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10. September 2010

Journal 21 - die Rettung des Qualitätsjournalismus?

Heute kurz vor Mittag lass ich die ersten Tweets zur neuen Online-Tageszeitung mit Namen Journal21 (sh. Screenshot weiter unten).

Um 13:21 erscheint auf NZZ Online ein Artikel mit der Überschrift "Rettung des Qualitätsjournalismus" - notabene ohne Fragezeichen.
Und die ersten Blogbeiträge sind auch schon Online: Abt. Happy Welcome! – heute: Journal21,

arnold hottinger hat jetzt auch eine eMail adresse: www.journal21.ch.

Ich habe mir die Seite angeschaut, und die ersten spontanen Gedanken dazu dokumentiere ich hier, ganz webzweinullig also.

Zum ersten: 
Ich finde es sehr begrüssenswert und mutig, mit einem solchen Projekt an den Markt zu gehen! Deswegen wünsche ich den Machern von Journal21.ch viel Erfolg!


Zum zweiten:
Im Beitrag Sind Gratis-Inhalte im Internet der Untergang des Qualitätsjournalismus? liest man etwas über die Motivation der Macher: Qualität und doch gratis – fünf Argumente. Dazu einige spontane Kommentare:

Erstens:
 "Die neue Internet-Welt, also die technische Innovation, macht Unternehmungen wie die Lancierung von Medienplattformen, auf denen Informationen und Meinungen weltweit verbreitet werden können, ohne grossen finanziellen Aufwand möglich. Jeder Blogger profitiert von diesem Internet-Phänomen."
Richtig, aber damit ist noch kein einziger Leser angelockt. Notwendig, aber längst nicht hinreichend.

Zweitens:
"Warum sollen gestandene Journalisten und Akademiker, die mehrheitlich über jahrzehntelange Erfahrung im Medienbereich verfügen, aber nicht mehr auf ein laufendes Lohneinkommen angewiesen sind, solche Möglichkeiten nicht zu einem gemeinsamen Projekt nutzen?"
 Einverstanden. Es ist in der Tat zu hinterfragen, warum z.B. Wissenschaftler in der heutigen Wissensgesellschaft mit 65 Jahren nicht mehr arbeiten dürfen, zumindest nicht an öffentlichen Einrichtungen wie Universitäten - aber das ist eine andere Baustelle. Die Frage ist hier, ob das wirklich langfristig ein tragfähiges Geschäftsmodell sein kann. Einerseits fehlen möglicherweise die Sichtweisen und (Lebens-) Erfahrungen einer jüngeren Generation, andererseits frage ich mich, wie (Fast-) Pensionäre, die möglicherweise kaum mehr über die Infrastruktur ihrer alten Jobs verfügen, tatsächlich Qualitätsjournalismus betreiben können. Sicher, die Technik macht heute einiges leichter, man benötigt z.B. nicht mehr unbedingt ein Sekretariat, aber möglicherweise den Zugriff auf kostenpflichtige und teure Datenbanken zur Recherche, etc.

Drittens:
"Es liegt auf der Hand, das ein Projekt wie "Journal21" im riesigen elektronischen Medienmarkt keine Chance hat, eine substanzielle Zahl von Lesern und zu finden, solange die Mehrheit der im Internet auftretenden Qualitätsmedien ihre Online-Inhalte immer noch gratis anbieten."
Dazu liebe Journal21 Macher fällt mir auf, dass jedenfalls heute, am ersten Tag, das Journal 21 in den sozialen Medien nicht existent ist, es keine Weiterleitungs-/Empfehlungs-/Bookmarkingfunktionen in den Artikeln gibt und auch nicht die Möglichkeit, die Beiträge per RSS zu abonnieren. Und auch keine Smartphone App. Sich darauf zu verlassen, dass der Interessierte aktiv auf die Website kommt, scheint mir etwas zu wenig sein. Stichwort Attention Economy.
Ich selbst bin übrigens durch einen Tweet überhaupt erst auf Journal21 aufmerksam geworden.

Viertens:
""Journal 21" versteht sich nicht als Konkurrenz zu den bestehenden Qualitätsmedien im Internet, sondern als Ergänzung und Belebung. Kein "Journal21"-Leser wird sich davon abhalten lassen, sich nicht mehr für die Online-Angebote etablierter Qualitätsmedien wie etwa die "New York Times", NZZ, FAZ oder den "Spiegel" zu interessieren. Eher im Gegenteil: Meinungs- und Informationsvielfalt auf dieser Ebene ist geeignet, die Debatte über seriöse Themen zu stimulieren – nicht zuletzt durch gegenseitige Verweise oder Verlinkungen. "
Wettbewerb, Meinungs- und Informationsvielfalt, das sind hehre und idealistische Ziele, die man nur unterstützen kann.
Verweise und Verlinkungen machen das Web aus, sie sucht man bisher aber vergebens in den Beiträgen auf Journal21.

Fünftens:
"Ungeachtet der Klagegesänge über die Gefährdung der gedruckten Qualitätsmedien und den angeblichen Niedergang des seriösen Journalismus durch die Internet-Revolution darf man feststellen, dass im Zeitalter der Massenmedien noch kein neues Medium je ein altes völlig vom Markt verdrängt hat."
Das mag richtig sein; nichtsdestotrotz ist der Rückgang von Zeitungen und ihrer Auflagen eine Tatsache und hat die Website Newspaper Death Watch genug zu berichten. Der Markt für Qualitätsjournalismus ist nicht gerade prosperierend.

Wir allen können also gespannt sein, ob es Journal21 gelingt, die durchaus idealistischen Ziele zu erreichen. Ich jedenfalls drücke dem Team die Daumen und hoffe auf viele tiefschürfende Beiträge.

... to be continued


Tweets zu "Journal21",
Stand 10.9.2010, ca. 15:00





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