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26. November 2016

Eine seltsame Sicht: Open Access als Basis digitaler Wissenschaftskontrolle?

Das Thema Open Access hat mich auf diesem Blog schon mehrfach beschäftigt, und ich habe mich immer für eine differenzierte Sicht eingesetzt. Also Autor, Wissenschaftler und als Herausgeber einer wissenschaftlichen Zeitschrift setze ich mich aus verschiedenen Perspektiven mit dem Thema auseinander. Nachdem ich heute den Artikel Digitale Wissenschaftskontrolle bei faz.net gelesen habe, folgt nun ein weiterer Beitrag.

Der Autor des Artikels, der ganz offenbar Bibliothekar ist, hat ehrlich gesagt eine ziemlich verquere Sicht auf Open Access, die ich im Folgenden kommentiere:

1. Der Autor schreibt:
"Wenn die Wissenschaftler ihre Aufsätze nicht mehr in gedruckten Fachzeitschriften veröffentlichen würden, sondern digital auf Volltextservern ihrer Universitäten, müssten sie die Verwertungsrechte an ihren Veröffentlichungen nicht mehr an Verlage abtreten, die mit ebendiesen Rechten Geld verdienen."
Open Access gleich digital und Online, traditionelle Zeitschriften gleich analog und gedruckt? In welcher Welt lebt der Autor? Die Zeitschriften, die ich für meine Arbeit regelmässig nutze, sind allesamt Online verfügbar, und ob es sie auch gedruckt gibt, interessiert mich schlichtweg nicht. Und als Autor wie auch Nutzer wissenschaftlicher Publikationen stelle ich fest, dass Zeitschriften, die nicht Online im Volltext über ein mir zugängliches System verfügbar sind, faktisch heute nicht existieren.

2.  Wieso in aller Welt bedeutet Open Access gleich eine Monopolisierung durch den Staat? Das erschliesst sich mir schlichtweg nicht. Ein staatliches Publikationsmonopol die Wissenschaft - wie es der Autor sieht - ist sicher nicht die Konsequenz von Open Access.

3. Open Access bedeutet nicht automatisch die Ausschaltung der Verlage. Verlage unterstützen die Open Access Publikation im Rahmen des sog. goldenen Wegs von Open Access, wie dieses Beispiel deutlich macht. Das könnte der Autor eigentlich wissen ...

4. Der Markt der Wissenschaftsverlage ist ein globaler Markt. Und global gesehen gibt es wenige Verlage von Bedeutung, auf der anderen Seite sind vor allem Bibliotheken und Bibliotheksverbünde die Abnehmer. Einen echten Wettbewerb - wie der Autor es auf Seite der Verlage impliziert - gibt es hier nicht. Will eine Bibliothek eine bestimmte Fachzeitschrift abonnieren und seinen Nutzern zur Verfügung stellen, besteht schlichtweg keine Auswahl; die Zeitschrift wird von genau einem Verlag angeboten. Und dieser kann dann die allseits kritisierten hohen Preise verlangen; die Fachwelt spricht hier auch von der Zeitschriftenkrise. Open Access publizierte Artikel sind dagegen häufig über mehrere Online Repositories abrufbar, so auch im Rahmen der sog. Selbstarchivierung im Rahmen des grünen Wegs durch die Autoren selbst.

5. Und quasi nebenbei wird auch die Erfindung des Computers mehr oder weniger für das Böse verantwortlich gemacht:
"Er betreibt das Geschäft von „Kommunikation und Kontrolle".
[...] 
 Die Logik des Computers ist die einer Kontrolltechnik, die via Internet inzwischen weltweit operiert und dabei Welt-, Kommunikations- und Datenkontrolle zu Synonymen gemacht hat."
Ist es nicht der Mensch, der den Computer zur Kommunikation und Kontrolle nutzt?

Und wenn der Autor das Messen von Zitaten in diesem Kontext kritisiert, dann bleibt festzustellen, das man den sog. Impact Factor - und andere Kennzahlen wissenschaftlicher Qualität - tatsächlich kritisieren kann, aber dass alle diese Kennzahlen von Menschen entwickelt und verwendet werden; der Impact Factor bereits seit den 1960er Jahren, also lange bevor es Opena Access oder digitale Zeitschriften gab.

6. Der Autor folgert aus der Open Access Publikation ein Einfallstor für Wissenschafts- und Industriespionage. Dass das Rechercheverhalten von Nutzern missbraucht werden kann, einverstanden, darüber kann man diskutieren. Aber auch die genannten Firmen und Organisationen unterliegen dem Datenschutzrecht, das keinesfalls ein zahnloser Tiger ist. Und ob ich nach Open Access Artikeln oder nach traditionell publizierten Aufsätzen recherchiere , das macht für mich hier keinen Unterschied. Wer mein Rechercheverhalten beobachten will, interessiert sich kaum dafür nach welchem Modell ein Beitrag publiziert wurde, denn so oder so sind die Artikel digital und Online verfügbar. Oder habe ich nicht verstanden, was der Autor hier sagen will?
"Wir haben hier keine Instrumente vor uns, die für universitäre Kontrollzwecke und für die Wissenschafts- und Industriespionage missbraucht werden können, sondern Instrumente, zu deren Design die Kontrolle samt der Wissenschafts- und Industriespionage gehören." 
"Damit ist die Logik der Kontrolle aber keineswegs erschöpft. Denn der von den Bibliotheken zu Open-Access-Konditionen ins Netz gestellte „Content“ wird zuletzt von jenen Akteuren angeeignet, die die Datenflüsse im Netz steuern und kontrollieren. Wobei der Staat hier weniger einen Anlass für eine Intervention sieht, sondern die Gelegenheit zu Kooperation, denn über die in amerikanischer Hand befindlichen Monopolisten vom Typ Google, Amazon und Facebook erfährt auch er, was seine Bürger denken und tun. "
7. Der Autor schreibt:
"Zugleich aber lassen sich die Download-Zahlen der Aufsätze und Bücher mit den Personendaten der Wissenschaftler verknüpfen, um die in den Naturwissenschaften seit langem schon verbreiteten bibliometrischen Zitationsindizes endlich auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften einzuführen."
Nun, Downloadzahlen gibt es bei jeder Form von Online publizierten Inhalten, ob Open Access oder nicht. Und die bibliometrischen Zitationsindizes bestehen, wie der Name schon sagt, auf Zitationen, und nicht auf Downloads. Dazu sei dieser Beitrag zur Lektüre empfohlen.  Ach ja, und die Zitationsindizes gibt es bereits in den Sozial- und Geisteswissenschaften.


