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25. Juni 2016

Staaten bauen die Massenüberwachung aus

"Ein Staat schafft sich selbst die gesetzliche Grundlage für sein Handeln, und damit ist es dann legal, ob Vorratsdatenspeicherung oder Staatstrojaner."
So habe ich es im Beitrag Überwachung und Vorratsdatenspeicherung - Differenzierung tut Not formuliert.

Egal, ob die Schweiz, Frankreich, die USA oder Deutschland, viele Staaten schaffen aktuell die legalen Grundlagen zu potentiell mehr Überwachung.

Als weiteres aktuelles Anschaungsbeispiel dienen die entsprechenden Gesetzgebungsverfahren in Deutschland und Russland, von der die heutige NZZ berichtet: Anti-Terror-Paket im Bundestag: Mehr Daten für die Partner und Auf Orwells Spuren: Umstrittene neue Anti-Terror-Gesetze in Russland

NZZ 25.6.2016, S.7

Und kürzlich lasen wir: E-Government in Schweden: Der Staat als Datenkrake (NZZ 17.6.2016)

Und auch Frankreich macht es schon längst:
"Der Verfassungsrat gab am Donnerstag grünes Licht für die Massnahmen, die unter anderem das Abhören von Telefonen und den Einsatz versteckter Kameras auch ohne richterliche Genehmigung erlauben." (NZZ 24.7.2015)

1. Juni 2016

Überwachung und Vorratsdatenspeicherung - Differenzierung tut Not

Quelle: flickr/democracychronicles 
(CC BY 2.0)
Die Themen Umgang mit unseren privaten Daten, der Schutz der Privatsphäre und die Überwachung können nicht genug intensiv diskutiert werden. Wir müssen uns dringend mit den Folgen der Digitalisierung auseinandersetzen, um das Beste für unsere Gesellschaft daraus zu machen. Aber es muss fair und ausgewogen bleiben. Wir benötigen dringend eine positive Strategie für das digitale Zeitalter.

Der Autor des Beitrages Regeln für die digitale Welt: Die algorithmische Person (faz.net, 1.6.2016) spricht von der globaler Vorratsdatenspeicherung und vermischt leichtfertig staatliche mit privatwirtschaftlichen Aktivitäten. Aber genau hier muss man genau differenzieren*:
Ein Staat schafft sich selbst die gesetzliche Grundlage für sein Handeln, und damit ist es dann legal, ob Vorratsdatenspeicherung oder Staatstrojaner.
Ein Unternehmen dagegen  unterliegt durchaus rechtlichen Rahmenbedingungen wie auch der Börsenaufsicht und notabene dem Markt. Sicherlich sind die hier gemeinten Unternehmen keine Waisenknaben und kämpfen mit harten Bandagen, aber letztlich sind sind sie von uns Nutzern abhängig. Was hatte man für eine Angst vor Microsofts beherrschender Stellung im Browsermarkt - und was ist daraus geworden? Und nicht nur Goolge hat zig Dienste mangels Akzeptanz wieder einstellen müssen. Und nicht zuletzt hat auch Google - wie andere Techgiganten ebenfalls - sich mehrfach dem Recht beugen müssen, sei es bei Streetview oder dem Löschen von Einträgen in der Suchmaschine.

Aus diesen Gründen ist es dringend geboten, die Aktivitäten von Staaten und privatwirtschaftlichen Unternehmen in diesem Kontext klar zu differenzieren. Zu den Diensten der Unternehmen gibt es durchaus Alternativen, zum Staat nicht*.

* vgl. auch mein Beitrag Der unaufhaltsame Weg zur digitalen Totalüberwachung !?


24. Juli 2015

Der unaufhaltsame Weg zur digitalen Totalüberwachung !?

Quelle: flickr/democracychronicles
(CC BY 2.0)
Die totale Überwachung von Bügern, das war zu meiner Jugendzeit weitgehend totalitären Staaten vorbehalten. Diese wurden regelmässig insbesondere von den westlichen, freien, rechtsstaatlichen Demokratien entsprechend ermahnt und kritisiert, die ihrerseits wiederum auf die Freiheitsrechte der Bürger gepocht haben. "Freiheit statt Sozialismus" war z.B. ein Wahlkampfslogan Mitte der 1970er Jahre in Deutschland.

