüberschrift zu diesem Teil lautet übrigens "China cannot adopt Western democracy". Dazu der Schlussatz des Artikels:

"I can tell them with absolute certainty that their dream can never come true." (gemeint ist die Demokratisierung des Landes nach westlichem Vorbild).
Und auch viele andere Artikel, die politische Inhalte haben, sind auffallend ‚harmlos‘, meist ohne Kritik, geschrieben. Wohl keine offensichtliche Zensur – aber doch die Schere im Kopf? Wie gesagt, ich mag mich auch irren.

Auffällig ist aber auch, dass über die aktuell stattfindenden Gespräche zwischen den Regierungen in China und Taiwan durchaus neutral berichtet wird, sogar mit einem Bild zweier Parteioffizieller aus beidem Ländern beim freundlichen Handschlag farbig auf der Titelseite. Aber die Srpache ist auch hier irgendwie typisch: Während die Welt von Nord- und Südkorea spricht, liest man in China Daily von DPRK (Democratic People's Republic of Korea) und ROK (Republik of Korea). Wie damals BRD und DDR.

Und ein Artikel vom 28.5.2009, S. 3: "Illegal Internet bars in firing line". Die Behörden gehen massiv gegen illegale Internetcafes vor. Der Grund? Zum Schutz der Jugend!


"They could access unhelathy content, including obscene and violent images and even information about gun sales and weapons
[...]
Tao compared Internet bars that allow students to access hamful content to the recruiting of teenagers into prostitution and drucg trafficking".
Wenn das also der Grund für den Kampf gegen illegale Internetcafes ist, können wir schliessen, dass diese - und vielleicht auch andere Inhalte? - in offiziellen Internet Bars nicht erreichbar sind.

Es wird auch erwähnt, was man für eine offizielle Lizenz benötigt: Mindestens ein Mio. RMB auf dem Bankkonto (ca. 105'000 EUR), 200 Computer und eine Betriebsfläche von mindestens 300 Quadratmetern.

Aber auch das ist auffällig: Ein Impressum sucht man vergebens in China Daily, lediglich drei Geschäftsadressen sind zu finden.

Und das liesst man auch am 27.5.2009 in China Daily: Einen Artikel zur Vernichtung von ‚Fake Drugs‘ und dazu die Versicherung, dass China „not a fake-drug factory“ sei und die westlichen Medien das Them bitte nicht so aufbauschen sollen.
Über Fake Drugs kann ich nichts sagen, aber es gibt ja noch andere Fakes: Der erste Stand auf dem Nachtmarkt in der Temple Street bietet Ralph Lauren Polos an, für ca. 4 EUR das Stück, ohne das obligatorische Handeln. Mhhhh. Und man findet Ohrhörer der Marken Sonum oder Coby, deren Schriftzüge doch auffällig zu Sony gehalten sind. Und drei Calvin Klein Boxershorts für 5 EUR. No Fakes?

Aber das Witzigste sind die Uhren aus der Schweiz: Man findet Uhren, die auf den ersten Blick wie Swiss Army Uhren aussehen – aber weit gefehlt. Erstens gibt es viel mehr Typen von Swiss Army Watches als in der Schweiz oder sonst wo und zweitens heissen sie gar nicht so, sondern ‚Swiss Navy‘ steht auf dem Ziffernblatt geschrieben, Preisauszeichung ca. 2.50 EUR je Stück! (Oder gibt's die wirklich?)

21. Mai 2009

Von Open Access zu Open Science


In dem Beitrag "Offene Forschung als Extremsport" in FAZ.NET vom 20. Mai 2009 beschäftigt sich der Autor Joachim Müller-Jung sachlich und nüchtern mit den Veränderungen im wissenschaftlichen Publikationswesen aus Perspektive der Natruwissenschaften.

Diese Diskussion erweitert den Horizont auf Aspekte jenseits der Open Access Debatte, die gegenwärtig sehr hitzig geführt wird. Es geht hier also um neue Formen der Wissenschaftskommunikation, welche "mehr Transparenz und Schnelligkeit" fordern und bieten und die möglicherweise so stark sind, "völlig neue Strukturen zu schaffen".
"Tatsächlich aber geht es um neue Modelle von "Pre-Publications", von Vorveröffentlichungen. Noch bevor das Ergebnis eines wissenschaftlichen Experimentes mitsamt seiner Interpretation den vollständigen und oft langwierigen Prozess des Peer-Reviews bis zur Publikation durchschritten hat, möge es auf Online-Plattformen öffentlich zugänglich gemacht werden."
Diese Entwicklung ist insbesondere bei den Kernphysikern ein alter Hut. Letztendlich waren es die Bedürfnisse dieser Disziplin, welche die Open Access Entwicklung eingeleitet haben und nicht zuletzt zur Entwicklung des WWW geführt haben. Einer der Protagonisten dieser Entwicklung und 'Erfinder' von ArXiv.org ist Paul Ginsparg ("Open Access: From Myth to Paradox"). GenBank ist ein weiteres Beispiel für ein solches Repository aus der Biologie.