Open Access ist sicher ein Thema, über das es zu diskutieren gibt, auch im Hinblick auf die Demokratisierung des Wissens. Aber leider hat der Artikel mehr von einer Verschwörungstheorie als von einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Open Access. Aber im postfaktischen Zeitalter ist wohl alles erlaubt. Und am Schluss meines Beitrages frage ich mich, ob es überhaupt Sinn macht, darauf zu reagieren ...

Bildquelle: flickr.com/Robert Couse-Baker (CC Lizenz)

19. Dezember 2011

Der Impact Factor und Open Access Zeitschriften

Die Zeitschrift Nature hat in der Diskussion rund um die Auswirkungen neuer Medien auf die Bereitstellung von wissenschaftlicher Literatur heute den Beitrag Do Open Access journals have impact? publiziert.
Der Autor ist James Pringle, Vice President, Development, Academic and Government Markets, bei Thomson ISI, USA.

Das (kommerzielle) Unternehmen Thomson ISI definiert gegenwärtig die zentrale Währung für wissenschaftliche Publikationen, den sog. Impact Factor (Begriff bei Wikipedia). Dieser wird jährlich im Journal Citation Report publiziert.
Ein Journal, das nicht in den Indices von Thomson ISI gelistet ist und notabene keinen (offiziellen) Impact Factor hat, wird häufig von Nachwuchswissenschaftlern nicht berücksichtigt. Fragt man einen potentiellen Autor beispielsweise an, ob er seine Forschungsergebnisse nicht in einem bestimmten Journal publizieren möchte, kommt oft die Frage "What's your impact factor?". Hat man keinen, ist das Gespräch beendet.

Ähnliche Vorbehalte haben (Nachwuchs-) Wissenschaftler gegenüber Open Access - Journals. Sie nutzen diese zwar gerne zur Recherche, aber halten sich beim Publizieren in entsprechenden Journals gerne zurück, aus verschiedenen Gründen. Ein Grund ist auch hier der - vermeintlich - nicht vorhandene Impact Factor.

2. April 2011

Auf dem Weg zur Hochschule 2.0

Das Web 2.0 bzw. die Social Media haben längst auch die Hochschulen und die Wissenschaft erreicht.

Allerdings sind immer noch viele Kollegen eher zurückhaltend bei der aktiven Nutzung, häufig gehörte Argumente reichen von "hab´keine Zeit dafür", "ist doch nur Zeitverschendung" bis zu "ja ich sollte, weiss aber nicht genau wie".

Im Blog Wissenschaft und neue Medien veröffentlicht Wenke Richter (@DigiWis) eine Liste zum Thema Wofür können Wissenschaftler Web 2.0/Internet nutzen?  Diese Liste umfasst Aspekte von der Recherche, der Lehre über das Peer Review bis zum Ersatz der Teeküche. Diese Übersicht ist sicher für diejenigen, die Social Media nutzen wollen, aber nicht recht wissen wo und wie, ein guter erster Einstieg.

13. März 2011

Selbstplagiate in der Wissenschaftskommunkation - ein konkreter Fall

Es ist schon erstaunlich, wie selbst erfahrene Autoren die Regeln des wissenschaftlichen Publizierens verletzen und dabei ganz offensichtlich entweder kein Unrechtsbewusstsein empfinden und/oder naiv genug sind zu glauben, dass der Regelverstoss nicht entdeckt wird. Ob dies beabsichtigt geschieht oder aus Nachlässigkeit, sein dahingestellt.

In diesem Beitrag habe ich bereits ein Beispiel aus der Praxis als Mitherausgeber des wissenschaftlichen Journals Electronic Markets aufgezeigt, in dem es um die Entdeckung von Plagiaten geht. Autoren, die Beiträge für ein wissenschaftliches  Journal wie Electronic Markets einreichen, sind definitiv keine Anfänger in ihrem Fach. Desto erstaunlich ist es, dass Plagiate und auch Selbstplagiate  immer wieder vorkommen.

Aktuell musste ich mich mit einem Fall von Selbstplagiat oder auch Autoplagiat beschäftigen. Der Autor einer Einreichung hat mehr als 2000 Wörter - in einem Beitrag von rund 7000 Wörtern - aus einem von ihm als Koautor mit verfassten Konferenzbeitrag wörtlich kopiert, ohne diesen Beitrag in irgendeiner Form als Referenz zu nennen.
"Im  universitären  Kontext  ist  unter  einem „Selbstplagiat“ die Wiederverwertung eigener wissenschaftlicher Arbeiten ohne Hinweis auf die Originalarbeit zu verstehen." (Gamper 2009)

23. Dezember 2010

Electronic Markets wurde in den Social Science Citation Index (SSCI) aufgenommen

Das ist doch ein schönes Weihnachtsgeschenk: Nachdem wir es schon inoffiziell seit einigen Wochen wissen und auch kommunizieren, ist es jetzt hochoffiziell:

Das Journal Electronic Markets - The International Journal on Networked Business, verlegt bei Springer, wurde in den SSCI, den Social Science Citation Index, (Link) aufgenommen.

Das 'offizielle' Dokument kam per 20. Dezember 2010:
"I am pleased to inform you that Electronic Markets has been selected for coverage in Thomson Reuters products and services.  Beginning with V. 19 (1) 2009, this publication will be indexed and abstracted in:  Social Sciences Citation Index [...]"
Damit ist Electronic Markets in die höchste Liga wissenschaftlicher Publikationen aufgestiegen!


16. November 2010

Freier Zugang zu Electronic Markets bis Ende Dezember 2010

Hinweis: Die Aktion ist verlängert worden bis Ende Dezember 2010!