Aber heute, im digitalen Zeitalter, reibt man sich zunehmend verwundert die Augen. Sicher, die totalitären Staaten sind weiterhin totalitäre Überwachungsstaaten, die ihre Bürger systematisch ausspionieren.

Aber was passiert in den freien, demokratischen, rechtsstaatlichen westlichen Demokratien?

Egal ob bürgerlich oder sozialistisch regiert, der Dammbruch zur mehr oder weniger totalen Überwachung unserer digitalen Kommunikation ist längst passiert. Gerade heute lesen wir, dass die sozialistische Regierung in Frankreich den Weg frei macht für "Massnahmen, die unter anderem das Abhören von Telefonen und den Einsatz versteckter Kameras auch ohne richterliche Genehmigung erlauben."

In vielen Ländern ist die Vorratsdatenspeicherung (Themenseite bei Telepolis) hoffähig geworden. In Deutschland macht die linke SPD eine Kehrtwende um 180 Grad frei nach dem Motto was interessiert mich mein Geschwätz von Gestern und setzt sich vehement für die Vorratsdatenspeicherung ein.

Dabei hat der Europäische Gerichtshof im April 2014 der Vorratsdatenspeicherung klar eine Absage erteilt: "Ohne Verdacht auf Straftaten sei die Datensammlung EU-rechtswidrig". Mahnende und vor einem Dammbruch warnende Kommentare bleiben weitgehend ungehört - bei der Politik und bei der Bevölkerung.

Und auch wenn das Ausspähen unter Freunden gar nicht geht, passiert es nach wie vor, ohne dass es einen grösseren Aufschrei bei irgendeiner Gruppe gäbe.

Das, was die USA und ihre Dienste veranstalten, hat nach meiner Empfindung kaum mehr etwas mit einem demokratischen, freiheitlichen Rechtsstaat zu tun.

Das Ausspähen unter Freunden, das Speichern von Daten auf Vorrat, erinnert mich - auch wenn der Vergleich ganz sicher hinkt! - an die sog. IM (Inoffizielle Mitarbeiter) der Stasi in der DDR: Systematisch spionieren Freunde Freunde, Kollegen Kollegen, ja sogar Familienmitglieder Familienmitglieder aus, alles zu Handen des Staatsapparates, zur Sicherung des Friedens und der Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung.

Und auch in der Schweiz ist man auf dem besten Weg, die Überwachung der digitalen Kommunikation der Bürger systematisch aufzugleisen. Schon längst setzt offenbar der Kanton Zürich - und nicht nur der - sog. Staatstrojaner (amtliche Spähsoftware zur Online-Überwachung) ein, auch wenn die rechtlichen Grundlagen nicht eindeutig sind, um es einmal vorsichtig zu formulieren, und es auch sonst genügend Gründe gegen Staatstrojaner gibt.

Und dann ist da noch die Revison des BÜPF (Gesetzessammlung), das vor allem die Vorratsdatenspeicherung in der Schweiz auf eine legale Grundlage stellt. Das Gesetzt wurde im Juni 2015 im Nationalrat angenommen.  Und auch das umstrittene Nachrichtendienstgesetz (NDG) (worum geht's?)  wurde inzwischen angenommen.

Die Politiker, die die staatlichen Überwachungsmassnahmen Stück für Stück einführen, empfinde ich als doppelzüngig.

Einerseits führen sie die staatliche Überwachung ein, sammeln Daten auf Vorrat. Aber genau die Datensammelwut werfen sie andererseits den grossen Internetfirmen vor. Und fordern nicht selten Konsequenzen, die bis zur Offenlegung der zentralen Geschäftsgeheimnisse und der Zerschlagung der Unternehmen reicht. Sicher, die hier angesprochenen Unternehmen aus den USA sind keine Waisenknaben! Sie nutzen die gegebenen Rahmenbedingungen durchaus schamlos aus, gehen an die Grenzen, reizen diese aus. Ökonomisch gesehen mag das Verhalten nachvollziehbar sein, aus ethischer Perspektive kann und muss man darüber sicher diskutieren.