Der FAZ.NET Artikel greift einen weiteren Aspekt des Open Access auf:
"Dieses vorgeschaltete Online-System wird längst nicht mehr nur als Fortschrittsmotor gepriesen, es soll auch präventiv wirken."
Es wird die Hypothese aufgestellt, dass mehr Transparenz, eben z.B. durch die Open Access Publikation in Form von PrePronts wie in der (Kern-) Physik, Fälschungen und Plagiate früher erkennbar werden.

Für eine totale Offenheit plädiert der Autor Michael Nielsen (Nielsen's Blog), der in dem Aufsatz "Doing Science in the Open" für eine "extreme Offenheit" einer "Open Science" eintritt. (physicsworlsd.com, 1. Mai 2009).
"Online networking tools are pervasive, but why have scientists been so slow to adopt many of them? Michael Nielsen explains how we can build a better culture of online collaboration."
Nielsen zeigt auf, wie Open Science, basierend auf den heute verfügbaren Technologien des 'Web 2.0', letztendlich dem Wohl der Gesellschaft dient.
"The adoption and growth of scientific journals has created a body of shared knowledge for our civilization, a collective long-term memory that is the basis for much of human progress. This system has changed surprisingly little in the last 300 years. Today, the Internet offers us the first major opportunity to improve this collective long-term memory, and to create a collective short-term working memory — a conversational commons for the rapid collaborative development of ideas."

"We should aim to create an open scientific culture where as much information as possible is moved out of people’s heads and labs, onto the network and into tools that can help us structure and filter the information. This means everything — data, scientific opinions, questions, ideas, folk knowledge, workflows and everything else. Information not on the network cannot do any good. "
Über die Fähigkeit der Wissenschaft, die neuen Formen von Open Science
umzusetzen, denkt Nielsen optimistisch:
"This change will not be achieved without great effort. From the outside, scientists currently appear puzzlingly slow to adopt many online tools. As we will see, this is a consequence of some major barriers deeply embedded within the culture of science. Changing this culture will only be achieved with great effort, but I believe that the process of scientific discovery — how we do science — will change more over the next two decades than in the past 300 years. "
Nielsen zweigt weitere Beispiel für die kreative Nutzung neuer Technologien für eine Open Science:
"Two examples are Journal of Visualized Experiments, which lets scientists upload videos that show how their experiments work, and “Open Notebook Science”, as practised by scientists like Jean-Claude Bradley and Garrett Lisi, who expose their working notes to the world. In the coming years we will see a proliferation of tools of this type, each geared to sharing different types of knowledge. "
Nielsen thematisierr aber auch den Prozess von Wissenschaft und propagiert neue Formen der Kollaboration:
"... and that is through a change to the process and scale of creative collaboration itself, enabled by social software such as wikis, online forums and their descendants.
[...]
Science is an example par excellence of creative collaboration, yet scientific collaboration still takes place mainly via small scale face-to-face meetings."
Auch hier zeigt er Beispiele auf.

Er fragt immer wieder, warum Wissenschafter diese neue Formen der Kollaboration basierend auf neuen Tools nicht anwenden. Anhand von Beispielen kommt er zum Ergebnis:
"It turns out that there are major cultural barriers preventing scientists from getting involved, thereby slowing down the progress of science."
Ausführlich diskutiert Nielsen auch Auswege, wobei der u.a. auch die Open Access Bewegung als ein Schritt in die Richtung Open Science betrachtet und die Ökonomie von Kollaboration diskutiert.