Das wissenschaftliche und internationale Journal Electronic Markets - The International Journal on Networked Business erscheint in diesem Jahr im 20. Jahrgang. (Alle Ausgaben im Überblick)

Damit ist Electronic Markets eine der ältesten, wenn nicht sogar die älteste, Zeitschrift im Umfeld von eCommerce, eBusiness und elektronischen Märkten (Aims and Scope).

Seit Oktober 2010 ist Electronic Markets auch im Social Science Citation Index SSCI vertreten und somit in der ersten Liga wissenschaftlicher Publikationen.

Seit dem Jahrgang 2009 (Volume 19) wird Electronic Markets bei Springer verlegt. Alle Ausgaben der Jahrgänge 2009 und 2010 sind jetzt bis Ende November Dezember 2010 frei zugänglich.


Ich selbst bin Electronic Markets seit mehr als 15 Jahren eng verbunden und habe mit und für das Journal in verschiedenen Rollen gearbeitet. Aktuell bin ich einer der Associate Editors von Electronic Markets.

(Beitrag geändert 26.11.2010)

8. Oktober 2009

3. Open Access Tage in Konstanz - Eindrücke vom ersten Tag

Aktuell läuft der zweite Tag der 3. Open Access Tage in Konstanz, leider konnte ich selbst nur am ersten Tag dabei sein. Mit dem hash tag #oat09 wird laufend getwittert.

Im folgenden einige subjektive Eindrücke.

In der Eröffnungssession werden die OA Perspektiven aus den Ländern Deutschland, Österreich und der Schweiz vorgestellt. Den Beitrag aus Deutschland habe ich leider verpasst.

Bruno Bauer (Folien) erläutert die österreichische Perspektive. Als 'Vorspann' - wie er es nennt - zeigt er (einmal mehr) Zahlen zur Zeitschriftenkrise die ja massgeblich die OA Initiativen motiviert. Sensibilisiert durch die z.T. sehr polarisierenden Diskussionen der letzten Wochen und Monate hinterlässt dieser Vorspann, der mehr oder weniger deutlich einen 'Schuldigen' ausmacht, einen faden Beigeschmack, zumindest bei mir.

Bauer zeigt u.a. auf, wie die österreichischen Wissenschaftler in OA Publikationen vertreten sind. So sind sie in OA Journals nur wenig vertreten, bei BioMed Central dagegen eher häufig, dies auch je im Vergleich zu Deutschalnd und der Schweiz. Erwähnt wird auch
SCOAP aus dem Bereich der Hochenergiephysik.

Zumindest implizit kann man den Eindruck gewinnen, dass OA nach dem goldenen Weg nur über OA Journals funktioniert oder gar nicht. Tatsache ist aber, dass auch traditionelle Journals zunehmend OA Artikel nach dem Modell '
authors pays' publizieren und damit ihre Geschäftsmodelle weiterentwicklen.

Insgesamt zeigt Bauer ein eher ernüchterndes Bild der OA Politik in Österreich. So moniert er z.B. die fehlende Berücksichtigung von OA Publikationen in Wissensbilanzen und stellt abschliessend fest, dass OA in Österreich v.a. durch Einzelinitiativen lebt.


Markus Zürcher präsentiert (ohne Folien) sehr dicht die Situation aus der Schweiz. Zu Beginn macht er klar:

"Wissenschaft ist per se grenzüberschreitend, in jeder Hinsicht".
Die Schweiz hat somit auch in der Konsequenz keine eigene, nationale OA Politik.

Er unterscheidet dann zwei Ligen, in denen Wissenschaft stattfindet:

In der 1. Liga finden sich die STM Disziplinen: internationale Orientierung, Englisch als lingua franca, OA weit verbreitet, internationale Verlagslandschaft.
In der 2. Liga sind nach Zürchers Einschätzung v.a. die Geistes- und Sozialwissenschaften zu finden: nationale Orientierung, häufig Deutsch als Publikationssprache, nationale Verlagswirtschaft. Sicher, die Darstellung ist auf einem hohen Abstraktionsniveau, allerdings ist sie nach meinem Empfinden zu wenig differenziert, die Aussage zu wenig relativiert. Wissenschaft ist eben viel facettenreicher und komplexer als viele uns glaubend machen wollen. Genau diese Differenzierung nach Disziplinen war ja dann auch Thema bei 3 von 4 Beiträgen in der 'offenen Session' am Nachmittag.

Zürcher stellt auch klar fest, dass der SNF nicht in OA Infrastrukturen investiert, unterstützt aber sehr wohl OA Zeitschriften auch finanziell im Sinne einer Subvention. Für ihn ist klar, dass die Umstellung auf kompletten Open Access massive Investitionen verlangt und vor allem die Finanzierungsmodelle neu geregelt werden müssen, und zwar international, nationale Wege machen keinen Sinn. Hier also der Ruf nach neuen Geschäftsmodellen, die ja an der Tagung auch disktueirt werden. Er ergänzt:

"Durch OA können keine Mittel eingespart werden."
Zürcher fordert einen Weg zu gehen, der möglichst alle Stakeholder einbindet:
"Das Bestehende darf durch das neue nicht gefährdet werden"
"OA nicht gegen, sondern mit den Verlegern umsetzen"
Das heisst natürlich auf der anderen Seite Kompromisse einzugehen und für absehbare Zeit in einer hybriden Welt zu leben. Und zur Rolle des (Urheber-) Rechts:
"Das Recht soll die Dinge so regeln wie sie für die Subjekte Sinn machen"
Am Nachmittag gab es dann sechs parallel Sessions; ich selbst war in der 'offenen Session' vertreten, für die man Beiträge einreichen konnte, alle anderen Session waren jeweils mit 'eingeladenen Vorträgen' bestückt (Passt das eigentlich zum OA Gedanken?).

In meinem Beitrag (pdf) ging es mir darum deutlich zu machen, dass die verschiedenen Disziplinen sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen für eine Open Acess Umsetzung. Und nur wenn man man dies berücksichtigt und damit die 'Betroffenen', nämlich die, die Open Access publizieren sollen, in ihrem Bedürfnissen vesteht und somit mitnimmt, kann OA sich durchsetzen. 'Sonntagsreden' und Beschlüsse von SNF und DFG allein reichen da nicht aus. Und nicht nur ich komme in meinem Beitrag zum Schluss, dass offensichtlich OA bei den Betroffenen weit weniger angekommen ist als man vermutet würde. So bestehen ganz offensichtlich massive Informationsdefizite auf der Ebene der Wissenschaftler bezüglich OA im Allgemeinen aber auch in Bezug auf die konkrete Umsetzung.