Fakt ist aber, das sämtliche dieser Unternehmen in einem System von Gesetzen und Finanzaufsicht eingebunden sind. Richterliche Urteile werden, wie es sich für einen Rechtsstaat gehört, weitgehend umgesetzt. Sei es das Verpixeln auf Streetview oder das Löschen von Suchmaschineneinträgen. Als börsennotierte Unternehmen unterliegen sie einer strengen Aufsicht, stehen und permanenter Aufsicht auch der Öffentlichkeit. Und es spielt schlussendlich der Markt. Der Erfolg von keinem Unternehmen ist ewig garantiert, eine falsche strategische Entscheidung, und das war's. Nokia, anybody? MySpace, anybody?

Und wie steht es mit den staatlichen Datensammel- und Überwachungsaktivitäten? Transparenz und Aufsicht oder (parlamentarische) Kontrolle sind häufig Fehlanzeige. Es fehlt die gesetzliche Grundlage? Kein Problem, dann wird eben ein Gesetz verabschiedet und schon ist alles demokratisch legitimiert - auch wenn die Bevölkerung mehrheitlich dagegen ist, Papa Staat weiss schon was richtig ist. Zum Glück haben wir in der Schweiz das Instrument des Referendums, dass ggf. Korrekturen notwendig werden lässt.

Was passiert, wenn die vierte Gewalt im Staat Aktivitäten, z.B. von Geheimdiensten, publiziert, zeigt das jüngste Beispiel rund um den Blog netzpolitik.org: Journalisten werden wegen Landesverrats vom Verfassungsschutz angezeigt. ZEIT ONLINE dazu klar und deutlich: Landesverrat? Nein, netzpolitik.org schützt die Demokratie(ergänzt 31.7.2015) 

Und noch ein Gedanke zur Vorratsdatenspeicherung: Bürger sagen manchmal, es ist doch der Staat der die Daten sammelt und notabene vertrauenswürdig ist. Nun, bei der Vorratsdatenspeicherung werden Verbindungsdaten unserer digitalen Kommunikation flächendeckend und eben auf Vorrat gespeichert. Und von wem? Von den Telekommunikationsunternehmen. Und die sind notabene in den wenigsten Fällen staatlich. Und selbst wenn: Auch staatliche Infrastrukturen sind nicht sicher vor Hackerangriffen. Faktisch befinden sich also eine sehr grosse Zahl von äussert vertraulichen Daten in den Händen privater Unternehmen.

Nur einige Beispiele:
Und wer garantiert uns die Eigentümerstrukturen? Was, wenn ein Telekommunikationsunternehmen in Schieflage gerät und ein rettender Investor aus einem sagen wir zwielichtigem Land einspringt, das sich nicht sonderlich um das geltende Recht kümmert? Dass Institutionen des Bundes ausländisch beherrschten Unternehmen nicht ganz über den Weg trauen ist ja durchaus belegt.

Und was können wir Bürger tun gegen die Speicherung unserer Daten?
Ein Leben ohne Facebook? Kein Problem! Und Google? Ersetzbar! z.B. gibt es zig Alternativen für die Suchmaschine, oder für Gmail, oder Google Maps, etc. pp. Oder WhatsApp? Auch ersetzbar! Oder... oder... oder...?

Aber was ist, wenn wir nicht wollen dass der Staat unsere Daten sammelt? Alternativen gibt es nicht, bliebe nur der totale Verzicht auf digitale Kommunikation, oder das Abtauchen in den "Freiraum Darknet: [...] in dem uns die Geheimdienste nichts anhaben können" - oder Auswandern (aber wohin?)

(Link zu "Freiraum Darknet ergänzt 25.7.2015)

(Mir ist bewusst, dass einige Formulierungen durchaus polemischen Charakter haben bzw. bewusste Überzeichnungen darstellen)

10. Juli 2014

Angemerkt: "Exclusiv im Ersten: Zugriff! Wenn das Netz zum Gegner wird"

Dank Twitter bin ich kürzlich auf den ARD Beitrag Exclusiv im Ersten: Zugriff! Wenn das Netz zum Gegner wird (Erstausstrahlung 7.7.2014). 
Es geht um einen Selbstversuch zweier Journalisten - bei dem der eine der Gejagte, der Tyrannisierte, die andere die Jagende ist - zur Frage "Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn man selbst im Internet gehackt wird?"

Sicher ist die Intention eine Gute: Man will aufzeigen, was uns Internetnutzern blühen kann, wenn unsere Daten ausspioniert werden. Und in der Tat erinnert der Selbstversuch eher an eine Folge einer x-beliebigen CSI Serie als eine dokumentierte, real stattgefundene Begebenheit.