Nielsen's Forerung nach einer extremen Offenheit klingt allerdings noch sehr idealistisch und die heftige Open Access Diskussion zeigt die Barieren, die insbesondere in der heutigen Wissenschaftskultur begründet sind:
"Ideally, we will achieve a kind of extreme openness: making many more types of content available than just scientific papers; allowing creative reuse and modification of existing work through more open licensing and community norms; making all information not just human readable but also machine readable; providing open interfaces to enable the building of additional services on top of the scientific literature, and possibly even multiple layers of increasingly powerful services. Such extreme openness is the ultimate expression of the idea that others may build upon and extend the work of individual scientists in ways that they themselves would never have conceived. "


Bildquelle: flickr.com/psd

10. Mai 2009

Qualitätsjournalismus - Wikipedia - Hoax

Unter dem Titel "Qualitätsjournalismus - Wikipedia - Online-Medien" berichteten wir im Februar über einen Fall, bei dem Journalisten von (Qualitäts-) Zeitungen einer Fälschung in Wikipedia aufgesessen sind. Inhaltlich war's eine Bagatelle, aber das Prinzip des ungeprüften Abschreibens ist dass was einen aufhorchen lässt.

Nun ist vor einigen Tagen wiederum ein solcher (Bagatell-?) Fall bekannt geworden.
Ein irischer Student am University College Dublin namens Shane Fitzgerald, 22 Jahre alt, hatte unmittelbar nach dem Tod des Komponisten Maurice Jarre am 29.3.2009 ein gefälschtes Zitat in dem entsprechenden Wikipediaeintrag hinzugefügt.
"Fitzgerald's timing could not have been better."
... schreibt Siobhain Butterworth in der Guardian Rubrik "Comment is Free" am 4.5.2009 im Artikel "The readers' editor on ... web hoaxes and the pitfalls of quick journalism", in dem sie versucht das Missgeschick zu erklären.

Das Timing und das Wissen um den Druck von Journalisten, zeitnah Artikel publizieren zu müssen, war wohl auch für Fitzgerald ein Motiv. Und - erwartungsgemäss? - übernahmen eine Reihe von Zeitungen das falsche Zitat in ihrem berichten über den Tod des Komponisten, darunter der
Guardian:

In dem Nachruf auf Maurice Jarre am 31.3.2009 ("
Maurice Jarre") wurde dieses Zitat offensichtlich ohne die Nennung einer Quelle übernommen. In der Online-Version von heute ist das Zitat nicht mehr enthalten, viemher lesen wir am Ende des Artikels folgendes:
"This article was amended on Friday 3 April 2009. Maurice Jarre died on 28 March 2009, not 29 March. We opened with a quotation which we are now advised had been invented as a hoax, and was never said by the composer: "My life has been one long soundtrack. Music was my life, music brought me to life." The article closed with: "Music is how I will be remembered," said Jarre. "When I die there will be a final waltz playing in my head and that only I can hear." These quotes appear to have originated as a deliberate insertion in the composer's Wikipedia entry in the wake of his death on 28 March, and from there were duplicated on various internet sites. These errors have been corrected."
Soviel also zu den Recherechekünsten eines Qualitätsblattes: Nicht nur hat man ein Zitat ungeprüft und ohne Quellenangaben übernommen, sogar der Todestag an sich wurde falsch berichtet.

Es wäre durchaus ein leichtes gewesen, das Zitat auf seine Echtheit zu überprüfen: Ein falsches Zitat hätte in Suchmaschinen keine bzw. kaum Treffer erhalten können. Das gefälschte Zitat von Fitzgerald hat übringens heute bei google.ch ca.
700 Treffer ... (Und mit diesem Blogbeitrag wieder einen mehr).

Darüber hinaus berichtet
irishtimes.com im Beitrag vom 6.5.2009 "Student's Wikipedia hoax quote used worldwide in newspaper obituaries" davon, dass das Zitat, da ohne Quellenangabe, von den Wikipedia Editoren sehr schnell wieder entfernt wurde:
"The quote had no referenced sources and was therefore taken down by moderators of Wikipedia within minutes. "
... aber anschliessend von Fitzgerald wieder eingefügt wurde, wieder gelöscht wurde, etc. pp.

Soviel also zur Debatte um Qualitätsssicherung in On- und Offline-Medien.


Und zur weiteren Motivation des Studenten lesen wir ebd.:

"Mr Fitzgerald said he placed the quote on the website as an experiment when doing research on globalisation.
He wanted to show how journalists use the internet as a primary source and how people are connected especially through the internet, he said."
Und auch das lernen wir: Online-Zeitungsartikel müssen nicht identisch sein mit der gedruckten Version: In der zugehörigen Article History schreibt der Guardian:
"Obituary: Marice Jarre: This article was first published on guardian.co.uk at 00.01 BST on Tuesday 31 March 2009. It appeared in the Guardian on Tuesday 31 March 2009 on p36 of the Obituaries section. It was last updated at 09.28 BST on Wednesday 29 April 2009. "
Da ist die History des Wikipediaeintrages schon aussagekräftiger ...