Dass institutionelle Repositories kaum eine Rolle spielen beim OA Pulizieren wurde auch zumindest in der Diskussion zum Beitrag von
Heidemarie Hanekop (link SOFI Göttingen) (Folien) bestätigt.

Aus meiner Sicht, und das war mein letzter Punkt, werden die Fachgesellschaften, die Scientifc Communities, in der Diskussion rund um OA zu wenig berücksichtigt. Das Thema Open Access und Association Publishing habe ich hier ja bereits diskutiert.
Diese Organisationen leisten zumindest im Bereich der Information Systems, den ich gut kenne, einen dem Wissenschaftler äussert nützlichen Dienst, in dem z.B. aktuelle Conference Proceedings, aber auch Zeitschriften, zeitnah, ohne Embargo, quasi in Realzeit, der Communitiy verfügbar gemacht werden. Mehr will ich doch gar nicht als Wissenschaftler. Das ist faktischer Open Access!

Ein anderer Aspekt in dieser Session, den ich noch erwähnen möchte, war die Polarisierung in OA Journals und traditionelle Journals. Es wird hier immer wieder Schwarz-Weiss gedacht. Dabei ist doch der goldene Weg eine Möglichkeit für traditionelle Journals sich zu entwickeln.

Ein konkretes Beispiel ist
Electronic Markets - The International Journal on Networked Business, bei dem ich selbst als Associate Editor tätig bin. Zu Beginn des Jahres 2009 haben wir den Verlag gewechselt und sind nun bei Springer. Völlig unerwartet sind drei Papers der ersten beiden Ausgaben 2009 frei verfügbar, also Open Access, hier nach dem Springer Open Choice Modell. Das sind immerhin 21% aller Papers der beiden Ausgaben, also ein Fünftel - auch das ist Open Access.
Und selbstverständlich werde diese Papers genau so begutachtet wie alle anderen; zu Beginn des Review Prozesses ist nicht einmal bekannt, ob das Paper OA publiziert wird, der Entscheid hat also keinen Einfluss auf den Review Prozess.



Insgesamt plädiere ich für eine sachliche und differenzierte Diskussion und Auseinandersetzung rund um Open Access, die alle Stakeholder des
Ökosystems Journal Publishing miteinbezieht.

Mehr zu Open Access in diesem Blog gibt's
hier.



Bildquelle: open-access.net

______________________
Ergänzung 14. Okt. 2009: Die Vortragsfolien der gesamten Tagung sind (weitgehend) Online über das Tagungsprogramm abrufbar.

23. September 2009

Open Access und Association Publishing

Im editors's letter der Juli - Ausgabe der Zeitschrift Communications of the ACM (CACM) beschäftigt sich der Editor-in-Chief Moshe Y. Vardi mit der Frage des Open Access aus Sicht der ACM, der Association for Computing Machinery, eine globale, wissenschaftliche Vereinigung für die Informatik Community mit über 90'000 Mitgliedern: "Open, Closed, or Clopen Access?".

Er gibt eine Antwort auf die Frage, warum die ACM nicht ein Open Access Publisher wird.
"I am asked: "Why don't you adopt the open-access model?" Good question! Why don't we?
[...]

As for ACM's stand on the open-access issue, I'd describe it as "clopen," somewhere between open and closed. (In topology, a clopen set is one that is both open and closed.) "
Seine Hauptargumente sind, dass die ACM als wissenschaftliche Vereinigung sich klar von kommerziellen Publishern unterscheidet, letztendlich äusserst geringe Preise für seine Publikationen verlangt (die CACM kostet 126 USD p.a. für 12 Ausgaben (Print und Online) als Nicht-ACM Mitglied, ansonsten 99 USD incl. Mitgliedschaft) und der Profit letztendlich wieder den Mitgliedern zugute kommt.
"Just remember, "free" is not a sound business model."
Auf den editor's letter reagiert John Dupuis in seinem Blog Confessions of a Sicence Librarian mit einem Beitrag vom 2. Juli 2009 "The Association for Computing Machinery on Open Access". Er bescheinigt der ACM ein wohlwollendes Verhalten als Publisher:
"The ACM are on the side of the angels. They're the good guys, trying to do the best thing for their members and for the computing community as a whole. And they are obviously trying to make the best of tumultuous times in publishing."
Er stellt weiterhin fest, dass 80-90% der in ACM Journals publizierten Artikel via Green OA verfügbar sind, was wohl eine richtige Vermutung ist. Dupuis richtet aber auch Fragen an die ACM und ihr Publishing Modell:
  • "Is it still legitimate for a scholarly or professional society to use publications revenue to fund other member programs?
  • Is there a toll access business model for these societies that makes sense?
  • Is there an open access (ie. gold OA) business model for these societies that makes sense?
  • Do we really still need scholarly and professional societies to be publishers? How about in 5 or 10 years?
  • Do we really still need scholarly and professional societies at all? How about in 5 or 10 years?"
Und in der publishers's corner der CACM vom August 2009 antwortet dann Scott E. Delman, ACM Publisher: "Responding to the blogosphere" (leider nur für Abonnenten zugänglich). Er fokussiert vor allem auf die Rolle der Association Publishers als Teil der Scientific Communities:
"... that association publishers ... serve as field-wide gatekeepers of information and knowledge without a profit motive to drive their decision making. Associations like ACM ... are simply an extension of the intentions and will of the scientific communities they serve.

Much like the notion of an institutional repository at a more targeted level, associations provide a single point of entry for members to access the historical and ongoing record of scholarship for their entire field (if executed well, that is). [...]

... ACM and many other association publishers serve as well-intentioned caretakers of the scholarly record."
Die Rolle der Association Publisher im Rahmen wissenschaftlicher Publikationen einer Scientific Community wird durchaus deutlich und ist klar nachvollziehbar. Es fällt auf, dass die Scientific Communities in den übrigen Diskussionen rund um Open Access bisher kaum eine Rolle spielen, vielleicht weil sie als Communities schlichtweg funktionieren und keine Angriffspunkte bieten.

