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30. September 2010

Konferenzen, Social Media und (Wissenschafts-) Kommunikation

Impressionen von der re:publica10
Sicher, Social Media sind nicht Alles, und vielleicht werden sie (noch) überschätzt. Aber dass die Kommunikation sich durch die neuen und die sogenannten sozialen Medien verändert, dürfte offensichtlich sein. Sicher, man muss auch nicht jeder Modeerscheinung hinterherrennen, aber gleich alles zu ignorieren, das kann es auch nicht sein.
Dieser Eindruck ergibt sich (leider) aus der Verfolgung – oder dessen Versuch – der Informatik 2010 in Leipzig aus der Ferne. Faktisch ist diese Informatik-Konferenz, immerhin die 40. Jahrestagung der Gesellschaft für Informatik, in den Social Media nicht vertreten und zeigt sich auch sonst Online eher bescheiden.
Das Programm gibt es lediglich als statische html-Seite sowie als 146seitiges pdf-Dokument, aber keine (interaktive) Webanwendung z.B. mit Links zu Autoren oder Abstracts, getwittert wird nur sehr wenig (#Informatik2010), Live Streams gibt es keine, die Proceedings gibt es offensichtlich nur in Papierform (wie der Aussenstehende via Twitter dann doch erfährt), auf Facebook finde ich keinen Eintrag. Und dann klagt man über Nachwuchsprobleme? Mir ist klar, dass die Nachwuchsproblematik im MINT Bereich wesentlich tiefer liegt, aber die neuen bzw. sozialen Medien fast völlig zu vernachlässigen, das kann es auch nicht sein, wie auch dieser Tweet findet.

Geht es anders? Ja schon.
In den vergangenen Tagen fand die EU Konferenz ICT2010 statt: Die Website wurde regelmässig mit aktuellen News versorgt (bis hin zu aktuellen Infos zu den Streiks in Brüssel), es gab ein webbasiertes Programm mit Links zu Sessions, Referenten und Zusatzinformationen, es gab ein Bereich My ICT 2010, es gab einen einigermassen kontinuierlichen Twitterstream (#ICT2010EU), zumindest in Teilen war die Konferenz auf Facebook präsent, es gab eine Online abrufbare Teilnehmerliste – alles Massnahmen, die Konferenz über den geografischen Ort des Geschehens hinaus bekannt zu machen und Interessierte einzubeziehen. So war ich auch aus der Ferne in der Lage, der Konferenz ein Stück weit zu folgen. 

Und was machen andere wissenschaftliche Konferenzen, die man mit der Informatik 2010 vergleichen kann und die nicht über die Budgets der EU verfügen?

Ich habe mir einmal einige Konferenzen angeschaut, mit denen ich in letzter Zeit selber zu tun hatte - also kein repräsentativer Ausschnitt: Die Bled eConference, AMCIS2010, ICIS2009, MCIS2010 und die ICMB 2010.
  • Die ICMB 2010 hat beispielsweise das Programm als iPhone App verfügbar gemacht, sicher innovativ. 
  • Die AMCIS 2010 und ICIS 2009 hatten einen Itinerary Planner zur individuellen Programmzusammenstellung
  • Die ICIS 2009 bot eine spezielle Facebook Connection an. 
  • Die MCIS 2010 hatte einen eigenen Twitteraccount (wenn auch wenig aktiv).
  • Die Bled eConference ist auf Facebook präsent, twittert und stellt die Proceedings Online auf der eigenen Website wie auch in der AIS Electronic Library (AISeL) zur Verfügung, wie dies auch AMCIS und ICIS machen. 

  • Und ein Paradebeispiel war sicher die re:pubilca 2010, die vor, während und auch nach der Konferenz die Social Media ganz bewusst in die Konferenz mit einbezogen haben

Sicher, der persönliche Austausch vor Ort ist zentral bei einer Konferenz und soll und kann nicht durch elektronische Medien ersetzt werden. Aber auch im Sinne von „Tue Gutes und rede darüber“ ist es dank moderner Technologien ja heute relativ einfach möglich, auch die Aussenwelt teilhaben zu lassen und diese sogar mit einzubeziehen. Die habe ich im Frühjahr z.B. im Rahmen des Media for Science Forum 2010 erlebt (und hier kurz beschrieben). 

Eine Konferenz gehört zur Kommunikation einer Community, wissenschaftliche Konferenzen sind Teil der gesamthaften Wissenschaftskommunikation. Wer im Jahr 2010 die neuen und sozialen Medien nicht mit einbezieht, der vergibt sich schlichtweg etwas. 

Kommentare:

su franke hat gesagt…

Wie Recht Du hast, Hans-Dieter, Es geht ja auch um das Wissen, welches nur offline (für die Dauer der Konferenz) sichtbar ist und nicht dauerhaft, wie es im Web der Fall ist. Zudem vergibt man sich die Chance, dazu zu lernen. Es gibt immer jemanden der Wissen erweitert, Erfahrungen hat, aber nicht auf der Bühne steht.

Matthias Fromm hat gesagt…

Besten Dank für den Beitrag und die Einschätzung sowie die kurze Übresicht zu einigen Good Practice Beispielen.

Ich kann dem nur beipflichten, wie immens wichtig die Präsenz von Konferenzen (trifft ja nicht nur wissenschaftliche) im Netz/in den modernen Telekommunikationskanälen ist. Dafür gibt es aus meiner ganz eigenen Sicht vornehmlich zwei Gründe:

1. Man macht sich transparent und ermöglicht auch eine Beteiligung am Thema für jene, die nicht vor Ort sein können/wollen/dürfen. Ergo, baut man wiederum Partizipationsschwellen ab.

2. Konferenzen gibt es wie Sand am Meer - die guten muss man zwar immer noch etwas mehr suchen, aber im Prinzp könnte man jede Woche auf eine Konferenz gehen und sich weiterbilden, Kontakte knüpfen etc.
Wer aber hat a) die Zeit dafür und b) das Geld (abgesehen von den Eintrittspreisen, die bei einigen Veranstaltungen unverschämt hoch sind, kommen ja auch immer Reise- Unterbringungs- und Verpflegungskosten dazu)? Durch die breite Nutzung aller Kommunikationskanäle schafft man hier auch einen breiten Zugang. Sicher liegt als Verandstalter auch das Argument nahe, dass man damit in Konkurrenz zu seiner eigenen Einkommensquelle (dem Eintrittspreisen) aufbaut. Aber was gewinnt man? Beteiligung, Reputation, Aufmerksamkeit - und diese sind schließlich die beste Werbung FÜR eine Konferenz!