Gerade hat die
NZZ am 8.5.2009 über den Wert von (gedruckten) Zeitungen - die notabene nachträglich digitalisert wurden - für die Geschichtsforschung ausführlich berichtet: "Geschichte aus der Forschungsperspektive".

Die Art und Weise, wie der Guardian mit der Online-Version von Artikeln umgeht, sie je nach Gusto abändert, ohne die Änderungen konkret zu benennen und ohne den Originalartikel zu archivieren, ist ein Plädoyer für die gedruckte Ausgabe einer Zeitung, sie ist ein absolutes Muss! Schon aus historischen Gründen.

Sicher, auch dieser Fall ist inhaltlich eine Bagatelle, durch das falsche Zitat ändert sich nichts am Tod von Marice Jarre und auch sein Ruf wird ist nicht beschädigt. Aber jeder kann sich vorstellen, wie einfach Schäden mit gewichtigeren Konsequenten entstehen können!

Dieser Fall könnte somit ein Lehrstück in Sachen (Internet-) Recherche, Qualitätssicherung und Medienkompetenz sein!

Bildquelle: flickr.com/swanksalot

9. Mai 2009

The Unwisdom of Crowds

Während diese Zeilen entstehen, läuft das Finale von DSDS auf RTL. Die 'Masse' bestimmt, wer gut ist, und die 'Masse' kauft dann auch die zu erwartende Musik des Gewinners. Ein narrensicheres Konzept, zumindest für den Veranstalter!

Das zugrunde liegende Phänomen wird beschrieben u.a. im Buch "Wisdom of Crowds: Why the Many Are Smarter Than the Few and How Collective Wisdom Shapes Business, Economies, Societies and Nations" oder zu deutsch "Die Weisheit der Vielen: Warum Gruppen klüger sind als Einzelne" von James Surowieck, erschienen 2005 (Link bei Amazon). Das Prinzip der "Kollektiven Intelligenz" wird als ein zentrales Konzept des Web 2.0 verstanden. Aber verhalten sich die Massen wirklich immer intelligent?

In seinem Buch "Going to Extremes: How Like Minds Unite and Divide", erschienen im April 2009, setzt sich der Autor Cass R. Sunstein kritisch mit der 'Weisheit der Vielen' und den Entscheidungsprozessen in Gruppen auseinander. Sunstein ist Rechtsprofessor an der Harvard Law School und (angeblich) der meistzitierte Jurist der USA. Aktuell ist Sunstein in der Obama Administration Leiter des White House Office of Information and Regulatory Affairs.

Eine aktuelle Rezension des Buchs ist in der BusinessWeek vom 11. Mai 2009 erschienen mit dem Titel "The Unwisdom of Crowds"; die Onlienausgabe der Rezension ist unter dem Titel "Divided We Stand" veröffentlicht.
"What jumps out from the book is Sunstein's mistrust of human judgment in everything from politics to business, especially when people band together. There's little wisdom of crowds here—and not many knowledgeable individuals, either. [...]
This wrongheadedness just gets worse when people put their heads together. Like-minded folk tend to aggregate into groups, causing their views to grow more extreme, Sunstein argues."
Mit dieser wie Sunstein es nennt "Group Polarization" lassen sich gemäss dem Autor z.B. der islamische Terrorismus, das Enron Fiasco oder auch Fehlentwicklungen in der US Regierung (natürlich vor Obama ...) erklären:
"In the presidency of George W. Bush, many failures occurred because of an unfortunate culture that encouraged, rather than combated, group polarization."
Und die Buchbeschreibung des Verlags sagt uns dazu weiter:
"Sunstein marshals an abundance of evidence that shows that when like-minded people talk to one another, they tend to become more extreme in their views than they were before. This point applies to such diverse groups as religious organizations, corporate boards, investment clubs, and White House officials."

"Providing a wealth of real-world examples - sometimes entertaining, sometimes alarming - Sunstein offers a fresh explanation of why partisanship has become so bitter and debate so rancorous in America and abroad - and of what concrete steps citizens and nations might take to halt the drift towards unjustified extremism."
Im Grundsatz plädiert Sunstein für die Diversität von Gedanken in einerGesellschaft als Basis für eine gesunde und funktionierende Demokratie.
"For society at large, Sunstein has a touching faith in democracy and diversity. In other words, the U.S. benefits both from its Bill O'Reillys and from its Keith Olbermanns. "Extremism will enrich society's 'argument pool' and thus promote sensible solutions," writes Sunstein."

Bildquelle: flickr.com/asadal

7. Mai 2009

Tagungsprogramm Online - Wissensklau, Unvermögen oder Paradigmenwechsel?