Und aus Delman's Sicht ist es nicht nur
Clopen Access wie Vardie es formulierte, sondern
"... all association publishers are esentially OA publishers, I mean this from the perspective that associations and their corresponding communities are one and the same."
Und in der Tat, sowohl als ACM Mitglied als auch als Hochschulmitarbeiter und somit als Teil dieser Scientific Community ist die ACM Digital Library für mich frei zugänglich, also faktisch Open Access; sehr gute Zeitschriften wie die CACM sind ohne jedes Embargo Online verfügbar.

Gleiches gilt auch für die AIS, die Association for Information Systems, ebenfalls eine globale wissenschaftliche Vereinigung, hier im Bereich der Information Systems. Die AIS bietet ihren Mitgliedern die AIS Electronic Library (AISeL) an, die eine Reihe von Online-Journals und vor allem die Online Proceedings der wichtigen Konferenzen der Scientific Community enthält: AIS conferences (ICIS und AMCIS), affiliated conferences und other conference, hier u.a. auch die Proceedings der deutschsprachingen Wirtschaftsinformatik-Konferenz sowie der Bled eConference. Somit sind die Konferenzbeiträge in aller Regel unmittelbar nach der Konferenz für die Scientific Community Online verfügbar - das ist echter Open Access, zumindest für Mitglieder der Information Systems Community.

Wissenschaftliches Publizieren kostet, aber in der Diskussion um valable Modelle für die Zukunft werden häufig Autoren, Leser und Verlage als Gegenpole dargestellt, die Scientifc Communities und ihre zugehörigen Association Publisher werden dabei selten erwähnt. Vielleicht ist das auch gut so, denn so werden sie nicht in (teils dogmatische) Diskussionen hineingezogen, die sie nur daran hindern würden, ihren Dienst für die Community zu tun.

Auch John Dupius hat in seinem Beitrag "ACM responds to the blogosphere" auf Delman reagiert, und zwar durchwegs sehr positiv, so wie man es im Verhältnis Librarian - Publisher nicht gewohnt ist.

Ich persönlich schätze sowohl die ACM Digital Library als auch die AIS Electronic Library sehr, und ehrlich gesagt sind sie mir viel nützlicher als die allermeisten Institutional Repositories, die heute allenthalben entstehen.

Bildquelle und ©: flickr.com/Robert Couse-Baker

7. September 2009

Wissensklau, Unvermögen oder Paradigmenwechsel? - Block 2: Wer trägt die Verantwortung?

Die folgenden Vorträge beschäftigen sich mit der zweiten Kernfrage der Tagung: Wer trägt die Verantwortung?

Glaubwürdigkeit von Wikipedia-Inhalten: Bibliotheken sind gefragt
Nando Stöcklin, Pädagogische Hochschule Bern, Zentrum für Bildungsinformatik (abstract)

Stöcklin stellt fest, dass die Wikipedia äusserst häufig von Schülern und Studierende genutzt wird - die 14-19 Jährigen sind die grösste Nutzergruppe - und fragt sich, wie man dieser Nutzergruppe den vernünftigen Umgang mit der Wikipedia beibringen kann, z.B. im Hinblick auf die Qualität. Er sieht hier v.a. die Bibliotheken in der Pflicht. Die PH Bern hat mit www.wikibu.ch einen Dienst entwickelt, der Aussagen zur Verlässlichlkeit der Wikipediaeinträge macht.

Stöcklin wünscht sich zum Schluss zukünftig folgende Feedbacks von Schülern und Studierenden: "Ohne meine Bibliothek hätte ich die Wikipedia nicht sinnvoll genutzt!"


Folksonomy und die Auswirkungen auf die Bibliotheken
Diana Jurjevic, Pädagogische Hochschule Bern, Zentrum für Bildungsinformatik (abstract)

Das Video einer Strassenumfrage zeigt, dass viele Menschen mit dem Begriff 'Tag' nicht viel anfangen können - obwohl sie Tags oft nutzen, z.B. bei Social Media Sites. Jurjevic ordnet Tags in die Systematik der Erschliessung ein. Anschliessend berichtet sie über ein Projekt welches Erschliessungsmechanismen untersucht. Erste Ergebnisse zeigen, dass die Relevanzwerte der Suchergebnisse der beiden untersuchten Systeme vergleichbar sind, der Suchende mit Tag-basierten Systemen 'weiter kommt' als mit Index-basierten Systemen.


Sacherschliessung als Schnittstellenproblem (Folien)
René Schneider, Haute Ecole de Gestion, Carouge (abstract)
Die Redewendung bzw. die Metapher "zwischen Skylla und Charybdis" leitet den Vortrag von Schneider, der sich mit der Problematik und den Herausforderungen für die Sacherschliessung beschäftigt. Bedroht wird die klassische Sacherschliessung demnach durch Folksonomies, Ontologien und Mashups. Nach Schneider wird die Zukunft der Sacherschliessung zum Ontology-Engineering - mit entsprechenden Herausforderungen für das Profil der Fachreferenten.


Intelligenz im Chaos: Collaborative Tagging als neue Form der Sacherschliessung
Christof Niemann, Universitätsbibliothek Mannheim (abstract)
Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt präsentiert Niemann. Ausgangsbasis ist das Problem des Information Overloads, collaborative tagging soll hier Abhilfe schaffen. Niemann diskutiert dazu die Konzepte der Schwarm- und kollektiven Intelligenz und die Herausforderung, die Eigendynamiken zu 'zähmen' und dem 'Chaos' Herr zu werden. Eine Massnahme dazu ist das sog. 'tag gardening': Massnahmen zur Editierung und zur Organisation von tags.
Das aktuelle Projekt an der Uni Mannheim nutzt BibSonomy mit ca. 100'000 tags. Diese wurden drei Vokabularen gegenübergestellt, die zwischen 2.26% und 17.9% der tags enthalten.
Nach Niemann ist das Potential der Tagging-Systeme zur Aktualisierung kontrollierter Vokabulare durchaus vorhanden.