Aber als öffentlich-rechtliches Fernsehen hätte die ARD etwas mehr Sorgfalt und Sachlichkeit walten lassen sollen:
Sicher, es geht ums Hacken, und das ist (in diesem Fall ganz sicher) illegal - aber das wird im halbstündigen Film nicht ein einziges Mal erwähnt. Es werden explizit illegale Aktionen durchgeführt - diese aber nicht als solche klar dargestellt: Es werden Passwörter geklaut, Trojaner eingeschleust und mit Hilfe geklauter Fingerabdrücke sogar Fingerabrucksensoren überlistet.

Screenshot mit Untertiteln, Quelle: ARD Mediathek
Screenshot mit Untertiteln, Quelle: ARD Mediathek
Screenshot mit Untertiteln, Quelle: ARD Mediathek

Zwischen den klar illegalen Aktionen werden dann aber auch für jedermann frei verfügbare Quellen angezapft, wie z.B. das Online Telefonbuch oder die Google Suche.

Screenshot mit Untertiteln, Quelle: ARD Mediathek
In einem Atemzug werden also banale, in jedem (Online- wie Offline-) Telefonbuch nachlesbare Informationen mit illegal gehackten Informationen genannt.

Nur zur Erinnerung: Heute haben wir Kunden das Recht selbst zu entscheiden, ob wir mit Telefonnummer und Adresse im (Online-) Telefonbuch stehen wollen. Zu Zeiten der staatlichen Telekom-Monopolisten waren wir verpflichtet, unsere Daten im Telefonbuch zu publizieren.

Der Profiler im Team der Journalistin kommt dann zu weisen Erkenntnissen: "Dass er ein sehr kritischer Journalist ist".
Screenshot mit Untertiteln, Quelle: ARD Mediathek
Es liegt wohl in der Natur des Berufs des Journalisten, dass ich kein Hacker sein muss, um die Haltung eines Journalisten herausfinden zu können ...

Im Beitrag wird nicht differenziert zwischen illegalen und notabene strafbaren Aktionen und völlig harmlosen Abfragen. Für den eher unbedarften Zuschauer könnte so ein äusserst diffuses, Angst machendes Bild entstehen: Wer googlen kann, der kann auch meine eMail lesen, meine Flugbuchung canceln und meine Kreditkarte sperren. Und ganz nebenbei werden auch noch sämtliche Clouddienste verteufelt.

Sicher ist es richtig uns Nutzer zu sensibilisieren, was den Umgang mit persönlichen Daten angeht und auf die Gefahren aufmerksam zu machen. Aber man sollte auch klar und deutlich sagen, was illegal und strafbar ist.

Und der Film zeigt auch deutlich was es an Spezialwissen benötigt, um unsere Daten derart konsequent illegal zu hacken und zu missbrauchen.

Eher indirekt wurde im Film deutlich, dass es vor allem Staaten bzw. staatliche Institutionen wie Geheimdienste sind, die sich diese Art von illegalem Zugang zu unseren Daten erlauben können! Uns also hacken, unsere Daten speichern, Profile erstellen und uns verfolgen. Bekannte Stichworte sind u.a. Vorratsdatenspeicherung, Online Überwachung bzw. Staatstrojaner, BÜPF, etc. Staaten wollen diese Aktivitäten mit Hilfe von Gesetzen - die uns angeblich schützen sollen! - legalisieren.

Als einfacher Bürger oder auch als Unternehmen müssen wir uns - früher oder später - mit hoher Wahrscheinlichkeit vor einem Gericht verantworten, würden wir das tun, was in dem ARD Beitrag gemacht wird (Nein, nicht das googlen im Telefonbuch ...).  Ein Unternehmen, das sich derart kriminell Daten beschafft, würde wohl einen existenziellen Reputationsverlust erleiden.

Aber Geheimdienste, Regierungen, etc, vor wem müssen sie sich verantworten?

Nicht das Netz ist der Gegener - wie der Titel der Sendung sagt - sondern diejenigen, die es missbrauchen, an vorderster Front staatlich Institutionen - angeblich zu unserem Schutz... Und wir als Steuerzahler bezahlen diese Aktionen gegen uns auch noch...