Über die im September 2009 stattfindende Fachtagung "Wissensklau, Unvermögen oder Paradigmenwechsel?" in der Tagungsreihe "Lernende Bibliothek" haben wir hier bereits berichtet.

Seit dieser Woche ist nun auch das
Tagungsprogramm Online. Die Beiträge wurden in einem Begutachtungsverfahren (double blind) auf der Basis der eingereichten Abstracts evaluiert und ausgewählt.

Das attraktive Rahmenprogramm motiviert hoffentlich zu einem verlängerten Aufenthalt im Bündnerland.
Alle Interessierten sind herzlich zur Teilnahme an der Fachtagung eingeladen!

Zur
Anmeldung geht's hier.


4. Mai 2009

eHealth in den USA: Bisher ein Flop?

In der Ausgabe vom 4. Mai 2009 berichtet die BusinessWeek unter dem Titel "The Dubious Promise of Digital Medicine" (S. 31ff.) von den Realitäten der Nutzung von Informatiossystemen im Gesundheitssystem in den USA - mit einem Wort: ernüchternd!
"HHS spokesman Nicholas Papas says: 'Health IT has the potential to save the federal government more than $12 billion over 10 years, improve the quality of care, and make our health-care system more efficient.' " [BusinessWeek]
Soweit die Prognose, die Hoffnungen. Aber die Realität sieht anders aus:
"But so far there's little conclusive evidence that computerizing all of medicine will yield significant savings. And improvements to patient care may be modest. [...] "Health IT's true value remains uncertain," wrote Stephen Parente and Jeffrey McCullough, researchers at the University of Minnesota. " [BusinessWeek]
Dabei beziehen sich die Autoren des BusinessWeek-Artikels u.a. auch auf Studien, die in Health Affairs - The Policy Journal of the Health Sphere in der Ausgabe March/April 2009 mit dem Focus auf 'Stimulating Heath IT' publiziert wurden.
Ein
Hauptproblem scheint offenbar zu sein, dass die Standardsysteme aufwändig in den jeweiligen Spitälern customized werden müssen, in der Konsequenz der erforderliche Datenaustausch aber nicht mehr reibungslos funktioniert.
"The high cost and questionable quality of products currently on the market are important reasons why barely 1 in 50 hospitals has a comprehensive electronic records system, according to a study* published in March in the New England Journal of Medicine. Only 17% of physicians use any type of electronic records." [BusinessWeek]

* Use of Electronic Health Records in U.S. Hospitals, N Engl J Med. 2009 Apr 16;360(16):1628-38. Epub 2009 Mar 25.
""Most big health IT projects have been clear disasters," says Dr. David Kibbe, senior technology adviser to the American Academy of Family Physicians." [BusinessWeek]
In einer Studie aus dem Jahr 2005 wurde bei der Untersuchung eines bestimmten IT-Systems herausgefunden,
"... that use of computers introduced 22 new types of medication errors. His goal was to discover why young medical interns make so many errors. He hypothesized that long hours were to blame. To his surprise, the problems stemmed mostly from software installed to prevent mistakes. " [BusinessWeek]
Die Studie "Role of Computerized Physician Order Entry Systems in Facilitating Medication Errors" wurde in The Journal of the American Medical Association publiziert. Im Jahr 2009 erscheint diese Aussage anachronistisch: Der elektronischen Dokumentenaustausch in der Geschäftswelt - Electronic Data Interchange (EDI) - ist heute die Basis des e-Business und interorganisatorischer Prozesse.

Die US Regierung hat im Rahmen der Stimuli für die angeschlagene Wirtschaft 19.6 Mrd. $ zur Computerisierung des Gesundheitssektors bereitgestellt - die Industrie freut's! Und die US-Regierung droht:
"The federal government will cut Medicare reimbursement for hospitals and medical practices that don't go electronic by 2015. " [BusinessWeek]
Weitere Details zum Programm der US-Regierung wurden von David Blumenthal - " the new Obama health-tech chief" - im Artikel "Stimulating the Adoption of Health Information Technology", ebenfalls im New England Journal of Medicine (April 9, 2009) publiziert:
"But many certified EHRs [Electronic Heath Records] are neither user-friendly nor designed to meet HITECH's ambitious goal of improving quality and efficiency in the health care system. Tightening the certification process is a critical early challenge for ONCHIT ["National Coordinator of Health Information Technology"]. Similarly, if EHRs are to catalyze quality improvement and cost control, physicians and hospitals will have to use them effectively."




Bildquelle: flickr.com/ j.reed