6. September 2009

'Wissensklau, Unvermögen oder Paradigmenwechsel?' - Die Tagung 'Lernende Bibliothek 2009' wird eröffnent

In wenigen Stunden, heute Abend um 18:30, wird die Fachtagung Lernende Bibliothek 2009 in Chur offiziell eröffnet (Programm).

Insgesamt werden 200 Teilnehmer aus Deutschland, Liechtenstein, Österreich, den Niederlanden und der Schweiz erwartet.
Das zweisprachige (dt. und ital.) Fachprogramm beginnt morgen, Montag, und umfasst knapp 30 Präsentationen.

Durch das gesamte Tagungsprogramm zieht sich die Frage nach den Chancen und Risiken des Internets für den wissenschaftlichen Arbeitsprozess. Dabei kommen Themen zur Sprache wie die Glaubwürdigkeit von Wikipedia-Inhalten oder der Nutzen und die Grenzen von Software zur Erkennung von Plagiaten. Mehrere Referenten stellen Initiativen zur Plagiatsprävention vor, die nicht erst im Hochschulunterricht, sondern bereits in der Ausbildung an Mittel- und Berufsfachschulen beginnt.
Der Tagungsband zur Lernenden Bibliothek erscheint als Nr. 33 der Churer Schriften zur Informationswissenschaft und ist ab 1. Oktober 2009 kostenlos als Download verfügbar.
Die Printversion ist an der Tagung zum Vorzugspreis von CHF 20/ EUR 15 erhältlich. Der Band kann auch via Books on Demand bezogen werden.
Weitere Informationen zur Tagung sind hier zu finden:

21. Mai 2009

Von Open Access zu Open Science


In dem Beitrag "Offene Forschung als Extremsport" in FAZ.NET vom 20. Mai 2009 beschäftigt sich der Autor Joachim Müller-Jung sachlich und nüchtern mit den Veränderungen im wissenschaftlichen Publikationswesen aus Perspektive der Natruwissenschaften.

Diese Diskussion erweitert den Horizont auf Aspekte jenseits der Open Access Debatte, die gegenwärtig sehr hitzig geführt wird. Es geht hier also um neue Formen der Wissenschaftskommunikation, welche "mehr Transparenz und Schnelligkeit" fordern und bieten und die möglicherweise so stark sind, "völlig neue Strukturen zu schaffen".
"Tatsächlich aber geht es um neue Modelle von "Pre-Publications", von Vorveröffentlichungen. Noch bevor das Ergebnis eines wissenschaftlichen Experimentes mitsamt seiner Interpretation den vollständigen und oft langwierigen Prozess des Peer-Reviews bis zur Publikation durchschritten hat, möge es auf Online-Plattformen öffentlich zugänglich gemacht werden."
Diese Entwicklung ist insbesondere bei den Kernphysikern ein alter Hut. Letztendlich waren es die Bedürfnisse dieser Disziplin, welche die Open Access Entwicklung eingeleitet haben und nicht zuletzt zur Entwicklung des WWW geführt haben. Einer der Protagonisten dieser Entwicklung und 'Erfinder' von ArXiv.org ist Paul Ginsparg ("Open Access: From Myth to Paradox"). GenBank ist ein weiteres Beispiel für ein solches Repository aus der Biologie.

Der FAZ.NET Artikel greift einen weiteren Aspekt des Open Access auf:
"Dieses vorgeschaltete Online-System wird längst nicht mehr nur als Fortschrittsmotor gepriesen, es soll auch präventiv wirken."
Es wird die Hypothese aufgestellt, dass mehr Transparenz, eben z.B. durch die Open Access Publikation in Form von PrePronts wie in der (Kern-) Physik, Fälschungen und Plagiate früher erkennbar werden.

Für eine totale Offenheit plädiert der Autor Michael Nielsen (Nielsen's Blog), der in dem Aufsatz "Doing Science in the Open" für eine "extreme Offenheit" einer "Open Science" eintritt. (physicsworlsd.com, 1. Mai 2009).
"Online networking tools are pervasive, but why have scientists been so slow to adopt many of them? Michael Nielsen explains how we can build a better culture of online collaboration."
Nielsen zeigt auf, wie Open Science, basierend auf den heute verfügbaren Technologien des 'Web 2.0', letztendlich dem Wohl der Gesellschaft dient.
"The adoption and growth of scientific journals has created a body of shared knowledge for our civilization, a collective long-term memory that is the basis for much of human progress. This system has changed surprisingly little in the last 300 years. Today, the Internet offers us the first major opportunity to improve this collective long-term memory, and to create a collective short-term working memory — a conversational commons for the rapid collaborative development of ideas."

"We should aim to create an open scientific culture where as much information as possible is moved out of people’s heads and labs, onto the network and into tools that can help us structure and filter the information. This means everything — data, scientific opinions, questions, ideas, folk knowledge, workflows and everything else. Information not on the network cannot do any good. "
Über die Fähigkeit der Wissenschaft, die neuen Formen von Open Science
umzusetzen, denkt Nielsen optimistisch:
"This change will not be achieved without great effort. From the outside, scientists currently appear puzzlingly slow to adopt many online tools. As we will see, this is a consequence of some major barriers deeply embedded within the culture of science. Changing this culture will only be achieved with great effort, but I believe that the process of scientific discovery — how we do science — will change more over the next two decades than in the past 300 years. "
Nielsen zweigt weitere Beispiel für die kreative Nutzung neuer Technologien für eine Open Science:
"Two examples are Journal of Visualized Experiments, which lets scientists upload videos that show how their experiments work, and “Open Notebook Science”, as practised by scientists like Jean-Claude Bradley and Garrett Lisi, who expose their working notes to the world. In the coming years we will see a proliferation of tools of this type, each geared to sharing different types of knowledge. "
Nielsen thematisierr aber auch den Prozess von Wissenschaft und propagiert neue Formen der Kollaboration:
"... and that is through a change to the process and scale of creative collaboration itself, enabled by social software such as wikis, online forums and their descendants.
[...]
Science is an example par excellence of creative collaboration, yet scientific collaboration still takes place mainly via small scale face-to-face meetings."
Auch hier zeigt er Beispiele auf.

Er fragt immer wieder, warum Wissenschafter diese neue Formen der Kollaboration basierend auf neuen Tools nicht anwenden. Anhand von Beispielen kommt er zum Ergebnis:
"It turns out that there are major cultural barriers preventing scientists from getting involved, thereby slowing down the progress of science."
Ausführlich diskutiert Nielsen auch Auswege, wobei der u.a. auch die Open Access Bewegung als ein Schritt in die Richtung Open Science betrachtet und die Ökonomie von Kollaboration diskutiert.

Nielsen's Forerung nach einer extremen Offenheit klingt allerdings noch sehr idealistisch und die heftige Open Access Diskussion zeigt die Barieren, die insbesondere in der heutigen Wissenschaftskultur begründet sind:
"Ideally, we will achieve a kind of extreme openness: making many more types of content available than just scientific papers; allowing creative reuse and modification of existing work through more open licensing and community norms; making all information not just human readable but also machine readable; providing open interfaces to enable the building of additional services on top of the scientific literature, and possibly even multiple layers of increasingly powerful services. Such extreme openness is the ultimate expression of the idea that others may build upon and extend the work of individual scientists in ways that they themselves would never have conceived. "


Bildquelle: flickr.com/psd

28. März 2009

Plagiate - traurige Wirklichkeit


... so lautet der Titel unserer Tagung in der Konferenzreihe Lernende Bibliothek im September 2009 in Chur.

Über Plagiate in der Wissenschaft liest man (leider) immer wieder, das Thema beschäftigt zunehmend Lehrende, Forschende, Studierende, Rektorate, Prüfungsämter, Wissenschaftsorganisationen, u.a.


  • Was ist eigentlich das Problem?
  • Wer trägt die Verantwortung?
  • Wie kann man das Problem behandeln?
  • Und welche Rolle spielen Bibliotheken?

Das sind die Fragestellungen der Konferenz Lernenden Bibliothek 2009 im September 2009 in Chur.


Dass Plagiate (fast) alltäglich sind, musste ich selbst kürzlich erleben. Was ist geschehen?


Ein Autorenpaar hat ein Paper zu einer internationalen, wissenschaftlichen Konferenz im Jahr 2009 eingereicht. Im Rahmen des Peer-Review-Verfahrens fiel es einem Reviewer auf, dass das Paper einem ihm bekannten Paper doch sehr ähnlich war. Er schrieb an den zuständigen Conference Chair:

"I had a look at this paper you sent me to review for Bled and it struck me as very familiar. I want to flag this paper with you as a case of (self)plagiarism or at least as a case of VERY incremental research. "
Nach einigen Recherchen wurde klar: Das gleiche Autorenpaar hatte ähnliche Paper bereits 2008 in einem Journal veröffentlicht und 2006 und 2007 je auf einer internationalen, wissenschaftlichen Konferenz publiziert. Die aktuelle Einreichung entpuppte sich nach einer genaueren Analyse in weiten Teilen als eine Kopie des 2008 veröffentlichten Journal Papers. Hatten die Autoren bei den vorherigen Versionen noch den Titel wesentlich anders formuliert, so haben sie sich für die aktuelle Einreichung hier fast keine Mühe mehr gegeben und den Titel nur marginal verändert, dazu weite Textpassagen wörtlich übernommen.

Nach kurzer Beratung der verantwortlichen Conference Chairs, zu denen ich gehöre, war klar: Ein eindeutiger Fall von Self Plagirarism.
Im Zweifel könnte man noch vermuten, dass die Autoren noch unerfahren sind und tatsächlich der Meinung waren, das nur leichteste Veränderungen einer veröffentlichten Version eine weitere Einreichung rechtfertigen würde. In diesem Fall hätten die Autoren aber sicherlich auf ihre vorherigen Arbeiten verwiesen, dies ist im vorliegenden Fall in keinem der vier Papers der Fall. Dazu kommt, dass beide Autoren erfahrene Wissenschaftler sind, einer ist bereits in Pension, einer von beiden war sogar viele Jahre als Dekan tätig - jugendliche Unerfahrenhit und der Druck des 'Publish or Perisch' scheidet demnach ebenfalls aus. Daraus lässt sich schliessen, dass das Selbstplagiat mit voller Absicht eingereicht wurde.

Warum tun die Autoren dies? Es ist kaum wirklich nachvollziehbar! Ist es Naivität, Eitelkeit? Oder eher einfach Dummheit?

Und die konkrete Konsequenz? In diesem Fall wurde entschieden das Paper abzulehnen mit dem deutlichen Hinweis an die beiden Autoren auf die grosse Ähnlichkeit zu drei weiteren Papieren dieser beiden Autoren. Die Namen sind nur wenigen mit dem Peer-Review-Verfahren befassten Personen bekannt.

Ist das die richtige Reaktion? Oder hätte man ein Exempel statuieren sollen und die Autoren blossstellen? Eine schwierige Entscheidung ...



Im Wissen, dass Plagiate (leider) vorkommen, setzen heute wissenschaftliche Zeitschriften und Konferenzen zum Teil bereits auf die flächendeckende Überprüfung eingereichter Beiträge auf Plagiat. Entsprechende Review Syteme verfügen über entsprechende Funktionen. Ist das in Ordnung, dass man alle Autoren unter Generalverdacht stellt? Basiert das Peer Review nicht vor allem auch auf Vertrauen?
Oder war das Gestern?

Plagiate sind nicht ein Phänomen des Internet, aber ganz sicher erleichtert es die verschiedenen Formen des Plagiierens. Allerdings hilft das Internet auch dabei, Plagiate aufzuspüren, wie auch in diesem konkreten Fall.

Weitere Informationen zum Thema findet man z.B. im Portal Plagiat.

20. Januar 2009

Neue Mechanismen für den akademischen Publikationsprozess?

In einem Artikel in der Rubrik Viewpoint in der Januar Ausgabe der Communications of the ACM machen sich die Autoren Jon Crowcroft, S. Keshav und Nick McKeown Gedanken um den akademischen Publikationsprozess: "Scaling the academic publication process to internet scale"*.
Sie analysieren den Publikationsprozess von akademischen Konferenzen im Bereich der Informatik. Die Aussagen des Artikels sind aber durchaus auch für anderen Disziplinen anwendbar.

Zunächst stellen sie fest, dass das Aufkommen des Internet den Publikationsprozess kaum verändert hat. Sie stellen das Ergnis ihrer Analyse vor, ohnen allerdings deutlich zu machen, wie die Analyse methodisch durchgeführt wurde. Sie identifizieren 5 Problemkreise:
  • "A steady increase in the total number of papers"
  • "Skimpy reviews"
  • "Declining paper quality"
  • "Favoritism"
  • "Overly negative reviews".

18. Dezember 2008

'Es fällt uns schwer, nicht an das Gute zu glauben' - zur Ethik beim Publizieren von medizinischen Studien

Im Zusammenhang mit dem wissenschaftlichen Publizieren lesen wir immer häufiger von Plagiaten, Betrugsfällen, Fälschungen, 'unethischem Verhalten', etc. Gerade in der Medizin kommen immer mehr Betrugsfälle ans Licht.

Zu einem aktuellen Fall einer manipulierten Studie aus Innsbruck (
" 'Lancet' zieht manipulierte Innsbrucker Studie zurück", "Forschungsskandal in Innsbruck"), die im "Lancet" erschienen war, nimmt ein Redakteur der Zeitschift in einem in der Neuen Zürcher Zeitung NZZ am 17. Dezember 2008 publizierten Interview Stellung:

"'Es fällt uns schwer nicht an das Gute zu glauben' - Der Lancet Redaktor Stuart Spencer zur Ethik zum Publizieren von medizinischen Studien"

- leider ist das Interview bisher nicht frei Online verfügbar.


Spencer versucht zu erklären, warum sich solche Fälle nicht ganz vermeiden lassen. Eine Aussage gleich zu Beginn ist auch in vielen anderen Disziplinen anwendbar: "Zweifellos hat in den vergangenen Jahren der Publikationsdruck der Forscher zugenommen." Für die Medizin folgert er daraus: "Parallel dazu ist auch mehr wissenschaftliches Fehlverhalten entdeckt worden. Dennoch: Diese Fälle machen einen extrem kleinen Anteil an den publizierten Arbeiten aus."* Müssen wir also zunehmendes Fehlverhalten als gegeben akzeptieren? Ist das die neue Ethik des wissenschaftlichen Publizierens? Oder ist es schlichtweg ganz pragmatisch gedacht? Interessant ist, dass in dem betreffenden Fall es offensichtlich Anzeichen von Ungereimtheiten gab, aber welche das waren, will Spencer nicht sagen. Hat man also zu wenig sorgfältig gearbeitet? Entschuldigt wird das Verhalten mit dem Glauben an das Gute im Menschen (bzw. Wissenschaftler): "Wir haben den Forschern vertraut und sind davon ausgegangen, dass sie ehrlich und wahrheitsgetreu ihre Studienresultate rapportieren."
Würde man alle Kontrollmöglichkeiten der Redaktion ausschöpfen wollen, dann kommt Spencer zum Schluss: "Solche Kontrollen aber würden das Publizieren unmöglich machen." Zentral für die Redaktion sind die Peer Reviews: "Ihre Einschätzung der Studienqualität ist für uns entscheidend".


Spencer macht auch deutlich, dass auch unfertige Beiträge publiziert werden, sofern das Thema hohe Aktualität hat und z.B. Krankheiten wie Sars somit möglicherweise früher bekäpft werden können.


Auch äussert sich Spencer zu Open Access:
"Nur in einer idealen Welt wäre der Zugang zu allen Publikationen frei. Aber das ist unrealistisch, denn alle Fachzeitschriften müssen bezahlt sein. Auch 'open access' - Journale sind nicht gratis. Statt von den Lesern werden sie einfach von den Forschern, die darin publizieren, bezahlt. Für mich ist das eine seltsame Anomalie, werden doch Dienstleistungen üblicherweise von den Nutzern und nicht von den Anbietern bezahlt."



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* Zu den quantitativen Verhältnissen wird folgendes festgehalten: Von jährlich 800 eingereichten Beiträgen werden 350 gedruckt, das macht 4.3%. Und in den letzten 15 Jahren wurden 4 oder 5 Beiträge bzw. Studien zurückgezogen.

28. November 2008

"Why books still matter" - aber auch im Westen nichts Neues

"Why books still matter", dies war der Titel einer Konferenz am Yale University's Whitney Humanities Center am 14. November 2008, an der vor allem amerikanische Universitätsverlage präsent waren (Ankündigung).
Eine Zusammenfassung findet man dazu bei Publishers Weekly, ebenso bei Yale Daily News, im Blog der Kollegen aus Berlin (IBI-Weblog) gibt es dazu einen ausführlichen Beitrag.

Nachdem mich dieses Thema ebenfalls aus verschiedenen Perspektiven beschäftigt, war ich neugierig, ob und - wenn ja - wie weit uns die Amerikaner in dieser Diskussion voraus sind. Aber basierend auf der Berichterstattung über die Tagung lässt sich festhalten, dass die 'Fronten' sehr ähnlich verlaufen wie in Europa, mit den gleichen Argumenten. "
The panelists agreed on the importance of the University Press — which [...] acts as a “conduit between consumers and experts” — but they offered different interpretations by relating it to their own academic fields." schreibt Yale Daily News. In anderen Worten, die Verlage stellen sich und ihre Rolle im Kontext des wissenschaftlichen Publizierens nicht in Frage, immerhin differenzieren sie aber zwischen den Disziplinen. "But even in the age of information, Rae sees the University Press as having a valuable role in lending credibility to published works. " Auch hier das oft gehörte Argument in solchen Diskussionen zum Thema. Ein Student bringt dann seine Sicht auf den Punkt: "... one student remarked that books matter to his generation only because “they are still on our syllabi.” ". Schlussendlich wurde auch konstatiert, dass das Thema auch bei den Bibliothekaren ein Thema ist: "... a librarian at the Sterling Memorial Library, said the panel tackled an issue that is increasingly relevant to her profession, especially with the emergence of digital publications.".

Alles in Allen, auch im Westen nichts Neues zu dieser Diskussion.

PS Susan Scafidi, Rechtswissenschaftlerin an der Fordham University und eine Referentin der Konferenz, äussert sich in einem Blogbeitrag mit durchaus versöhnlichen Tönen zum Thema.